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Der Leichtsinn der jungen Jahre
Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche
unter deutschen Teenagern ist seit 1996 um 40 Prozent
gestiegen Jugendliche Frauen werden in
Deutschland nicht nur deutlich häufiger schwanger als noch vor zehn
Jahren, sie entscheiden sich auch öfter für eine Abtreibung. Dies
geht aus den aktuellen Daten des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden
hervor. Demnach ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei jungen
Frauen unter 18 Jahren zwischen 1996 und 2006 um 40 Prozent gestiegen -
von 4.724 auf 6.590 Fälle. Das Gute an der schlechten Nachricht:
Innerhalb dieses Aufwärtstrends sind in der jüngsten
Vergangenheit die Abtreibungen unter Teenagern gesunken.
Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland im Jahr 2006 in
der Altersstufe 15 bis 18 Jahre je 10.000 Frauen 
Bei genauer Betrachtung der Daten wird deutlich, dass sich die
Zahl der Abtreibungen vor allem unter ganz jungen Frauen erhöht hat:
Während 1996 lediglich zwei von 10.000 Mädchen im Alter von 10
bis 15 Jahren eine Abtreibung vornehmen ließen, waren es 2004 doppelt
so viele. Seither sinkt die Zahl leicht.
Auch die Entwicklung bei den 15- bis 18-Jährigen ist nach wie vor
alarmierend. In ihrer Altersgruppe haben 1996 noch 33 je 10.000 junge
Frauen einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen. 2004 erreichte die
Rate mit 50 je 10.000 einen Höhepunkt. Im Jahr 2006 waren es noch
immer 43.
Um den Abtreibungen und den im allgemeinen ungewollten Schwangerschaften
unter Teenagern vorzubeugen, setzt sich die Ärztliche Gesellschaft zur
Gesundheitsförderung der Frau e.V. (ÄGGF) für die
Aufklärung von Mädchen ein und bietet an Schulen
Aufklärungsveranstaltungen an. Die Vorsitzende Gisela Gille geht davon
aus, dass die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche in Zukunft wieder
sinken wird, weil in den letzten Jahren ein deutlich verbessertes Netzwerk
für Teenagerschwangere geschaffen worden sei. Als es im Jahr 2001
insgesamt erstmals mehr als 7.500 Schwangerschaftsabbrüche unter 15-
bis 18-Jährigen gab, hätten die Medien massiv über das Thema
berichtet und damit habe auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit
zugenommen. "In vielen Städten sind seitdem Anlaufstellen für
junge Schwangere eingerichtet worden, und auch die Aufklärungsarbeit
wurde sensibilisiert und intensiviert", sagt Gille.
Sexualität und Verhütung sind und bleiben ein schwieriges Thema
- vor allem für Jugendliche. Mit 14 Jahren hat bereits ein Zehntel
aller Mädchen in Deutschland erste sexuelle Erfahrungen, mit 15 ein
Viertel und mit 16 fast die Hälfte. Die große Mehrheit
verhält sich beim ersten Geschlechtsverkehr nach Angaben der
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) trotzdem
sehr verantwortungsbewusst: Nur neun Prozent der Mädchen und 15
Prozent der Jungen verwenden beim ersten Mal kein Verhütungsmittel.
1980 waren noch doppelt so viele Teenager so leichtsinnig.
Später, mit zunehmender Erfahrung, nutzen 70 Prozent der Mädchen
die Pille. Jungen kümmern sich weniger um Verhütung: 58 Prozent
der Jungen geben an, dass ihre Freundin mit der Pille verhütet. "Das
ist eine enorme Verantwortung, die wir den Mädchen mit 14 oder 15
Jahren bereits zumuten. Wie schnell vergisst man, die Pille zu nehmen.
Besonders, wenn die jungen Frauen womöglich sogar heimlich
verhüten, weil es ihre Eltern nicht wissen sollen", sagt die
Gesundheitsexpertin Gisela Gille. Auch die Tatsache, dass Teenager
Verhütungsmittel unsachgemäß anwenden, gilt als Ursache
für die hohe Zahl an ungewollten Schwangerschaften. Viele Mädchen
seien zudem noch sehr jung und unsicher, so dass sie sich nicht trauten
über Verhütung zu reden. "Oder sie wissen nicht genau, zu welchem
Zeitpunkt des Zyklus sie fruchtbar sind. Auch Alkohol spielt eine wichtige
Rolle", berichtet die Gynäkologin.
Im Jahr 2005 bekamen bundesweit 6.592 Frauen unter 18 Jahren ein Kind, wie
aus den jüngsten Daten des Statistischen Bundesamtes hervorgeht. 7.247
trieben im selben Jahr ab. Gille zufolge sind es vor allem die Mädchen
aus besser gestellten Familien, die sich für einen
Schwangerschaftsabbruch entscheiden. "Sie haben mehr berufliche Chancen und
Pläne als bildungsfernere Schichten", erläutert die
Gynäkologin. "Für viele Mädchen, die beruflich keine
Perspektive haben, ist ein Kind eine Flucht vor dem Scheitern in oder nach
der Schule. Oder sie träumen von einer Familie, in der sie
Geborgenheit und Nähe finden. Das ist natürlich zu kurz gedacht,
aber bei unseren Aufklärungsbesuchen in Schulen bekommen wir solche
Gedanken immer wieder zu hören."
Die Erhebungen des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2006 zeigen
auch, dass nicht nur die gesellschaftliche Schicht eine Rolle spielt. Auch
regional gibt es eklatante Unterschiede. In den Stadtstaaten Bremen und
Berlin liegt die Quote der Schwangerschaftsabbrüche mit 109 respektive
90 je 10.000 Mädchen an der Spitze. Auch Brandenburg (55), Hamburg
(59), Mecklenburg-Vorpommern (58), Sachsen-Anhalt (54) und Schleswig
Holstein (52) verzeichnen deutlich mehr
Teenager-Schwangerschaftsabbrüche als der bundesweite Durchschnitt.
Mögliche Erklärungen hierfür sind, dass in den großen
Städten die soziale Kontrolle geringer ist und/oder es in den
strukturschwachen Regionen schlechtere Bildungs- und Berufsperspektiven und
weniger positive Vorbilder für junge Frauen gibt.
Mangelnde Perspektiven scheinen allerdings vor allem in den neuen
Bundesländern ein Grund dafür zu sein, dass schon sehr junge
Frauen Kinder bekommen: In wirtschaftlich besonders betroffenen
Krisenkreisen wie Uecker-Randow (Mecklenburg-Vorpommern), Bernburg
(Sachsen-Anhalt) oder in Brandenburg an der Havel werden etwa zehn Prozent
aller Neugeborenen von Müttern unter 20 Jahren zur Welt gebracht.
Selbst im deutschlandweit kinderreichsten Kreis Cloppenburg in
Westniedersachsen liegt dieser Wert nur bei 4,4 Prozent.
Literatur und Links zum Thema:
Statistisches Bundesamt: www.destatis.de
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung:
"Jugendsexualität", Köln 2006. Im Internet abrufbar unter www.sexualaufklaerung.de
"Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau: www.aeggf.de 
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Wenn die Deutschen stiften gehen
Die deutsche Stiftungslandschaft blüht
und gedeiht: Darüber informiert der StiftungsReport 2007, den der
Bundesverband Deutscher Stiftungen und das Berlin-Institut erarbeitet
haben Stiftungen in Deutschland haben eine
lange Tradition. Die ersten Einrichtungen dieser Art entstanden bereits im
Mittelalter. Damals waren es vor allem Kirchen und weltliche Fürsten,
die Stiftungen mit sozialen und mildtätigen Zwecken gründeten.
Seit 1980 hat sich vor allem in Westdeutschland ein ungebrochener
Stiftungsboom entwickelt. Denn viele Unternehmer der Nachkriegszeit sind
nicht nur zu Wohlstand gekommen, sondern haben auch ein Alter erreicht, in
dem man sich Gedanken um den sinnvollen Fortbestand des eigenen Kapitals
macht.
Die Stiftungslandschaft ist also im Aufbruch - aber wo treibt sie hin?
Orientieren sich die gemeinnützigen Organisationen an den neuen
Bedürfnissen der heutigen Gesellschaft oder frönen sie eher der
Kunst und Kultur? Welche Ziele verfolgen die neu entstandenen
Bürgerstiftungen, in denen sich engagierte Menschen mit Geld und Ideen
zusammentun, um die Geschicke ihres eigenen kommunalen Umfeldes in die Hand
zu nehmen?
Der StiftungsReport 2007 liefert Analysen und Statistiken zum deutschen
Stiftungswesen, informiert über Trends und Ziele der
Philanthropieszene und berichtet in Interviews mit Praktikern - vom
SAP-Mitbegründer und Multimilliardär Hasso Plattner bis zum
Ex-Außenminister und heutigen Chef der Deutsche-Telekom-Stiftung
Klaus Kinkel - aus dem Alltag deutscher Stifter.
Hochburg des Stiftungswesens unter den deutschen Städten ist Hamburg
mit der höchsten absoluten Zahl an Stiftungen. Gemessen an der
Einwohnerzahl erweist sich allerdings Frankfurt am Main als
rekordverdächtig. Auffällig viele Stiftungen sind in Städten
angesiedelt, in denen bürgerschaftliches Engagement und
Eigenverantwortung der Bewohner auf eine lange Tradition zurückblicken
können, etwa in den Hansestädten Hamburg und Bremen. Heutzutage
finden sich Stiftungen aber auch vermehrt dort, wo Universitäten und
Verwaltungszentren zuhause sind. Stiftungen widmen sich der Wissenschaft
und Forschung, dem Umwelt- und Naturschutz, sozialen und kulturellen
Zwecken - Bereichen also, für die der Staat tendenziell weniger Mittel
hat, oder in denen die Bürgergesellschaft wesentlich effizienter als
die offizielle Bürokratie arbeiten kann
Wer an Stiftungen denkt, dem fallen oft schillernde Persönlichkeiten
wie John D. Rockefeller und Bill Gates oder längst verstorbene,
hiesige Unternehmer wie Kurt A. Körber, Fritz Thyssen und Robert Bosch
ein. Doch auch in Deutschland werden die Stifter immer jünger.
Allerdings ist der mit Abstand größte Stifter im deutschen
Staate noch immer der Staat selbst. Das Spektrum der gemeinnützigen
Zwecke, die staatliche Stiftungen verfolgen, ist fast ebenso groß wie
das Spektrum öffentlicher Aufgaben. Es reicht vom Umweltschutz
(Deutsche Bundesstiftung Umwelt), über den Verbraucherschutz (Stiftung
Warentest), die Kulturpflege (Stiftung Preußischer Kulturbesitz), die
Bildung (Studienstiftung des Deutschen Volkes) bis zu sozialen Zielen
(Conterganstiftung).
Anders als früher wird der größte Teil der Stiftungen (87
Prozent seit 1990) heute zu Lebzeiten der Stifter gegründet.
Nachlassstiftungen, mit denen die Menschen erst nach ihrem Tod Gutes
für die Gemeinschaft tun wollen, verlieren immer mehr an Bedeutung.
Der Trend, sich selbst noch aktiv in der eigenen Stiftung engagieren zu
wollen, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass Stifter ihre Tat als
persönliche Bereicherung betrachten. Er könnte aber auch ein
Beleg dafür sein, dass Menschen heutzutage die Chance haben, in
vergleichsweise jungen Jahren zu großen Vermögen zu kommen.
Ähnlich wie die Stars der amerikanischen New Economy, von Bill Gates
bis zum eBay-Gründer Jeffrey Skoll stiften diese Personen noch zu
Lebzeiten Summen, die früher nur in Form einer Erbschaft dem
Stiftungswesen zugute kamen.
Keine eigenen Kinder zu haben, motiviert Stifter offensichtlich besonders:
42 Prozent aller Stifter sind ohne Nachwuchs, in der Gesamtbevölkerung
sind es lediglich 30 Prozent. Die meisten Menschen entscheiden sich
zwischen ihrem 60. und 69. Lebensjahr dafür, eine Stiftung ins Leben
zu rufen. Angesichts des demografischen Wandels stehen die Zeichen damit
gut, dass in den kommenden Jahren große Summen in Stiftungen
übergehen werden. Dies ist sicher die nachhaltigste Form der
Gelderhaltung, denn Stiftungen sind verpflichtet, ihr Kapital zu erhalten
und inflationssicher zu vermehren. Sie dürfen ihre gemeinnützige
Arbeit nur aus den Kapitalerträgen und zusätzlichen
Einkünften finanzieren.
Der StiftungsReport wurde vom Bundesministerium für Familie,
Senioren, Frauen und Jugend sowie der Körber-Stiftung in Hamburg
gefördert.
Stiftungsgründungen in Ost- und Westdeutschland
1946-2005 
Die Zahl der Stiftungen in Deutschland ist in den letzten
zwanzig Jahren stark gestiegen. Spätestens seit den neunziger Jahren
kann man in Westdeutschland einen Stiftungsboom beobachten. In
Ostdeutschland wächst die Zahl der Neugründungen bedeutend
langsamer. Die Gründungswelle nach dem Ende der DDR ist abgeebbt.
Diese Entwicklung hängt vor allem damit zusammen, dass in
Ostdeutschland weniger Menschen leben und diese zudem über weniger
Geld verfügen. Da in Deutschland das Stiftungsvermögen
überwiegend aus unternehmerischer Tätigkeit stammt, hat die
Gesamtwirtschaft entscheidenden Einfluss auf die
Stiftungslandschaft. Anzahl rechtsfähiger
Stiftungen öffentlichen Rechts in den Bundesländern 
Das bevölkerungsreichste Bundesland liegt vorne:
Nordrhein-Westfalen hat die meisten Einwohner und die höchste Zahl der
Stiftungen. Doch die Einwohnerzahl ist nicht alleine ausschlaggebend
für die in den Bundesländern unterschiedlich ausgeprägte
Stiftungsfreudigkeit: Bayern liegt nur knapp hinter NRW - zählte man
die kirchlichen Stiftungen hinzu, läge es sogar vorne. Berlin
fällt gegenüber Hamburg deutlich zurück. Ausschlaggebend
für die Zahl der Stiftungen scheint also vielmehr das Vorhandensein
einer Stiftungskultur zu sein, wie sie insbesondere in den alten
Kaufmannsstädten und in Städten mit Universitäten oder mit
Verwaltungssitz verbreitet ist. Dass eine solche in der DDR gänzlich
fehlte, trägt zur Erklärung der niedrigen Anzahl von Stiftungen
in Ostdeutschland bei.
Diese Studie können Sie hier
bestellen.
Hinweis in eigener Sache: Das Berlin-Institut für Bevölkerung
und Entwicklung ist eine Stiftung, mit dem Zweck, Forschung zu
demografischen Veränderungen zu betreiben und das öffentliche
Wissen und Bewusstsein über gesellschaftliche Veränderungen zu
verbessern. Spenden und Zustiftungen ermöglichen die erfolgreiche
Arbeit des Instituts. Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte
an: reiner.klingholz@berlin-institut.org 
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"Mit dem eigenen Geld kann man auch etwas
für die anderen tun."
Interview mit Prof. Dr. Andreas
Kruse 
(Foto: © Institut für Gerontologie/Universität
Heidelberg)
Der 1955 in Aachen geborene Altersforscher Andreas Kruse leitet das
Institut für Gerontologie an der Universität Heidelberg.
Öffentlich bekannt wurde der Wissenschaftler 1987, als er auf dem
Stuttgarter Zukunftskongress das Thema Altern als "Chance und
Herausforderung" definierte. Seit dem gleichen Jahr agiert er als
führender Autor der parlamentarischen Altenberichte des Deutschen
Bundestags. Auch innerhalb der demographischen Forschung beschäftigt
sich der vielfach ausgezeichnete Forscher mit neuen Rollen und Aufgaben
für Ältere. Seit einiger Zeit setzt sich Kruse für den
verstärkten Einsatz älterer Menschen in der Zivilgesellschaft ein
- und wirbt dabei vor allem für deren Engagement in
Bürgerstiftungen.
Die Menschen werden nicht nur immer älter, es wird derzeit auch
eine andere Seniorengeneration älter als zuvor. Wie unterscheiden sich
diese "neuen" Rentner von ihren Vorgängern?
Die Generation, die momentan in das Rentenalter eintritt, verfügt
erstens über eine deutlich bessere Gesundheit. Diese Menschen haben
nicht nur eine höhere Lebenserwartung, sondern vor allem eine
höhere aktive Lebenserwartung, weil sie in ihrer körperlichen
Verfassung sehr viel selbstständiger sind. Krankheiten und
funktionelle Beeinträchtigungen verschieben sich immer mehr an das
Lebensende. Dies alles gilt allerdings nur für die mittleren und
höheren sozialen Schichten. Bei den unteren Schichten ist dieser
Effekt wenig zu beobachten.
Ist gesund alt werden auch eine Frage der Bildung?
Eindeutig. Bildung ist die zentrale Voraussetzung für eine gute
Gesundheit im Alter. Eine gute Eingangsbildung verschafft guten Zugang
zu weiteren Bildungsmöglichkeiten und dies wirkt sich auf die
Ernährungsweise und auf die Prävention aus.
Wo liegen die anderen Unterschiede zwischen den alten und den neuen
Rentnern?
Zweitens profitieren ältere Menschen vom medizinischen Fortschritt,
von der Diagnostik ebenso wie von den Behandlungsmöglichkeiten. Zudem
haben wir heute eine ältere Generation mit deutlich höheren
finanziellen Ressourcen. Das durchschnittliche Einkommen älterer
Haushalte nähert sich immer mehr dem der Durchschnittseinkommen der
Gesamtbevölkerung an.
Das klingt nach einer goldenen Rentnergeneration?
In Sachen Bildung, Gesundheit und auch gesellschaftlicher Teilhabe sind
wir in der Tat optimistisch. Die ältere Generation verfügt heute
im Durchschnitt über hohe Ressourcen. In Bezug auf die materiellen
Ressourcen der künftigen älteren Generationen sind wir
zurückhaltend.
Warum dies?
Weil wir glauben, dass die Welle der reichen Rentner nur noch etwa 15
Jahre anhält. Die nachfolgenden Jahrgänge werden im Durchschnitt
nicht mehr diese hohen Mittel haben. Natürlich wird es auch dann noch
gut ausgestattete Generationen geben. Immerhin schätzen wir heute das
potenzielle Vererbungsvermögen auf etwa 1,2 Billionen Euro. Aber wir
beobachten eben auch die finanziellen Risikofälle, die ins Rentenalter
kommen, wegen der heutigen strukturellen Arbeitslosigkeit und wegen
unterbrochener Erwerbsbiografien. Während die heutigen Rentner noch
einen guten Arbeitsmarkt erlebt haben, sind die nachfolgenden Generationen
Ende der 1980er Jahre in strukturelle Arbeitslosigkeit geraten und nach der
Wende vor allem in den neuen Bundesländern in die Arbeitslosigkeit.
Diese Menschen konnten nur wenige Rentenleistungen aufbauen und werden mit
sehr viel weniger auskommen müssen. Wir rechnen in Zukunft also mit
deutlich höheren sozialen Ungleichheiten.
Wird das hohe Vererbungsvermögen also in kurzer Zeit aufgezehrt -
auf Kreuzfahrtschiffen und mit anderem Konsum? Oder lässt es sich
längerfristig erhalten?
Ein Teil bleibt sicher erhalten, denn die ältere Generation hat eine
relativ hohe Sparquote. Aber sie gibt auch viel Geld aus. Die 55- bis
70-Jährigen haben
eine sehr hohe Investitionskraft. In einigen Marktsegmenten, etwa bei
Reisen, bei der Kleidung oder bei nicht medizinisch indizierten
Gesundheitsleistungen, also im ganzen Wellnessbereich, sind sie für 30
bis 50 Prozent der Ausgaben zuständig.
Trotz dieses hohen Wohlstandes in Rentnerhand laufen die
gesellschaftlichen Transfers, also die ganzen Sozialleistungen,
überwiegend von der mittleren Generation in Richtung Ältere. Die
heutigen Erwerbstätigen finanzieren also wohlhabende Rentner,
können ihrerseits aber später recht wenig an sozialen Leistungen
erwarten. Ist das gerecht?
Diese Frage wagt kaum jemand zu stellen. Ich glaube, wir müssen das
Prinzip der Subsidiarität heutzutage anders deuten. Früher hat
man gesagt: "Die junge und mittlere Generation kann viel aus eigener
Verantwortung leisten. Die Älteren sind auf soziale Leistungen
angewiesen." Das müssen wir mehr und mehr umkehren. Wir müssen
heute die älteren Menschen fragen: "Was könnt ihr aus eigener
Kraft leisten? Ihr habt vielfach die entsprechenden materiellen
Ressourcen." Wir müssen fragen, ob die Transfers nicht stärker
von Alt nach Jung gehen sollten, denn bei den Jüngeren haben wir ein
höheres materielles Risiko als bei den Älteren.
Ist das eine Umkehrung des Generationenvertrages?
Keine Umkehrung. Die mittlere Generation, die Geld verdient, hat auch mehr
zu leisten. Aber ich würde den Generationenvertrag durch eine
sozial gerechte Eigenvorsorge flankieren. Menschen
mit dem entsprechenden Kapital müssen mit mehr Verantwortung in ihr
eigenes Alter investieren, um das System zu entlasten.
Was meinen Sie damit?
Ein Beispiel: Im Jahr 2004 waren in den gesetzlichen Krankenversicherungen
29,9 Prozent der Menschen über 60 Jahre. Von ihnen stammen 19,9
Prozent der Einnahmen - aber sie verursachen 42,7 Prozent der Ausgaben. Da
ist klar, dass der Einzelne viel mehr in die Eigenvorsorge investieren
muss. Und hier müssen wir die Menschen auch sehr viel mehr als
verantwortliche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger ansprechen. Da
können wir viel von der Schweiz und von Japan lernen.
Bei einer wachsenden Zahl von Kinderlosen läuft das
Vererbungskapital in eine Sackgasse. Wo sollte dieses Geld bleiben?
Ich habe gewisse Probleme damit, wenn vermögende 80-Jährige auf
die Bank gehen und den Finanzverwalter fragen, wie sie ihr Kapital weiter
mehren können. Mit dem eigenen Geld kann man auch etwas für
andere tun. Dafür brauchen wir beratende Institutionen, die den
Menschen zeigen, wie man so etwas tun kann. Wir brauchen als Gesellschaft
nicht nur das ideelle Kapital, also das Wissen, sondern auch das materielle
Kapital, weil nachfolgende Generationen sehr auf Stiftungen angewiesen sein
werden. Wir haben etwa an unserem Institut in Heidelberg ausländische
Studenten, die wären froh, wenn sie Stifter hätten. Aber wir
finden auch immer wieder Menschen, die bereit sind, unsere Studenten zu
unterstützen. Diese müssen eben als mitverantwortlich handelnde
Personen angesprochen werden.
Wie kann man diesen gemeinnützigen Gedanken besser
vermitteln?
Wir müssen zunächst einmal ganz andere Altersbilder verbreiten.
Deutschland ist kein altersfreundliches Land. Alter wird nur thematisiert
als Belastung der sozialen Sicherungssysteme. Alte seien nicht
innovationsfähig, nicht kreativ, heißt es, was ja alles nicht
stimmt. Die Alten müssen begreifen, dass die Gesellschaft ein
Interesse daran hat, ihr Wissen zu nutzen. Wenn man die Jungen mit den
Alten zusammenbringt und die Jungen fragt, so hört man, dass die
Jungen das als Erlebnis beschreiben. Wir dürfen nicht zulassen, dass
Menschen nach dem Ausscheiden aus dem Beruf Deutschland verlassen und erst
wieder zurückkommen, wenn sie auf Pflege angewiesen sind.
Sind Stiftungen ein Weg, älteren Menschen aufzuzeigen, wo und wie
sie sich nützlich machen können?
Auf jeden Fall. Vor allem Bürgerstiftungen. Da kann man auf
Ältere zugehen und sagen: "Hier kannst du mit deinen Ressourcen dazu
beitragen, dass in deiner Kommune ein Problem gelöst wird." Diese
Menschen können Erfahrung zur Verfügung stellen, Wissen - oder
materielle Ressourcen. Die Leute, die einen Teil ihres Geldes in Stiftungen
stecken, wissen dann, was mit ihrem Geld passiert und sie fühlen sich
persönlich angesprochen. Das ist ein vorzüglicher Weg, um eine
Solidarität zwischen den Generationen herzustellen. Und die Alten als
mitverantwortlich Handelnde anzusprechen.
Und man hätte eine nachhaltige Bindung von Kapital, denn
Stiftungskapital muss ja erhalten werden.
Genau daran haben die Alten ein Interesse, dass ihr Kapital erhalten
bleibt. Die wollen ja etwas Bleibendes.
Kann man da auch von anderen Ländern etwas lernen?
In der Schweiz etwa läuft das viel besser. Da bekommen meine
Universitätskollegen Anrufe von Vermögenden. Die sagen: "Ihr
macht da eine tolle Forschung. Ich würde Ihnen gerne drei Millionen
Franken zur Verfügung stellen."
Wie lässt sich das Bewusstsein für das Stiften in Deutschland
verbessern? Wir stehen ja unter einem gewissen Zeitdruck, denn lange wird
es die vielen reichen Rentner nicht mehr geben.
Wir müssen mit diesem Thema viel mehr in die Öffentlichkeit
gehen, ins Fernsehen, in die anderen Medien. Wir müssen in den
Unternehmen ganz andere Altersbilder schaffen, in ältere Arbeitnehmer
investieren, denn in zehn Jahren werden wir diese brauchen. Problematisch
waren in diesem Zusammenhang diese Vorruhestandsregelungen. Wenn man
großflächig schon den 53-Jährigen sagt, wir brauchen Euch
nicht mehr, dann muss man sich nicht wundern, dass sich das auf das
gesellschaftliche Altersbild auswirkt.
Was heißt das für die Stiftungen?
Die Stiftungen müssen die nächsten Jahre nutzen.
In welche Bereiche sollten sich diese Stiftungen, auch
Bürgerstiftungen, einmischen?
Zum Beispiel im kommunalen Bereich. Im Bildungsbereich für
Ältere, um die Selbstorganisation älterer Menschen zu
fördern. Um besondere Problemlagen in einer Kommune abzufedern. Und um
kulturelle Aufgaben zu übernehmen, welche die Kommune nicht mehr so
gut bewältigen kann. Hier in Heidelberg droht gerade das Theater in
eine Krise zu geraten. Da sind die Bürger eingesprungen.
Unter engagierten Bürgern gibt es welche mit Zeit, mit Geld und
mit Ideen. Wie kann man die Menschen belohnen, die kein Geld zum Stiften
haben, sich aber dennoch einsetzen und viel ehrenamtlich leisten?
Da gibt es hochaktive Menschen. Bürgerstiftungen sollten nicht nur
Personen aufnehmen, die Geld einbringen, denn es gibt viele, die das nicht
können, sich aber inhaltlich engagieren. Ich denke, man sollte
für solche Menschen das Ehrenamt auch in die Rentenanwartschaft
hineinnehmen.
Das Interview führte Reiner Klingholz.
Nachdruck unter Quellenangabe (Reiner Klingholz / Berlin-Institut für
Bevölkerung und Entwicklung) erlaubt.
Dieses Interview finden Sie auch auf der Homepage des Berlin-Instituts
für Bevölkerung und Entwicklung in der neu eingeführten
Rubrik "Interviews".
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