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Eine zweite Grüne Revolution für
Afrika
Der Kontinent könnte seine wachsende
Bevölkerung mit Reis versorgen, wenn es gelänge, die
Produktionskapazitäten der kleinbäuerlichen Landwirtschaft
auszuschöpfen Afrika südlich der Sahara
ist eine der letzten Weltgegenden, in denen die Fertilität, also die
durchschnittliche Kinderzahl je Frau im gebärfähigen Alter, noch
weit über dem Erhaltungsniveau von 2,1 liegt, bei dem die
Bevölkerungszahl stabil bleibt. Die Zahl der Menschen südlich der
Sahara wird sich demzufolge bis zum Jahr 2050 von heute 788 Millionen auf
dann 1,716 Milliarden mehr als verdoppeln. Allein um dieses Mehr an
Menschen zu ernähren, muss der Kontinent mehr Lebensmittel selbst
erzeugen.
Reis steht dabei an vorderster Stelle. Denn das weiße Korn ist seit
den 1970er Jahren auch in West- und Zentralafrika zum wichtigsten
Grundnahrungsmittel geworden, weil seine Zubereitung die Bewohner der sich
immer weiter ausdehnenden urbanen Ballungsräume weniger Zeit, Arbeit
und Brennstoff kostet als die traditionellen Getreide Hirse und Sorghum
oder andere Kohlehydratlieferanten wie Yamswurzeln und Maniok. Im Senegal
etwa hat sich die Nachfrage zwischen 1960 und 2000 verzehnfacht.
Noch wird Reis überwiegend in Asien angebaut. Die Produktion in den
afrikanischen Verbrauchernationen nimmt zu, die Nachfrage kann jedoch nur
durch Importe gestillt werden, die zudem oft von besserer Qualität
sind als Reis aus einheimischer Erzeugung. Allerdings hinkt auch die
globale Produktion mit einem jährlichen Wachstum von einem halben
Prozent deutlich hinter dem Gesamtbedarf her, der alljährlich um ein
Prozent zulegt.
Bevölkerungswachstum weltweit und in Afrika südlich der
Sahara 
Das Bevölkerungswachstum geht weltweit zurück -
allerdings unterschiedlich schnell. In Afrika südlich der Sahara sinkt
die Bevölkerungswachstumsrate erst seit der zweiten Hälfte der
1980er Jahre. Sie liegt heute immer noch deutlich über dem globalen
Durchschnitt.
Reisproduktion weltweit 
Innerhalb der letzten 45 Jahre ist die Reisproduktion
weltweit stark gewachsen - das ist auch ein Erfolg der ersten Grünen
Revolution.
Reisproduktion in Afrika südlich der Sahara 
Der Anteil Afrikas südlich der Sahara an der
weltweiten Reisproduktion stieg in den 1970er und 1980er Jahren sowie nach
der Jahrtausendwende, ist aber nach wie vor nur gering.
Mit der Verdoppelung des Reispreises sind jetzt Millionen Menschen, die
bisher schon rund die Hälfte ihres schmalen Einkommens für Essen
aufwandten, von Hunger und Armut bedroht. Die aktuelle Nahrungsmittelkrise
gefährdet nicht nur die erreichten Entwicklungsfortschritte, sondern
auch die Sicherheit der Region. Das haben die heftigen Proteste von Senegal
bis Madagaskar deutlich vor Augen geführt.
Während jedoch Asien infolge der Verstädterung kaum noch
zusätzliche Anbauflächen schaffen und die Erträge nur noch
mit unverhältnismäßigem Aufwand steigern kann, hat Afrika
bei beidem noch Reserven. Damit eröffnet sich womöglich eine
historische Chance: Der Kontinent könnte zum Schauplatz einer zweiten
"Grünen Revolution" werden.
Die erste Grüne Revolution hatte in den 1960er und 70er Jahren den
notorischen Hungersnöte der wachsenden Weltbevölkerung ein Ende
gesetzt. Von den Hochertragssorten, die in den damals neu gegründeten
landwirtschaftlichen Forschungseinrichtungen, vor allem am Internationalen
Reisforschungsinstitut IRRI auf den
Philippinen gezüchtet wurden, von den massiven
Flächenvergrößerungen, dem Ausbau der
Bewässerungssysteme und der Mechanisierung profitierte indessen vor
allem Asien. Afrika mit seiner weitgehend kleinbäuerlichen
Agrarproduktion hingegen blieb von den Neuerungen weitgehend
unberührt. Derweil fanden die Afrikaner dank der in Asien erzeugten
Überschüsse zunehmend Geschmack am Reis. Gerade auf die
afrikanischen Kleinbauern richten sich jetzt alle Hoffnungen: Sie leben und
arbeiten auf dem Lande, wo ohnehin die meisten Armen wohnen. Und wenn sie
entsprechende Kenntnisse und Technologien besäßen, könnten
sie die Produktivität ihrer Äcker gewaltig steigern.
Für Papa Abdoulaye Seck, den Generaldirektor des "Africa Rice Center" mit derzeitigem
Hauptsitz in Cotonou in Benin, eröffnet der hohe Reispreis eine
einmalige historische Chance: "Afrika könnte sich mit Reis selbst
versorgen", sagt Seck, wenn es seine brach liegenden Flächen und
Produktionskapazitäten ausschöpfe. Das Africa Rice Center, im
Jahre 1970 gegründet, hat den wichtigsten Bestandteil für die
afrikanische Agrarrevolution schon parat: "New Rice for Africa", kurz
Nerica, eine auf molekularbiologischem Wege, aber ohne artfremdes
Genmaterial erzeugte Kreuzung aus dem besonders ertragreichen Asiatischen
Reis (Oryza sativa) und dem sehr robusten endemischen Afrikanischen Reis
(Oryza glaberrima), der seit rund 3.500 Jahren im Westen des Kontinents
kultiviert wird. Nerica eignet sich besonders für den sogenannten
Regenfeldbau, wie er in West- und Zentralafrika überwiegend betrieben
wird, im Hochland ohne künstliche Bewässerung, sowie in
Feuchtgebieten und in Flussauen, wo die Felder geflutet werden können.
Einige Dutzend Sorten für unterschiedliche Standortbedingungen haben
die Wissenschafter in Cotonou inzwischen entwickelt. Nun ist der neue Reis
praktisch marktreif.
Nerica steht oft im Mittelpunkt, wenn jetzt allenthalben Koalitionen
geschmiedet, Programme und "Not-Initiativen" lanciert werden mit dem Ziel,
Afrikas Reisproduktion zu verdoppeln. Anschubhilfe leistet dabei, wie
schon bei der ersten Grünen Revolution, die amerikanische
Rockefeller-Stiftung. Zusammen mit der Bill-Gates-Stiftung hat sie 2006 die
"Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika" (AGRA) mit
Hauptquartier in Nairobi und dem früheren UN-Generalsekretär Kofi
Annan als Vorsitzendem gegründet. Die Allianz will "Hunderte von
Millionen Dollar" investieren, um die Produktivität der
kleinbäuerlichen Landwirtschaft zu erhöhen.
Angesichts der Krise fließt auch wieder Geld in die
landwirtschaftliche Forschung, die in den Zeiten des Überflusses
sträflich vernachlässigt wurde. So sind heute in Gebieten mit
intensiver Bewässerung salztolerante Reissorten gefragt, und der
Klimawandel erfordert Sorten, die Überschwemmungen oder Dürren
standhalten. Anfang dieses Jahres vermeldete das IRRI in Manila eine Spende
der Gates-Stiftung über fast 20 Millionen Dollar, mit denen das
Institut, in Zusammenarbeit mit dem Africa Rice Center, Sorten entwickeln
soll, die unter trockenen Bedingungen Höchstleistungen bringen.
Die Ausgangslage für die zweite Grüne Revolution ist allerdings
erheblich komplexer als bei der ersten. "Saatgut, Dünger und
Ausrüstung müssen günstiger werden", sagt Papa Seck vom
Africa Rice Center, "damit die Kleinbauern sie sich überhaupt leisten
können". Knowhow muss vermittelt, Infrastruktur, Logistik und
Vermarktungsketten müssen aufgebaut werden. Auch die politischen
Rahmenbedingungen müssen stimmen. So müssen die Preise für
die städtischen Verbraucher bezahlbar sein und trotzdem
Produktionsanreize für die Bauern bieten. Das
Bevölkerungswachstum muss sich verlangsamen und die Aids-Epidemie
eingedämmt werden.
Und natürlich dürfen sich die Anstrengungen nicht allein auf
Reis konzentrieren. Denn, so der AGRA-Vorsitzende Kofi Annan: "Der Reichtum
an unterschiedlichen Landschaften, Böden, Klimazonen und Kulturen hat
Afrika mit einer Vielfalt von Kulturpflanzen gesegnet. Die müssen wir
erhalten."
Literatur / Links
Africa Rice Center
Berlin-Institut
für Bevölkerung und Entwicklung (2008): Der Wert der Vielfalt.
Warum die Welternährung von der Biodiversität abhängt. In:
Demos 49, 23.04.2008
International Institute of Tropical
Agriculture
International Food Policy Research
Institute
International Rice Research Institute
Coalition launched
to double Africa's rice production. In: afrol News, 30. Mai 2008
L'Afrique pourrait être autosuffisante en riz. Interview mit Papa A.
Seck. In: La Dépêche, 25. April 2008 
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Viel gescholten - aber wirtschaftlich von
Nutzen: die Globalisierung
Belgien und Österreich sind die
Spitzenreiter beim Zusammenwachsen der Nationen und Systeme Belgien und Österreich sind gegenwärtig die am
stärksten globalisierten Länder der Welt, Deutschland erreicht
Rang elf. In den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten haben Bangladesch, Sri
Lanka und China den Grad ihrer Globalisierung am stärksten
erhöht. Dies ist das Ergebnis einer Studie der
"Konjunkturforschungsstelle der Eidgenössischen Technischen Hochschule
Zürich" (KOF). Dazu entwickelten die Schweizer Ökonomen einen
Index, der den Grad der Globalisierung in 122 Ländern der Erde
über den Zeitraum von 1970 bis 2005 vergleichbar macht.
Wie lässt sich Globalisierung messen?
Globalisierung heißt, dass Intensität und Reichweite
grenzüberschreitender Handlungen zunehmen - sei es in Wirtschaft,
Kultur und Politik. Im Bereich der Ökonomie bedeutet das mehr
internationalen Wettbewerb, weil Kapital und Arbeit hochgradig mobil
werden. Als soziale Globalisierung bezeichnet man die rasche, weltweite
Verbreitung von Informationen durch Massenmedien, die wachsende Vernetzung
von Menschen durch Computer und Internet, aber auch die Verbreitung
standardisierter Produkte. Die reine Distanz zwischen Handelspartnern oder
zusammenarbeiten Wissenschaftlern verliert so immer mehr an Bedeutung,
Konsumgewohnheiten und Wertesysteme gleichen sich an. Politisch bedeutet
Globalisierung auch die Entwicklung eines transnationalen politischen
Denkens und Handels, die Annäherung von Rechtsauffassungen und seine
Verkörperung durch internationale Organisationen.
Die Ökonomen der Eidgenössischen Technischen Hochschule
Zürich haben einen Index entwickelt, um den Grad der Globalisierung
und dessen Veränderung zu messen. Dazu wurden 24 Indikatoren definiert
und für 122 Länder der Erde für den Zeitraum von 1970 bis
2005 ermittelt. In die Messung der ökonomischen Globalisierung gehen
etwa der Anteil ausländischer Direktinvestitionen am
Bruttoinlandsprodukt, das Einkommen von im Ausland lebenden
Staatsbürgern oder die Höhe von Steuern auf internationalen
Handel ein. Zum sozialen Globalisierungsindex werden Indikatoren wie das
Volumen des internationalen Telefonverkehrs, die Zahl der Internet-Benutzer
oder die Zahl internationaler Touristen herangezogen. Die Dichte von
Mc-Donalds-Restaurants und Ikea-Möbelhäusern gibt Auskunft
über die Internationalisierung der Konsumgewohnheiten als Teil der
sozialen Globalisierung. Der Grad politischer Globalisierung eines Landes
wird bestimmt, indem die Anzahl ausländischer Botschaften,
Mitgliedschaften des Landes in Internationalen Organisationen und die
Beteiligung an Missionen des UN-Sicherheitsrates in einem Indikator
zusammengefasst werden.
Nach dem KOF-Index 2008 sind Österreich und Belgien die am
stärksten globalisierten Länder weltweit, gefolgt von Schweden,
Großbritannien und den Niederlanden. Deutschland erreicht Platz elf -
noch vor den USA (Platz 22). Am wenigsten globalisiert sind Myanmar, Ruanda
und Burundi. In Europa liegt der Balkanstaat Albanien ganz hinten - er
erreicht nur Rang 98 von 122 Staaten. Einige mittelosteuropäische
Staaten haben gegenüber den westeuropäischen Industrienationen
allerdings seit dem Fall des Eisernen Vorhangs rasch aufgeholt: Die
Tschechische Republik rangiert heute auf Platz 8, Polen folgt auf Rang 19,
noch vor der Slowakischen Republik (Rang 23) und Slowenien (Rang 30).
Zwischen 1970 und 2005 hat sich in allen Ländern der Grad der
Globalisierung erhöht. Weltweit am stärksten zugelegt hat der
Globalisierungsindex in Bangladesch. Auch wenn der südasiatische Staat
noch immer einen vergleichsweise geringen Globalisierungsgrad aufweist,
konnte er seinen Indexwert gegenüber 1970 mehr als verfünffachen.
Auch Sri Lanka, China, Benin und Ägypten haben große
Fortschritte im Globalisierungsgrad ihrer Gesellschaften gemacht. Innerhalb
Europas tat Rumänien den größten Sprung nach vorn.
In Deutschland hat sich die Globalisierung seit 1970 kontinuierlich
ausgeweitet. Zwischen 2001 und 2004 fiel das Land zwar gegenüber
anderen zurück, weil es in den Jahren der wirtschaftlichen Krise nur
wenig ausländischen Direktinvestitionen angelockt hat. Seit 2004 hat
Deutschland seine globale Position hingegen wieder verbessert.
Am wenigsten zugenommen hat der Indexwert in solchen Staaten, die schon
1970 vergleichsweise stark internationalisiert waren und wo entsprechend
nur wenig Steigerung möglich war: In Luxemburg, Norwegen oder Kanada
legte der Indexwert weniger als 30 Prozent zu. Umgekehrt gibt es auch
Länder, in denen sich der Globalisierungsgrad seit 35 Jahren von einem
niedrigen Niveau aus kaum verändert - etwa Barbados, Papua-Neuguinea,
Namibia und Botswana.
Weltweite Verflechtung: Index der Globalisierung 1970 
Weltweite Verflechtung: Index der Globalisierung
2005 
Weltweit hat die Globalisierung in den vergangenen 35
Jahren zugenommen. Belgien und Österreich sind heute die Spitzenreiter
im Globalisierungsindex. Zu den Ländern mit den größten
Globalisierungsfortschritten in den dreieinhalb Jahrzehnten seit 1970
gehören China, Sri Lanka, Benin, Ägypten und Bangladesch.
(Quelle: Dreher, Axel (2006):
Does Globalization Affect Growth? Evidence from a new Index of
Globalization, Applied Economics 38, 10: 1091-1110. Eidgenössische
Technische Hochschule Zürich).
Globalisierung beschleunigt wirtschaftliches Wachstum
Eine Abschottung vor der oft als unsozial gescholtenen Globalisierung
bringt Staaten keinen Vorteil. Wie der Ökonom Axel Dreher von der ETH
Zürich in einer Studie mit Hilfe des KOF-Globalisierungsindex
feststellt, erzielen Länder, deren Globalisierungsgrad zunimmt
deutlich höhere Wachstumsraten als solche, die sich nur langsam
international öffnen. Die weltweit ärmsten Länder sind jene,
die sich von der Weltwirtschaft isolieren und einen sehr geringen
Internationalisierungsgrad aufweisen. Allerdings ist Globalisierung allein
nicht ausreichend, um Armut in der Bevölkerung zu reduzieren. Dazu
sind auch politische Anstrengungen zur besseren Verteilung des Wohlstandes
nötig.
Literatur / Links
KOF Index of
Globalization
Dreher, Axel
(2006): Does Globalization Affect Growth? Applied Economics 38, 10:
1091-1110. 
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"Es gibt Probleme bei der Umsetzung der
Menschenrechte"
Interview mit Prof. Dr. Heiner
Bielefeldt 
Prof. Dr. Heiner Bielefeldt ist Direktor des Deutschen
Instituts für Menschenrechte in Berlin. Er lehrt seit 2000 Philosophie
an der Universität Bremen und ist seit 2007 Honorarprofessor an der
Juristischen Fakultät der Universität Bielefeld. Neben seiner
über 20-jährigen Arbeit in der universitären Forschung und
Lehre zu menschenrechtlichen Themen, verfügt er über
langjährige Erfahrungen im Bereich der praktischen
Menschenrechtsarbeit. Bielefeldt hat mehrere Bücher zu Fragen der
politischen Ethik und Rechtsphilosophie veröffentlicht. Im April 2008
ist sein Essay "Das Islambild in Deutschland. Zum öffentlichen Umgang
mit der Angst vor dem Islam" in 2. aktualisierter Auflage erschienen.
Sie betonen die Universalität der Menschenrechte und definieren
diese als die "gleichberechtigte Freiheit der Menschen, ihren je eigenen
Lebensweg zu finden, ihre eigene Meinung zu entwickeln und zu
äußern und nach ihren unterschiedlichen Überzeugungen zu
leben". Sehen Sie in der EU dieses Grundverständnis von
Menschenrechten durchgesetzt?
Dass der menschenrechtliche Universalismus nichts mit
Gleichförmigkeit zu tun hat, sondern im Gegenteil die Vielfalt der
Lebensformen, Lebenswege und Überzeugungen - auf der Grundlage echter
Chancengleichheit - bedeutet, ist in den Organen der EU grundsätzlich
anerkannt. Obwohl die EU-Grundrechtscharta noch nicht förmlich in
Kraft ist, spielen Menschenrechte im Selbstverständnis der EU-Organe
und vor allem auch in der Rechtssprechung des Europäischen
Gerichtshofs schon seit längerem eine zentrale Rolle. Gleichwohl gibt
es Probleme bei der Umsetzung der Menschenrechte - man denke etwa an den
Umgang mit Flüchtlingen an den Außengrenzen der EU. Dabei kommt
es leider immer wieder zu konkreten Menschenrechtsverstößen, und
darüber hinaus unterlaufen die EU und ihre Mitgliedstaaten
menschenrechtliche Verpflichtungen zum Teil systematisch und strukturell.
Welchen Gefahren ist die Achtung der Menschenrechte innerhalb der EU in
einer Zeit ausgesetzt, in der viele Regierungen die Bekämpfung des
globalen Terrorismus propagieren?
Die Bekämpfung des Terrorismus, deren Notwendigkeit ja niemand
bestreitet, hat auf nationaler und internationaler Ebene, auch auf der
Ebene der EU zu Einbrüchen bei menschenrechtlichen
Gewährleistungen geführt. Wenn Sicherheit zum alles
überragenden politischen Ziel erklärt wird, können
menschenrechtliche Standards unter die Räder geraten - womit
längerfristig übrigens auch rechtsstaatliche Transparenz,
Verantwortlichkeit staatlichen Handelns und sogar die recht verstandene
Sicherheit unterminiert werden. Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit
dem Datenschutz. Das vom Bundesverfassungsgericht vorerst gestoppte Gesetz
zur Datenvorratspeicherung, demgemäß ohne konkreten Anlass
zahlreiche Daten buchstäblich "auf Vorrat" gespeichert werden sollten,
geht ja bekanntlich auf eine EU-Richtlinie zurück.
In der Praxis müssen die Grenzen zwischen Achtung und Missachtung
der Menschenrechte immer wieder neu diskutiert werden - eine
Herausforderung für jede Gesellschaft. Wie läuft ein solcher
Prozess in der Verwaltungsmaschinerie der EU ab? Welche Schwierigkeiten
sehen Sie dabei?
Wo die Grenze verläuft zwischen menschenrechtlichen Geboten
beziehungsweise Verboten einerseits und administrativem Ermessen
andererseits, das bestimmen vor allem die Gerichte. Für die EU-Organe
- das heißt, Kommission, das Parlament sowie die Vertreter der
Mitgliedstaaten im Rat - zuständig ist der Europäische
Gerichtshof in Luxemburg, der sich in Menschenrechtsfragen wiederum an der
Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte
orientiert, der seinen Sitz in Straßburg hat und ein Organ des
Europarats ist.
Seit Anfang 2007 besteht eine EU-Grundrechteagentur. Welches sind ihre
wichtigsten Aufgaben?
Die EU-Grundrechteagentur hat vor allem Informations- und
Beratungsaufgaben. Sie sammelt und analysiert Informationen zu
menschenrechtlichen Themen wie Diskriminierung, Rassismus, Menschenhandel
oder Datenschutz und bereitet sie thematisch auf. Die Agentur untersucht
die Auswirkungen, die das Europarecht auf die Menschenrechte hat.
Grundsätzlich beschäftigt sie sich mit strukturellen Fragen,
nicht mit Einzelfällen, und unterscheidet sich damit
grundsätzlich von einem Gericht oder einer Ombudsinstitution. Was mit
ihrer Expertisen, ihren Studien und ihren Empfehlungen geschieht, liegt
nicht unmittelbar in ihrer Hand, sondern hängt vom politischen Willen
der EU-Organe - des Parlaments, des Rats und der Kommission - ab.
Natürlich können und sollen auch die nationalen Regierungen oder
Parlamente die Studien nutzen und Konsequenzen für ihre Politik daraus
ziehen. Angesichts des starken Einflusses, den die EU-Gesetzgebung auf die
Mitgliedsstaaten ausübt, ist es aber wichtig, eine Institution zu
haben, die vor allem die EU-Organe selbst und die von ihnen geleistete
Normsetzung und Politik unter dem Gesichtspunkt der Menschenrechte
systematisch beobachtet. Genau dies ist Aufgabe der EU-Grundrechteagentur.
Dem neuen Direktor, Morten Kjaerum, der das Amt am 1. Juni 2008 angetreten
hat, traue ich zu, dass er die Agentur auf einen guten Weg bringen und ihr
auch politischen Einfluss verschaffen wird.
Insbesondere in Bezug auf einen möglichen EU-Beitritt der
Türkei scheint es unterschiedliche Meinung zur Bedeutung der
Menschenrechte im Vergleich zu wirtschaftlichen oder
strategisch-politischen Interessen zu geben.
Da die Menschenrechte für das Selbstverständnis der EU
konstitutive Bedeutung haben, müssen alle Mitgliedsstaaten
menschenrechtliche Kriterien erfüllen; dies ist auch im Europarecht so
vorgegeben. Die Türkei, die in den letzten Jahren einige deutliche
Schübe in Richtung Liberalisierung erlebt hat, muss diesbezüglich
noch viel Arbeit leisten. So ist beispielsweise die jüngst
vorgenommene Reform jenes Strafrechtsparagraphen (zum Schutz des
Türkentums), mit dem in den letzten Jahren massive Beschränkungen
der Meinungs- und Pressefreiheit durchgesetzt worden sind, allenfalls
halbherzig ausgefallen und völlig unzureichend geblieben. Mir ist im
Übrigen wichtig, dass man bei der Frage einer künftigen
EU-Mitgliedschaft der Türkei die menschenrechtlichen Gesichtspunkte
nicht mit Vorstellungen einer bestimmten europäischen Kultur oder gar
"Leitkultur" vermischt. Die EU ist keineswegs ein exklusiver
"Christenclub", zu dem ein islamisch geprägtes Land die Türkei
von vornherein nicht gehören könnte, wie manche sagen.
Ganz aktuell ist die Verabschiedung der umstrittenen Richtlinien zur
Abschiebung illegaler Einwanderer aus der EU. Befürworter dieser
Richtlinien sehen die Rechte der illegalen Migranten gestärkt. Dagegen
kritisieren Gegner insbesondere, dass Länder mit weniger strikten
Abschieberegelungen nun eine Begründung haben, diese zu
verschärfen. Wo sehen Sie Stärken und Schwächen der neuen
Regelungen?
Die Richtlinien stellen Mindestnormen auf, die aus menschenrechtlicher
Sicht ganz und gar nicht befriedigen können - wenn man etwa an die
unter bestimmten Umständen bis zu 18 Monaten ausdehnbare Abschiebehaft
denkt. Zwar gehen die Richtlinien über die Standards einiger
EU-Staaten hinaus, in denen zum Teil überhaupt keine Begrenzung der
zeitlichen Dauer einer Abschiebehaft existieren. Zu fürchten ist
allerdings, dass sich nun alle auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen
werden.
Jedes Land in Europa hat eine unterschiedliche Vorstellung davon, wie
eine gelungene Integration aussehen sollte. Aus Perspektive der
Menschenrechte, was bedeutet für Sie eine gelungene
Integration?
Auch in der EU gibt es Grundlinien für eine kohärente gemeinsame
Integrationspolitik. Darin heißt es, dass Integration ein
wechselseitiger Prozess sei, in dem sich nicht nur die eingewanderten
Minderheiten für die Gesellschaften, sondern im Gegenzug auch die
Mehrheitsgesellschaften für die Migrantinnen und Migranten öffnen
müssen. Dies kann man denen entgegenhalten, die Integration als
einseitige Anpassungsleistung der Minderheiten fordern. Exklusionen schaden
im Übrigen nicht nur denjenigen, die davon unmittelbar betroffen sind,
sondern letztlich den europäischen Gesellschaften im Ganzen, die nur
als offene und lernbereite Gesellschaften zukunftsfähig sind.
Das Interview führte Franziska Woellert.
Nachdruck unter Quellenangabe (Franziska Woellert / Berlin-Institut)
erlaubt. 
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Hintergründe zum Klimawandel
Über hundert Karten und Schaubilder
veranschaulichen, warum Klimapolitik eine dringende Aufgabe der
Weltgemeinschaft ist Ein ungewohnter Anblick,
völlig verzerrt - das soll eine Weltkarte sein? Der neue Klimaatlas
von "Le monde diplomatique" ist voll von faszinierenden Grafiken. Eine
davon zeigt den ökologischen Fußabdruck aller Länder der
Erde. Also wie viel Fläche die Bevölkerung eines Landes für
all seinen Lebensstandard in Anspruch nimmt, von den Straßen
über die Landwirtschaft bis zum Abbau von Rohstoffen im eigenen Land
oder anderswo. Die USA, Europa und Japan erscheinen darauf aufgebläht
und übergewichtig, Südamerika dagegen abgemagert. Dem
afrikanischen Kontinent ist - von wenigen Ausnahmen abgesehen - seine Armut
und die damit verbundene Unterernährung anzusehen. Es ist nur das
Skelett eines Kontinents. Die Karte macht deutlich: Der
Flächenverbrauch pro Kopf ist in den einkommensstarken Ländern
sechsmal so hoch wie in den einkommensschwachen Ländern.
Umgekehrt leiden die armen Länder überproportional an den Folgen
der Erderwärmung, für die sie kaum verantwortlich sind:
Trockenheit und Überschwemmungen, Wüstenbildung und Zyklone
treffen damit obendrein diejenigen, die sich am wenigsten vor diesen
Naturkatastrophen schützen können und die von der Landwirtschaft
als Einkommensquelle und zur Ernährung weitaus abhängiger als die
reichen Nationen.
Der Atlas gliedert sich in zwei Teile: Der erste liefert Fakten zu den
Ursachen, Phänomenen und Folgen des Klimawandels, der zweite
Vorschläge, wie die Politik reagieren könnte - und müsste.
Wen man mit den Argumenten Gerechtigkeit und Solidarität nicht
überzeugen kann, der wird sich angesichts der wissenschaftlichen
Fakten kaum der Notwendigkeit eines veränderten Handelns entziehen
können. Und vielleicht hört er auf finanzielle Argumente: Der
britische Ökonom Nicholas Stern hat schon 2006 vorgerechnet, dass die
Umweltschäden, die insbesondere infolge der Klimaerwärmung
entstehen, Kosten in Höhe von fünf bis 20 Prozent der
Bruttosozialprodukte der Welt verursachen werden. Um den mittleren globalen
Temperaturanstieg auf maximal zwei Grad Celsius zu begrenzen, wären
dagegen nur Investitionen in Höhe von einem Prozent nötig.
Dieser Atlas der Globalisierung eignet sich hervorragend als
Nachschlagewerk, um einen schnellen Überblick über verschiedene
Aspekte des Klimawandels zu gewinnen, sei es etwa zu den CO2-Emissionen,
zum Verkehr, zur Wasserversorgung oder zum Artensterben. Die
Lösungsansätze, die das Klima-Spezial präsentiert, zeigen,
dass von den wohlhabenden Ländern keinesfalls nur Verzicht gefordert
ist: Eine Veränderung der Essgewohnheiten, der Energiepolitik, der
Mobilität oder des Wohnens kann vielmehr mit technischen Innovationen
verbunden sein, die unsere Lebensqualität verbessern. Ohnehin haben
wir langfristig keine andere Wahl.
Le monde
diplomatique: Atlas der Globalisierung spezial: Klima. Berlin 2008, 96 S.,
10 Euro. 
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In eigener Sache
Neu im Online-Handbuch Demografie "Weltbevölkerungswachstum
und Wald" von Reiner Klingholz
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Hinweis in eigener Sache:
Das Berlin-Institut für Bevölkerung und
Entwicklung ist eine Stiftung mit dem Zweck, Forschung zu demografischen
Veränderungen zu betreiben und das öffentliche Wissen über
gesellschaftliche Prozesse zu verbessern. Das unabhängige
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