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Rein oder raus?
Im Einwanderungsland Argentinien nimmt die
Auswanderung zu Zu den nationalen Stereotypen
Argentiniens gehört der Tango. Das Bandoneón, das
Musikinstrument, das ihn verkörpert, stammt aus Deutschland. Seine
berühmteste Stimme, der Sänger Carlos Gardel, aus Frankreich.
Argentinien, das 1816 seine Unabhängigkeit von der spanischen Krone
erklärte, ist nach den USA das zweitgrößte
Einwanderungsland der Welt.
Allerdings gilt das erst für die Zeit seit Mitte des 19.
Jahrhunderts. Vorher war das Land, das sich auf 2,8 Millionen
Quadratkilometer Fläche erstreckt und wo heute 40 Millionen leben, von
nur etwa einer Million Menschen besiedelt. Über zwei Drittel von ihnen
waren Nachfahren verschiedener Indianerstämme, knapp zehn Prozent
stammten von im 17. und 18. Jahrhundert von Franzosen und Engländern
ins Land gebrachten afrikanischen Sklaven ab. Den übrigen Teil der
Bewohner stellten die Nachkommen der Spanier sowie anderer Einwanderer, die
sich mit der indigenen Bevölkerung vermischten. Gleichzeitig wurden
die indianischen Ureinwohner und die Nachkommen der Inkas von den neuen
Herren bekämpft, bis sie am Ende des 19. Jahrhunderts kaum noch
Überlebende gab.
Die Verfassung von 1853 rief explizit dazu auf, die Immigration aus Europa
zu fördern. Seit den 1880er Jahren kamen jährlich tausende, in
Rekordzeiten hunderttausende von Einwanderern. Ende des 19. Jahrhunderts
bestand die drei Millionen Menschen zählende Bevölkerung zu einem
Drittel aus Ausländern. Ein Jahrhundert später hatten bereits
sechs Millionen Menschen den Weg aus Europa über den Atlantischen
Ozean nach Argentinien und dort eine neue Heimat gefunden.
Ökonomische und politische Krisen wie Bismarcks Sozialistengesetze in
Deutschland oder die Judenpogrome in Russland sowie der
nationalsozialistische Terror und der Antisemitismus in vielen Ländern
Europas trieben zu verschiedenen Zeiten viele Menschen in die Flucht nach
Argentinien. Nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg gab es
besonders große Auswanderungswellen, und Argentinien nahm nach den
Juden auch viele ihrer prominenten Verfolger und deren weniger prominente
Unterstützer auf.
Die größte Bevölkerungsgruppe stellten bis Mitte des 20.
Jahrhunderts die Nachfahren der Italiener. Ihnen folgen in einigem Abstand
die der Spanier. Gemeinsam und nach vielen Generationen gemischt bilden sie
60 Prozent der Einwanderer. Spaniens Einwohner selbst kamen bereits aus
verschiedenen Volksgruppen, die wie die übrigen Immigranten -
Franzosen, Iren, Engländer, Waliser, Deutsche, Schweizer, Armenier,
Libanesen oder Syrer - wiederum ihre Kultur mitbrachten.
Seit den 1950er Jahren nahm die Zahl der Zuwanderer aus Europa ab.
Dafür verstärkte sich die Immigration aus den Nachbarländern
Chile, Bolivien, Paraguay und Uruguay. Wegen des höheren Lohnniveaus
kamen in den neunziger Jahren auch Brasilianer, Peruaner und Asiaten, vor
allem Koreaner und Taiwanesen, die in der Bekleidungsindustrie Arbeit
fanden, sowie Russen und Ukrainer. Einige von ihnen nutzen inzwischen
Argentinien als Transitland auf dem Weg in die USA.
Immigranten in Argentinien 
Zwei Drittel der Einwanderer in Argentinien stammen aus den
südamerikanischen Nachbarländern (Datengrundlage: CIA World
Factbook 2000-2007).
Heute leben in dem Staat rund 40 Millionen Einwohner, knapp ein Drittel
davon - 11,5 Millionen Menschen - im Großraum der Hauptstadt Buenos
Aires. Dessen Kern, das "microcentro", das nahtlos an die Vorstädte
anschließt, hat allein knapp drei Millionen Einwohner. Im
Durchschnitt leben in Argentinien 14 Einwohner auf einem Quadratkilometer -
in Deutschland sind es 231, im Großraum Buenos Aires allerdings
2.989.
Laut Angaben des Instituto Nacional de Estadística y Censos (INDEC)
hat sich die Wirtschaft in den letzten Jahren von der ökonomischen und
sozialen Krise erholt. Diese hatte um 2001 einen Höhepunkt erreicht:
Argentinien war zahlungsunfähig, seine Auslandsschulden hatten sich
seit 1983 auf 180 Milliarden Dollar vervierfacht. Der
Welt-Gesundheits-Organisation WHO zufolge lebten beinahe 60 Prozent der
Bevölkerung unter der Armutsgrenze, 20 Prozent in absoluter Armut.
Vier Millionen Menschen waren vom Hunger bedroht, in einigen Provinzen
schlug sich die Mangelernährung der Kinder bereits in deren
Körpergröße nieder, die Mittelschicht verarmte zunehmend.
Bei einer Umfrage im Jahr 2002 gab ein Drittel der argentinischen
Bevölkerung an, sie würde das Land verlassen, wenn sie die
Möglichkeit hätte. Die größte Gruppe stellen dabei die
30- bis 40-Jährigen. Laut der nationalen Migrationsbehörde sind
zwischen Januar 2001 und Januar 2002 rund 1,8 Millionen Menschen
ausgereist, rund 86.000 sind nicht zurückgekehrt.
Bis 2005 hatten schätzungsweise 300.000 Argentinier das Land
verlassen - nicht einmal während der Militärdiktatur hatte es so
viele Auswanderer gegeben. Insbesondere die Mittelschicht, denen eine
Zukunftsperspektive fehlt, geht nach Europa - dahin, woher ihre Vorfahren
gekommen waren. Bevorzugte Ziele bilden vor allem Spanien und Italien sowie
die USA, wo die Argentinier mehr verdienen als in ihrer Heimat, selbst wenn
sie unter ihrem Qualifikationsniveau arbeiten. Laut einer Hochrechnung der
Universität von Morón besaßen 40 Prozent der Auswanderer,
die Argentinien bis zur Wahl Néstor Kirchners verlassen haben, einen
Hochschulabschluss - und ihr Fehlen bedeutete für Argentinien einen
herben ökonomischen und intellektuellen Verlust.
Der Wanderungssaldo ist aber immer noch positiv. Bis in die achtziger
Jahre wies Argentinien eine relativ hohe Nettoimmigrationsrate auf. Die
niedrigen Arbeitslosigkeitsraten der Immigranten zeigen, dass Argentinien
einen hohen Bedarf an ungelernten, billigen Arbeitskräften hat, die
überwiegend aus den südamerikanischen Nachbarstaaten ins Land
kommen. Während die Argentinier aus den ländlichen Gegenden in
die Städte drängen, rücken die Immigranten nach und
übernehmen die landwirtschaftlichen Tätigkeiten in den Provinzen.
Seit dem Amtsantritt Néstor Kirchners im Mai 2003 wächst die
Wirtschaft im Durchschnitt jährlich um acht Prozent, Argentinien hat
einen Haushaltsüberschuss und die Zentralbank verfügt über
Reserven in Höhe von 50 Milliarden Dollar. Die Arbeitslosigkeit ist
von 25 auf neun Prozent gesunken.
Der Anteil der Armen liegt nach offiziellen Angaben nicht mehr bei 45,
sondern bei 25 Prozent. Kriminalität, Korruption und Energiemangel
hemmen jedoch den Aufschwung. Die Wahl von Cristina Fernández de
Kirchner im Oktober 2007 zur neuen Präsidentin deutet auf die Hoffnung
großer Teile der Bevölkerung auf eine Fortsetzung der
Stabilisierung hin. Von dieser hängt ab, ob Argentinien künftig
mehr Zu- oder mehr Abwanderung zu erwarten hat - gegenwärtig
überwiegt die Zuwanderung.
Literatur / Links:
Peter Birle / Sandra Carreras (Hg.): Argentinien nach zehn Jahren Menem.
Wandel und Kontinuität. Frankfurt am Main 2002.
CIA
World Factbook Argentina
Marcus
Engler: Lateinamerika: Neue Auswanderungswelle. In: Migration und
Bevölkerung 5 (Juni 2002)
Instituto Nacional de
Estadística y Censos Argentina (INDEC)
Maia
Jachimowicz: Argentina: A New Era of Migration and Migration Policy. In:
Migration Information Source, Februar 2006
Antje
Krüger: Wenn die Einwanderer wieder gehen. In:
Lateinamerikanachrichten 354, Dezember 2003
Editorial:
Asimetrías sociales pendientes. In: La Nación,
26.11.2007.
Population
Reference Bureau (2007): 2007 Population Data Sheet. Washington.
Hubert Stadler / Roberto T. Alemann / Diana Maria Friz: Argentinien.
München 2002 (1995). 
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"Wir haben ein Erkenntnisproblem, nicht nur
ein Umsetzungsproblem"
Interview mit Prof. Norbert Walter, Deutsche Bank
Research 
Prof. Dr. rer. pol. Norbert Walter, geboren am 23.09.1944, ist
seit 1992 Geschäftsführer von Deutsche Bank Research und
Chefvolkswirt der Deutsche Bank Gruppe. Die Deutsche
Bank Research ist ein Forschungsinstitut mit Sitz in Frankfurt, das die
Entwicklungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Finanzmärkten
untersucht.
Die Gesellschaft altert. Das Verhältnis von Beitragszahlern und
Beitragsempfängern wird sich in Deutschland dramatisch verschieben.
Kann das heutige Umlagesystem der Sozialkassen in Zukunft noch
funktionieren?
Nein. Das Umlageverfahren sorgt zu allem Überfluss dafür, dass
die Anreize, die man ansonsten in einer eher marktwirtschaftlich
organisierten und auf Selbstverantwortung aufbauenden Gesellschaft
mobilisieren könnte, nicht mobilisiert werden. Ich votiere für
einen Umstieg in Richtung Kapitaldeckungsverfahren. Gleichzeitig
plädiere ich dafür, dass man als Älterer
teilzeitbeschäftigt bleibt und dass man als Junger möglichst
früh ins Erwerbsleben eintritt, damit man auch mehr Geld für den
zeitgleichen Konsum hat.
Sind die bisher vom Staat eingeleiteten Maßnahmen, beispielsweise
die Ausweitung der Erwerbstätigkeit bis zum Alter von 67 Jahren
ausreichend?
Ab 2029! Das ist völlig unzureichend. Selbst wenn unsere heutigen
Prognosen für die steigende Lebenserwartung zutreffend wären,
unterschätzen wir die Wirkung der Alterung auf
Produktivitätsfortschritte völlig. Ich erwarte außerdem,
dass die Lebenserwartung noch stärker steigen wird - auch wegen der
Ergebnisse von Biotechnologie und Genomforschung.
Weiß die Bevölkerung um diese Entwicklung?
Wir haben ein Erkenntnisproblem, nicht nur ein Umsetzungsproblem! Die
Bevölkerung ist nicht genügend vorbereitet, und sie ist mit
Sicherheit nicht bereit, das, was möglicherweise bei einer
größeren Gruppe bereits als Erkenntnis vorliegt, in Handeln
umzusetzen.
Sorgen die Deutschen in ausreichendem Maße für ihre private
Altersvorsorge vor?
Nein, obwohl in keinem Feld die Debatte auch nur annähernd soweit
ist, wie im Feld der Altersvorsorge. Die ökonomische Bedeutung eines
anderen Bereichs ist mindestens so groß: die der Gesundheit. Dort
sind die Erkenntnisdefizite um Meilen größer, und dort sind die
politischen Entscheidungen weit hinter denen, die man bei der
Altersversorgung bereits getroffen hat. Was wir bei der Pflegversicherung
jetzt gemacht haben, ist die Einleitung der nächsten Katastrophe.
Die Menschen müssen mehr für Krankheitsfälle und den
Ruhestand zurücklegen. Heißt das, sie werden mehr sparen?
Die bisherige Politik bedeutet eine Nicht-Nutzung aller Anreize und die
Nutzung aller Negativ-Anreize, denn wir sorgen dafür, dass die
Arbeitskosten erhöht werden, wenn wir gemäß derzeitigem
System größere Teile unserer Einkommen für Gesundheit,
für Krankenversicherung ausgeben. Das geht nicht. Wir sollten
stattdessen mehr arbeiten und die erarbeiteten und ersparten Mittel
intelligenter verwenden als bisher. Wir müssen in Zukunft auch
über internationale Anlagen nachdenken. Wenn Sie beispielsweise in
Immobilien eines "sterbenden" Volkes investieren, dann haben Sie mit
Zitronen gehandelt.
Wie sicher ist eine kapitalgedeckte Anlage? Wie sicher sind Immobilien
für diese Zwecke?
Wenn ich eine Wohnung in Görlitz erwerbe, dann sollte ich sie nur
für das eigene Wohnen erwerben. Wenn ich sterbe, braucht sie nicht
mehr viel wert zu sein. Sie sollte als Konsumgut konzipiert sein. Als
Investitionsgut im Sinne des Verkaufswertes wäre nur eine Investition
in einem Zuzugsgebiet sinnvoll, also etwa in Hamburg oder in München.
Ich kann mich für die Zukunft von Görlitz täuschen. Aber in
den letzten 13 Jahren hat die Bevölkerung von Görlitz um 30
Prozent abgenommen.
Wie sieht das denn aus mit den anderen Anlageformen, zum Beispiel mit
Pensionsfonds?
Ich kann zu Pensionsfonds keine Antwort geben, denn ihr kenne ihr
Portfolio nicht. Aber wir können uns überlegen, ob es richtig
ist, in staatliche Rentenpapiere zu investieren. Die Wahrscheinlichkeit,
dass die große Kapitalgewinne verzeichnen, ist nicht groß. Die
Verzinsung der japanischen Staatsanleihen beträgt jetzt 1,7
Prozent.
Also keine Alternative zu Immobilien?
Das ist eine Alternative, aber mit kleiner Rendite. Renditeerwartungen wie
in den 1980er Jahre von circa sieben Prozent sind unrealistisch. Ich habe
das Menetekel der japanischen Staatsanleihen zitiert, um deutlich zu
machen, was in anderen alternden Gesellschaften mit zehnjährigen
Staatspapieren und ihrer Verzinsung passieren kann. Um nennenswerte
Erträge zu erzielen, muss man in Beteiligungswerten investieren.
In Beteiligungen an Unternehmen über Aktien?
Ja. Wir haben in Deutschland allerdings zu wenige Aktiengesellschaften.
Wir haben zu viele GmbHs, und müssen in Zukunft über Formen
nachdenken, wie man in solche Rechtspersönlichkeiten investiert sein
kann. Private Beteiligungsgesellschaften (private equity) werden vermutlich
solche GmbHs in der nächsten Zeit erwerben. Dabei würde ich
raten, dass man Erfolgsgeschichten kauft, die einen internationalen Markt
im Visier haben, die nicht vom Schrumpfen der Bevölkerung negativ
betroffen sein werden. Ein Beteiligungswert an einer deutschen Firma kann
durchaus eine attraktive Orientierung sein, wenn deren Markt nicht
Deutschland, sondern die Welt ist.
Was für eine Rolle spielen die Schwellenländer im Hinblick
auf die individuelle private Vorsorge?
Die Märkte bergen hohe Risiken. Und wenn man sich beispielsweise in
red chips (Aktien von Firmen mit Geschäftssitz in Shanghai) einkauft,
bei denen große chinesische Investoren einen dominanten Einfluss
haben, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich dort um einen
transparenten Markt handelt, in dem wir ähnlich gut informiert sind
wie der strategische Investor aus China, nicht sehr groß. Es ist
nicht trivial, die Wachstumsstory von Schwellenländern in Rendite zu
übersetzen. Die makroökonomische Information, dass ein
Schwellenland ein attraktives Land ist, reicht nicht aus, um beispielsweise
bei Beteiligungswerten gute Erträge sicherzustellen. Ich rate daher
immer in diversifizierten und besser in indirekten Beteiligungen investiert
zu sein.
Was halten Sie generell von der Asset-Meltdown-Hypothese, die besagt,
dass die Menschen bis zum Alter von 50 Jahren viel sparen und dann langsam
das angesparte Vermögen aufzehren? Und was geschieht, wenn viele
Menschen gleichzeitig auf diese Idee kommen?
Eine solche Vorstellung ist idealtypisch und in der Empirie nicht zu
finden. Es gäbe aber Methoden mit denen man das präzise machen
könnte. "Umgekehrte Hypotheken" etwa, mit denen man sein Haus Schritt
für Schritt versilbert, und dieses am Ende des Lebens automatisch der
Firma gehört, die einem die regelmäßigen Zahlungen für
das Haus gegeben hat. Sie beziehen dann sozusagen eine Rente von dieser
Firma. Es ist interessant, dass die Menschen auch in Märkten, in denen
es solche reverse mortgages gibt, dieses Modell nicht annehmen - in den
USA. Die Menschen haben eine komplexere Nutzenfunktion als die, die ich
gerade idealtypisch beschrieben habe. Menschen wissen nicht, wann sie
sterben. Wir können daher nicht so genau planen, wann wir keinen
Besitz mehr haben sollten. Man könnte ja noch zehn Jahre länger
leben und wäre dann auf Sozialhilfe angewiesen. Außerdem gibt es
Menschen, die möchten etwas vererben. Es gibt Menschen, die wollen am
Ende ihres Lebens gesellschaftlich relevante Aufgaben fördern. Nie
wird so viel gestiftet und gespendet wie auf dem letzten Krankenbett. Wir
Menschen sind nicht einfach nur individuelle Nutzenmaximierer. Am Ende
bleibt in der Regel Vermögen übrig, und die Wahrscheinlichkeit,
dass man sozusagen eine negative Ersparnis hat, die das Vermögen bis
zum Ende des Lebens aufzehrt, ist eine Hypothese, die sich in der
Wirklichkeit nicht beweist.
Denken sie nicht, dass die große Gruppe der Baby-Boomer durch
ihren "kollektiven" Verkauf von Häusern, Aktien und anderer
Anlageprodukte die Preise drücken wird?
In der Periode, in der die Baby-Boomer in ihrer theoretisch höchsten
Sparphase waren, war in der Tat auch die Vermögens-Akkumulation ganz
besonders intensiv. Wenn die Baby-Boomer in ihre spätere Rentnerphase
kommen, wird die negative Sparquote auch besonders ausgeprägt sein.
Ich nehme an, dass die Richtung der Aussage vom Asset-Meltdown stimmt, aber
dass ihre Radikalität übertrieben ist. Auch im Jahre 2030 wird in
Europa die Summe der Finanzaktiva dem Wert nach immer noch wachsen. Die
Akkumulation wird die Dekumulation derer, die davon leben,
übersteigen.
Liegt das an den Schwellenländern?
Ja. Aber auch daran, dass wir zum Teil unsere Anlagen diversifizieren,
also an deren Wachstum mehr teilhaben. Dennoch: Die hohe Rendite, die es in
der Akkumulationsphase gab, werden wir nicht mehr erzielen.
Woran liegt das?
Irgendjemand muss ja die Mittel durch Arbeit und technischen Fortschritt
verdienen. Wir haben in Deutschland aber künftig bei der Arbeit
quantitativ eine kleinere Besetzung und qualitativ eine weniger gute
Besetzung.
Kann das ausgeglichen werden durch den technischen Fortschritt?
Natürlich müssen wir uns besonders um technischen Fortschritt
bemühen. Der ist jedoch abhängig von frisch ausgebildeten,
professionellen Arbeitskräften. Dort, wo die Arbeitskräfte
altern, wird auch der Kapitalstock alt. Diejenigen, die investieren
können, wo sie wollen, tun dies, wo sie die Arbeitskraft
möglichst modern ausgebildet finden - und das in großer Zahl.
Das heißt, sie sehen keine so rosige Zukunft für den
Wirtschaftsstandort Deutschland?
Ohne besondere Anstrengungen an vielen Fronten und an Fronten, die den
Deutschen derzeit ganz unwillkommen sind, nein. Ich denke hier an
Einwanderung, an selektive Einwanderung, insbesondere aber nicht allein von
qualifizierten Kräften. Wir müssen uns entweder um junge
Ägypter und junge Türken bemühen - oder wir werden genau an
dieser Stelle wenig Chance haben. Einwanderung kann man aber nicht ein- und
ausschalten. Es gibt ja viele Deutsche, die meinen, Menschen in den anderen
Ländern der Welt warten darauf, dass sie endlich hier hereingelassen
werden und strömen dann in großer Zahl. Dies ist eine kindlich
naive Vorstellung.
Hilft uns nicht die Qualifizierung im eigenen Land?
Weiterbildung ist ein wichtiger Punkt. Wir haben jetzt noch sehr viele
qualifizierte Ingenieure, die man nicht mit 63 in Rente gehen lassen darf -
die muss man bis 70 halten. Aber es macht keinen Sinn, wenn man denen nicht
noch einmal mit 60 eine neue und gute Ausbildung gibt. Wir geben nichts
für Weiterbildung von Älteren aus - das ist eine Katastrophe.
Woran liegt es, dass wir nicht so attraktiv für qualifizierte
Zuwanderer sind?
Das liegt an der Sprache, an der Offenheit des Landes und an den Steuern.
Wir bitten jeden, der hier herkommt, gleich voll zu partizipieren an
unseren Rentenzahlungen. Das bedeutet für den Durchschnittsverdiener,
der zu uns kommt, dass der immer gleich 50 Prozent von dem, was er
verdient, dem deutschen System zur Verfügung stellt.
Und das ist im internationalen Vergleich viel?
Ja. Wir sind wegen der hohen Markteinkommensbelastung - nicht attraktiv.
Ich erinnere mich an meinen vietnamesischen, in Amerika sozialisierten
Co-managing Director von Deutsche Bank Research in Frankfurt: Das erste,
was er zahlen musste, war der Solidaritätsbeitrag für die neuen
Bundesländer. Was hat der Vietnamese, der in Amerika ausgebildet
wurde, mit der Finanzierung der neuen Bundesländer zu tun?
Was können wir machen, um an die dringend erforderlichen
qualifizierten Zuwanderer zu kommen?
Wir müssten die Trampelpfade, die es nach Deutschland gibt, nutzen.
Ärzte, die zu uns kommen, sind oftmals Perser. Wir brauchen den Leuten
in Persien nicht zu erklären, dass es offenkundig eine
vernünftige Sache ist, in Deutschland Arzt zu werden. Wenn wir jetzt
versuchen, Mediziner aus Indonesien zu bekommen - das wäre um vieles
mühsamer. Die hätten kein Netzwerk, in das sie sich hier
einklinken könnten. Wir sollten also erkennen, wo wir schon hoch
geschätzt werden, etwa in Ägypten. Dort gibt es schon viele
deutsche Schulen. Daran muss man weiter bauen.
Was kann man außerdem noch machen, um das Erwerbspotenzial zu
steigern?
Mit fünf in die Schule, keine Ehrenrunden, also wirkliche
Patenschaften und Nachhilfe, Tutoren für die Begleitung von
denjenigen, die Schwäche zeigen, damit sie nicht hängen bleiben.
Zügige Beendigung von Studien, Wettbewerb und Studiengebühren,
damit wir keine Bummelei mehr haben.
Brauchen wir noch mehr Frauen im Erwerbsleben?
Wir sind ganz gut darin, junge Frauen zu beschäftigen. Wir sind aber
nicht gut in der Teilhabe der qualifizierten Mütter in Bezug auf
Stundenzahl, weil wir mit Krippen nichts am Hut haben, weil wir die anderen
Generationen für Betreuung nicht mit an Bord kriegen.
Was meinen Sie damit?
Großeltern könnten sich mehr um die Enkel kümmern - und
wir sollten Nannies akzeptieren lernen.
Kommende Generationen werden vielleicht in Zukunft höhere
Beiträge zu zahlen haben und mit einem riesigen Schuldenberg
konfrontiert sein. Wird das zu einer doppelten Belastung?
Diese Rechnung wird nicht aufgehen. Die Erhöhung der Beiträge
wird in Grenzen bleiben, und sie wird in Grenzen bleiben müssen.
Würden wir Alten glauben, dass wir die Gesetzgebung entsprechend
ändern könnten, weil wir die politische Mehrheit haben,
würden uns die Jungen durch Auswanderung aus dem System die Rechnung
präsentieren. Mit anderen Worten: Es wird nur dann die Bereitschaft zu
einem etwas höheren Beitrag geben, wenn die älteren Herrschaften
ihrerseits einen sichtbaren Beitrag zur Wertschöpfung leisten. Die
vierte Säule der Altersversorgung wird die Teilzeittätigkeit
sein. Und die Säule privater Altersvorsorge und betrieblicher
Altervorsorge wird größer werden.
Wie kommen wir in einer schrumpfenden Gesellschaft mit dem enormen
Staatsdefizit zurecht?
Die Debatte gibt es seit 1980, seit dem Hirtenwort der deutschen
Bischöfe. Dies war die erste Geißelung von Staatsschulden. Heute
ist es auch für Sozialdemokraten offenkundig vertretbar,
Staatsschulden zu problematisieren und als etwas zu formulieren, das
Generationengerechtigkeit dramatisch verletzt.
Wieso bauen wir die Schulden nicht so ab wie die USA in den
1990ern?
Schuldenabbau ist nicht das, was ich mir wünsche oder was ich
erwarte. Wir werden den Schuldenaufbau bremsen und am Ende überwinden
können. Ich nehme allerdings an, dass wir einen bestimmten
Schuldenstand absoluter Größe, wie wir ihn heute haben, kaum
unterschreiten. Jedoch vermute ich, dass die Zinsenlast darauf kleiner
wird. Die Zinsen werden langfristig sinken. Die USA der 1990er Jahre
besaßen einen doppelten Vorteil: Die Nachkriegs-Baby-Boomer waren
alle in der Steuerzahlperiode, und damals gab es hohe Steuereinnahmen auf
hohe Kapitalgewinne, die dann zu wunderbaren Steuereinnahmen unter Clinton
geführt haben. Reagan hatte die Gesetzgebung gemacht, Clinton hat die
Einnahmen eingefahren, wegen der schönen Kombination, die mit der
demografischen Entwicklung durchaus etwas zu tun hatte -
Kursgewinnsteigerungen bei vielen Vermögenswerten. Nicht nur bei
Aktien, sondern auch bei Immobilien.
Können sie uns abschließend noch einige
Handlungsempfehlungen mit auf den Weg geben - für die Gesellschaft,
die Bevölkerung, nicht so sehr für den Staat?
Die Bürgerlichen müssen endlich wieder zu dauerhaften
Partnerschaften fähig sein, damit sie Kinder bekommen können.
Wenn es irgendwie geht auch früher als in den letzten 20 Jahren. Wer
aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen erst mit 35 sein erstes Kind
bekommt, der wird nicht viele bekommen. Das ist aber nicht die Lösung
des Problems, über das wir die ganze Zeit gesprochen haben. Ein
solcher Schritt würde das Problem zwischen jetzt und dem Jahr 2030 nur
noch vergrößern, denn Kinder verursachen Kosten für die
Ausbildung und erfordern Betreuungszeit durch die junge Generation. Das
hieße, die Großeltern müssten noch länger arbeiten,
und wir müssten mehr Fremde ins Land bekommen, um die zusätzliche
Betreuungszeit der Eltern zu kompensieren. Wir müssten längere
Wochenarbeitszeiten akzeptieren, um die Betreuungszeit für die Kinder,
die wir zusätzlich haben wollen, zu leisten.
Das Interview führte Christian Kutzner.
Nachdruck unter Quellenangabe (Christian Kutzner / Berlin-Institut)
erlaubt. 
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