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Wie geht es weiter mit der Integration in Deutschland?

 

Die neue Studie des Berlin-Instituts hat nicht nur eine große Medienresonanz ausgelöst. Es sind auch viele Fragen zur Methodik und zu den Ergebnissen der Studie bei uns eingegangen. Hier finden sie diese Fragen und unsere Antworten darauf. Teilweise haben wir die Fragen leicht gekürzt, um die Lesbarkeit zu erleichtern.

 

 

1. Frage: Können Sie mir Auskunft geben über die Teilnehmerzahl der Befragung, über das Auswahlverfahren der Teilnehmer und darüber, wie die Befragung von statten ging?

BI: Für diese Studie wurden keine eigenen Befragungen vorgenommen. Sie bezieht sich auf die Daten des Mikrozensus 2005. Der Mikrozensus ist eine jährlich durchgeführte amtliche Befragung von einem Prozent aller Haushalte in Deutschland. Da die Teilnahme gesetzlich verpflichtend ist, gelten die Daten des Mikrozensus als die umfassenden und repräsentativsten in Deutschland. Wissenschaftlern wird eine 70-prozentige Stichprobe dieses Datensatzes für eigene Berechnungen zur Verfügung gestellt. Das sind im konkreten Fall rund 472.000 Fälle (Einzelpersonen), von denen mittels eines Hochrechnungsfaktors auf die Gesamtbevölkerung geschlossen werden kann.

 

2. Frage: Wieso haben Sie in Ihre Betrachtung eine wesentliche Gruppe nicht mit einbezogen: die der Kontingentflüchtlinge?

BI: Leider konnten wir die Gruppe der jüdischen Kontingentflüchtlinge nicht in der Studie berücksichtigen, da im Mikrozensus weder der Aufenthaltsstatus noch die religiöse Zugehörigkeit abgefragt wird. Daher zählt diese Gruppe zu den "sonstigen Migranten".

 

3. Frage: Sind bei der Auswahl der Personen im Mikrozensus 2005 alle Personen einbezogen worden, also auch diejenigen, die ab 1946 aus den ehemaligen Ostblockstaaten (Polen, Tschechoslowakei, Sowjetunion) als (ehemalige) Deutsche in die Bundesrepublik gekommen sind, oder gab es ein Zeitlimit für die Einreise?

BI: Die Definition "Person mit Migrationshintergrund" trifft auf alle Personen zu, die nach 1949 nach Deutschland gekommen sind - unter ihnen auch die Deutschstämmigen (Aussiedler).

 

4. Frage: Können die Integrationserfolge von Migranten aus Ländern der EU-25 überhaupt mit denen von Personen türkischer Abstammung verglichen werden? Schließlich sind sie unter ganz anderen Rahmenbedingungen und mit unterschiedlichen Voraussetzungen zugewandert.

BI: Ja, die verschiedenen Gruppen hatten sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Voraussetzungen bei der Einwanderung. Ziel von Integration muss es jedoch sein, dass diese unterschiedlichen Ausgangsbedingungen sich nicht (mehr) auf die gleichberechtigte Teilhabe der Gesellschaft auswirken. Dafür brauchen manche Gruppen mit Sicherheit länger und sie brauchen vor allem mehr Unterstützung als andere. Die verschiedenen Ausgangsituation sollte jedoch weder von der Mehrheitsgesellschaft noch von Migranten als Rechtfertigung dafür genommen werden, dass große Teile von bestimmten Migrantengruppen zu der so genannten soziale Unterschicht gehören und auch nach mehreren Generation nur selten den sozialen Aufstieg schaffen.

 

5. Frage: Durch die Einteilung der Migrantengruppen in Herkunftsgebiete entsteht der Eindruck, dass ein Zusammenhang zwischen Kultur, Ethnie und der Fähigkeit zur Integration besteht. Dabei weisen andere Studien darauf hin, dass die soziale Zugehörigkeit entscheidend ist. Wieso haben Sie dennoch diese Gruppen gebildet?

BI: Die Gruppenbildung soll es ermöglichen, verschiedene Zuwanderungsgruppen getrennt voneinander zu betrachten, um zu sehen, welche Faktoren Integration erleichtern, welche sie erschweren. Kulturelle oder ethnische Eigenschaften wurden dabei nicht betrachtet, sondern vielmehr die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Zuwanderung und Voraussetzungen, welche die Migranten mitgebracht haben, wie zum Beispiel der Bildungsstand. Die Ergebnisse decken sich mit denen von Studien, welche die Integrationsleistung in Abhängigkeit vom sozialen Status aus messen (zum Beispiel die Untersuchung der sinus sociovision zu verschiedenen Migranten-Milieus).

 

6. Frage: Die Studie entbehrt der gebotenen Sensibilität im Umgang mit einem sehr emotional diskutierten Thema. Ist Ihnen das klar?

BI: In Deutschland wurde das Thema sehr lange vermeintlich sensibel diskutiert. Erst dadurch konnte es zu dermaßen Missständen in der Integration kommen, wie wir sie heute vorfinden. Es geht bei der Studie nicht um Schuldzuweisung, aber um eine deutliche Benennung der Mängel bei der Integration und um Lösungsansätze, die sowohl die Mehrheitsgesellschaft wie auch die Migranten selbst betreffen.

 

7. Frage: Kann der Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit ein Indikator für Integration sein? Ich hab einige Leute gekannt, die den deutschen Pass besitzen, aber sie sind davon weit entfernt, integriert zu sein. Innenminister Schäuble hat selbst gesagt, "die Staatsangehörigkeit kann Integration nicht ersetzen. Sie ist das Ergebnis von Integration".

BI: Keiner der 20 Indikatoren unseres Index kann Integration allein beschreiben. Hinter dem Indikator "deutsche Staatsbürgerschaft" stehen zwei Annahmen: Zum einen der Wille der Migranten, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen (übrigens, die Gruppe der südeuropäischen Migranten macht davon mit Abstand am wenigsten Gebrauch). Zum anderen die Bereitschaft der deutschen Behörden beziehungsweise der deutschen Gesellschaft, die Einbürgerung zuzulassen (ein Problem, das südeuropäische Migranten mit Sicherheit weniger haben als zum Beispiel türkische oder afrikanischstämmige Migranten). Insgesamt sehen wir Integration als einen zweiseitigen Prozess, zu dem Migranten und Aufnahmegesellschaft gleichermaßen beitragen müssen. Von daher sind wir der Meinung, dass sich durch die Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft der Zustand der Integration mit bemessen lässt.

 

8. Frage: Wurden bei der Analyse auch der Wille zur Annahme der deutschen Staatsangehörigkeit untersucht oder Diskriminierungserfahrungen von Migrantinnen und Migranten berücksichtigt?

BI: Im Mikrozensus wird lediglich die Staatsbürgerschaft einer Person erfragt. Und wenn sie die deutsche besitzt, ob sie diese durch Einbürgerung erhalten hat. “Weiche“ Faktoren, wie die Bereitschaft von Migranten, sich einbürgern zu lassen oder aber Abwehrhaltungen der Aufnahmegesellschaft lassen sich nicht in Zahlen beschreiben und konnten nicht berücksichtigt werden.

 

9. Frage: Eine Untersuchung in einer Richtung der Integration, nämlich von Migranten zur deutschen Gesellschaft, wurde nun gemacht und veröffentlicht. Ist eine zweite Untersuchung in die andere Richtung, von der deutschen Gesellschaft zu den Migranten, geplant?

BI: Wir haben in der Studie auch die Bereitschaft der deutschen Gesellschaft berücksichtigt, Migranten zu integrieren. Dies wird beispielsweise daran deutlich, dass Aussiedler sofort die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten und weitere Erleichterungen, sich möglichst schnell in der hiesigen Gesellschaft zurechtzufinden. Diese Privilegien haben andere Zuwanderungsgruppen nicht. Dies ist zumindest ein Grund dafür, dass Aussiedler vergleichsweise gut integriert sind.

 

10. Frage: Warum haben Sie statt einer geographisch-politischen Gruppenbildung keine Differenzierung nach Migrationsmotivation oder kulturell-religiösen Kriterien (einschließlich der Herkunft aus städtisch oder ländlich geprägten Regionen) vorgenommen?

BI: Auch hier gilt wieder: Der Mikrozensus erhebt keine Daten zur Religion, ethnischen Zugehörigkeit, Migrationsmotiven oder genauere Angaben zur Herkunftsregion. Die Migrantengruppen wurden so homogen wie möglich gebildet. Auf eventuelle Unterschiede in den Gruppen wird in der Diskussion eingegangen. Dabei zeigt sich zum Beispiel, dass es auch in der türkischen Herkunftsgruppe sehr erfolgreiche Personen gibt. Aber eben weniger als in anderen Gruppen.

 

11. Frage: Gibt es auch gesonderte Aussagen über den Integrationserfolg von Frauen?

BI: Ein Indikator, die so genannte Hausfrauenquote, geht speziell auf die Situation der Frauen ein. Wenn Frauen dem Arbeitsmarkt überproportional fernbleiben ist das entweder eine Frage mangelnder Ausbildung oder einer Diskriminierung, die möglicherweise einer sozialen Vorstellung in den Herkunftsländern entspricht, aber in Deutschland nicht geduldet werden kann. Des Weiteren haben wir in der Diskussion der Ergebnisse geschlechterspezifische Unterschiede berücksichtigt. Ganz allgemein lässt sich feststellen: Während viele ältere Frauen eher schwächere Integrationsergebnisse aufweisen als die Männer der gleichen Herkunftsgruppen, schneiden Mädchen meist deutlich besser ab als Jungen. Die Mädchen nutzen die hiesigen Bildungsangebote also besser als die Jungen. Sie zählen damit zu den Gewinnern der Integration.

 

Haben Sie weitere Fragen? Bitte schreiben Sie eine E-Mail an diskussion(at)berlin-institut.org.