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"Berlin muss wirtschaftsfreundlicher
werden"
Interview mit Dr. Petra König, IHK
Berlin 
Petra König, geboren 1969 in Bad Hersfeld, ist seit
Januar 2007 bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin tätig.
Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften und
Wirtschaftspädagogik promovierte sie über die "Privatisierung
von kommunalem Wohneigentum". Nach Tätigkeiten als wissenschaftliche
Mitarbeiterin an der Forschungsstelle für Genossenschaftswesen an der
Universität Hohenheim in Stuttgart sowie als Referentin der Deutschen
Bahn AG in Berlin im Bereich Politische Beziehungen / Verkehrspolitik
leitet Petra König zur Zeit den Bereich Wirtschaftspolitik der IHK
Berlin.
Folgen in Deutschland die Menschen den Jobs oder die Jobs den
Menschen?
Ich denke, die Menschen folgen den Jobs. Es lassen sich
Wanderungsbewegungen in den Süden Deutschlands beobachten, es gibt
Bildungswanderer nach Berlin, und es gibt leider auch Abwanderung derer,
die gut ausgebildet sind, und die in Berlin nicht die berufliche
Perspektive vorfinden, die sie sich wünschen.
Nach Berlin kommen also Menschen, um sich hier ausbilden zu lassen.
Welche weiteren Aspekte machen Berlin attraktiv für Zuwanderer?
Die Lebensqualität in Berlin ist sehr hoch, eine große Zahl
hochrangiger Forschungseinrichtungen ist vorhanden, Berlin als Hauptstadt
ist natürlich Sitz von staatlichen Institutionen, Botschaften und
Verbänden.
Berlin steht in der Studie "Talente,
Technologie und Toleranz - wo Deutschland Zukunft hat" des
Berlin-Instituts bei Talenten und Toleranz bundesweit auf dem ersten Platz
der Bundesländer. Die ökonomische Situation ist aber weitaus
schlechter als in Bayern oder in Baden-Württemberg - was läuft
falsch in Berlin?
Es gibt sicherlich einiges zu verbessern in Berlin. Als Beispiele seien
Bürokratie und Bestandspflege genannt: Ansässige Unternehmen
könnten besser betreut werden sowie systematischer und transparenter
Dienstleistungen gestellt bekommen. Trotzdem ist die Lage unserer
Einschätzung nach nicht so schlecht, wie die Veröffentlichungen
es vermuten lassen. Danach ist Berlin beispielsweise deutschlandweit auf
dem letzten Platz, was die Halbjahresprognose der Entwicklung des
Bruttoinlandsprodukts angeht. Nach unserer Wahrnehmung dagegen ist die
Stimmung der Unternehmer in der Stadt gegenwärtig sehr gut. Dies
belegt auch unsere aktuelle Konjunkturumfrage. Wir gehen davon aus, dass
sich dies auch in einem entsprechenden Wachstum des BIP niederschlagen
wird. Daher glauben wir, dass die amtliche Statistik die Faktoren, die in
Berlin das Wachstum bedingen, nicht in vollem Maße in den Prognosen
des BIP abbildet. Diesen Standpunkt teilt im übrigen auch die
Hauptverwaltung Berlin der Deutschen Bundesbank in Ihrem Bericht zum
zweiten Quartal 2007.
Eine andere Sache ist, dass Berlin auch aufgrund seiner Vergangenheit als
industrieller Standort nicht sehr stark ist, und dass aufgrund der starken
Exportnachfrage deutschlandweit die Industrie boomt. An dieser Entwicklung
partizipiert Berlin nur unterdurchschnittlich.
Berlin oder zumindest einige Viertel Berlins wie der Prenzlauer Berg
gelten ja als Orte, die besonders viele Selbstständige anziehen,
insbesondere eine "digitale Bohème", die Leben und Erwerbsarbeit
kaum noch getrennt denkt und - so das Klischee - mit dem Laptop im
Café sitzt und dabei Latte macchiato trinkt. Welche Bedeutung kommt
dieser Gruppe von Zuwanderern zu?
Die angesprochene Gruppe dieser selbstdefiniert Selbständigen ist
vornehmlich der Kreativwirtschaft zuzurechnen. Die Kreativwirtschaft ist
eines der definierten Berliner Wirtschaftscluster. Mit 180.000
Beschäftigten (davon 100.000 sozialversicherungspflichtig
Beschäftigten) kommt diesem Cluster eine große Bedeutung
für den Wirtschaftsstandort zu.
Wieso gelingt es woanders besser, Potenziale umzusetzen?
Hier darf man die besondere Geschichte Berlins nicht außer Acht
lassen. Aufgrund der Teilung kam Berlin als Hauptsitz für die
Industrie nicht in Frage, und der ehemals bedeutende Standort der Elektro-
und Maschinenbau-Industrie hat zu Zeiten des geteilten Berlins diese
Bedeutung verloren. Die ehemals Berliner Unternehmen sitzen heute in
Westdeutschland. Berlin ist das Bundesland mit den wenigsten
Arbeitsplätzen im sekundären Sektor, also in der Industrie. Seit
der Wiedervereinigung sind zwar 17 Jahre vergangen, aber das hängt
Berlin noch nach.
Was kann man machen, um das zu ändern?
Man kann die Situation für die Unternehmen vor Ort optimieren. Sei
es, dass Unternehmen Dienstleistungen der Verwaltung in Anspruch nehmen,
sei es, dass sie von der Wirtschafts- oder Technologieförderung
profitieren können. Die Angebote in der Bestandpflege sind in Berlin
wenig transparent. Es ist aus unserer Sicht nicht sichergestellt, dass
Unternehmen das optimale Angebot zukommt und dass sie nicht über
Gebühr mit bürokratischen Hürden zu kämpfen haben. Hier
sind Verbesserungen möglich und nötig - und Berlin sollte sie
angehen.
Bei der Bestandspflege ließe sich also noch einiges verbessern.
Welche konkreten Ziele verfolgt die IHK darüber hinaus bei ihrer
Standortpolitik?
Die IHK strebt eine Fokussierung der Wirtschaftsförderung auf die
Gesundheits-, Verkehrs und Kreativwirtschaft an. Diese sollen mit den
angeschlossenen technologischen Kompetenzfeldern vorangebracht werden,
sowohl was die Situation der ansässigen Unternehmen anbelangt, damit
sie sich optimal entwickeln können, als auch im Hinblick auf die
Akquise. Zudem müssen die Standortqualitäten besser kommuniziert
werden. Berlin muss national und international als wirtschaftsfreundlicher
Standort wahrgenommen werden.
Welche Rolle spielt im Verhältnis dazu die Familienfreundlichkeit
eines Standorts? Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hat
kürzlich gemeinsam mit dem Bundesfamilienministerium den "Familienatlas"
veröffentlicht, der die Situation der Familien in den deutschen
Bundesländern vergleicht. Wie hat Berlin da abgeschnitten?
Vergleichsweise gut, in einigen Bereichen sogar sehr gut. So ist zum
Beispiel die Situation der Kinderbetreuung deutlich besser als in
Westdeutschland. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist auch aufgrund
der guten Chancengleichheit für Frauen besser als in anderen deutschen
Großstädten. Problematisch ist eher die wirtschaftliche
Situation der Familien, also die Möglichkeit, Arbeits- und
Ausbildungsplätze zu finden. Auch das Familieneinkommen liegt
unterhalb des Bundesdurchschnitts, hat sich im letzten Jahr aber
gesteigert. Insgesamt ist Berlin für Familien ein attraktiver
Standort.
Welche Entwicklungen sehen Sie in Berlin bezüglich der Stichworte
"Talente, Technologie und Toleranz"? Ist Berlin auch in zehn Jahren noch
"arm, aber sexy"?
Stichwort Technologie: Berlin ist technologieorientiert und gut beraten,
diesen Standortvorteil weiter auszubauen. Die Forschungsinstitute sind
vorhanden, es muss daran gearbeitet werden, dass die wirtschaftliche
Wertschöpfung aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen stärker in
am Wirtschaftsstandort bleibt. Hierfür ist die Kooperation von
Wirtschaft und Wissenschaft zu verbessern und der Wissenstransfer muss sich
stärker an der Nachfrage der Unternehmen orientieren. Stichwort
Talente: Hier liegt die große Chance Berlins, auch im Zusammenhang
mit dem demografischen Wandel. Die gut ausgebildeten Fachkräfte sind
vorhanden, es gilt, entsprechend attraktive Arbeitsangebote zu schaffen, um
eine Abwanderung zu verhindern. Diese Aufgabe muss Berlin bewältigen.
Und abschließend Stichwort Toleranz: Sie haben in Ihrer Studie ja
darauf hingewiesen, dass Erfahrungen mit Ausländern die Toleranz
stärken. Auch hier wird sich Berlin sicherlich nicht
zurückentwickeln. Die Attraktivität Berlins wird sicherlich nicht
zurückgehen. Wir gehen vielmehr fest davon aus, dass es Berlin in
stärkerem Maße gelingen wird, seine Potenziale zu nutzen. Dies
wird sich auch in harten Faktoren wie der Entwicklung des BIP und des
Pro-Kopf-Einkommens niederschlagen.
Was macht Berlin interessant für Menschen mit
Migrationshintergrund?
Die kulturelle Vielfalt und die Offenheit der Bevölkerung.
Und umgekehrt, was macht Menschen mit Migrationshintergrund interessant
für die Berliner Wirtschaft?
Die Berliner Wirtschaft profitiert von dem, was die Menschen mitbringen,
von den Angeboten, die sich aus dieser Vielfalt ergeben, und aus der guten
Zusammenarbeit auch zwischen deutschen und ausländischen
Unternehmern.
Können Sie da ein Beispiel nennen?
Unternehmen, die sich beispielsweise stärker in Polen engagieren
wollen, profitieren selbstverständlich von den entsprechenden Sprach-
und Landeskenntnissen polnischer Mitarbeiter. Die Vielfalt der
Nationalitäten in Berlin ist ein Vorteil für die Unternehmen, der
mit zunehmenden internationalen Verflechtungen noch mehr zum Tragen kommen
wird.
Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut)
erlaubt. 
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"Nicht über die Globalisierung schimpfen,
sondern die Chancen nutzen"
Interview mit Landrat Matthias Wilkes, Kreis
Bergstraße 
Matthias Wilkes, 1959 in Dortmund geboren, ist seit September
2003 Landrat des hessischen Landkreises Bergstraße. Nach seinem
Studium der Rechtswissenschaften war Wilkes für fünfzehn Jahre
bei der Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie tätig. 1991
wurde er zum Vorsitzenden des Stiftungsvorstands berufen. Seit 1995 ist er
Vorsitzender des Stiftungsrats. Vor der Wahl zum Landrat engagierte er sich
als Mitglied der CDU ehrenamtlich auf kommunalpolitischer Ebene.
"Talente,
Technologie und Toleranz" sind keine Fremdwörter für Wilkes.
Er hat auf seine ganz eigene Weise vorgemacht, wie effektives Tourismus-
und Standort-Marketing aussehen kann, und die indische Filmindustrie mit
einer Bollywood-Produktion an die idyllische Bergstraße geholt. Damit
will er Touristen aus Asien in die Region locken. Auch in der Schulpolitik
ist er neue Wege gegangen und hat in den letzten zwei Jahren den Anteil der
Hauptschüler ohne Schulabschluss von zehn auf zwei Prozent reduziert.
Das Handelsblatt untersucht in regelmäßigen Abständen
die Zukunftsfähigkeit Deutschlands auf Kreisebene. In Ihrer bisherigen
Amtszeit hat sich der Kreis Bergstraße um 51 Rangplätze
verbessert. Wie macht man das?
Wir haben erstens ganz klar auf das Thema Bildung gesetzt: Das
heißt, wir haben ein riesiges Schulbauprogramm aufgelegt, um die
Schulen in Ordnung zu bringen. Wir brauchen Infrastruktur, um den
Ganztagsbetrieb überall zu leisten. Durch das "Bergsträßer
Modell" bleiben die rund 140 Millionen Euro, die wir dafür in
fünf Jahren ausgeben derzeit zu rund 80 Prozent in der Region. Wir
versuchen, mit beschränkten Ausschreibungen die Handwerker vor Ort ins
Geschäft zu bringen. Dadurch entsteht ein Wirtschaftskreislauf in der
Region von Bildung bis zu Arbeit und Einkommen. Zweitens ist uns in den
Verhandlungen um die Metropolregionen Deutschlands gelungen, als einziger
Kreis Mitglied von zwei europäischen Metropolregionen zu werden:
Rhein-Main und Rhein-Neckar. Wir nutzen diese beiden großen
Ballungsräume, koppeln uns an und nehmen damit auch an deren
wirtschaftlicher Entwicklung teil.
Sie haben sich auch insbesondere im Bereich der Hauptschulen
engagiert.
Wir müssen für jeden Schüler sicherstellen, dass er seinen
Schulabschluss schafft. Schüler, die ohne Abschluss die Schule
verlassen, sind junge Menschen, die am Arbeitsmarkt keine Perspektive
haben. Damit sind sie auf Dauer auf die Fürsorge des Sozialstaats
angewiesen, mit allen weiteren Folgen, Problemen und Fehlentwicklungen, die
die Gesellschaft belasten und viel, viel Geld kosten. Deswegen kommt es
darauf an, die Förderung der Schule so zu organisieren, dass diese
Schüler alle den Schulabschluss schaffen. Die Lehrer wissen bereits
zwei Jahre vor dem Abschluss, wer es nicht schaffen wird. Diese
Schüler kommen in "Schubklassen" mit nur zwölf Schülern und
werden zusätzlich von einem Sozialpädagogen begleitet. Im ersten
Durchlauf haben von den 62 Schülern, von denen man vorher annahm, dass
sie es nicht schaffen würden, 60 ihren Abschluss gemacht. Das ist eine
Erfolgsquote, die sich ohne weiteres auf Deutschland übertragen
ließe.
Sie sind bekannt dafür, dass Sie die indische Filmindustrie an die
Bergstraße geholt haben? Wie kommt man auf so eine Idee?
Wir sind eine Region, die für Touristen attraktiv ist und die in der
Nähe des Frankfurter Flughafens liegt. Mit den kleinen
Fachwerkstädtchen und der schönen Naturlandschaft lag es nahe,
sich für die indische Filmindustrie als Kulisse anzubieten. Vor zwei
Jahren haben wir über einen Tag hinweg elf Produzenten aus Bombay
unsere Region so engagiert vorgestellt, dass drei Monate später der
erste Bollywood-Film dort gedreht wurde. Der erste, der in Deutschland
überhaupt produziert wurde und der dann seine Premiere in einem Kino
in Deutschland an der Bergstraße hatte, mit einem riesigen
Medienaufgebot. Das heißt, wir haben nicht nur Grundlagen geschaffen,
um Touristen aus Indien diese schöne Region vorzustellen, sondern
gleichzeitig auch innerhalb Deutschlands ein hervorragendes Beispiel
für erfolgreiches Standort-Marketing abgegeben.
Brünhilde und Bollywood, wie passt das zusammen? Wie reagieren die
Bergsträßer auf das etwas andere Kulturprogramm?
Das passt ganz hervorragend zusammen. Wir sind das Land der Nibelungen.
Die Nibelungen sind von Worms aus in den Odenwald gezogen. Die
Nibelungensage ist eine der wenigen deutschen Sagen, die international
bekannt ist, nicht zuletzt durch Richard Wagner und seine Opern. Wenn man
in Goethe-Instituten deutsch lernt, ist die Nibelungensage immer ein Thema,
und es war tatsächlich so, dass ich den elf Filmproduzenten bei der
Begrüßung auf Schloss Auerbach in romantischem mittelalterlichen
Flair erzählt habe, dass Siegfried hier erschlagen wurde und die Story
hier gespielt hat.
Viele der regionalen Vorteile treffen auch auf den benachbarten
Odenwaldkreis zu. Trotzdem bleibt dieser im Zukunftsatlas des Handelsblatts
um 210 Rangplätze hinter dem Kreis Bergstraße zurück. Woran
liegt das?
Der Odenwaldkreis hat natürlich Nachteile, weil er etwas weiter von
den Ballungsräumen, von den Autobahnen und von der Schiene entfernt
ist. Aber die Öffnung für kreative Lösungen muss hier noch
mehr eine Rolle spielen. Je weiter Sie in die Provinz gehen, desto mehr
finden Sie althergebrachte Verhaltensweisen auch in der Politik. Ich habe
den Vorteil gehabt, als Quereinsteiger in die Politik zu wechseln und damit
Dinge in Frage zu stellen und mit ganz neuen Ideen aufzuwarten, die
für langjährige Verwaltungsleute völlig ungewohnt waren. Es
lohnt sich, ein bisschen die Berufe zu durchmischen, mal einen Wechsel von
der Politik in etwas anderes und umgekehrt zu wagen.
Während die wirtschaftliche Entwicklung auf Kreisebene
überregionale Anerkennung findet, bezeichneten benachbarte
Landräte Sie schon mal als "Totengräber der Region".
Warum?
Auch da gab es althergebrachte regionalpolitische Vorstellungen. Wir
hatten in Südhessen die Region Starkenburg. Das waren die fünf
südhessischen Gebietskörperschaften, vier Landkreise und die
Stadt Darmstadt. Die Bund-Länder-Kommission für Raumordnung hat
elf europäische Metropolregionen festgelegt. Das sind Regionen, die
für die Globalisierung stehen, die eine bestimmte Größe
haben, eine kompakte Zusammensetzung und Infrastruktur, wie den Frankfurter
Flughafen, der in Südhessen außerhalb dieser Region Starkenburg
gelegen war. Ohne so einen internationalen Flughafen ist man keine
Metropolregion. Die regionalpolitische Landkarte stimmte nicht. Deshalb
haben wir das überwunden. Jetzt wird sich selbst die SPD in diesem
Jahr noch aus dem regionalpolitischen Projekt Starkenburg
zurückziehen. Die Einsicht kam etwas später. Insoweit war das
Totengräberattribut eigentlich im Nachhinein eher ein Kompliment
für mich.
Neben Technologien und Talenten spielt auch Toleranz eine zentrale
Rolle für das Zukunftspotenzial einer Region. Der Verfassungsschutz
weist daraufhin, dass sich im Kreis Bergstraße in den letzten Jahren
zunehmend rechtsextreme Strukturen verfestigt haben. Inwiefern sehen Sie in
dieser Entwicklung eine Gefahr für den wirtschaftlichen
Aufschwung?
Das ist leider ein Phänomen, das wir überall haben. Wir erleben
immer mehr, dass auch rechtsextreme Parteien erfolgreich sind und bis in
die Landtage kommen. Wenn man sich anguckt, wo die Klientel herkommt, sind
das gerade die, die wir mit erfolgreichen Schulabschlüssen in Zukunft
in eine andere Richtung bringen wollen. Das sind meistens junge Menschen,
die keinen Erfolg haben, die sich nach den alten rechtsextremen
Verhaltensmustern dann anderen "Starken" anschließen. Sie suchen und
finden in der Gemeinschaft die Anerkennung, die sie in unserer
Gesellschaft, im schulischen System und auch im Ausbildungssystem nicht
mehr bekommen, weil sie dort als Verlierer abgestempelt sind. Ich bin ganz
sicher, wenn es im Kreis Bergstraße keine Hauptschüler mehr
gibt, die ohne Schulabschluss die Schule verlassen, dann wird auch das
Potenzial für rechtsradikale Rattenfänger kleiner werden.
Also indirekte Prävention durch Bildung. Gibt es auch konkrete
Maßnahmen, mit denen Sie dieses Problem direkt angehen?
Wir stehen mit dem Staatsschutz im Kontakt und mit der Polizei. Wir machen
ständig Angebote in den Schulen, um die Lehrer über
rechtsradikale Tendenzen, über Liedgut und Songs zu informieren. Die
entsprechenden Symbole und Zeichen sind für Erwachsene teilweise gar
nicht als solche zu erkennen. Da ist sehr viel Aufklärung notwendig,
die auch geleistet wird. Das Wichtige ist, die Ursache, anzugehen und die
liegt in der persönlichen Entwicklung eines Menschen. Wenn die positiv
ist, wenn man Ziele hat, dann ist man weitgehend immun gegen solche
Einflüsse.
Was sind Ihre nächsten Projekte? Auf welche Überraschungen
muss man sich in der näheren Zukunft an der Bergstraße
einstellen?
Es wird noch in diesem Monat ein großes Forum geben, mit dem das
Thema der Schubklassen in der ganzen Region öffentlich vorgestellt
wird. Wir werden vorschlagen, dieses Modell flächendeckend für
alle Hauptschulklassen einzuführen. Die sozialpädagogische
Unterstützung, die kleineren Klassen und die frühe Verzahnung mit
Arbeit und Beruf sind für die Frage, ob die Hauptschule eine Zukunft
hat, die richtige Antwort. Wir sind in Hessen jetzt drei Monate vor der
Landtagswahl. Ich möchte die Parteien alle dazu animieren, sich auf
diese Frage einzulassen. Wir brauchen die Schubklasse, aber wir brauchen
dann auch von der Politik die Botschaft, dass man entsprechende
Lehrerstellen zur Verfügung stellt. Es wird auch in Zukunft weitere
Projekte geben. Man darf nichts überstürzen, wir haben eine ganze
Reihe von Baustellen aufgemacht, und die müssen noch weiter bearbeitet
werden. Ich freue mich jetzt erst mal auf die zwei nächsten
Filmproduktionen aus Bollywood.
Das Interview führte Sarah Ganter.
Nachdruck unter Quellenangabe (Sarah Ganter / Berlin-Institut)
erlaubt.
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