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Die Sicht von außen: gesundes altes
Europa
Europas demografische Entwicklung könnte
zu wirtschaftlichen Nachteilen gegenüber den USA führen. Ein
Vorteil Europas ist aber die bessere Gesundheit der älteren
Bevölkerung Europa hat ein
Nachwuchsproblem, das Bevölkerungswachstum stagniert und wird sich
bald schon in einen Schwund umkehren. In den USA hingegen wächst die
Bevölkerung weiter und bleibt insgesamt jünger. Während in
Europa eine sinkende Zahl Erwerbsfähiger einer wachsenden Zahl von
Rentnern gegenüber steht, bleibt das Verhältnis in den USA
relativ stabil. Das kann der vergleichenden Analyse "Healthy
old Europe" zufolge für Europa zum Problem werden: Immer weniger
Produktive stünden immer mehr Menschen im Ruhestand gegenüber, so
die Autoren Nicholas Eberstadt und Hans Groth. Die Erwerbsbevölkerung
müsse immer mehr erwirtschaften, um die Ausgaben der Älteren
auszugleichen - langfristig könne dieses verschobene Verhältnis
zu einem Rückgang von Europas Wohlstand führen.
Doch Europa hat einen wichtigen Vorteil: Die zusätzlich gewonnenen
Lebensjahre verlebt die alternde Bevölkerung in besserer Gesundheit,
hat also ein produktives Potenzial. Mit einem sinkenden Rentenalter blieb
dieses Potenzial in den vergangenen Jahren aber immer mehr ungenutzt.
Gelänge es, eine längere Lebensarbeitszeit normal werden zu
lassen, könnten Nachwuchslücken kompensiert werden, so das Fazit
der Autoren, die ihre Analyse in einem gemeinsamen Workshop mit dem
Berlin-Institut präsentierten.
Demografie-Vergleich
Das so genannte alte Europa der EU-15 kommt bei dem Demografie-Vergleich
mit den Vereinigten Staaten auf den ersten Blick nicht gut weg: Pro Frau
werden nur etwa 1,5 Kinder geboren. In den USA hingegen bekommt jede Frau
im Durchschnitt zwei Kinder. Etwas mehr als zwei Kinder sind nötig, um
die Bevölkerungszahl konstant zu halten. Durch Zuwanderung und eine
steigende Lebenserwartung wächst die amerikanische Bevölkerung.
Angenommen, die US-Bevölkerung wüchse weiterhin um 0,8 Prozent im
Jahr, würde sie im Vergleich zu Europa bis 2030 kräftig aufholen:
Heute leben in den EU-15-Staaten 100 Millionen mehr Menschen als in den
USA, in 2030 werden es nur noch 35 Millionen mehr sein.
Bevölkerungspyramide Westeuropa 2005 
Bevölkerungspyramide USA 2005 
Bevölkerungspyramide Westeuropa 2030 
Bevölkerungspyramide USA 2030 
Schon heute leben in Westeuropa mehr ältere Menschen
als in den USA. In beiden Erdteilen altert die Bevölkerung, aber in
den Vereinigten Staaten werden dennoch genügend Kinder geboren, um die
Pyramide nicht Kopf stehen zu lassen. Im kinderarmen Europa hingegen wird
bis 2030 aus der Bevölkerungspyramide ein Bevölkerungspilz
(Quelle: U.S. Census Bureau, International Data Base).
Volkswirtschaftlich wichtig ist der Studie zufolge das Verhältnis von
Menschen im erwerbsfähigen Alter zu Rentnern. Dies Verhältnis
fällt in der insgesamt jüngeren US-Bevölkerung
günstiger aus als in der alternden Bevölkerung der 15 EU-Staaten.
So kommen in den USA 5,4 Erwerbsfähige auf einen Rentner. In Europa
liegt dies Verhältnis heute bei 3,8 zu eins. Bis 2030 werden beide
Erdteile eine Alterung erleben. In den USA erwarten die Demografen dann
knapp heutige europäische Verhältnisse. In Europa werden jedoch
auf einen über 65-Jährigen nur noch 2,4 Erwerbsfähige
erwartet. Besonders brisant ist der Analyse zufolge die Entwicklung bei den
30- bis 44-Jährigen. Denn in diesem Alter entstehen besonders viele
wichtige neue Ideen. Heute sind 91 Millionen Europäer in diesem Alter,
in 2030 sind es nur noch 72 Millionen. In den Vereinigten Staaten sind
heute 64 Millionen 30- bis 44 Jahre alt, bis 2030 wird diese Gruppe auf 69
Millionen anwachsen.
Was tun?
Aufhalten kann man den demografischen Wandel nicht. Alle bisher erprobten
Mittel, die Geburtenzahlen zu steigern, haben kaum Früchte getragen.
Die Gründe für den verhältnismäßigen
Kinderreichtum der Amerikaner liegen unter anderem in den Wertvorstellungen
der Gesellschaft. "Das hat viel mit Religiosität zu tun", sagt
Nicholas Eberstadt. "Auswertungen des "World Values Survey" haben ergeben,
dass die Menschen, die sich selbst als religiös bezeichnen
würden, sowohl in Europa als auch in den USA gleichermaßen
kinderreich sind. Klammert man diesen Effekt aus, bleibt kaum ein
Unterschied in den Geburtenziffern." In den USA gebe es eben mehr
religiöse Menschen. Ob in Zukunft auch in Europa mehr Menschen
aufgrund ihrer Religiosität mehr Kinder bekommen werden (siehe auch "Das
Ende der Aufklärung") oder ob sich Amerikas breite
Bevölkerung einmal von der Kirche abwenden könnte, ist schwer
vorauszusagen.
Einen beeinflussbaren Faktor bildet die Immigration. Es sind meist mobile
junge Menschen, die in den Industrienationen nach einer
Erwerbsmöglichkeit suchen. Ohne Einwanderung würden in Europa
2030 laut Projektion 20 Millionen Menschen im Erwerbsalter fehlen. Diese
können also wesentlich zur Produktivität beitragen, wenn es
gelingt, die Einwanderer in die Gesellschaft und in den Arbeitsmarkt zu
integrieren. Hier profitiert Amerika von seiner Tradition als
Einwandererland.
Gesundheit
Der einzige große Vorteil der Bevölkerung Europas liegt in der
besseren Gesundheit. Bezüglich der Lebenserwartung haben die
Europäer im Schnitt ein Jahr Vorsprung vor den US-Amerikanern.
Zählt man nur die gesunden Lebensjahre, bleiben dem
Durchschnittseuropäer sogar zwei gesunde Jahre mehr als dem
US-Bürger, in einzelnen Ländern wie Schweden und der Schweiz
bleiben die Menschen im Schnitt sogar vier Jahre länger gesund.
Gesunde Lebenserwartung in Europa und den USA 
Die gesunde Lebenserwartung ist die durchschnittliche
Anzahl der Jahre, die eine Person ohne schwerwiegende Krankheit verlebt.
Sie ist innerhalb Europas unterschiedlich - zwischen 69 Jahren in Portugal
und gut 73 in Schweden. Die USA stehen im Vergleich mit Europa nicht gut
da: Gerade einmal so hoch wie in Portugal ist die gesunde Lebenserwartung
(Quelle: Organisation for Economic Cooperation and Development, Society at
a Glance: OECD Social Indicators, 2005; Darstellung: N. Eberstadt / H.
Groth).
Die Autoren sehen in längeren Lebensarbeitszeiten einen
Lösungsansatz: Wenn zuwenig Nachwuchs da ist, um die Räder der
Volkswirtschaften am Laufen zu halten, und die Älteren immer
länger fit bleiben, müssten eben alle länger arbeiten.
Bisher ist aber ein umgekehrter Trend zu beobachten. "Nehmen wir das
extreme Beispiel Frankreich", sagt Nicholas Eberstadt: "Während die
Lebenserwartung in den vergangenen 45 Jahren um mindestens ein Jahrzehnt
gestiegen ist, ist das Renteneintrittsalter um etwa sechs Jahre gesunken.
In Frankreich, Belgien, Luxemburg und Österreich haben die Menschen
mehr als 25 Jahre im Ruhestand zu erwarten. In den USA sind es nur 21
Jahre." Europäische Ausnahmen sind Island und Dänemark mit etwa
21 Jahren Nacherwerbsphase, Portugal und Irland unterbieten das noch. Bei
den letzteren dürfte das aber einer geringeren Lebenserwartung
geschuldet sein. Vorbild ist Japan: Hier werden die Menschen weltweit am
ältesten und die Nacherwerbsphase ist durchschnittlich dennoch die
kürzeste aller Industrienationen.
Nicholas Eberstadt und Hans Groth bemängeln an einigen
europäischen Steuersystemen, sie würden arbeitswillige
Ältere regelrecht bestrafen. Wer mit über 50 noch arbeite,
verzichte beispielsweise in Portugal durch Steuern und verlorenes
Renteneinkommen auf fast 50 Prozent seines Einkommens, in Luxemburg sogar
auf 85 Prozent. Geeignete Mittel zur Verlängerung der
Lebensarbeitszeit sind den Autoren zufolge eine Flexibilisierung des
Arbeitsmarkts, ein Abbau des Kündigungsschutzes und mehr
Eigenverantwortung in der Altersvorsorge.
Arbeiten und Konsumieren
Das Problem an immer längeren Ruhestandszeiten und kürzeren
Lebensarbeitszeiten ist, dass die Einnahmen weniger Jahre zu den Ausgaben
vieler Jahre passen müssen. Die Phase, in der mehr produziert als
konsumiert wird, ist auch in den USA immer kürzer geworden: Nur im
Alter von 25 bis 58 Jahre sind US-Amerikaner "Netto-Produzenten". "Und in
Europa dürfte diese Phase noch kürzer sein", so Nicholas
Eberstadt.
Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters würde hingegen bewirken,
dass Kaufkraft und Wohlstand stiegen und mehr investiert werden
könnte. Wenn Europa es schaffen würde, seine älteren
Erwerbstätigen länger zu beschäftigen, so wie es in Japan
üblich ist, könnte Europas Erwerbsbevölkerung 2030 um 26
Prozent größer sein als mit Zugrundelegen des Ist-Zustandes
prognostiziert. Falls das nicht geschehe, könnte die
Produktivität in Zukunft nicht mehr ausreichen, um angemessenen Konsum
und Investitionen zu ermöglichen. Das könnte in letzter
Konsequenz dazu führen, dass die Lebenserwartung wieder sinkt, so das
Katastrophen-Szenario der Autoren.
Dass die älteren Arbeitnehmer in Zukunft gebraucht werden, steht
für die Forscher also außer Frage. Man müsse ihnen das
Arbeiten nur ermöglichen. Lebenslanges Lernen,
Gesundheitsförderung und flexiblere Arbeitsmärkte seien die Wege.
Einkünfte und Verbrauch im Durchschnittsleben eine
US-Amerikaners 
Das ganze Leben lang geben die Menschen öffentliche
und private Gelder aus (Verbrauch). Einkünfte erwirtschaften sie aber
im Wesentlichen während der Phase der Erwerbstätigkeit, wie die
Grafik am Beispiel der US-amerikanischen Bevölkerung zeigt (Quelle:
Ronald Lee (2007): Global Population Ageing and its Economic Consequences.
AEI Press; Darstellung: N. Eberstadt / H. Groth).
Literatur:
"Eberstadt,
Nicholas / Groth, Hans (2007): Healthy Old Europe. In: Foreign Affairs.
36), 3, 55-68" 
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"Paare mit Kinderwunsch schätzen die
Erfolgsquote der Befruchtung außerhalb des Körpers zu hoch
ein"
Interview mit Dr. med. Bettina Pfüller,
Oberärztin am Charité-Kinderwunschzentrum in
Berlin 
Dr. Bettina Pfüller, Copyright: Kinderwunschzentrum
Charité Berlin
Was ist ein Kinderwunschzentrum?
Eine Einrichtung, in der sich Ärzte professionell damit
beschäftigen, den unerfüllten Kinderwunsch von Paaren anzugehen.
Dazu gehören auch Schwestern, Biologen und neben den
Reproduktionsmedizinern und Gynäkologen auch Urologen sowie Andrologen
von der Dermatologie, die sich traditionell mit
Fertilitätsstörungen des Mannes befassen, Psychologen und
Psychosomatiker, Genetiker, Geburtshelfer. Sie alle sollten in einem
Kinderwunschzentrum präsent sein, nicht immer alle gleichzeitig, aber
doch zur Verfügung stehen und zusammenarbeiten. Je nachdem, welche
zusätzlichen Erkrankungen die Frau oder der Mann haben, werden auch
noch spezielle Fachspezialisten hinzugezogen - und etwa Internisten,
Kardiologen oder Neurologen im gemeinsamen Konsil (einer Beratungssitzung)
befragt, nach dem Motto: alles unter einem Dach.
Gibt es einen Unterschied zwischen einem Kinderwunschzentrum und einer
reproduktionsmedizinischen Klinik - oder ist "Kinderwunschzentrum" nur ein
anderer Name, der möglicherweise weniger Ängste
auslöst?
Wir hießen vorher Abteilung für Reproduktionsmedizin, das
klingt sehr medizinisch. Noch davor hießen wir
Sterilitätssprechstunde. Das trug einen negativen Stempel, "wir sind
steril", und führte auch zu Missverständnissen: Manche
Patientinnen verwechselten es mit einer "Sterilisationssprechstunde". Die
Bezeichnung "Kinderwunschzentrum" hebt dagegen das Positive und
Zukünftige hervor.
Kommen nur Paare zu Ihnen?
Die Behandlungspflicht ist im Sozialgesetzbuch V, Paragraph 27, für
Paare festgelegt. Die Leistungen zur künstlichen Befruchtung werden
nach den entsprechenden Richtlinien nur Ehepaaren gewährt. In Berlin,
so auch an der Charité, werden unverheiratete Partner, die in
eheähnliche Partnerschaften leben, auch behandelt. Diese müssen
jedoch ihre Behandlung vollständig selbst finanzieren. Für
alleinstehende Frauen oder homosexuelle Paare besteht keine
Behandlungspflicht.
Ungewollte Kinderlosigkeit liegt laut Definition der
Weltgesundheitsorganisation WHO vor, wenn es trotz regelmäßigen
ungeschützten Geschlechtsverkehrs ein Jahr lang nicht zu einer
Schwangerschaft kommt. Wie lange haben die Paare, die bei Ihnen anklopfen,
denn bereits versucht, ein Kind zu bekommen?
Länger - im Schnitt etwa dreieinhalb Jahre. Manche kommen
natürlich sehr schnell, wenn die Ursache klar ist, beispielsweise nach
einer Hodenoperation des Mannes und fehlenden Spermien im Ejakulat oder bei
der Frau nach Entfernung der Eileiter wegen Eileiterschwangerschaften.
Wie viele Zentren gibt es in Deutschland, die ungewollte
Kinderlosigkeit behandeln?
Für das Jahr 2005 sind 118 Zentren für Deutschland angegeben. In
dieser Zahl sind die Zentren enthalten, die über ein Eizell-Labor
verfügen und die Zahlen für das Deutsche IVF-Register, das
zentrale Register für die Behandlungen mit In-vitro-Fertilisation,
liefern. Daneben gibt es weitere Kinderwunsch-, Fertilitäts- oder
Sterilitätszentren, die beispielsweise Beratungen, Diagnostik und
hormonelle Stimulationen durchführen, aber keine Behandlung mit IVF
vornehmen.
Wie ist diese Zahl im internationalen Vergleich - pro Einwohner
gerechnet - zu bewerten?
In Dänemark, Finnland und Schweden, aber auch in Slowenien gibt es
wesentlich mehr Behandlungen, dort ist auch die Dichte der Zentren
höher. Bei dem jährlich stattfindenden europäischen
reproduktionsmedizinischen Kongress ESHRE in Lyon wurde gerade
bestätigt, dass auch in Frankreich wesentlich bessere finanzielle
Bedingungen herrschen als in Deutschland, beispielsweise werden dort vier
IVF-Zyklen voll bezahlt, und die Altersgrenze liegt für die Frau erst
bei 43 Jahren.
Wie läuft denn die Finanzierung in Deutschland? Die Kosten mit
rund 1.800 Euro pro Behandlungszyklus bringen ja nicht alle Paare
gleichermaßen auf.
Am 1. Januar 2004 trat das Gesundheitsmodernisierungsgesetz in Kraft. Das
bedeutete gemessen an den vorherigen Bedingungen eine deutliche
Verschlechterung. Vorher galt bei gesetzlich versicherten Patienten: keine
Altersbegrenzung nach unten, vier voll bezahlte IVF-Versuche, im Vorfeld
sechs voll bezahlte Hormonstimulationen mit Insemination. Die Altersgrenze
bei der Frau war allerdings auch 40 Jahre, aber mit der Möglichkeit
zusätzlicher Beantragung, die auch in vielen Fällen gebilligt
wurde. Eine Altersgrenze des Mannes war nicht festgelegt, sie liegt jetzt
bei 50 Jahren. Die Altersbegrenzung nach unten beträgt nun für
beide Partner 25 Jahre. Es werden nur noch jeweils drei Versuche
Stimulation mit Insemination und drei Versuche IVF nur zu 50 Prozent der
Gesamtkosten (Medikamente und Behandlung) erstattet.
Die Nachfrage ist seit der Änderung drastisch zurückgegangen:
2003 lag der Anteil der IVF-Kinder noch bei 2,6 Prozent, 2004 ist er auf
1,4 Prozent gesunken, 2005 lag er sogar nur noch bei 1,0 Prozent, wobei
diese Zahl vorläufig ist. Was heißt das in absoluten
Zahlen?
Man rechnet damit, dass im nachfolgenden Jahr, also 2005, etwa 12.000
Kinder weniger geboren worden sind.
Wie läuft die Behandlung im Kinderwunschzentrum der Berliner
Charité ab, welche Phasen der Beratung und Behandlung
durchläuft ein Paar bei Ihnen, das ungewollt kinderlos ist?
Ich frage als erstes: "Was kann ich für Sie tun, was wünschen
Sie sich, weshalb kommen Sie?" Und da hört man doch sehr verschiedene
Antworten. Nicht nur "wir wünschen uns ein Kind", sondern auch "wir
möchten wissen, warum wir nicht schwanger werden", oder "wir
möchten nur wissen, ob mit uns alles in Ordnung ist". Aber das sind
auch verschiedene Ebenen, auf denen sich ein Paar erstmal herantastet, das
sich nicht gleich äußern will. Aber die meisten sagen
natürlich: "Wir möchten so schnell wie möglich ein Kind,
helfen Sie uns!" Und dann sehe ich mir an, was sie an Vorbefunden
mitbringen, was sie in ihrer Krankengeschichte berichten, wie lange die
Kinderwunschdauer ist - und natürlich das Alter der Partner.
Die Chancen, Kinder zu bekommen, stehen im Alter zwischen 20 und 30
Jahren am besten. Wie alt sind die Interessenten, die zu ihnen kommen, im
Durchschnitt?
Der Großteil der Paare ist zwischen 25 und 35 Jahre alt, die
weibliche Durchschnittspatientin ist 32, der Durchschnittsmann 35.
Wie geht es weiter, wenn auch dieser Punkt geklärt ist?
Dann wird gemeinsam ein individueller Therapie- beziehungsweise erst
einmal Diagnostikplan erstellt. Hier fließt ein, was das Paar
möchte - und was es nicht möchte. Manche Paare wechseln auch ihre
Therapeuten und geben zur Begründung an, dass ihnen Operationen oder
Therapien empfohlen wurden, die sie nicht wünschten.
Welche gesundheitlichen Risiken bestehen bei der Behandlung, die ja oft
mit hormoneller Stimulation insbesondere der Frauen einhergeht?
Eine Hormonbehandlung bieten wir Frauen an, die beispielsweise keinen
Eisprung haben oder einen unregelmäßigen Menstruationszyklus
angeben. Die Hormonbehandlung kann gelegentlich zu einer
überschießenden Reaktion mit schmerzhafter
Vergrößerung der Eierstöcke und Bauchwasser führen.
Auch in Kombination mit einer Mehrlingsschwangerschaft können diese
Beschwerden auftreten.
Wie lange dauert die Behandlung im besten Fall?
Im besten Fall wie im natürlichen Zyklus, also zwei Wochen bis zum
Eisprung und danach kommt die zweiwöchige Wartephase auf den
Schwangerschaftstest.
Und im schlechtesten Fall?
Die Gefahr besteht, dass Druck aufgebaut wird: "Es passiert nichts, nun
machen Sie mal ein bisschen mehr, erhöhen Sie die Dosis bei den
täglichen Spritzen." Aber wir gehen bei der Steigerung lieber langsam
und vorsichtig vor, um die Reaktionen der Patientin beobachten zu
können und Risiken zu vermeiden. Bis zu 55-Tage-Stimulationen sind
möglich. Bei nicht eintretender Schwangerschaft stellen die
wiederholten Behandlungen und das unbestimmte Warten eine große
psychische Belastung dar.
Die Gründe der ungewollten Kinderlosigkeit liegen in jeweils 40
Prozent der Fälle bei der Frau oder beim Mann, in 20 Prozent liegt sie
bei beiden oder ist die Ursache unklar. Ist den Paaren dieses
Verhältnis bewusst, oder staunen sie darüber?
Es spricht sich immer mehr herum. Wenn der Mann nur wenige unbewegliche
Spermien hat und damit die Ursache der ungewollten Kinderlosigkeit bei ihm
liegt, dann kommt das gelegentlich auch familiär vor.
Laut einer Umfrage, die das Institut für Demoskopie in Allensbach
für die Studie "Ungewollt
kinderlos" des Berlin-Instituts durchgeführt hat, glauben 54
Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland, die Fruchtbarkeit
von Frauen nehme erst nach dem 40. Geburtstag ab. Tatsächlich sinkt
die weibliche Fruchtbarkeit aber bereits ab dem 30. Lebensjahr. Wie
erklären Sie sich diese eklatante Fehleinschätzung in einer
Gesellschaft, die doch vermeintlich biologisch aufgeklärt ist?
Zum einen wird durch die Medien immer wieder suggeriert, dass Frauen
über 50, bis 60 Jahre offenbar noch problemlos "eigene" Kinder
gebären können. Diese "Erfolge" basieren auf der Behandlung mit
Eizellspende oder Embryospende, d.h. von jungen fruchtbaren Frauen werden
Eizellen oder sogar Embryonen für die künstliche Befruchtung bei
diesen älteren Frauen verwendet. Es kommen immer wieder Frauen, die
sagen: "Ich habe gerade gelesen, dass eine 64-Jährige oder
56-Jährige noch ein Kind bekommen hat. Ich bin ja erst 43, da kann es
doch in meinem Alter nicht so schwer sein." Hier zeigt sich, dass die
Möglichkeiten der modernen Medizin stark überschätzt werden,
weil die Laien nicht hinterfragen, ob es sich um eigene oder gespendete
Eizellen oder Embryonen handelte. Nach dem Deutschen Embryonenschutzgesetz
ist die Eizellspende in Deutschland aber nicht zulässig.
Gibt es weitere Gründe, warum Frauen und Männer meinen, das
Kinderkriegen bedenkenlos so lange aufschieben zu können?
Ein anderer Punkt ist, dass sich die Frauen im Alter von 40 und 50 Jahren
durch die zunehmend hohe Lebenserwartung und Gesundheit im Alter nicht als
ältere Frauen fühlen. Einige sagen zwar: "Bei mir tickt jetzt die
biologische Uhr." Das sind die, die vielleicht einen
unregelmäßigen Zyklus und mal eine Hitzewelle haben, aber viele
sagen auch: "Mein Zyklus ist regelmäßig, ich fühle mich
gesund und vital, jetzt will ich ein Kind."
Gilt der Satz, "wir werden immer älter und fühlen uns immer
jünger", in Bezug auf das Kinderkriegen für Frauen und
Männer gleichermaßen?
Ich habe einmal ein Paar, das jetzt Anfang 40 und seit 15 Jahren zusammen
ist, gefragt: Haben Sie nicht schon vor zehn Jahren mal über ein Kind
und Ihre Familien-gründung nachgedacht? Da haben beide entrüstet
geantwortet: "Da hatten wir doch ganz andere Sachen im Kopf!" Da waren sie
aber auch schon beide über 30, und haben gedacht: "Das hat ja immer
noch Zeit." In der Gesellschaft steht vielfach im Vordergrund, sich
auszuleben, seine Möglichkeiten auszuloten, sich auszuprobieren und
Fun zu haben. Das Gefühl, "jetzt ist meine generative Phase zu Ende
und ich muss Abschiednehmen", das ist nicht präsent.
Sex und Elternschaft werden in unserer Gesellschaft getrennt gedacht.
Welche Verantwortung tragen dabei die Ärzte? Konzentrieren sich die
Beratungen der Frauenärzte in den Sprechstunden vielleicht zu sehr
oder zu lange auf Verhütung, vernachlässigen sie das Thema
Familiengründung?
Auf jeden Fall ist es wichtig, dass wir Frauenärzte, die wir die
Frauen ja vom Teenageralter über die Kontrazeption bis in die fertile
Phase begleiten, auch mal umschal-ten und fragen: "Was wäre denn, wenn
Sie mit der Pille aufhören, wie sieht es mit der Partnerschaft aus,
ist sie stabil, hat eventuell der Partner einen Kinderwunsch?" Ich spreche
das an, wenn es bei Patientinnen auf die dreißig zugeht. Die
Reaktionen sind natürlich je nach individueller Situation sehr
verschieden. Manche haben keinen Partner. Ein Teil sagt: "Noch lange nicht,
ab Mitte dreißig dachten wir!", aber ein offenes Gespräch
darüber und die Sicht der behandelnden Frauenärztin
beziehungsweise des Frauenarztes kann die Realisierung des latent
vorhandenen Kinderwunsches positiv beeinflussen.
Die deutsche Medienberichterstattung war bei der Geburt des ersten
"Retortenbabys" Louise Brown 1982 eher kritisch als euphorisch, heute ist
IVF kein mediales Reizthema mehr: Die Studie des Berlin-Instituts hat
ergeben, dass eine medizinische Behandlung bei ungewollter Kinderlosigkeit
durchaus als normal betrachtet wird. Was ist wohl ausschlaggebend gewesen
für diese Entwicklung?
Für die hohe Akzeptanz der IVF sorgen vermutlich die guten Beispiele
in der Umgebung, jeder sieht in seinem Umfeld: Viele glückliche
Familien verdanken ihre Kinder der künstlichen Befruchtung, einer
In-vitro-Fertilisation.
Auch kritische Annäherungen wie der Dokumentarfilm "Frozen Angels"
(Deutschland/USA 2005) tragen sicherlich dazu bei, dass
Reproduktionstechnologien nicht per se abgelehnt werden. Dazu kommt
möglicherweise ein Gewöhnungseffekt, der durch die
kontinuierliche Berichterstattung über die Fortschritte auf dem Gebiet
der Fortpflanzungsmedizin eingetreten ist. Das geht soweit, dass sogar die
Erfolge überschätzt werden, wie die Umfrage des Instituts
für Demografie in Allensbach für "Ungewollt kinderlos" gezeigt
hat.
Ja, viele denken: "Wenn es auf natürlichem Wege nicht klappt, dann
bleibt ja der reproduktionsmedizinische Weg." Wir selber haben auch eine
Befragung gemacht, zusammen mit dem Institut für medizinische
Psychologie der Charité. Dabei haben wir herausgefunden, dass die
Erfolgsquote der IVF von den Befragten mit 50 Prozent zu hoch
eingeschätzt wird.
Welche Erfolgsquote hat Ihr Kinderwunschzentrum denn tatsächlich
vorzuweisen?
Die Erfolgsrate pro IVF-Zyklus liegt zwischen 25 und 30 Prozent, damit
sind Schwangerschaftsraten pro Embryotransfer gemeint. Die natürliche
Fruchtbarkeit pro Zyklus eines gesunden jungen Paares liegt mit 25 Prozent
noch darunter. Um die "baby take home rate" pro gestarteten
Stimulationszyklus anzugeben, müssen noch Zyklen abgezogen werden, bei
denen es nicht zu einem Embryotransfer kommt, sowie Verluste durch
Fehlgeburten.
Das deckt sich mit den Angaben des Deutschen IVF-Registers: Knapp jede
fünfte Behandlung führt also zur Geburt eines Kindes. Wenn es nun
aber partout nicht klappt mit einer Schwangerschaft, beraten Sie dann auch
hinsichtlich Samenspende oder Adoption?
In Deutschland ist die Samenspende geregelt durch die Richtlinien der
Gesellschaft für Andrologie, also aufgestellt vorwiegend durch
Ärzte, die sich mit männlichen Sterilitätsursachen
beschäftigen: Diese betreffen die Spenderauswahl, die Diagnostik und
Voraussetzungen für den Spender, aber auch für das Paar, die
notarielle Beratung des Paars, Bedingungen und Voraussetzungen für
eine Samenbank, Verträge mit dem behandelnden Arzt sowie das Recht des
durch Samenspende entstandenen Kindes, ab dem 16. Lebensjahr über
seine Identität und die des Samenspenders aufgeklärt zu
werden.
Welche Kriterien gibt es für die Spenderauswahl?
Der Spender darf nicht über 40 Jahre alt sein, er muss seine
Fertilität möglichst durch ein gesundes Kind unter Beweis
gestellt haben, er muss einen sehr guten Spermiogrammbefund haben und darf
keine Infektionen aufweisen, die durch den Samen übertragen werden
könnten wie Syphilis, Hepatitis B oder HIV, und es dürfen in
seiner Familie keine erblichen Krankheiten vorliegen.
Samenspende scheint also nicht immer einen Ausweg zu bieten. Das gilt
ja auch für die Adoption?
In Deutschland gibt es nur eine geringe Anzahl von Kindern im Jahr, die
zur Adoption freigegeben werden. Aber es existiert eine Liste von mehreren
tausend adoptionswilligen Elternpaaren. Da sich die Adoptionsstelle am
Kindeswohl orientiert, werden auch Familien mit Adoptionskindern bedacht,
in denen bereits mehrere Kinder leben. Diese Entscheidung ist für die
Kinderlosen oft schwer verständlich.
Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut für
Bevölkerung und Entwicklung) erlaubt. 
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