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Drohender Notstand im Land der
100-Jährigen
Wie kann Japan seinen Bedarf an
Pflegekräften decken? Im August 2008 hat
Japan ein neues Kapitel seiner Zuwanderungspolitik aufgeschlagen. Insgesamt
208 indonesische Kranken- und Altenpfleger kamen nach Japan, um in 98
Krankenhäusern und Pflegeheimen zu arbeiten. Internationale
Arbeitsmigration von Pflegekräften nach Japan ist ein Novum. Die
Richtlinien von Japans Zuwanderungspolitik sehen vor, dass nur hoch
qualifizierte Zuwanderer nach Japan kommen - und auch diese nur für
einen bestimmten Zeitraum. Die Überalterung der japanischen
Gesellschaft und die schrumpfende Erwerbsbevölkerung erfordern
allerdings weitaus mehr Zuwanderung.
Rasanter demografischer Wandel
Japan ist demografisch ein Land der Extreme: Die Geburtenrate ist mit 1,29
Kindern pro Frau eine der niedrigsten der Welt, die Lebenserwartung
für Männer (79 Jahre) und Frauen (86 Jahre) hingegen eine der
höchsten. Mehr als 36.000 Japaner sind über 100 Jahre alt. Nur
etwa 2,2 Millionen Menschen anderer Nationalitäten leben in Japan. Ihr
Anteil an Japans Gesamtbevölkerung von 127,8 Millionen beträgt
damit rund 1,7 Prozent. Im Vergleich zu anderen OECD-Staaten ist dies ein
äußerst geringer Wert.
Im Jahr 2005 verzeichnete Japan erstmals mehr Sterbefälle als
Geburten und Zuzüge. Wenn dieser demografische Trend anhält, wird
Japans Bevölkerung bis 2050 um etwa zwölf Prozent auf 100,5
Millionen Menschen schrumpfen. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung
wird dann über 64 Jahre alt sein; nur noch 10,8 Prozent unter 15
(NIPSSR 2006).
Immer weniger Japaner werden immer älter 
Japans Bevölkerung wird Prognosen zufolge in den
nächsten Jahrzehnten stark schrumpfen (Quelle: NIPSSR 2006). Dabei
wird sich die Altersstruktur verändern: Immer weniger Japaner im
erwerbsfähigen Alter müssen dann nicht nur die nachwachsende
Generation, sondern auch eine stetig steigende Zahl von älteren
Menschen versorgen.
Die ökonomische Herausforderung wird deutlich, betrachtet man Japans
Altersabhängigkeitsrate, also die Zahl der 15- bis 64-Jährigen im
Vergleich zu den über 64-Jährigen, die nach Berechnungen des
Nationalen Instituts für Forschung zu Bevölkerung und sozialer
Sicherheit innerhalb eines halben Jahrhunderts von 25,5 Prozent (2000) auf
66,5 Prozent (2050) steigen wird. Die Rate von Alten (über 64 Jahre)
zu Jungen (unter 15 Jahre) wird sich im gleichen Zeitraum nahezu
verdreifachen.
Der Pflegesektor verlangt eine neue Zuwanderungspolitik
Wie in keinem anderen Sektor werden in der Pflege bereits heute die
ökonomischen Auswirkungen des demografischen Wandels in Japan
spürbar: Je älter eine Bevölkerung ist, desto mehr Pflege
wird benötigt. Das japanische Gesundheitsministerium errechnete, dass
das individuelle Risiko, pflegebedürftig zu werden, alleine in der
Dekade zwischen dem 66. und 75. Lebensjahr um das Fünfzehnfache von
3,8 Prozent auf 24,1 Prozent steigt. Dazu kommt, dass seit der
Einführung der Pflegeversicherung in Japan die Zahl derer zunimmt, die
eine institutionelle Pflege der Betreuung innerhalb der Familie
vorziehen.
Schon heute leidet Japans Pflegesektor unter Personalmangel. Es gibt
doppelt so viele offene Stellen wie Bewerber. Nun sollen Arbeitskräfte
aus dem Ausland den Mangel an inländischem Pflegepersonal
kompensieren. Über bilaterale Wirtschaftsabkommen mit den Philippinen
(2006; noch nicht ratifiziert) und Indonesien (2007) öffnete Japan
seinen nationalen Arbeitsmarkt ein Stück weit der internationalen
Migration. In beiden Verträgen ist die Möglichkeit der
Arbeitsmigration von Kranken- und Altenpflegern nach Japan festgeschrieben:
bis zu 1.000 Personen pro Jahr und pro Nation. Nach spätestens vier
Jahren müssen sich die Pfleger der staatlichen Pflegeprüfung - in
japanischer Sprache - stellen. Wer besteht, darf weiterhin in Japan
arbeiten: Für indonesische Pfleger gilt dann eine unbeschränkte,
für philippinische eine mehrmals verlängerbare jedoch zeitlich
befristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Wer nicht besteht, muss
ausreisen.
Dass sich 2008, in der ersten Welle der Pflegemigration, weit weniger
indonesische Kandidaten für die in Japan ausgeschriebenen Stellen
beworben hatten, als im Kontingent der bilateralen Verträge
vorgesehen, mag mit der risikoreichen Zukunftsperspektive für die
Pflegemigranten zusammen hängen. Ebenso die noch ausstehende
Ratifizierung des Vertrags in den Philippinen. Nüchtern betrachtet
stellt gerade für philippinische Pflegekräfte Japan unter dem
gegebenen System von Arbeitsmigration keine attraktive Alternative zu einer
Migration in andere traditionelle Zielländer von Pflegemigration
dar.
Die Seite der japanischen Arbeitgeber begeistert sich ebenfalls nur
zögerlich für die Möglichkeit, offene Arbeitsplätze mit
indonesischen oder philippinischen Pflegekräften zu füllen. Dazu
kommt, dass strukturelle Rahmenbedingungen für Migration fehlen:
Bislang lediglich ad hoc in den betroffenen Kommunen geregelt, war zum
Beispiel der Begriff Integration lange kein Thema der nationalen Politik.
Erstmals wurde er im Jahr 2006 in einem Dokument als politisches Ziel des
Innenministeriums erwähnt. Aber darüber, was Integration
beinhalten soll, besteht derzeit kein Konsens. Japan ist damit schlecht
gerüstet um die ökonomischen Folgen eines durch demografische
Veränderungen hervorgerufenen Schrumpfens der Erwerbsbevölkerung
abzufedern.
Literatur / Links
Coulmas, Florian; Conrad, Harald; Schad-Seifert, Annette; Vogt, Gabriele
(Hg., 2008): The Demographic Challenge. A Handbook about Japan.
Leiden/Boston: Brill
DIJ
Japan
Times
MOJ, Ministry of Justice
NIPSSR, National
Institute for Population and Social Security Research (2006): Population
Statistics of Japan 2006
OECD, Organisation for Economic Co-Operation and Development (2007):
International Migration Outlook. SOPEMI 2007 Edition. Paris: OECD
Publications
UNPD,
United Nations Population Division (2000): Replacement Migration: Is it a
Solution to Declining and Ageing Populations?
Vogt, Gabriele:
Bevölkerungsentwicklung in Japan: Fokus Migration
Dieser Artikel ist ein Beitrag von Gabriele Vogt vom DIJ. 
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Hochqualifizierte Arbeitskräfte zieht es
in die Schweiz
Eine Studie der Zürcher Denkfabrik Avenir
Suisse sieht die Gründe dafür in einem Modernisierungsschub der
Wirtschaft und einer liberalen Migrationspolitik Zuwanderer machen rund ein Viertel der Schweizer
Bevölkerung aus. Damit liegt ihr Anteil etwa doppelt so hoch wie in
dem klassischen Zuwanderungsland USA. Zählt man die Angehörigen
der zweiten Generation hinzu, hat sogar ein Drittel der rund sieben
Millionen Menschen, die zwischen Bodensee und Genfersee leben, einen
Migrationshintergrund.
Ausländer in der Schweiz: Zuwanderungswellen 1941 bis
1980 
Ausländer in der Schweiz: Zuwanderungswellen 1981 bis
2006 
Während früher hauptsächlich
geringqualifizierte Arbeitskräfte kamen, von denen über die
Hälfte aus Nicht-EU-Mitgliedstaaten in Süd- und Südosteuropa
stammten, zieht die kleine Alpennation seit etwa zehn Jahren massiv gut
ausgebildete Köpfe aus den Ländern der Europäischen Union an
- der sie selbst nicht angehört.
Diesen Strukturbruch bei der Zuwanderung untersucht eine Studie von Avenir
Suisse, einer im Jahre 1999 von 14 international tätigen Schweizer
Unternehmen gestifteten Denkfabrik für soziale und ökonomische
Fragen. "Die Neue Zuwanderung - die Schweiz zwischen Brain-Gain und
Überfremdungsangst" ist dank ausführlicher Analysen,
Porträts, Gespräche und eines Fototeils 344 Seiten stark. Das
Werk erscheint am 2. Oktober im Zürcher NZZ Verlag.
Die deutsche Politik bemüht sich seit Jahren, durch
Bildungsinitiativen die Abwanderung von Wissenschaftlern, Ingenieuren und
Führungskräften ins Ausland zu bremsen und durch Projekte wie die
Green Card Hochqualifizierte etwa aus Asien nach Deutschland zu locken.
Bislang sind diese Anstrengungen aber weitgehend fruchtlos geblieben. In
der Schweiz hingegen haben 58 Prozent der seit Ende der 1990er Jahre
Zugewanderten einen tertiären Bildungsabschluss, also Hochschulbildung
- eine Quote, die doppelt so hoch liegt wie unter den Einheimischen. Und
während noch 1998 nur 20 Prozent der Migranten als Erwerbstätige
in die Schweiz kamen, waren es 2006 bereits 36 Prozent, die direkt vom
Arbeitsmarkt aufgesogen wurden und in die Sozialsysteme einzahlen.
Wachsende Erwerbsbevölkerung dank Zuwanderung 
Warum hat ausgerechnet die kleine Schweiz in dem auch von der
OECD gerade wieder einmal diagnostizierten Wettbewerb
um die Talente die Nase vorn? Nach der Analyse von Avenir Suisse
verdankt sich dies einem Zusammenspiel zwischen veränderter
Arbeitskräftenachfrage und einer Reform der Migrationspolitik.
Die Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt, die sich bereits Ende der 1990er
Jahre bemerkbar machten, gehen auf einen massiven Strukturwandel der
Schweizer Wirtschaft zurück: Statt die Verlagerung von
Arbeitsplätzen, die wenig Fertigkeiten erfordern, in
Niedriglohnländer zu beklagen, konzentrierten sich helvetische
Unternehmen zunehmend auf wissensintensive Tätigkeiten mit hoher
Wertschöpfung. Sie fanden damit eine günstige Nische in der
globalisierten Ökonomie, was sich in stattlichen Wachstumsraten
niederschlug. Dabei half den Firmen, dass sie auf Facharbeiter, Techniker
und Manager aus Nord- und Westeuropa wie auch aus den USA
zurückgreifen konnten. Und die kamen gerne, weil die Schweiz ihnen
attraktive Bedingungen bot: Neben guten Löhnen und einer hohen
Lebensqualität vor allem eine verwandte Kultur mit den drei
großen Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch sowie
gute Englischkenntnisse der Schweizer.
Integrationsprobleme kennen diese Ausländer kaum, das belegen die
vielen Interviews und Porträts in dem Buch. Die "Expats" schätzen
besonders das selbstverständliche Nebeneinander von Modernität
und Tradition, das etwa mit dem bayerischen Motto von "Laptop und
Lederhose" vergleichbar ist. Sanfte Ironie mischt sich nur dann in die
Schilderungen der Zuwanderer, wenn sie berichten, es falle ihnen nicht
schwer, auch den Müll ordentlich zu trennen und die
Waschküchenordnung einzuhalten.
Die Reform der Migrationspolitik, die dem Trend der neuen Zuwanderung
zusätzlichen Schub verlieh, geht ebenfalls auf einen Umdenkprozess
zurück: Jahrzehntelang hatte die Schweizer Politik versucht, die Zahl
der Zuwanderer durch zeitliche Begrenzungen wie etwa den Status des
"Saisonniers" zu kontrollieren. Diese Bemühungen wurden jedoch durch
den Familiennachzug unterlaufen und scheiterten letztlich, als infolge des
Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien Flüchtlinge in
großer Zahl ins Land strömten. Als Reaktion darauf wurden die
Ausländer- und Asylgesetze verschärft und gleichzeitig die
Einwanderung aus Ländern der Europäischen Union liberalisiert. So
gilt seit 2002 auch für das Nicht-EU-Mitglied Schweiz die
europäische Personenfreizügigkeit, die eine freie Wahl des
Arbeitsplatzes vom Nordkap bis nach Sizilien, von der Atlantikküste
bis zum Schwarzen Meer erlaubt.
Heute leisten Ausländer in der Schweiz 27 Prozent aller
Arbeitsstunden. 43 Prozent der Professoren und 60 Prozent der
Führungskräfte in den börsennotierten Schweizer Firmen haben
keinen Schweizer Pass. Auch wenn sich gegen diese vermeintliche
"Überfremdung" gelegentlich Ressentiments regen - die Bilanz der neuen
Zuwanderung fällt der Studie von Avenir Suisse zufolge deutlich
positiv aus: Sie ist ein Wachstumsmotor, sie steigert die
Arbeitsproduktivität und mehrt den Wohlstand.
Unter den neuen Zuwanderern sind viele Führungskräftze,
Akademiker und Techniker 
Einige Branchen sind besonders auf Ausländer
angewiesen 
Literatur / Links
Daniel
Müller-Jentsch/Avenir Suisse (Hg.): Die Neue Zuwanderung - die Schweiz
zwischen Brain-Gain und Überfremdungsangst. NZZ Libro, Zürich
2008.
OECD
(2008): The Global Competition for Talent: Mobility of the Highly Skilled.
Paris. 
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"Es gibt viele Gewinner und nur wenige
Verlierer der Neuen Zuwanderung"
Interview mit Dr. Daniel
Müller-Jentsch 
Der Herausgeber der Studie über die Neue Zuwanderung ist
in Deutschland aufgewachsen. Daniel Müller-Jentsch hat nach Studien in
London und Yale als Ökonom im Brüsseler Büro der Weltbank
gearbeitet, wurde berufsbegleitend an der Universität
Erlangen-Nürnberg promoviert und war als freier Berater tätig,
bevor er Anfang 2007 als Projektleiter zu Avenir Suisse kam.
Sie leben als hochqualifizierter Deutscher in der Schweiz. In der
Studie ist auch von Überfremdungs- und die Verteilungsängsten der
Schweizer die Rede. Merken Sie etwas davon?
Im Alltag bekommt man diese Ängste kaum zu spüren, aber man
liest davon in der Presse und auf subtile Weise prägt dies auch die
Atmosphäre. Ansonsten muss man jedoch sagen, dass die Schweiz ein
einwanderungsfreundliches Land ist. Die Zuwanderung Hochqualifizierter ist
in einigen Branchen und Regionen besonders stark ausgeprägt,
beispielsweise in Zürich oder Genf. Dort gibt es gewisse Reibungen. So
sind an einigen Krankenhäusern bereits die Hälfte aller
Ärzte Ausländer, ähnlich hoch ist der Anteil
nichtschweizerischer Professoren an den großen Universitäten.
Angesichts solcher Zahlen erstaunt es schon fast, wie wenig negative
Reaktionen es bisher gibt.
Ist den Schweizern klar, dass der Rest Europas sie um die Neue
Zuwanderung beneiden könnte?
Man ist sich der Tatsache bewusst, dass man von dieser Einwanderung
wirtschaftlich profitiert und dass man der Personenfreizügigkeit mit
der EU einen erheblichen Teil des jüngsten Aufschwungs zu verdanken
hat. Ich habe jedoch nicht den Eindruck, dass man sich diesbezüglich
mit anderen Ländern misst und diesen gegenüber privilegiert
fühlt. In Wirtschaftskreisen hingegen sieht man, dass dem Brain Gain
der Schweiz ein Brain Drain in anderen Ländern gegenübersteht.
Wie sieht es mit der Integration der Neuen Zuwanderer aus?
Wirtschaftlich sind diese Leute meist hervorragend integriert -
schließlich kommen sie in die Schweiz, weil man ihnen hier
Arbeitsplätze bietet. Im Gegensatz zu der niedrigqualifizierten
Einwanderung der letzten Jahrzehnte verursachen die neuen Zuwanderer auch
keine "klassischen" Integrationsprobleme - wie etwa in Form von
Ausländerkriminalität oder schulischen Defiziten der
Einwandererkinder. Dies ist wohl auch ein Grund, warum die Neue Zuwanderung
bisher relativ „unsichtbar“ geblieben ist. Auch sprachlich
fällt die Integration leicht, da ein erheblicher Anteil der neuen
Einwanderer eine der Schweizer Landessprachen beherrscht. Ein weiterer
Faktor, der die Integration begünstigt, ist die Tatsache, dass man in
der Schweiz von Einwanderern ein Mindestmaß an Anpassung einfordert.
Man könnte sagen, die Schweiz hat - anders als etwa Deutschland oder
Holland - nicht den Fehler gemacht, gewisse gesellschaftliche Essentials
verhandelbar zu machen.
Und was ist mit den "alten" Zuwanderern: Hat sich deren Situation durch
die "neuen" verschlechtert oder verbessert?
Nach der unterschichtenden Zuwanderung - die von den 1960ern bis in die
1990er Jahre dominierte - erlebt die Schweiz in letzter Zeit eine
überschichtende Zuwanderung. Zwischen den beiden Gruppen gibt es keine
direkten Verdrängungseffekte, zumal in der Schweiz weitgehend
Vollbeschäftigung herrscht. Was sich jedoch als Folge der Neuen
Zuwanderung abzeichnet, ist ein Anstieg der Lebenshaltungskosten,
insbesondere der Mieten, und das vor allem in den Ballungszentren
Zürich und Genf. Dies wirkt sich natürlich auch auf die bereits
vorhandene Wohnbevölkerung aus - ob dies nun Schweizer sind oder
Personen, die in früheren Zuwanderungswellen kamen.
Wo sehen Sie die Vorteile beziehungsweise Chancen, wo die Nachteile
respektive Gefahren der Neuen Zuwanderung für Gesellschaft und
wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz?
Die wirtschaftlichen Vorteile sind signifikant: Die Zuwanderung gut
ausgebildeter und talentierter Personen wirkt sich positiv auf
Wirtschaftswachstum, Innovationsfähigkeit und Staatsfinanzen aus.
Gleichzeitig zeigen unsere Analysen, dass es bisher kaum negative
Verteilungseffekte gab. Mit anderen Worten: Es gibt viele Gewinner und nur
wenige Verlierer der Neuen Zuwanderung. Der Lackmustest könnte
allerdings der nächste Konjunktureinbruch sein, wenn er denn kommt.
Außerdem kann es in einem kleinen, dichtbesiedelten Land bei starker
Nettozuwanderung durchaus zu gewissen Verknappungseffekten kommen. In den
letzten 20 Jahren ist die Bevölkerung der Schweiz um eine Million
angewachsen und dies führt teilweise zu negativen Begleiterscheinungen
wie etwa Verkehrsproblemen oder Landschaftszersiedelung. Aber insgesamt ist
die Kosten-Nutzen-Bilanz der Neuen Zuwanderung eindeutig positiv und einige
der unerwünschten Konsequenzen sind gewissermassen "Luxusprobleme".
Was könnte Deutschland in punkto Migrationspolitik von der Schweiz
lernen?
Erstens muss man von den Einwanderern eine klare Integrationsleistung
einfordern. Diesbezüglich gab es in Deutschland lange Zeit eine falsch
verstandene Toleranz, die zu großen Problemen geführt hat.
Zweitens muss man die migrationspolitischen Barrieren für gut
qualifizierte Einwanderer verringern. Hier war das kürzlich von der
Bundesregierung verabschiedete Maßnahmenpaket ein wichtiger Schritt.
Drittens - und das ist die vielleicht wichtigste Lektion - muss man seine
standortpolitischen Hausaufgaben machen. Die Einwanderung
Hochqualifizierter kann man nicht verordnen, sondern diesen Leuten muss man
ein entsprechendes Umfeld bieten - mit einer vertretbaren Steuer- und
Abgabenlast, guten Schulen und Krankenhäusern, niedrigen
Kriminalitätsraten sowie einer hohen Lebensqualität.
Bundesländer wie Bayern oder Hamburg zeigen hier den Weg. Dadurch
würde Deutschland nicht nur für qualifizierte Zuwanderer
attraktiver, sondern könnte auch seine eigenen ausgewanderten
Leistungsträger zurückholen.
Das Interview führte Sabine Sütterlin.
Nachdruck unter Quellenangabe (Sabine Sütterlin / Berlin-Institut)
erlaubt. 
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"Europa muss attraktivere Regelungen
anbieten"
Interview mit Jakob von
Weizsäcker 
Jakob von Weizsäcker ist Fellow bei Bruegel, dem
Brüsseler Think Tank. Er arbeitet zur EU-Migrationspolitik und hat den
Begriff der europäischen Blue Card für hochqualifizierte
Zuwanderer geprägt. Als Wirtschaftswissenschaftler begann er seine
Karriere am CES (Center for Economic Studies) in München, arbeitete
später im Bundesministerium für Wirtschaft sowie für die
Weltbank. Jakob von Weizsäcker ist verheiratet und hat drei Kinder.
Warum sind die Europäer wenig erfolgreich dabei, hochqualifizierte
Migranten anzulocken?
Das hat erstens mit Sprachproblemen zu tun. Die Sprache der
hochqualifizierten Migranten ist Englisch. Länder wie Deutschland und
Frankreich haben es deshalb schwerer als die USA, Kanada,
Großbritannien oder Irland.
Leider wird dieser Sachverhalt, und das ist ein zweiter wichtiger Grund,
politisch regelmäßig falsch interpretiert. Das Ausbleiben der
hochqualifizierten Einwanderer wird damit erklärt, dass Deutschland
die hochqualifizerten Zuwanderer gar nicht brauche. Genau dies ist uns bei
der deutschen Green-Card-Debatte passiert. Da hat man mit erheblichem
politischen Aufwand ein neues System geschaffen, um qualifizierte
Einwanderer ins Land zu locken. Aber das Angebot war nicht attraktiv genug,
um Deutschlands Sprachnachteil wett zu machen. Es kamen weniger Zuwanderer
als geplant.
Migranten bevorzugen Länder wie die USA oder Kanada. Was kann
Europa tun, um das zu ändern?
Um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, muss man
attraktivere Regelungen anbieten als die anderen. Das gilt für die
Dauer der Arbeitserlaubnis, aber auch für deren innereuropäische
Übertragbarkeit. Außerdem ist eine englischsprachige
Schulinfrastruktur wichtig. Die gibt es in vielen Hauptstädten. Aber
in einer Stadt wie Dortmund ist das englischsprachige Schulangebot
dürftig.
Die Möglichkeit für Zuwanderer, sich auf dem gesamten
Arbeitsmarkt der EU frei bewegen zu können, wäre ein
Wettbewerbsvorteil der Blue Card. Aber liegt darin nicht die Gefahr, dass
Migranten eine bestimmte Region bevorzugen und sich innereuropäische
Gegensätze auf dem Arbeitsmarkt oder im Lohnniveau
verschärfen?
Auch wenn man eine europaweite Blue Card einführt, werden regionale
Ungleichheiten fort-bestehen. Hauptgewinner bei der Blue Card wären
aber tendenziell diejenigen Länder, die sich heute schwer tun,
hochqualifizierte Migranten anzulocken: Länder wie Deutschland und
Frankreich, Österreich und die Niederlande.
Wieso?
Die Gewinner einer europäischen Blue-Card-Regelung wären die
nicht-englischsprachigen Länder. Stellen Sie sich vor, ein indischer
Computerprogrammierer möchte mit seiner Familie ein Jobangebot in Wien
annehmen. Er stellt fest, dass die Leute dort kein Englisch sprechen und
dass es deshalb für seine Familie schwierig werden könnte. Mit
einer europäischen Blue Card ist Wien nicht so riskant. Die indische
Familie könnte nach London gehen, wenn es in Wien nicht klappt. Und
wer einmal in Wien ist, merkt schnell, dass es eine wunderbare Stadt ist.
Bei den heutigen rein nationale Programmen ist das anders. Da ist die
Alternative zu Wien Innsbruck. Das erscheint einigen hochqualifizierten
Ausländer zu riskant, und so machen sie einen Bogen um
Österreich.
Was spricht aus der Perspektive kleinerer Länder noch für
eine solche Blue Card?
In einem kleinen Land kann es passieren, dass für eine bestimmte
Qualifikation nur zehn Jobs zur Verfügung stehen, die überhaupt
in Frage kommen. Das ist ein sehr beschränkter Ar-beitsmarkt und
deshalb auch riskant aus der Sicht der Migranten. Ein großer
Arbeitsmarkt, zum Beispiel die EU insgesamt, ist deutlich attraktiver.
Deshalb würden kleine Länder von der Blue Card besonders
profitieren.
Für wie realistisch halten Sie die Blue-Card-Regelung?
Nach dem letzten Treffen der EU-Innenminister besteht weitgehend Einigkeit
darüber, eine Blue Card einzuführen. Nur leider wird es vorerst
eine schwache Version der Blue Card sein, die noch nicht Zugang zum
gesamten EU-Arbeitsmarkt gewährt. Eine echte Blue Card, die Zugang zum
gesamten EU-Arbeitsmarkt verschafft, hat politisch dann eine Chance, wenn
man es schafft, den Zugang zur Blue Card auf den Personenkreis zu
beschränken, der nach Überzeugung aller 27 Mitgliedsstaaten
interessant ist. Das gilt auf jeden Fall für besonders
Hochqualifizierte.
In Ihrem Policy Paper "Strait
is the Gate - Europe's Immigration Priorities" schlagen Sie vor, dass
die Arbeitsmigration von Gering- bis Mittelqualifizierten wie bisher von
den Mitgliedsstaaten auf nationaler Ebene geregelt werden soll,
während für die Hochqualifzierten eine gesamteuropäische
Blue Card die beste Lösung ist. Warum sollen für weniger
Qualifizierte andere Regelungen gelten als für hochqualifizierte
Zuwanderer?
Weil sich die Präferenzen der Länder hinsichtlich der niedrig-
und mittelqualifizierten Migranten auf Grund unterschiedlicher
Institutionen deutlich unterscheiden. Der Sozialstaat ist unterschiedlich
großzügig. Die Arbeitslosenraten für niedrigqualifizierte
Migranten sind unterschiedlich hoch. Offenbar ist Fähigkeit der
jeweiligen Arbeitsmärkte uneinheitlich, niedrigqualifzierte Migranten
zu absorbieren. Nationalen Regelungen können mit diesen Differenzen
besser umgehen als eine EU-weite Politik.
Ein umstrittenes Thema ist die Art und Weise, wie Migranten integriert
sind. Können Mitgliedsstaaten von der Integrationspolitik anderer
lernen? Und könnten Richtlinien von Seiten der EU helfen, eine
nationale Integrationsstrategie zu finden?
Selbstverständlich können Länder voneinander lernen. Und
zwar unabhängig davon, ob sie sich in der EU befinden oder nicht. Aber
ich wäre gegen eine harmonisierte Integrationspoli-tik, denn es gibt
wichtige kulturelle und institutionelle Unterschiede innerhalb der EU, und
die muss man berücksichtigen. Was wir brauchen, ist ein Rahmen, der es
den Mitgliedsstaaten erleichtert, voneinander zu lernen.
Die Integrationspolitik sollte also auch in Zukunft von den
Mitgliedsstaaten selbst ohne verbindliche Vorgaben aus Brüssel
gestaltet werden?
Ja. Auch deswegen, weil Probleme in der Integrationspolitik nur relativ
kleine grenzüberschreitende Effekte haben. Um es etwas platt zu sagen:
Wenn in Paris die Vorstädte brennen, dann hat das kaum Auswirkungen
auf Berlin. Jedes EU-Land muss die Fehler seiner Integrationspolitik
weitgehend selbst ausbaden.
Was kann Deutschland beispielsweise von Schweden oder anderen
Ländern lernen?
Man kann bestimmt einige Dinge in der Schul- und Bildungspolitik lernen.
Das deutsche Gymnasial- und Hochschulsystem schafft es bislang nicht,
Kindern mit Migrationshintergrund eine faire Chance zu geben. Dies Problem
hat die Politik in Deutschland inzwischen erkannt. Jetzt darf man auf die
Lösungen im Vorschul- und Schulangebot gespannt sein. Im
Hochschulbereich stellt sich außerdem die Frage, ob man "affirmative
action", also eine "positive Diskriminierung", wie in den USA braucht. Dort
betreiben Universitäten einen großen Aufwand, um Studenten aus
unterrepräsentierten Gruppen zu rekrutieren.
Das Interview führte Lilli Sippel.
Nachdruck unter Quellenangabe (Lilli Sippel / Berlin-Institut)
erlaubt. 
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In eigener Sache
Neu im Online-Handbuch Demografie Gabriele Vogt:
Bevölkerungsentwicklung in Japan
Gabriele Vogt:
Trends in Japans Zuwanderungspolitik
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