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"Wir brauchen die bewegte Schule"
Interview mit Professor Dr. Ulf
Preuss-Lausitz 
Foto: Ulf Preuss-Lausitz
Dr. Ulf Preuss-Lausitz ist Universitätsprofessor für
Erziehungswissenschaft/Schulpädagogik an der Technischen
Universität Berlin. Sein Forschungsinteresse richtet sich vor allem
auf die Themen Innere und äußere Schulreform, Integration
behinderter Kinder und Jugendlicher, Kindheit sowie Gewaltprävention.
Damit engagiert sich Ulf Preuss-Lausitz im Bereich Bildung in der
Politikberatung.
Mädchen schneiden in der Schule besser ab als Jungen. Woran liegt
das?
Drei Viertel aller Jungen sind so erfolgreich sind wie die Mädchen.
Die Feststellung gilt also nur für ein Viertel der Jungen. Die haben
schulische und gleichzeitig soziale Schwierigkeiten, also Probleme im
Umgang mit der Institution Schule, mit dem Lernen und mit Gleichaltrigen.
Das kündigt sich bei einem Teil der Kinder schon sehr früh an,
manchmal bereits im Vorschulbereich. Diese Kinder kommen häufig aus
sozial stark belasteten Familien, die ökonomische, gesundheitliche,
Partnerschafts- und Erziehungsprobleme haben oder mit Alkoholismus und
Drogenabhängigkeit zu kämpfen haben. Die Kinder sind häufig
schon am Beginn der Schulzeit verhaltensauffällig, werden eher
zurückgestellt und bleiben eher sitzen. Ihre Erfahrungen mit
Misserfolgen bestätigen sich gegenseitig immer wieder, so dass hier
ein Kreislauf entsteht: "Du bist dumm, Du bist
verhaltensauffällig".
Welche schulischen Reformen halten sie für erforderlich, um auf
die Besonderheiten von Mädchen und Jungen und ihre individuellen
Bedürfnisse zu reagieren, um beide Gruppen optimal zu
fördern?
Es gibt drei Bereiche. Erstens die Pädagogik: Schule muss
stärker auf die Bedürfnisse von Jungen und Mädchen eingehen.
Schule deckt die motorischen Bedürfnisse nicht ab, die ein Teil der
Jungen deutlich stärker hat als die meisten Mädchen. Wenn man den
Schülern suggeriert: "Ich bin nur ein Kopf, der funktioniert, darf
aber im Klassenzimmer nicht herumtoben und muss fünf Stunden
Unterricht machen", dann führt diese Körperlosigkeit der Schule
zu einer faktischen Diskriminierung von Jungen vor allem im Primarbereich.
Der Druck, sich angepasst zu verhalten, wird von Jungen deutlicher
empfunden. Was wir brauchen, ist also so etwas wie eine "bewegte Schule",
die mehr Expressivität, mehr Körperarbeit zulässt und
intensive Arbeits-, Bewegungs- und Entspannungsphasen bietet. Diese
Verbindung von körperlicher und geistiger Arbeit tut beiden
Geschlechtern gut.
Auch curricular brauchen wir Reformen, zum Beispiel bei Lesetexten. Die
Pisa-Studie sagt: Jungen lesen ungern. Da müssen wir die von der
Schule vorgegebenen Texte für die Primarstufe ändern, also mehr
Abenteuer, mehr Science Fiction, mehr technische Geschichten anbieten. Hier
liegt ein weiterer geschlechtsspezifischer Nachteil von Jungen. Warum macht
man beispielsweise nicht mehr Wahlangebote? Wir müssen hin zu einer
stärkeren Individualisierung der Schule!
Der zweite Bereich sind die Geschlechterrollen: Insbesondere bei den
Jungen müssen wir zu einer offeneren Geschlechtsrollenfindung kommen
...
... hier fehlen den Jungen doch oft die Vorbilder: In Kindergärten
und Grundschulen arbeiten sehr viel mehr Frauen als Männer. Was
lässt sich dagegen tun?
Die Frage ist: Wie können wir eine moderne Männlichkeit
entwickeln? Dazu brauchen wir mehr Männer in der Schule. Das
müssen nicht unbedingt mehr Lehrer sein, das können auch
Männer sein, die nachmittags in AG-Bereichen arbeiten, Experten
für Sport oder Männer, die künstlerisch tätig sind.
Gerade in Berlin, wo wir auch Migrationsprobleme haben: Es gibt so viele
Leute aus der Geschäftswelt, der Sport- und der Kulturwelt jener
Länder, aus denen diese Kinder stammen. Warum bezieht man die nicht
stärker in die Schulen ein? Mit ihnen hätten wir
Identifikationsobjekte. Und das vermittelt sich dann auch im normalen
Unterricht, das zeigt ja die Forschung.
In welchem dritten Bereich wären Reformen geboten?
Drittens muss strukturell alles geändert werden, das besonders Jungs
trifft: Jungen werden häufiger zurückgestellt und müssen
häufiger eine Klasse wiederholen - das ist aber ineffektiv. Das
schädigt die sozialen Beziehungen und beschämt auch ein
Stück weit. Jungen werden deutlich häufiger in Sonderschulen
überwiesen, also abgeschoben. Diese Erfahrungen von Misserfolgen
treffen immer häufiger Jungen. Ich würde dem entgegenstellen: "Du
bleibst bei uns, aber wir akzeptieren dein Verhalten nicht. Wir akzeptieren
dich als Person, aber wir nehmen dein Sozialverhalten und deine
Lernleistungen nicht hin." Und dann müssen gemeinsam und gezielt
Hilfepläne entwickelt werden.
Das Elternhaus beeinflusst die Erziehung und Bildung von Kindern stark.
Wie kann man die Eltern stärker einbinden und unterstützen, die
ihre Kinder nicht ausreichend fördern, ohne dem Staat die
Vormundschaft zu überantworten?
Ein Teil der Eltern, der überfordert ist, ist dankbar für
Unterstützung. Bislang ist die Rechtslage so, dass, wenn die Eltern
eine Zusammenarbeit oder eine sozialpsychologische Empfehlung ablehnen,
etwa eine Verhaltenstherapie für das Kind, dann entscheiden die Eltern
und der Staat trägt die Folgen. Das kann man nicht mehr akzeptieren,
hier gibt es jetzt einen Wandel in der Diskussion. Jetzt heißt es:
Kindeswohl geht vor Elternrecht. Beispielsweise müssen Sprach- und
gesundheitliche Pflichtuntersuchungen ausgeweitet beziehungsweise
eingeführt werden.
Wie lange wird es dauern, bis die familien- und bildungspolitischen
Konzepte, die aktuell diskutiert werden - beispielsweise
Frühförderung, ein Studium für Erzieherinnen und Erzieher -
umgesetzt sein werden?
Das ist Ländersache, insofern wird das unterschiedlich sein. Aber es
wird noch sehr lange dauern, obwohl es dringend geboten ist. Ich sehe
nicht, dass die Ausbildung der Erzieherinnen irgendwo auf Bundesebene
diskutiert wird. Auch sehe ich nicht, dass es eine Werbung für
männliche Erzieher oder Grundschullehrer gibt, obwohl das der 12.
Jugendbericht schon 2006 formuliert hat und in der Fachwelt Konsens
herrscht. Es gibt lediglich Modellversuche, etwa in Mecklenburg-Vorpommern.
Es fehlt eine öffentliche Debatte, die sich an diesen schwierigen
Jungs festmacht. Das muss von der Politik aufgegriffen werden.
Gibt es auch in anderen europäischen Ländern denn dieses
Problem der "schwierigen Jungen" und spezifische Maßnahmen für
sie?
Das müsste man untersuchen. Es gibt so etwas für die Gruppe der
Migranten: In Frankreich sind es eben auch die Männer, die Rabatz
machen.
Existieren spezielle Programme für die ostdeutschen
Bundesländer, um diesem Problem zu begegnen? Die Studie des
Berlin-Instituts "Not am Mann"
hat gerade auf den eklatanten Bildungsunterschied zwischen Jungen und
Mädchen hingewiesen, der den Hauptgrund für die selektive
Abwanderung junger Frauen aus den neuen Bundesländern
darstellt.
Nein, solche Programme fehlen völlig. Selbstverständlich gibt es
überall die kinder- und jugendtherapeutischen Einrichtungen und den
schulpsychologischen Dienst als Anlaufstelle, in allen Bundesländern,
aber keine jungenspezifischen Projekte.
Fehlt in Deutschland das Bewusstsein für den Wert von
Bildung?
Bildung hat in Deutschland einen hohen Wert. Von Generation zu Generation
erlangen immer mehr junge Erwachsene immer höhere
Schulabschlüsse. Umso mehr fallen uns die auf, die da herausfallen.
Die Bildungsverlierer von früher haben in der expansiven Phase der
Wirtschaft sowohl in West- als auch in der DDR einen Job bekommen. Das ist
vorbei. Die Bildungsverlierer heute fallen immer mehr auf, weil sie soziale
Kosten verursachen, zum Teil auch Kriminalitätskosten. Auch deswegen
müssen wir uns um sie kümmern - zumal die Geburtenzahlen sinken.
Wir brauchen sozusagen mehr "finnische Haltung" im Bildungssystem: Man darf
niemanden zurücklassen. Wir brauchen alle - als Arbeitskräfte,
aber auch als aktive Bürgerinnen und Bürger.
Sie haben bei der Podiumsdiskussion zur Präsentation der Studie
"Not am Mann" "neue Formen kommunaler Fürsorglichkeit" gefordert. Was
meinen Sie damit?
Die Kommunen müssen sich mit lokalen Vereinen, Kirchen oder was es da
jeweils gibt, zusammentun. In Ihrer Studie haben Sie ja herausgefunden,
dass viele Arbeitslose sich dort ehrenamtlich engagieren. Darüber
ließen sich die Arbeitslosen wieder aktivieren: In vielen peripheren
Regionen gibt es keine traditionelle Arbeit mehr, aber es bleibt doch viel
Arbeit liegen! Nicht nur die Reparatur der Straße, für die kein
Geld da ist, auch die Unterstützung älterer Menschen im Alltag.
Da ist Kreativität gefordert: Welche neuen Technologien können
wir an Land ziehen? Da gibt es Computerfreaks, die vielleicht bisher
ganztägig vor Ballerspielen sitzen, können wir die nicht
fruchtbar einsetzen? Ich würde immer an die Ressourcen anknüpfen,
nicht an die Defizite. Wer von den Arbeitslosen bringt was mit für die
Kommune? Es braucht Menschen - und Politiker -, die kommunal denken. Wer
denkt denn noch als Citoyen? Das kann der Bürgermeister, der Pfarrer
oder der Sozialarbeiter sein, vielleicht aber auch ein Sponsor, eine
mittelständische Firma, die sich kommunal verankert fühlt.
Ihre Studie hat ja auch gezeigt, dass die Jugendlichen eine starke
Heimatbindung haben und viele deswegen nicht weggehen. Sie sind mit der
Familie und der Region verbunden. Vielleicht sollte man ja mal die
Weggezogenen anschreiben, alle die dynamischen Frauen, die jetzt in
Stuttgart oder anderswo Karriere machen.
So wie Universitäten ihre Absolventen um Unterstützung bitten
und Alumni-Netzwerke aufbauen?
Das muss natürlich jemand organisieren, jemand muss sich
verantwortlich fühlen. Das Problem ist der soziale Zerfall der Region.
Wenn ich Bürgermeister wäre, ich würde jeden einzelnen der
Arbeitslosen ansprechen und sagen: "Dich brauche ich - was können wir
hier zusammen machen?"
Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut für
Bevölkerung und Entwicklung) erlaubt.

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