Weniger Menschen, schwindende Versorgung und der steinige Weg zu einem besseren Leben
Eine neue Studie des Berlin-Instituts beleuchtet die wachsenden Versorgungsprobleme in ländlichen Regionen. Sie zeigt, welche Hemmnisse neuen Lösungen im Weg stehen und wie mutige Personen diese mit Beharrlichkeit aus dem Weg räumen.
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Wie sich das Land neu erfindet
Mit welchen Ideen die Menschen auf dem Land das Mobilitäts- und das Nahversorgungsangebot verbessern und wie sie von der Energiewende profitieren wollen.
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Punktesystem untersucht
Für die Auswahl von Zuwanderern fordert CDU-Generalsekretär Peter Tauber die Einführung eines Punktesystems nach kanadischem, neuseeländischem oder australischem Vorbild. Die Stärken und Schwächen eines solchen Zuwanderungsmodells hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung am Beispiel Kanadas ausgiebig untersucht.
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Weniger Menschen, schwindende Versorgung und der steinige Weg zu einem besseren Leben
Eine neue Studie des Berlin-Instituts beleuchtet die wachsenden Versorgungsprobleme in ländlichen Regionen. Sie zeigt, welche Hemmnisse neuen Lösungen im Weg stehen und wie mutige Personen diese mit Beharrlichkeit aus dem Weg räumen.

Deutschland ist zurück auf dem demografischen Wachstumspfad – zumindest vorübergehend. Grund hierfür ist die hohe Zuwanderung der letzten drei Jahre. Allein im Jahr 2013 verzeichnete Deutschland ein Wanderungsplus von rund 430.000 Menschen. Von dem demografischen Zwischenhoch profitieren jedoch nicht alle Regionen in Deutschland. Viele entlegene ländliche Gebiete verlieren weiter stark an Bevölkerung, vor allem in den neuen Bundesländern, längst aber auch in Nordhessen, der Südwestpfalz oder Oberfranken.

Die dünn besiedelten Regionen verlieren weiter

Zwischen 2006 und 2011 haben fast drei Viertel aller Gemeinden und Gemeindeverbände in Deutschland Einwohner verloren. Besonders die ohnehin schon dünn besiedelten und entlegenen Regionen schrumpfen weiter. Die Bevölkerung konzentriert sich dabei zunehmend in den großen Städten. (Datengrundlage: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung)

Vor allem junge Landbewohner zieht es in die Ballungsräume. Die Älteren bleiben zurück und müssen sich mit einer schlechter werdenden Versorgung zufrieden geben. Mit den Einwohnerzahlen sinkt die Nachfrage nach Waren, Dienstleistungen sowie Bildungs- und Kulturangeboten. Die Folge: Banken und Postfilialen schließen. Landärzte finden keinen Nachfolger für ihre Praxis, wenn sie in Ruhestand gehen. Schulen werden zusammengelegt. Der öffentliche Nahverkehr dünnt aus und mit den kleinen Lebensmittelläden verschwinden die letzten sozialen Treffpunkte. Die Ortschaften verlieren an Attraktivität und drohen in eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale aus schrumpfender Bevölkerung und ausdünnender Versorgung zu geraten.

Die Erwartungen der Menschen an eine gute Versorgung sinken nicht. Im Gegenteil. Um den Bedürfnissen einer alternden Landbevölkerung gerecht zu werden, dürfte in einigen Bereichen sogar eine bessere Versorgung nötig sein. Wo vergleichsweise viele ältere Menschen leben, treten chronische Erkrankungen häufiger auf. Eine bessere Versorgung mit Ärzten wäre eigentlich erforderlich. Zudem steigt die Zahl der Menschen, die pflegebedürftig und auf Unterstützung angewiesen sind. Wo die Wege länger werden, gewinnen auch Mobilitätsangebote an Bedeutung. Nur wer mobil ist, kann einkaufen, Medikamente in der Apotheke abholen oder Kultur- und Freizeitangebote wahrnehmen.

Neue Ideen entstehen vor Ort

Diese Notlage macht die Menschen erfinderisch. Vielerorts gehen Bürgermeister, Behörden, Kassenärzte, engagierte Bürger, Vereine und andere zivilgesellschaftliche Organisationen neue Wege. Sie entwickeln Versorgungsangebote, die den lokalen Bedürfnissen entsprechen und werten damit ihr Lebensumfeld wieder auf. An Ideen mangelt es ihnen dabei nicht: Statt mit dem Linienbus kommen die Menschen in einem Bürgerbus oder mit Mitfahrgelegenheiten ans Ziel. Gesundheitszentren ersetzen herkömmliche Einzelpraxen. Rollende Zahnarztpraxen behandeln wenig mobile Patienten bei diesen zuhause oder im Heim. Seniorengemeinschaften organisieren die nachbarschaftliche Hilfe neu. Statt sich an eine zentrale Kläranlage anschließen zu lassen, errichten Dorfbewohner in Eigenregie eine Gruppenkläranlage. Andere gründen eine Bürgergesellschaft, um endlich Anschluss an die digitale Autobahn zu finden. Viele ländliche Gemeinden nutzen auch die Chancen aus der Energiewende, indem sie zu Energieproduzenten werden und damit finanziellen Spielraum zurückgewinnen.

Die Initiatoren sind Pioniere, die sich auf unbekanntes Terrain vorwagen. Dabei stoßen sie häufig auf Hürden, etwa wenn ein Festhalten an starren Auflagen, Gesetzen, Verordnungen und Verwaltungsvorschriften ihren Tatendrang behindert. In einigen Fällen sind es dann mutige Verwaltungsangestellte, die mit Ausnahmeregelungen ein Überspringen dieser Hürden ermöglichen oder Wege finden, wie sich gesetzliche Grenzen maximal ausreizen lassen. Manche Bürgermeister überschreiten auch schon einmal bewusst diese Grenzen, um eine Diskussion über den Sinn und Zweck bestimmter Standards und Normen anzustoßen. Häufig fehlt jedoch die nötige Unterstützung von Lokalpolitikern, Verwaltungen und Mitbürgern, die sich nur schwer davon überzeugen lassen, neuartige Versorgungsformen zu erproben und zu deren Gelingen beizutragen.

Trotz allem ist in den letzten Jahren eine Vielzahl innovativer Projekte entstanden. Das gilt für die unterschiedlichsten Bereiche, für den Nahverkehr, für Bildung, medizinische Versorgung und Pflege, für Nahversorgung, für soziale Fragen, aber auch für technische Infrastrukturen wie Wasser-und Abwassersysteme, die Energie- und Breitbandversorgung. In der Studie „Von Hürden und Helden“ beschreibt das Berlin-Institut nicht nur die Rahmenbedingungen für die Versorgung in den genannten Bereichen, sondern anhand konkreter Beispiele auch, welche „Heldinnen und Helden“ die Kreativität und die Beharrlichkeit aufbringen, neue Wege zu gehen und Hürden aus dem Weg zu räumen. Sie alle eint ein lobenswertes Ziel: das ländliche Umfeld wieder lebenswerter zu gestalten.

Die Studie erreichen Sie unter www.berlin-institut.org/publikationen/studien/von-huerden-und-helden.

Quellen

Statistisches Bundesamt (2014): Wanderung. Wiesbaden. Online: https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Wanderungen/Tabellen/WanderungenAlle.html (14.01.2015).

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (2013): Inkar 2013. Bonn.

Hahne, U. (2013): Herausforderungen des demografischen Wandels für Angebote der Daseinsvorsorge. In: Bundesanstalt Landwirtschaft und Ernährung (Hrsg.): Daseinsvorsorge in ländlichen Räumen. Bonn.

 

Wie sich das Land neu erfindet
Mit welchen Ideen die Menschen auf dem Land das Mobilitäts- und das Nahversorgungsangebot verbessern und wie sie von der Energiewende profitieren wollen.

Wenn der Bus nicht mehr kommt

Wer auf dem Land lebt und zur Arbeit, zum Einkaufen oder zum Zahnarzt will, kommt um ein eigenes Auto kaum herum. Wenn überhaupt ein Bus fährt, dann häufig nur einmal frühmorgens zum Schulbeginn und einmal am Nachmittag. Und selbst wenn es zwischendurch weitere Verbindungen gibt, ist der Bus lange und auf Umwegen durch sämtliche Dörfer unterwegs, bis er sein Ziel erreicht. Menschen, die sich wegen Krankheit oder anderer altersbedingter Einschränkungen nicht mehr selbst ans Steuer setzen können, sind häufig auf Hilfe von motorisierten Familienmitgliedern und Nachbarn angewiesen.

Mobil zu bleiben, auch in abgelegenen und zusehends dünner besiedelten Gebieten, ist eine grundlegende Voraussetzung für sozialen Austausch und gesellschaftliche Teilhabe. Das herkömmliche Linienverkehrsangebot wird diesem Anspruch vielerorts nicht mehr gerecht. Neue Strategien sind daher gefragt. Ergänzende Konzepte wie Ruf- und Bürgerbusse oder Mobilitätsketten, die Linienbusse, Warentransporte, E-Bikes oder Privat-PKW miteinander verknüpfen, können wieder ein Mindestmaß an Mobilität schaffen. Insbesondere die Einbindung des „privaten“ Verkehrs bietet sich an. Denn in vielen Autos ist neben dem Fahrer meist noch ein Passagier unterwegs. Platz für weitere Mitfahrer wäre also vorhanden. Diese stille Reserve ließe sich nutzen, wenn Bürger andere Bürger mitnähmen.

Das Auto wird öffentlich

Traditionell gehört es auf dem Dorf zur Nachbarschaftshilfe, sich gegenseitig Mitfahrgelegenheiten anzubieten oder sogar das Auto zur Verfügung zu stellen. In dem Maße, wie die Bedeutung des Autos als Statussymbol und die emotionale Bindung zum eigenen Wagen schwinden, dürfte die Bereitschaft wachsen, private PKW gemeinsam zu nutzen. Die Carsharing-Systeme von Autoherstellern sind bereits eine Reaktion darauf. Damit lässt sich das dörfliche Modell beliebig erweitern. Zwei Voraussetzungen müssen allerdings gegeben sein: Erstens müssen sowohl Länder und Kommunen als auch Unternehmen und Nutzer bereit sein, Mobilität neu zu denken. Und zweitens ist für die Abstimmung zwischen Angebot und Nachfrage eine gute Vernetzung nötig, sei es über Smartphone-Apps, Internet, Mobilitätszentralen oder ehrenamtliche Vermittlungsstellen. (Quelle: Ahrend/Herget)

In einigen Regionen gibt es bereits Versuche, Privatwagen als Mobilitätsressourcen für den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen. Zu den Vorreitern gehört hier der hessische Odenwaldkreis. Mit dem intermodalen Projekt „Garantiert mobil!“ soll hier schon 2015 die Mitnahme von Fahrgästen in Privatfahrzeugen zum öffentlichen Nahverkehr zählen. Möglich gemacht hat dies die Odenwald-Regional-Gesellschaft, indem sie den Auslegungsspielraum für Ausnahmen im bestehenden Regelwerk weitestgehend genutzt hat.

Damit sich solche Ansätze einfacher in die Fläche tragen lassen, sollten die gesetzlichen Rahmenbedingungen – etwa das Personenbeförderungsgesetz (PersBefG) oder die jeweiligen Landes-ÖPNV-Gesetze – so angepasst werden, dass sie flexiblere und bedarfsgerechte Mobilitätsangebote nicht behindern. Zudem sollte das vorhandene Geld nicht mehr ausschließlich in den klassischen Linienverkehr, sondern möglichst in einen Mix aus verschiedenen Verkehrsmitteln gelenkt werden.

Zum Einkaufen nur noch mit dem Auto?

Brot und Butter kaufen oder Bargeld abheben: Diese Bedürfnisse lassen sich in vielen Dörfern immer seltener in fußläufig erreichbarer Nähe erfüllen. Der Bevölkerungsrückgang und der Trend zu Discountern an Ausfallstraßen oder Einkaufszentren auf der „grünen Wiese“ haben zum Sterben kleiner Geschäfte innerhalb der Ortschaften beigetragen. Damit büßen diese aber nicht nur ihr Versorgungsangebot ein, sondern sie verlieren auch einen wichtigen sozialen Treffpunkt. Beiläufige Begegnungen an der Käsetheke oder an der Kasse fallen weg.

Immer weniger, aber immer größere Lebensmittelgeschäfte

Die Betriebsformen unterscheiden sich nach der Größe der Verkaufsfläche und dem Umfang des Sortiments, zu dem neben Lebensmitteln und Getränken auch andere Verbrauchsgüter gehören können. In den letzten Jahren hat die Zahl der Lebensmittelgeschäfte insgesamt abgenommen. Dabei verzeichnen die kleinen Lebensmittelgeschäfte mit weniger als 400 Quadratmetern, die nur ein begrenztes Sortiment anbieten, einen starken Rückgang. Zugelegt haben indessen die Discounter mit typischerweise unter 1.000 Quadratmetern, die Supermärkte mit 400 bis 2.500 Quadratmetern und Vollsortiment sowie die sogenannten Großen Supermärkte mit bis zu 5.000 Quadratmetern und die noch größeren Selbstbedienungswarenhäuser.
(Datengrundlage: EHI Retail Institute)


Seit einigen Jahren entstehen als Reaktion auf den fortschreitenden Konzentrationsprozess im Handel vielerorts neuartige Dorfläden. Seit 2004 betreibt etwa im nordrhein-westfälischen Barmen eine Bürgerinitiative das „DORV“-Zentrum in einem ehemaligen Sparkassengebäude. Die Idee dahinter ist, möglichst viele Funktionen unter einem Dach zu bündeln, um die Fixkosten zu verteilen und mehr Kunden oder Besucher anzuziehen. Der Verkauf von Lebensmitteln bildet immer das Kerngeschäft. Den denkbaren Erweiterungen sind kaum Grenzen gesetzt: Paketdienste, Café, Mittagessen-Bestellservice, Post- und Bankdienstleistungen, Arzt- oder Zahnarztsprechstunde, Bürgerbüro, Pflegedienst, Räume für Vereine, Volkshochschule, Bildungs- und Kulturveranstaltungen.

Die Angebotsvielfalt unter einem Dach stößt indessen schnell an die Grenzen gesetzlicher Auflagen. Die zuständigen Ämter sollten bei der Auslegung der Gesetze und Vorschriften beachten, dass es sich bei Dorfläden um kleine Verkaufsstellen handelt. Zudem sollten Finanzämter erwägen, Dorfläden als gemeinnützig einzustufen, sofern die Bürger damit ihre Grundversorgung selbst organisieren und keinen Gewinn erwirtschaften.

Energiewende für die lokale Bevölkerung

Die Energiewende bietet alle Voraussetzungen dafür, die ländliche Bevölkerung an den Gewinnen der neuen Kraftwerke zu beteiligen. Denn durch den Umbau hin zu den Regenerativen lässt sich die Energieernte in private und regionale Hände legen. Auf dem Land befinden sich nahezu alle Windkraftanlagen, auf den Feldern stehen große Solarparks oder es wächst der Mais für die Biomasse. Für ländliche Regionen eröffnen sich damit neue Perspektiven.

Immer mehr Kommunen werden gemeinsam mit ihren Bürgern und der lokalen Wirtschaft zu Energieproduzenten. Indem sie ihre lokalen Ressourcen nutzen, gewinnen sie finanziellen Spielraum zurück. Im saarländischen Nohfelden fließen etwa die Erlöse aus einer Photovoltaikanlage in örtliche Vereine und soziale Projekte. Im energieautarken Feldheim in Brandenburg verbrauchen die Bewohner den vor der eigenen Haustür produzierten Strom selbst und profitieren damit von günstigen Energiepreisen. Die Einbindung der lokalen Bevölkerung hat einen weiteren entscheidenden Vorteil: Sie erhöht die Akzeptanz für den nötigen Ausbau der Infrastrukturen.

Wenn sich Kommunen jedoch wirtschaftlich betätigen möchten, müssen sie eine Vielzahl von Gesetzen beachten. Hier sollten die Bundesländer die Freiräume in den Gemeindeordnungen erweitern, indem sie etwa die Energieversorgung als „öffentlichen Zweck“ definieren. Viele Gemeinden können zudem die nötigen Eigenmittel für Investitionen in erneuerbare Energien nicht aufbringen. Bund und Länder sollten hier durch eine Anschubfinanzierung klammen Kommunen helfen, finanziell wieder auf eigenen Füßen zu stehen.

Die Studie erreichen Sie unter www.berlin-institut.org/publikationen/studien/von-huerden-und-helden.

Quellen

Herget, M. (2013): Verkehrsverhalten und Mobilitätsstrategien von Familien in ländlichen Räumen Deutschlands unter besonderer Berücksichtigung rollentypischer Arbeitsteilung. Dissertation an der TU Berlin. Berlin. Online: http://opus4.kobv.de/opus4-tuberlin/files/3990/herget_melanie.pdf (14.01.2015).

EHI Retail Institute/EHI Research (2013): Zahl der Lebensmittelgeschäfte in Deutschland (2006-2013).

Für Interviewanfragen stehen Ihnen zur Verfügung:

Manuel Slupina: slupina@berlin-institut.org, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Tel. 030-31 10 26 98

Sabine Sütterlin: suetterlin@berlin-institut.org, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Dr. Reiner Klingholz: klingholz@berlin-institut.org, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Tel. 030-31 01 75 60

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Die Studie „Von Hürden und Helden“ ist in Zusammenarbeit mit dem Generali Zukunftsfonds entstanden.

 

Punktesystem untersucht
Für die Auswahl von Zuwanderern fordert CDU-Generalsekretär Peter Tauber die Einführung eines Punktesystems nach kanadischem, neuseeländischem oder australischem Vorbild. Die Stärken und Schwächen eines solchen Zuwanderungsmodells hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung am Beispiel Kanadas ausgiebig untersucht.

Deutschland braucht langfristig qualifizierte Zuwanderung, um Wirtschaftswachstum zu gewährleisten und die Finanzierung seiner sozialen Sicherungssysteme zu stärken. Zuwanderer aus anderen EU-Staaten werden dabei nicht genügen, da ihre Zahl begrenzt ist und sie bei veränderter Wirtschaftslage in ihren Heimatländern Deutschland schnell wieder verlassen könnten. Um mehr Migranten aus Drittstaaten anzuziehen, hat Deutschland in der Vergangenheit beträchtliche Anstrengungen unternommen. Weil das Arbeitskräftepotenzial demografisch bedingt in den nächsten 20 Jahren aber extrem stark zurückgehen dürfte, fordern Politiker und Arbeitgeberverbände immer wieder weitergehende Maßnahmen. Ein Punktesystem wäre dazu eine geeignete Möglichkeit, so das Berlin-Institut in seiner Studie „Nach Punkten vorn“. Denn es bietet die Möglichkeit, jene Zuwanderer zu gewinnen, die aufgrund ihrer Qualifikationen, Sprachkenntnisse und Arbeitserfahrungen das größte Integrationspotenzial mitbringen, so die Autoren. Zudem könne ein Punktesystem flexibel an sich verändernde Rahmenbedingungen und Herausforderungen angepasst werden.

Trotzdem, warnt Institutsdirektor Reiner Klingholz, sei es kein Allheilmittel für alle Integrationsprobleme: „Eine große Stärke Kanadas und vielleicht der größte Unterschied zu Deutschland sind die sehr gut ausgebauten Integrationsleistungen für Neuankömmlinge.“ Kanada nehme neue Zuwanderer aktiv an die Hand, indem es ihnen Orientierungshilfen bei praktischen Fragen des alltäglichen Lebens bietet und sie an Personen aus dem gleichen Berufsfeld vermittelt. Auch die sogenannten bridging programs, die Zuwanderern Wissen und Kenntnisse für den Berufseinstieg in der neuen Heimat vermitteln, seien ein Schlüssel zu gelingender Integration.

Kanada verzeichne gegenüber Deutschland wegen der englischen Sprache und durch die langjährige Reputation als Einwanderungsland bei potenziellen Zuwanderern einen Popularitätsvorsprung. Um diesen zu verkleinern, sollte Deutschland schon in den Heimatländern der Migranten aktiv werden, etwa über Jobbörsen, Informationskampagnen oder Sprachkurse.

Die Studie „Nach Punkten vorn – Was Deutschland von der Zuwanderungs- und Integrationspolitik Kanadas lernen kann“ aus dem Jahr 2012 erreichen Sie auf Deutsch unter
www.berlin-institut.org/publikationen/studien/nach-punkten-vorn.html.

Die aktualisierte Neuauflage in englischer Sprache aus dem Jahr 2014 erreichen Sie unter
http://www.berlin-institut.org/en/publications/studies/leading-on-points.html.

Für Interviewanfragen steht Ihnen zur Verfügung:

Stephan Sievert: sievert@berlin-institut.org, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Tel.: 030 -31 01 74 50



Ausgabe 182, 14.01.2015

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Telefon: 030-22324845