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Talente, Technologie und Toleranz - wo
Deutschland Zukunft hat
Eine neue Studie des Berlin-Instituts
untersucht die Chancen von Deutschlands Regionen in der künftigen
Wissensgesellschaft Zwischen den deutschen
Bundesländern herrschen große Unterschiede in Wirtschaftskraft
und Beschäftigungsangebot. Grund dafür sind die
Entwicklungspotenziale, die nicht überall gleich ausgeprägt sind.
Ob Potenziale entstehen und sich auch entfalten können, hängt von
den politischen und sozialen Rahmenbedingungen ab - etwa von der
Wirtschaftsförderung, vom Maß an Bürokratie, aber auch von
der Zahl der kreativen Köpfe. Diese Faktoren entscheiden über die
Zukunft der Regionen.
Die Zukunftsfähigkeit der Regionen lässt sich aber nicht nur
nach gängigen marktwirtschaftlichen Kennziffern wie
Bruttoinlandsprodukt oder Pro-Kopf-Einkommen ermitteln. Sondern auch nach
neuen Kriterien, die sich in anderen, hoch entwickelten Industrienationen
als probate Messgrößen für Innovation und künftiges
Wirtschaftswachstum bewährt haben. Demnach gedeihen vor allem
"kreative" Gesellschaften, die vorhandenes Wissen am besten und schnellsten
zu neuen, lukrativen Produkten und Dienstleistungen kombinieren
können. Voraussetzung für diese "kreative Wirtschaft" ist nach
dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Richard Florida, der die
dazugehörige Theorie begründet hat, eine Gesellschaft, in der
sich gleichermaßen Talente, Technologie und Toleranz entfalten
können.
Das Berlin-Institut hat dieses Modell in der Studie "Talente,
Technolgie und Toleranz - wo Deutschland Zukunft hat" erstmals auf die
16 deutschen Bundesländer angewendet. Diese Theorie lässt sich
für moderne Wissensgesellschaften belegen: Sie erwirtschaften ihren
Wohlstand immer weniger aus Rohstoffen und Massenprodukten, sondern
vermehrt aus Know-how und intellektuellen Fähigkeiten. Bildung und
Gebildete stellen heute das wichtigste Kapital der hoch entwickelten
Gesellschaften, deren Zukunftsaufgabe gerade darin besteht,
Lebensqualität mit immer weniger Rohstoffen zu gewährleisten.
Aber auch der Umgang mit Neuem und Fremdem hat einen Einfluss auf die
Zukunftsfähigkeit: In einer globalisierten Welt, in der
Wanderungsbewegungen zunehmen, profitieren jene am meisten, die Migranten
gegenüber offen sind und diese, wie auch fremdes Wissen,
möglichst schnell und nutzbringend in die Gesellschaft integrieren.
Ohne Talente, Technologie und Toleranz kommt eine moderne Wirtschaft nicht
aus.
Berlin hat, gemessen an den Kriterien von TTT, das größte
kreative Potenzial aller deutschen Bundesländer, gefolgt von Hamburg
und Baden-Württemberg. Auch Bayern, Hessen und Bremen schneiden
relativ gut ab. Weit abgeschlagen im deutschlandweiten Vergleich sind die
ostdeutschen Länder Brandenburg, Thüringen, Sachsen-Anhalt und
Mecklenburg-Vorpommern.
Ob ein Bundesland die aus dem TTT-Potenzial resultierenden Chancen auch in
bare Münze umsetzen kann, ist eine andere Frage. Denn während
Berlin in Sachen TTT an der Spitze liegt, fällt die Hauptstadt bei
einem Vergleich der Leistungsfähigkeit der deutschen
Wirtschaftsstandorte weit zurück. Verschiedenen Studien zufolge
besetzen in puncto tatsächlicher Wirtschaftsstärke die
Länder Bayern und Baden-Württemberg sowie Hessen und Hamburg die
Spitzenplätze. Berlin liegt in dieser Wertung trotz seines Bonusses
als Hauptstadt sogar hinter Sachsen, dem wirtschaftlichen Vorzeigeland in
den neuen Bundesländern.
Berlin hat als Großstadt in Sachen TTT ähnliche Voraussetzungen
wie die Hansestadt Hamburg. In diesen beiden Metropolen tummeln sich
deutschlandweit die meisten Kreativen, und kulturell herrscht die
größte Offenheit. Doch während es die Hamburger schaffen,
aus ihren Fähigkeiten einen überproportionalen Wohlstand zu
erwirtschaften, hinkt die Hauptstadt hinterher: Dort liegt die
Arbeitslosigkeit nach wie vor auf hohem Niveau, vergleichsweise wenig neue
Stellen werden geschaffen, und auch die Industrie ziert sich mit
Neuansiedlungen.
Aus der Analyse wird deutlich, wo die Entwicklungsdefizite der Regionen
liegen. Während beispielsweise Berlin kaum Nutzen aus seinen hohen
Ausgaben im Forschungs- und Entwick-lungsbereich zieht und deshalb seine
Ansiedlungspolitik für Wirtschaftsunternehmen verbessern sollte,
investiert Hamburg trotz einer guten Standortpolitik zu wenig in Forschung
und Technologie. Würde die Hansestadt diese einzige Schwäche
beheben, würde sie das bundes-weite TTT-Ranking anführen. Aber
auch die wirtschaftlich erfolgreichen Regionen im Süden Deutschlands
könnten ihre Attraktivität weiter verbessern. Vor allem Bayern
entspricht mit einem vergleichsweise hohen Maß an Vorbehalten
gegenüber Fremdem nicht dem Bild einer modernen weltoffenen
Technologieregion.
Bedenklich ist die Situation für die neuen Bundesländer. Sie
haben nach den Kriterien von Talenten, Technologie und Toleranz relativ
geringes Potenzial. Vor allem mangelt es an Offenheit gegenüber
fremden Einflüssen. Dies aber ist die Voraussetzung für eine
Zuwanderung von Qualifizierten, die künftig vermehrt aus dem Ausland
kommen werden. Zuwanderung wiederum wäre dringend geboten, weil
Deutschlands Osten aufgrund der massiven Abwanderung vor allem junger
Frauen und der sehr niedrigen Kinderzahlen aus eigener demografischer Kraft
kaum eine langfristige Überlebenschance hat. Das heutige Wachstum in
den neuen Bundesländern beruht im Wesentlichen auf Transferleistungen
und ist deshalb kaum nachhaltig. Auch das zeigt die vorliegende
Untersuchung.
Die Analyse der "kreativen Wirtschaft", gemessen an den
Kenngrößen Talente, Technologie und Toleranz, zeigt also in
Deutschland vor allem den Unterschied zwischen Potenzial und Wirklichkeit.
Sie weist damit auf Defizite bei der ökonomischen Entwicklung hin.
Während sich in anderen Industrieländern ein klarer Zusammenhang
zwischen den drei T und der Regionalentwicklung nachweisen lässt, ist
dies in Deutschland nur mit Einschränkungen der Fall. Der Grund
dafür liegt vor allem in der speziellen Situation des Landes nach der
deutschen Wiedervereinigung, die zu starken Belastungen der Standorte im
Osten und durch die massive Förderung zu Verzerrungen des Wettbewerbs
geführt hat.
Dennoch - auch in Deutschland sind Talente, Technologie und Toleranz, also
alle drei T, Voraussetzungen für Wachstum. Wo sie zusammenkommen,
sammelt sich eine kritische Masse an Humanvermögen, Infrastruktur und
Lebensqualität, die kaum zu schlagen ist: erstens gut ausgebildete
Fachkräfte, vor allem in Zukunftsbranchen wie der
Informationstechnologie und den Ingenieurwissenschaften; zweitens eine
Forschungslandschaft mit qualitativ hochwertigen Ausbildungsstätten
und der Möglichkeit, das Wissen in gewinnträchtige Erfindungen
umzusetzen; und drittens Offenheit und Toleranz gegenüber Migranten,
Minderheiten und künstlerisch Aktiven. Denn wo diese Menschen ein
Zuhause finden und akzeptiert werden, entsteht ein soziales Klima, in dem
sich die Eliten der kreativen Wirtschaft wohl fühlen. Wo diese Eliten
leben, denken und arbeiten, entstehen Wohlstand, neue Arbeitsplätze -
und ein Umfeld, das weitere Kreative anlockt und zum Bleiben bewegt.
Talent-Index insgesamt 
Die Stadtstaaten Berlin und Hamburg liegen bei den Talenten
mit deutlichem Abstand an der Spitze. Dort leben überproportional
viele Menschen mit so genannten hochkreativen Berufen wie Ingenieure,
Architekten oder Medienschaffende. Auffällig ist Hessen mit seinem
hohen Anteil an kreativen Berufen, was vor allem der großen Bedeutung
des Finanzsektors geschuldet ist. Auch Baden-Württemberg und Bayern
weisen sehr gute Talent-Werte auf. Der Osten Deutschlands ist (mit Ausnahme
von Berlin) wenig anziehend für kreative Talente. Das liegt zum einen
an der Wirtschaftslage, aber auch an der mangelnden Attraktivität
vieler Standorte. Allein Sachsen kann sich gegen diesen Trend
stemmen.
Technologie-Index insgesamt 
Beim Technologie-Index liegen Welten zwischen den besten
und den schlechtesten Bundesländern - Baden-Württemberg meldet
bezogen auf die Einwohnerzahl zehnmal so viele Patente an wie
Mecklenburg-Vorpommern. Allerdings gibt das süddeutsche Bundesland
auch einen viermal so hohen Anteil seines Bruttoinlandsproduktes für
Forschung und Entwicklung aus. Obwohl Schleswig-Holstein und das Saarland
wenig in Forschung und Technologie investieren, gemessen am
Bruttoinlandsprodukt sogar weniger als Mecklenburg-Vorpommern und
Thüringen, erzielen sie in Sachen Patente größere Erfolge.
Dies liegt daran, dass die ostdeutschen Bundesländer mit ihren
Universitäten zwar junge Menschen für die Zukunft fit machen, sie
aber anschließend nicht halten können und deswegen wenig von dem
geschaffenen Humanvermögen profitieren. Dieser Braindrain kommt vor
allem den süddeutschen Bundesländern Bayern und
Baden-Württemberg zugute, die deutlich mehr Hochtechnologie erzeugen,
als es die Ausgaben für diesen Bereich glauben machen.
Toleranz-Index insgesamt 
Sachsen ist nach den vorliegenden Indikatoren das kulturell
am wenigsten offene Bundesland - es gibt kaum Ausländer, wenige
Kunstschaffende, und rechtsextreme Parteien erreichen bundesweit die
höchsten Wahlergebnisse. Mit Ausnahme der traditionell weltoffenen
Metropole Berlin schneiden alle Ost-Bundesländer beim Toleranz-Index
schlecht ab. Das liegt daran, dass es vor der Wende wenig Zuwanderung gab,
und auch seither wenig gute Gründe für eine Zuwanderung
vorliegen. Nicht nur Menschen aus dem Ausland meiden die neuen
Bundesländer, auch Qualifizierte aus dem Westen Deutschlands, vor
allem die "Bohemiens" halten sich zurück. Offenbar, weil sie die
Regionen, aus welchen Gründen auch immer, nicht für attraktiv
genug halten. Erfahrung hilft ganz offensichtlich beim Umgang mit
Ausländern: In Hamburg, Berlin und Bremen, den Bundesländern mit
den höchsten Ausländeranteil, sind die Vorbehalte gegenüber
Mitbürgern aus anderen Ländern am geringsten. Das bei
Wirtschafts- und Wachstumsindikatoren erfolgsverwöhnte Bayern schafft
es beim Toleranz-Index nur auf deutsches Mittelmaß: Rechtes
Gedankengut fällt hier auf vergleichsweise fruchtbaren Boden.
Womöglich ist das ein Grund dafür, dass es Kulturschaffende
deutlich weniger nach Bayern zieht als nach Berlin oder Hamburg.
TTT-Index 2005 
Die Tabelle zeigt alle deutschen Bundesländer geordnet
nach ihrem TTT-Indexwert - dem Mittelwert der Indexwerte von zehn
Indikatoren zu Talenten, Technologie und Toleranz. Am besten schneidet die
Bundeshauptstadt ab. Doch trotz bester Ausgangsbedingungen setzt Berlin das
kreative Potenzial nur schlecht in Innovation um - sichtbar etwa an der
Zahl der Patentanmeldungen, wo die Hauptstadt noch hinter Rheinland-Pfalz
oder Niedersachsen zurückfällt. Abgeschlagen sind die neuen
Bundesländer, die vor allem durch mangelnde Offenheit Fremdem
gegenüber an Boden verlieren.
Für Fragen und Interviews stehen Ihnen Steffen Kröhnert unter
030-22324844 und Dr. Reiner Klingholz unter 030-31017560 zur
Verfügung.
Die Studie "Talente, Technolgie und Toleranz - wo Deutschland Zukunft hat"
können Sie hier
bestellen.
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