Interview mit Ele Schöfthaler, Quartiersmanagerin in Schwabach

Ele Schöfthaler, geboren 1952, hat Soziologie in Berlin und Tübingen studiert und gehörte 1976 zu den Gründerinnen der feministischen Zeitschrift „Courage“. Sie hat lange als Journalistin gearbeitet. Seit 2002 ist sie Quartiersmanagerin und Vorsitzende des Zentrums für Arbeit und Kultur (ZAK e.V.), in Schwabach. Dort hat sie für das Projekt „Sonnenkinder von Schwabach“ bereits zum zweiten Mal den Bundespreis „Soziale Stadt“ vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung verliehen bekommen – für das Schaffen und die Förderung familienfreundlicher Initiativen und erfolgreiche Integrationsarbeit.
Schwabach ist mit rund 40.000 Einwohnern die kleinste kreisfreie Stadt Bayerns und gehört zur Metropolregion Nürnberg. Was macht eine Quartiersmanagerin dort?
Sie sorgt dafür, dass Menschen, die schon seit langer Zeit in dem Quartier wohnen, dort auch wohnen bleiben können. Aber möglichst zu besseren Bedingungen. Sie regt also beispielsweise die Besitzer an, Häuser, die in einem schlechten Zustand sind, zu renovieren. Oder sie regt die Besitzer dazu an, die Häuser an Menschen zu verkaufen, die die Kosten für eine Renovierung stemmen können.
Geht es vor allem darum, die Lebens- durch die Wohnqualität zu heben?
Ich bin eine Mittlerin zwischen dem reinen Bauen und zwischen dem, was sonst an anderen Orten die Manager machen. Ich bin für Geschäfte zuständig, aber auch direkt für die Menschen, die dort leben, und da spielt Bauen natürlich eine große Rolle.
Auch die Förderung der lokalen Wirtschaft?
Ja, wir renovieren eine Straße nach der anderen – und wenn Läden leer stehen, ist das natürlich schade. Es gibt da viele schöne Ideen, wie man Läden beleben kann, und ich verhandele dann mit den Besitzern. Beispielsweise läuft nun in einem ehemaligen Drogeriemarkt, der leer stand, die Ausstellung von Holzkunstwerken eines stadtbekannten Künstlers. Das ist eine sinnvolle Zwischennutzung.
Haben Sie auch Beispiele für länger laufende Läden?
Ja, in einem bietet eine ehemalige Langzeitarbeitslose ihre Dienste als Büglerin an. Ein anderes Beispiel ist ein über 50-jähriger Franzose, der auf dem Arbeitsmarkt wenig Chancen hatte, sich aber mit einem Geschäft selbstständig gemacht hat. Er hatte mich gefragt, ob ich ihm dazu Kapital verschaffen könne, und ich habe ihm geraten, sich mit einem Kollegen in Potsdam zusammenzutun und Waren auf Kommission zu verkaufen. Mit seinem französischen Akzent lockt er gerade Frauen an. Er hat mit Tischdecken angefangen, inzwischen verkauft er auch französischen Honig und Schokolade, die Leute pilgern sogar aus Nürnberg hierher. Dort hatte er auf dem Christkindlmarkt für seinen kleinen Laden in Schwabach geworben – das zieht.
Die Deutschen werden weniger, älter und kulturell vielfältiger, wie auch Ihr letztes Beispiel verdeutlicht – wie sieht die Entwicklung in Schwabach aus?
In der Altstadt haben wir immer noch sehr viele Kinder, weil dort relativ viel großer Wohnraum zur Verfügung steht. Nach wie vor leben hier auch viele ältere Menschen. Aber die Wohnungen sind oft noch nicht so umgebaut, dass sie auch für Ältere geeignet sind.
Welchen Anteil stellen Menschen mit Migrationshintergrund?
In Schwabach insgesamt knapp acht Prozent der Einwohner. In der Altstadt leben doppelt so viele wie in den anderen Stadtteilen, auch deshalb haben wir eine sehr lebendige Innenstadt. Aber auch im Rest Schwabachs klappt das Zusammenleben sehr gut. Schwabach ist von der Tradition her eine alte Hugenottenstadt und offen gegenüber Fremden.
Wie zeigt sich das?
In Vereinen trifft man sich unabhängig von nationaler Herkunft. In der Altstadt haben wir jetzt eine türkisch-deutsche Schülerküche eingerichtet. Hier bekommen Schülerinnen und Schüler für einen Euro ein Mittagessen. Zwei Türkinnen kochen, und eine deutsche Metzgerin lernt bei ihnen, wie man nach alter türkischer Küche die Mahlzeiten zubereitet.
Kommt das an bei den Schülern?
Das kommt super an. Und inzwischen haben wir daraus auch einen Partyservice entwickelt – das ist trendig, die kleine, feine Art. Früher war das nur italienische oder griechische Küche, heute ist es auch die türkische. Und eben nicht Döner – Döner war gestern.
Sie mischen als Quartiersmanagerin also auch dabei mit, Geschäftsideen zu entwickeln und zu verwirklichen?
Ja, ich habe einen kleinen Verein gegründet, mit dem wir schnell handeln können, er hat nur zehn Mitglieder, alle altstadtinteressiert. Wir haben beispielsweise ein Projekt vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bekommen, und mit dem Geld konnten wir drei Jahre lang Integration in der Praxis fördern – beim Nähen oder Kochen. Letzteres hat sich als großer Erfolg erwiesen, weil wir da zwei besonders begabte Frauen in Schwabach haben, die das langfristig betreiben können mit der Schülerküche und dem Partyservice.
Was ist der Vorteil dabei, dass Sie das nicht als Privatperson, sondern als Quartiersmanagerin leisten?
Als Quartiersmanagerin kann ich meine Zeit darauf verwenden, Anträge zu stellen und Projektvorschläge an verschiedene Institutionen zu schicken. Und ich kann dann nach einem Verein suchen, der das umsetzt – oder das Projekt selbst mit dem eigenen Verein durchführen, wenn der Vorstand zustimmt.
Gehören auch Kinder zu Ihrer Zielgruppe?
Ja – und im Vergleich zu dem, wie es in anderen Städten aussieht, herrscht in Schwabach Luxus: Bei uns kann man die Kleinsten in Kindernestern, so genannten Tagesmütter-kooperativen, zu allen Zeiten betreuen lassen, zu denen die Eltern tatsächlich arbeiten – und das Ganze für einen Euro in der Stunde. Wir haben ein flächendeckendes Netz von Tagesmüttern und Krankheitsvertretungen. Dadurch ist die Betreuung so solide wie in einer regulären Kindereinrichtung – nur eben flexibler.
Steigt in Schwabach die Zahl älterer Menschen?
Ja, auch wenn die Innenstadtviertel zu einem guten Teil lange aus sehr heruntergekommenen Häusern bestanden haben. Dort lebten wenig ältere Menschen, enge, steile Treppenhäuser, mangelhafte sanitäre Anlagen. Das war für ältere Menschen, die ein bisschen Geld haben, nicht gerade verlockend. Wir haben jetzt in der Altstadt einen Treffpunkt organisiert, an dem Ältere unabhängig von Religion und politischer Richtung zusammenkommen. Von den Wohlfahrtsverbänden werden wir dafür ein bisschen kritisch beäugt, der so genannte Markt der Alten war ja lange verteilt unter den Wohlfahrtsverbänden.
Es gelingt Ihnen also, den Älteren die Teilhabe am sozialen Leben zu ermöglichen?
Ja, die sind dabei und sagen, was ihnen gefällt und was nicht. Wir hatten zum Beispiel eine Spielplatzinitiative organisiert: Kinder haben die Spielplätze getestet und dazu auch Ältere befragt. Mehrheitliches Ergebnis: Die älteren Menschen hätten auch gerne einen Spielplatz. Wir haben deshalb überlegt, ob wir Spielplatzecken entsprechend zu Senioren-Spielplätzen aus- oder umbauen könnten, also Geräte aufzustellen, an denen Ältere ihr Körpergefühl ausprobieren können.
So ähnlich wie die Klimmzugstangen, Ringe und Schaukeln in China, die von Älteren und Jüngeren gleichermaßen genutzt werden? Das hat in Deutschland ja bereits an verschiedenen Orten Schule gemacht.
Das Gute daran ist, dass neben der Bewegungsmöglichkeit auch Treffpunkte entstehen – im Unterschied zu den Trimm-dich-Pfaden.
Wenn ich aus Ihren Tätigkeiten ein Berufsbild ableiten sollte, stellt sich mir die Frage: Sind Sie als Quartiersmanagerin so etwas wie Integrationsbeauftragte, Familien- und Wirtschaftspolitikerin in einer Person?
Ja.
Eine spezielle Ausbildung dafür gibt es aber nicht?
Nein, viele meiner Kolleginnen und Kollegen sind Sozialpädagogen, ich bin Soziologin und Journalistin mit Erfahrung in der Journalistenausbildung.
Sie sind sehr erfolgreich mit Ihren Projekten und haben dafür viele Auszeichnungen erhalten – haben Sie Tipps für Ihre Kolleginnen und Kollegen in anderen Städten?
Alle müssen sehen, welches Potenzial in ihnen selber liegt und das Potenzial der Region ausloten. Mein Prinzip ist es, auf Lücke zu arbeiten: Eine Quartiersmanagerin muss gucken, was ohnehin schon da ist, und das fördern, was noch gebraucht wird. Eine Musikgruppe Jugendlicher braucht beispielsweise einen Probenraum, andere brauchen Raum, um ihre Waren zu präsentieren – da kann ich mit relativ einfachen Mitteln gezielt und schnell weiterhelfen.
Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt
Ungenutzte Potentiale
Zur Lage der Integration in Deutschland

Prof. Dr. Erol Yildiz, Universität
Klagenfurt
"Stadtplaner sollten die besonderen Kompetenzen
der Migranten mehr nutzen"
Nelli Stanko, ehemalige Leiterin der Zentralen Beratungsstelle für Aussiedler in Berlin-Marienfelde
"Der Wille, sich zu integrieren, muss da sein"
Prof. Dr. Michael Hüther, Institut der deutschen Wirtschaft, Köln
"Aus der Zuwanderungs-
verhinderungsregel müssen wir eine Zuwanderungs-
begrüßungsregel machen"
Dr. Daniel Müller-Jentsch, Avenir Suisse
"Es gibt viele Gewinner und wenige Verlierer der Neuen Zuwanderung"
Jakob von Weizsäcker, Bruegel
"Europa muss attraktivere Regelungen anbieten"
Prof. Dr. Heiner Bielefeldt, Deutsches Institut für Menschenrechte
"Es gibt Probleme bei der Umsetzung der Menschenrechte"
Gündogdu Hatice, Ulrike Zenk:
Kampf der Kulturen? Zwei Frauen gestalten Integration
