Wald

von Reiner Klingholz

 

Mensch und Wald blicken auf eine lange, teils leidvolle Koexistenz zurück. Bis vor etwa 10.000 Jahren boten Wälder den bis dahin als Jägern und Sammlern lebenden Menschen Unterschlupf und Nahrungsbasis. Seit der Entstehung von Ackerbau und Viehzucht stehen die Wälder den Menschen eher im Weg: Bäume mussten Äckern und Weiden weichen, wurden für Haus- und Schiffbau zersägt oder als Brennholz verheizt. Bis zur industriellen Revolution war wirtschaftliche Entwicklung gleichbedeutend mit Waldverlust: Köhlereien und Glashütten, Salzsiedereien, Bergwerke und Metallhütten ließen ganze Landstriche kahl zurück.

Heute dezimiert vor allem die Landwirtschaft die letzten großen Waldgebiete. Denn nur auf ihnen lassen sich überhaupt noch neue Agrarflächen erschließen, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Am stärksten bedroht sind die Tropen mit ihren artenreichen Regenwäldern. Hier wächst die Einwohnerzahl auch heute um rund drei Prozent pro Jahr – mehr als doppelt so schnell wie im Rest der Welt. Durch die demografische Dynamik nahmen auch Ausmaß und Tempo des globalen Kahlschlags zu: Allein in den Jahren 1960 bis 1990 schrumpften die tropischen Regenwälder der Erde um ein Fünftel ihrer ursprünglichen Fläche.

Was uns an Regenwäldern geblieben ist, gilt als besonders gefährdet: Rund die Hälfte aller Nationalparks und Schutzgebiete weltweit liegt in Gebieten, in denen sich der Bevölkerungsdruck in den kommenden Jahren weiter massiv erhöhen wird. 16 der 25 Regionen mit so genannten Hotspots der Biodiversität – das sind Regionen, in denen viele und ökologisch wichtige Tier- und Pflanzenarten vorkommen – verzeichnen gleichzeitig überdurchschnittlich hohe Geburtenraten wie auch ein hohes Maß an Unterernährung bei der dort lebenden Bevölkerung.


Subsistenzwirtschaft bedroht die Wälder

 

Dennoch stimmt die Gleichung "mehr Menschen = weniger Wald" nicht überall. Sie passt nur für Regionen, in denen die Landbevölkerung rasch wächst, wo traditionelle Subsistenzwirtschaft dominiert und die Bauern zu arm sind, um mit Agrartechnik und hochwertigem Saatgut ihre Erträge zu verbessern. Typische Beispiele dafür sind einst waldreiche Länder wie Haiti, Madagaskar, Äthiopien und Côte d'Ivoire. Weil es dort an Arbeitsplätzen außerhalb des Agrarsektors fehlt, bleibt den Menschen kaum eine Alternative zur Selbstversorgung. Hinzu kommt, dass in vielen Entwicklungsländern der Wald dem Staat, das Ackerland aber den Bauern gehört. Folglich "lohnt" es sich, Wald illegal zu roden oder abzubrennen, und das Land anschlie-ßend als Eigentum zu reklamieren.

Völlig anders ist die Situation in vielen hoch entwickelten Industrienationen. Hier hat Holz eine viel geringere wirtschaftliche Bedeutung. Und weil die Bauern ihre Erträge laufend steigern, geben sie eher Flächen auf, als Forst in Acker zu verwandeln. Deshalb nimmt die Bewaldung in vielen reichen Staaten inzwischen wieder zu. Selbst im dicht besiedelten Deutschland erreichte die Waldfläche im Jahr 2010 Angaben des Bundesumweltamtes zufolge wieder über 30 Prozent. Das entspricht dem Waldanteil von 1948, während die Bevölkerung im gleichen Zeitraum von 68 auf 82 Millionen anwuchs und sich Straßen, Industrieanlagen und Städte massiv ausdehnten. Generell gibt es heute in Industrienationen pro Einwohner mehr als doppelt so viel Waldfläche wie in Entwicklungsländern.


 

Entwicklung der weltweiten Waldbestände

 

In den vergangenen 20 Jahren hat sich der Waldbestand der Erde insgesamt deutlich verringert (Datengrundlage: FAO).
Während die Waldflächen in Afrika, Südamerika, Nord- und Zentralamerika kleiner geworden sind, sind sie in Europa und Asien leicht gewachsen – allerdings ohne dass dadurch die Verluste in den anderen Weltregionen aufgewogen werden können (Datengrundlage: FAO).

Waldverlust durch Politik

 

In vielen Staaten hat Waldverlust wenig mit Bevölkerungswachstum, aber viel mit Politik zu tun. Falsche Planung, politische Wirren, Bürgerkriege und wirtschaftlicher Druck setzen dem Wald weit mehr zu als die schiere Zahl der Menschen. In Afghanistan führte der Bürgerkrieg der 1980er und 1990er Jahre dazu, dass sogar Obstbaumplantagen zu Brennholz gemacht wurden. Im Kongo, in der Zentralafrikanischen Republik und in einigen Staaten Lateinamerikas schlagen internationale Holzkonzerne wertvolle Tropenhölzer aus dem Wald. In Sibirien dezimieren asiatische Holzfirmen großflächig die Taiga. In Indonesien sind durch das staatlich verordnete Umsiedlungsprogramm "Transmigrasi" weite Teile der Wälder Borneos und Neuguineas in Rauch und Flammen aufgegangen. Auch im benachbarten Malaysia wird die Vernichtung tropischer Waldflächen systematisch betrieben. Dort hat man den Wald gigantischen Palmöl- und Kautschukplantagen oder der Zellstoffproduktion geopfert.

Afrika hat nach Angaben der FAO zwischen 2000 und 2010 3,4 Millionen Hektar Wald pro Jahr verloren, hauptsächlich durch die Umwandlung in Ackerfläche. In Griechenland fielen im Sommer 2007 dem Feuer 264.000 Hektar Wald zum Opfer. Nach dem Human Development Report 2007/2008 gingen weltweit zwischen 2000 und 2005 jährlich 73.000 km² Wald verloren, das entspricht einer Fläche so groß wie Chile. Die Fläche der tropischen Regenwälder verringert sich gegenwärtig um fünf Prozent pro Jahr. Kambodscha hat seit Anfang diesen Jahrtausends 30 Prozent seines Regenwaldes verloren, zum größten Teil aufgrund illegalen Holzeinschlags für Holzexporte (UNDP 2007).


Das Beispiel Brasilien

 

Am dramatischsten lässt sich die geplante Entwaldung am Beispiel Brasilien verfolgen, jenem Land, das über die mit Abstand größten Regenwaldreserven der Erde verfügt – und entsprechend am meisten zu verlieren hat. In drei Jahrzehnten ist hier eine Waldfläche von der Größe Frankreichs verschwunden – im Mittel jährlich gut drei Millionen Hektar. Und das, obwohl Brasilien vergleichsweise dünn besiedelt ist. In Deutschland ist die Bevölkerungsdichte elfmal größer.

Zwar wächst auch in Brasilien die Bevölkerung – um ein Prozent im Jahr. Doch wenn man den jährlichen Zuwachs an zwei Millionen Menschen von durch das verloren gegangene Waldgebiet teilt, könnte jeder zusätzliche Brasilianer fast einen ganzen Quadratkilometer gerodete Waldfläche für sich beanspruchen. Der gigantische Schwund an Baumbestand im Amazonasbecken muss also andere Gründe als das Bevölkerungswachstum haben.

Begonnen hat er mit der Regierungsübernahme der brasilianischen Militärs im Jahre 1964. Deren "Plan der nationalen Integration" sollte das wilde, bis dato kaum genutzte Hinterland zum Zentrum eines gigantischen Entwicklungsprojektes machen. Land- und besitzlose Bewohner des brasilianischen Südens und Südostens sollten im Regenwald angesiedelt, ein ganzes Netz von Erschließungsstraßen angelegt, Erz- und Edelsteinvorkommen ausgebeutet werden. Dass der Wald auch als Ökosystem einen Wert besitzt und dass dort Indianervölker lebten, spielte damals keine Rolle.

Im Bundesstaat Rondônia wuchs daraufhin die Bevölkerung binnen 30 Jahren von 100.000 auf 1,3 Millionen – fast ausschließlich eine Folge von Zuwanderung. Heute liegt sie dem brasilianischen Zensus zufolge bei 1,56 Millionen.


Von Kleinbauern zu Slumbewohnern

 

Insbesondere der Straßenbau hatte verheerende Folgen. Auf einer Breite von rund 50 Kilometern rechts und links der Pisten, sowie der rechtwinklig davon abzweigenden Seitenstrassen, hatten sich zunächst Kleinbauern angesiedelt. Diese brannten überschaubare Flächen ab, wurden aber bald von Großgrundbesitzern verdrängt, die weit umfangreichere Gebiete in Brand setzen ließen, um auf diesen fortan Viehzucht im 100.000-Hektar-Maßstab zu betreiben.

Das Projekt endete in einem Desaster. So hat sich gezeigt, dass die meisten Böden des Amazonas gar nicht für Land-, nicht einmal für Weidewirtschaft taugen, weil der Regen die ohnehin wenigen Nährstoffe im Boden in wenigen Jahren auswäscht. Die "nationale Integration" hat zudem nur Wenige zu Landbesitzern gemacht.

Die meisten Neubürger der Amazonas-Bundesstaaten leben nicht wie geplant als Bauern im ehemaligen Urwald, sondern in den Slums der Städte. Frontstädte im Kampf gegen den Regenwald wie Rio Branco, die Hauptstadt des Bundesstaates Acre, sind quasi aus dem Nichts zu Ansammlungen von einer Viertelmillion Menschen angewachsen. "Es hat sich gezeigt, dass der Wald die Probleme der Städte nicht lösen kann", sagt Wolfram Maennling, der für die Deut-sche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) an "ProManejo" mitarbeitet, einem Förderprogramm zur nachhaltigen Naturwaldbewirtschaftung. "Heute weiß man, dass es teurer ist, das Land am Amazonas zu erschließen, als in Städten Jobs für die Menschen zu schaffen."


Alternative Bewirtschaftung

 

Lösung verspricht sich Maennling von Projekten, die bäuerliches Einkommen ohne Kahlschlag schaffen. So erwirtschaften gut organisierte brasilianische Kleinbauern, verglichen mit Rinderzüchtern, leicht das doppelte Einkommen auf gleicher Fläche. Die oft in Kooperativen ar-beitenden Farmer roden nur kleine, von Wald umgebene Flächen, auf denen sie Bananen, Kaffee und "Palmitos" für die Gewinnung von Palmherzen pflanzen, sowie Copaiba-, Andiroba-, Paranuss- und Teakbäume, von denen sich wertvolle Baumöle, Früchte oder Holz verwerten lassen.

In der Kooperative "Projeto Reca" in Nova California, einem kleinen Ort im Westen Rondônias beispielsweise, finden nach diesem Modell 360 Familien Arbeit und Einkommen. Eine Rinderfarm auf gleicher Fläche bietet lediglich 25 Landarbeitern Lohn und Brot, muss dazu aber den gesamten Wald abbrennen.

Theoretisch ließe sich auch das Holz tropischer Regenwälder nachhaltig nutzen, wenn die bis heute weit verbreitete Kahlschlags- und Brandrodungspraxis aufgegeben würde. Nach einer Studie des brasilianischen Umweltministeriums reichten bei sorgsam geplanter Forstwirtschaft zehn Prozent des Amazonas aus, um den momentanen Bedarf an tropischen Harthölzern zu decken. Die restlichen 90 Prozent könnte man dann getrost unter Schutz stellen.

Während der letzten Jahre hat vor allem die steigende internationale Nachfrage nach Rindfleisch und Futtermittel die Entwaldung in Brasilien vorangetrieben: Zwischen 2000 und 2005 wurde zusätzlich auf einer Fläche so große wie Costa Rica (54.000 km²) Soja angebaut – nachdem die Weltmarktpreise für dieses Produkt gestiegen waren und die Fläche deshalb entwaldet wurde (UNDP 2007).

UN-Prognosen zufolge könnte die Bevölkerung Brasiliens gegen Mitte des 21. Jahrhunderts bei einer Zahl von 250 Millionen aufhören zu wachsen. Ob diese Menschen dann aus dem größten zusammenhängenden Regenwaldgebiet der Erde noch Nutzen ziehen können, ist einzig eine Frage politischer Planung. Immerhin setzt Brasilien seit 2004 einen „Action Plan for Preven-ting and Controlling Deforestation“ um (vgl. UNDP 2007).

 


Literatur / Links

 

Cincotta, Richard & Engelmann, Robert (2001): Mensch, Natur! Report über die Entwicklung der Weltbevölkerung und die Zukunft der Artenvielfalt.

FAO (2010): Global Forest Resources Assessment 2010. Main Report. FAO Forestry Paper 163. Rom, http://www.fao.org/.

Future Harvest, www.futureharvest.org

Gardner-Outlaw, Tom / Engelmann, Robert (2001): Mensch, Wald! Report über die Entwick-lung der Weltbevölkerung und die Zukunft der Wälder.

GEO-WISSEN (1999): Regenwald - Vielfalt, Zauber, Entdeckung.

Klingholz, Reiner (1994): Wahnsinn Wachstum. Wieviel Mensch erträgt die Erde? In: GEO.

Instituto Nacional de Pesquiscas da Amazonia, www.inpa.gov.br.

Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (2011): States@, Rio de Janeiro, http://www.ibge.gov.br/estadosat/index.php.  

International Union for Conservation of Nature, www.iucn.org.

Mc Neely, Jeffrey A. & Scherr, Sara J. (2001): Common Ground, Common Future: Ecoagricul-ture Strategies to Help Feed the World and Save Wild Biodiversity, IUCN / Future Harvest.

UNDP (2007): Human Development Report 2007/2008. Fighting climate change: Human soli-darity in a divided world. New York. http://hdr.undp.org/.

UNFPA (2010): State of the World Population Report 2010. New York, http://www.unfpa.org/.

 

Stand: August 2011

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