| |
Die demografische Zukunft Europas
Eine neue Studie des Berlin-Instituts zeigt, wie
sich der alte Kontinent verändert und erneuert Wenig Nachwuchs, alternde Bevölkerungen und eine
zunehmende Zahl von Menschen aus anderen Ländern und Weltregionen
werden Europa in den nächsten Jahrzehnten nachhaltig verändern.
Die Weichen für diese Entwicklung wurden vor Jahrzehnten gestellt,
aber den Höhepunkt der Alterung werden die europäischen
Gesellschaften erst in 30 bis 40 Jahren erleben. Europas
Bevölkerungszahl dürfte kaum noch weiter zulegen und könnte
bald schon mit dem Schrumpfen beginnen.
Alle anderen Weltregionen hingegen, mit Ausnahme von Russland, wachsen
aufgrund hoher Kinderzahlen vorerst weiter. Doch selbst in Afrika und in
anderen wenig entwickelten Gebieten Asiens und Lateinamerikas altert die
Bevölkerung, und vielerorts sinken die Kinderzahlen je Frau. Der
demografische Wandel ist somit ein globales Phänomen, bei dem Europa
lediglich eine Vorreiterrolle spielt.
Wachsende Ungleichgewichte 
Auch wenn die Bevölkerung der EU derzeit noch
wächst - für ganz Europa stehen die Zeichen auf Schwund. Nur
Russland wird unter den großen Weltregionen stärker schrumpfen.
In beiden Gebieten liegen die Kinderzahlen deutlich unter dem Niveau, das
eine stabile Bevölkerungsentwicklung verspricht. Ganz anders
verläuft die Entwicklung in Europas "Hinterland", von Westasien
über den Nahen Osten bis nach Nordafrika. All diese Regionen wachsen
und bleiben zum Teil sehr viel jünger als die Bewohner des alten
Kontinents. Afrika dürfte sein demografisches Gewicht bis 2050
verdoppeln.
Aber wo zeigt der demografische Wandel am meisten Folgen? Weshalb ist die
Jugendarbeitslosigkeit in bestimmten Regionen besonders hoch? Wo ist das
Angebot an Arbeitsplätzen so schlecht, dass die Menschen abwandern?
Das Berlin-Institut hat die Zukunftsfähigkeit von 285
europäischen Regionen anhand von 24 Indikatoren analysiert und
bewertet. Eine Karte bildet die Ergebnisse farbig ab. Grün bedeutet
gute Aussichten, je roterrötlicher die Farbe, desto problematischer
wird es für die Gebiete. Schon auf den ersten Blick wird eine
deutliches Ost-West-, aber auch ein Nord-Süd-Gefälle deutlich.
Die vorliegende Studie bewertet die Zukunftsfähigkeit von 285
europäischen Regionen nach insgesamt 24 demografischen,
ökonomischen, sozialen und Umwelt-Indikatoren. Betrachtet werden alle
EU-Staaten sowie die Nicht-EU-Nationen Island, Norwegen und die Schweiz.
Die Vielfalt der in die Wertung einfließenden demografischen,
ökonomischen, sozialen und Umwelt-Daten sorgt für ein
differenziertes Bild: Es zählen nicht nur die Wirtschaftsleistung,
sondern zum Beispiel auch die Alterszusammensetzung der Bevölkerung,
der Beschäftigungsgrad von jungen Menschen, Frauen und Älteren,
die Investitionen in Forschung und Entwicklung, aber auch die Belastung der
Atmosphäre mit dem Klimagas Kohlendioxid. Von all diesen Faktoren
hängt die Zukunftsfähigkeit der Regionen ab.
Die Studie verdeutlicht die Folgen des demografischen Wandels und zeigt,
dass die einzelnen Staaten nicht nur sehr verschieden von den
Veränderungen betroffen sind, sondern auch ganz unterschiedlich mit
den Herausforderungen umgehen. Alle Staaten haben Probleme zu lösen.
Viele haben gute Ideen. Aber keiner hat eine Patentlösung. Das macht
Europa mit seinen vielen Kulturen und Befindlichkeiten zu einem Marktplatz
der Ideen, der Erfolge und Misserfolge, auf dem sich alle umschauen
sollten.
Die besten Bewertungen erhalten Regionen im Norden Europas, wo obendrein
viele Kinder geboren werden, allen voraus das kleine, ungemein wohlhabende
und hoch entwickelte Island. Vor allem die Hauptstädte Stockholm und
Oslo schneiden hervorragend ab. Die Schweiz findet sich mit sechs ihrer
sieben Regionen unter den ersten zehn Plätzen. All diese Gebiete
zeichnen sich durch eine relativ stabile demografische Struktur aus, durch
hohe Wertschöpfung, guten Bildungsstand und beeindruckende
Beschäftigungsquoten – auch bei älteren Menschen.
Vergleichsweise gut stehen darüber hinaus Irland und
Großbritannien da, die Benelux-Staaten, Frankreich, der südliche
Teil Deutschlands, Österreich und einige wenige nördliche Gebiete
in Italien und im Nordosten Spaniens.
Gesamtbewertung 
Am unteren Ende der Wertung finden sich durchwegs
entlegene, ländliche Regionen etwa in Süditalien oder
Griechenland, sowie vom radikalen Strukturwandel betroffene Gebiete in
Bulgarien, Rumänien und Polen. Sie sind von einem Bündel
negativer demografischer Erscheinungen betroffen: Von sehr niedrigen
Kinderzahlen, einer massiven Abwanderung junger Menschen und einer
entsprechend starken Überalterung der verbleibenden Bevölkerung.
Diese ist zudem sozial nicht sonderlich gut gestellt.
Beim Blick auf die Karte mit der Gesamtwertung wird ein deutliches
Ost-West-Gefälle sichtbar. Es zeigt, dass der Übergang von der
Staats- in die Marktwirtschaft längst noch nicht abgeschlossen ist.
Allerdings wird auch klar, was es bedeutet, Reformen möglichst
früh zu beginnen. So haben die baltischen Nationen, die sich als erste
von der Sowjetherrschaft losgesagt und gen Westeuropa orientiert hatten,
bereits zu den schwächeren westeuropäischen Regionen
aufgeschlossen. Ebenso Tschechien und Slowenien, die schon innerhalb des
Ostblocks relativ weit entwickelt waren und nach der Wende reformfreudig
ans Werk gingen. Andere Länder, die nach dem Fall des Eisernen
Vorhangs noch ein Jahrzehnt lang eine politische und wirtschaftliche Krise
erlebt haben, wie die neuen EU-Mitglieder Bulgarien und Rumänien,
hinken zwangsläufig hinterher.
Zusätzlich weisen viele Länder ein internes
Nord-Süd-Gefälle auf: Im Norden (Schweden, Finnland,
Großbritannien) sowie in Deutschland stehen die südlichen
Regionen innerhalb der Länder besser da. In Italien ist es umgekehrt.
In jedem Fall dürften dabei auch klimatische Gründe eine Rolle
spielen. Während in Skandinavien der hohe Norden besonders unwirtlich
ist, bietet der heiße Süden Italiens schwierigere Lebens- und
Arbeitsbedingungen als der gemäßigte Norden.
Generell finden sich die Erfolgsregionen Europas in einem ovalen Gebiet,
das sich von Stockholm und Oslo über London, Paris und den
alemannischen Raum mit der Schweiz und Süddeutschland bis ins
westliche Österreich erstreckt. Durch Deutschland verläuft nach
wie vor die alte Grenze zwischen den Systemen. Sie trennt den
hilfsbedürftigen Osten vom Westen, der seinerseits im Süden
deutlich besser abschneidet als im Norden. Trotz massiver Subventionen
für die neuen Bundesländer ist es dort bisher nicht gelungen, den
Anschluss an den Westen zu finden. Während in den meisten Ländern
die Hauptstadtregionen zu den dynamischsten und jüngsten gehören,
weil dort die großen Unternehmen angesiedelt sind, die immer wieder
junge Qualifizierte anlocken, schneiden Rom und erst recht Berlin
bestenfalls durchschnittlich ab. Tschechien und Slowenien, selbst die
Hauptstadtregionen von Ungarn und der Slowakei haben im Vergleich zu
Ostdeutschland bessere Zukunftschancen.
Nähere Informationen sowie Ansprechpartner für Fragen zur Studie
finden Sie hier.
Hier können Sie die
Studie bestellen.
 |
|
|
|
|