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Akademiker sind seltener arbeitslos
In Deutschland entscheidet der Bildungsgrad
stärker über die Jobchancen als in den meisten anderen
Ländern der EU Geringgebildete haben in
Deutschland stärker mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen als in
anderen Ländern. Das zeigen neue Zahlen des Statistischen Bundesamts:
Während in der EU-27 im Durchschnitt 9,2 Prozent der 25- bis
64-Jährigen mit einfachem und sechs Prozent mit mittlerem
Bildungsniveau keinen Job haben, sind es in Deutschland 17,7
beziehungsweise 8,2 Prozent. Deutsche mit höherer Bildung sind dagegen
nur zu 3,7 Prozent arbeitslos. Das kommt fast einer Vollbeschäftigung
gleich.
Nur in Tschechien und in der Slowakei klaffen die Unterschiede zwischen
den Arbeitslosenquoten von Bürgern mit hohem und niedrigem
Bildungsstand noch weiter auseinander - in der Slowakei sind 41,5 Prozent
der Menschen mit einfachem gegenüber 8,6 Prozent derjenigen mit
mittlerem und 3,4 Prozent der Bürger mit höherem Bildungsniveau
ohne Job. In den anderen EU-Staaten hängen die Chancen auf dem
Arbeitsmarkt weniger stark vom Bildungsstand ab. Am dichtesten beieinander
liegen die Erwerbslosenquoten in Großbritannien und Irland: Nur 5,9
Prozent der Briten mit einfachem (Irland: 6,1) und 3,6 Prozent derer mit
mittlerem Bildungsniveau (Irland: 3,5) haben keinen Job - gegenüber
2,1 Prozent der Briten mit höherem Bildungsniveau (Irland: 2,3).
Durch Bildung an den Arbeitsplatz 
In der EU sind Höhergebildete seltener arbeitslos als
Geringgebildete. Aber die Unterschiede stechen ins Auge: Bürger mit
mittlerer Bildung sind in Deutschland doppelt so häufig ohne Job wie
Bürger mit höherer Bildung. Zwar liegt in Deutschland der Anteil
der Geringqualifizierten an der Bevölkerung niedriger als in vielen
anderen Ländern. Aber hierzulande stehen die Chancen, auf dem
Arbeitsmarkt der modernen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft
Fuß zu fassen, für diejenigen, die weder über eine
Ausbildung noch über Abitur verfügen, schlechter als in den
Niederlanden oder Großbritannien.
Der Arbeitsmarkt zeigt: In der Bildung liegt der Dreh- und Angelpunkt
einer vorausschauenden Politik. Die heute niedrigen Kinderzahlen werden
dafür sorgen, dass der Wettbewerb um gut ausgebildete Mitarbeiter noch
wachsen wird - Zuwanderung allein kann das Problem nicht lösen. Der
Staat sollte sich die offensichtlich renditeträchtige Bildung also
etwas kosten lassen. Doch Deutschland hat 2005 nur 5,1 Prozent des
Bruttoinlandsprodukts für Bildung ausgegeben, im OECD-Mittel waren es
6,1 Prozent. Neben dem Was ist zudem das Wofür entscheidend. Dabei
gilt vor allem: Frühe Investitionen führen zu den höchsten
Erträgen. Die Leistung und die Chancengerechtigkeit des deutschen
Systems, dem es bisher nicht gelingt, bildungsferne Schichten abzuholen und
Geringqualifizierte in den Arbeitsmarkt zu integrieren, ließe sich
nach dem Modell der nordischen Länder erheblich verbessern,
insbesondere durch Frühförderung in Krippen und Kindergärten
für alle Kinder.
Seit Jahren macht die OECD in ihren Bildungsstudien darauf aufmerksam,
dass Deutschland seine internationale Wettbewerbsfähigkeit
gefährdet. Der Strukturwandel zur Dienstleistungs- und
Wissensgesellschaft, die Globalisierung und der technische Fortschritt
lassen die Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeitern wachsen. Der
Fachkräftemangel wird sich verschärfen, wenn nur wenige
Studierende die Hochschulen mit einem technischen oder
naturwissenschaftlichen Abschluss verlassen. Auch wenn sich die Zahl der
Studierenden zwischen 2000 und 2006 leicht erhöht hat, so konnten die
meisten anderen Staaten doch größere Zuwächse verzeichnen.
Zudem unterscheiden sich in Deutschland die Fächergruppen erheblich:
Während sich im Wintersemester 2007/2008 insgesamt sechs Prozent mehr
Erstsemester eingeschrieben haben als im Vorjahr, verzeichneten die
Ingenieurwissenschaften eine Zunahme von neun Prozent, die Agrar-, Forst-
und Ernährungswissenschaften und die Rechts-, Wirtschafts- und
Sozialwissenschaften jeweils von acht Prozent. Dagegen stieg die Zahl der
Erstsemester in Mathematik und den Naturwissenschaften lediglich um drei
Prozent und in der Humanmedizin und den Gesundheitswissenschaften nur um
zwei Prozent.
Bei den Studierendenquoten findet sich Deutschland auf einem Platz weit
unter dem Durchschnitt der OECD-Länder von 37 Prozent: Hierzulande
schließen nur 21 Prozent eines Altersjahrgangs ein Studium ab - nur
in Griechenland, Slowenien und der Türkei sind es weniger.
Demgegenüber kommen die Niederlande auf 43 Polen und Finnland sogar
auf 48 Prozent Hochschulabsolventen, Spitzenreiter ist Island mit über
60 Prozent.
Der Anteil der Studierenden wächst 
In Sachen Hochqualifizierte liegt Deutschland im
internationalen Vergleich unter dem Durchschnitt. Hierzulande erhöht
sich der Anteil der Akademiker langsamer als anderswo. Nur in Griechenland,
Slowenien und der Türkei verlassen pro Jahrgang weniger Absolventen
die Hochschulen mit einem Abschluss in der Tasche.
Literatur / Links
Destatis
OECD: Education at a glance. Paris
2008. 
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Frauen verdienen weniger als Männer -
selbst bei gleicher Arbeit
Rollenbilder und unzulängliche
Familienfreundlichkeit stehen mehr gesellschaftlichem Wohlstand und
Gerechtigkeit im Weg Im Jahr 2006 lagen in
Deutschland die Stundenlöhne von Frauen fast ein Viertel unter denen
von Männern. Das zeigen die aktuellen Zahlen des Statistischen
Bundesamtes. Die Einkommenskluft zwischen Frauen und Männern hat sich
in den letzten Jahren kaum verändert und ist laut Eurostat, dem
Europäischen Statistikamt, im Vergleich mit den anderen Ländern
der EU-27 überdurchschnittlich groß. In anderen Ländern
herrscht beim Gehalt weitaus größere
Geschlechtergerechtigkeit.
Einkommenskluft zwischen Männern und Frauen 
In Deutschland ist der Unterschied zwischen den
Brutto-Stundenverdiensten von Frauen und Männern doppelt so groß
wie in Frankreich - und sogar mehr als siebenmal so groß wie auf dem
Inselstaat Malta (2006). Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass in der
Bundesrepublik noch immer in vielen Köpfen das Bild des
"männlichen Ernährers" vorherrscht und dieses das Gehaltsniveau
beeinflusst (Quelle: Europäische Kommission/Eurostat, Zahlen für
Estland, Italien und die Niederlande von 2005).
Betrachtet man das allgemeine Einkommensgefälle zwischen Männern
und Frauen, so liegt eine der Ursachen dafür in der Berufswahl: Frauen
arbeiten häufiger in Lehr- und Pflegeberufen. Hier sind die Löhne
meist geringer als in technischen Berufen. Ziel der Politik sollte es sein,
das Berufsspektrum von Frauen und Männern weiter aufzufächern.
Maßnahmen wie etwa der Girls´ Day können Mädchen
stärker zu technischen Berufen ermutigen.
Eine weitere Ursache für das Lohngefälle ist die
geschlechterspezifische Arbeitsteilung: Die Hausarbeit sowie die Betreuung
von Kindern und anderen Verwandten übernehmen überwiegend Frauen.
Sie unterbrechen deswegen auch ihre Erwerbstätigkeit und arbeiten
häufiger in Teilzeit als Männer. Gerade bei der Betreuung und
Pflege von Familienangehörigen mangelt es oft an ausreichenden und
bezahlbaren Angeboten. Die Politik sollte hier bessere Möglichkeiten
bieten, Betreuungszeiten für Väter ausbauen,
Rückkehrmöglichkeiten in die Berufstätigkeit fördern
und Unternehmen ermuntern, flexible Arbeitszeitmodelle einführen. Eher
kontraproduktiv ist das Ehegattensplitting, denn es nutzt nicht allen
Familien, sondern nur Verheirateten. Frankreich beispielsweise könnte
in diesem Punkt als familienpolitisches Vorbild dienen: Dort gibt es ein
Familiensplitting, das die Steuerlast nach der Zahl der Familienmitglieder
bemisst. Das heißt, das Einkommen wird durch die Anzahl der Eltern
plus Kinder geteilt und dann erst besteuert.
Obwohl Frauen immer bessere Berufsabschlüsse vorweisen können,
ist die Gehaltskluft geblieben. Offenbar bestehen Barrieren, insbesondere
auf dem Weg zu Führungspositionen: Nur in einem der 100
größten deutschen Unternehmen sitzt eine Frau im Vorstand. Bei
den Führungspositionen der obersten Bundesverwaltung liegt Deutschland
(trotz Kanzlerin) im EU-Vergleich auf dem drittletzten Platz (2007).
Insgesamt sieht die Lage in der öffentlichen Verwaltung düster
aus: Weniger als 15 Prozent Frauen arbeiten in Abteilungsleiterfunktionen.
Frauen liegen in der Führung hinten 
Nur in sechs Ländern der EU-27 erreichen Frauen mehr
als ein Drittel der zu besetzenden Führungspositionen. Diese
"gläserne Decke" zu durchbrechen, gelingt den Frauen in Lettland,
Frankreich und Polen am ehesten. Mit Abstand am schlechtesten schneiden
Malta und Zypern ab (Quelle: Europäische Kommission/Eurostat).
Um die Benachteiligung von Frauen zu mindern, sollten Netzwerke
gefördert, erfolgreiche Frauen als Vorbilder präsentiert und
Beförderungsverfahren transparenter gemacht werden. Eventuell brauche
es sogar die Bevorzugung von Frauen beim beruflichen Aufstieg, schlägt
ein aktuelles Papier von DB-Research vor, der Forschungsabteilung der
Deutschen Bank. In dem Nicht-EU-Mitglied Norwegen etwa sorgt eine Quote
für einen Frauenanteil von 40 Prozent in Führungspositionen.
Laut OECD besteht in Deutschland die Tendenz, dass in ein und demselben
Unternehmen nicht immer der gleiche Lohn für die gleiche Arbeit
gezahlt wird. Daran könnten Seminare zum Thema geschlechterspezifische
Vorurteile etwas ändern, die Verhaltensmuster und
Kommunikationsstrategien bewusst machen. Vor allem aber müsse
Deutschland sein Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verbessern:
Dieses bewertet die OECD als mangelhaft, weil bessere Regelungen nur
zustande kämen, wenn einzelne Bürgerinnen und Bürger aktiv
würden, was großes Engagement erfordere. In vielen anderen
Ländern könnten die Antidiskriminierungsbehörden bei
Verdacht auf Diskriminierung von selbst Untersuchungen anstoßen.
Eine Umfrage der Unternehmensberatung Kienbaum hat ergeben, dass die
Gehaltsfrage mit der Unternehmensgröße zusammenhängt: In
Unternehmen mit 2.000 bis 5.000 Mitarbeitern betragen die
Gehaltsunterschiede 28 Prozent, bei Großunternehmen (über 5.000
Beschäftigte) verdienen Frauen im Durchschnitt 21 Prozent weniger als
Männer.
Die Ungerechtigkeit abzuschaffen, lohne sich auch aus finanziellen
Gründen: Wenn Männer schon beim Berufseinstieg mehr verdienten,
quasi einen Bonus für ihr Geschlecht erhielten, riskierten die
Unternehmen Schadenersatzforderungen, Imageschäden, Attraktivität
als Arbeitgeber sowie Vertrauensverluste bei Mitarbeitern, Anteilseignern
und Kunden. Zudem schöpften die Unternehmen die Fähigkeiten der
gut qualifizierten weiblichen Fachkräfte nicht voll aus.
Es wird voraussichtlich einige Zeit dauern, um dieses alles zu
ändern. Aber der demografische Wandel erzwingt Fortschritte bei der
Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ein Mentalitätswandel bei
Geschlechterfragen sei überfällig, stellt das Papier der DB
Research fest. Es brauche flexiblere Arbeitsmodelle, die es Männern
wie Frauen erleichtern, Kinder zu haben und gleichzeitig berufstätig
zu sein.
Literatur / Links
BMFSFJ
(2008): Chancengleichheit im Beruf macht Fortschritte - allerdings in
unterschiedlichem Tempo.
DB
Research (2008): Sind Frauen wirklich weniger wert? Ein Blick hinter die
Zahlen: Warum Frauen weniger verdienen als Männer und was wir dagegen
tun können.
DB
Research (2008): Frauen auf Expedition - in das Jahr 2020.
EU-Kommission
(2008): Women and men in decision-making. Analysis of the situation and
trends.
EU-Kommission/Eurostat
www.business-wissen.de.
Kienbaum Consultants International
(2008): Diversity Compliance
Statistisches
Bundesamt (2008): Jahr 2006: Frauen verdienten 24 % weniger als
Männer
Statistisches
Bundesamt (2008): Verdienstabstand zwischen Frauen und Männern

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"Der demografische Wandel steht in Italien
nicht auf der politischen Tagesordnung"
Interview mit Prof. Dr. Manuela Naldini,
Universität Turin, Italien 
Manuela Naldini lehrt Familiensoziologie an der
politikwissenschaftlichen Fakultät der Universität Turin. Ihre
Forschungsschwerpunkte sind Wohlfahrtsstaaten und Geschlechterrollen im
internationalen Vergleich, Vereinbarkeit von Familie und Arbeit,
Familienpolitik und Frauenerwerbstätigkeit. Gegenwärtig
koordiniert Naldini eine Forschungsgruppe im EU-Exzellenznetzwerk EQUALSOC,
die sich mit der Arbeitsmarktflexibilisierung und der Vereinbarkeit von
Familie und Beruf beschäftigt.
In Italien liegt die Kinderzahl pro Frau im europäischen Vergleich
sehr niedrig, und die Zahl der über 75-Jährigen ist besonders
hoch. Ist der demografische Wandel in der italienischen Öffentlichkeit
ein Thema?
Ende der 1990er Jahre wurde es ein wichtiges Thema. Die Regierung ergriff
- ich würde sagen, irrelevante - Maßnahmen, um die Kinderzahlen
zu erhöhen. Eltern erhielten beispielsweise einen "Baby Bonus" bei der
Geburt des zweiten Kindes. 2004 eingeführt, war er zwei Jahre lang in
Kraft und wurde jeweils der Haushaltslage angepasst. Dann wurde er für
ein Jahr ausgesetzt und 2006 erneut für ein Jahr eingeführt.
Dieser Baby Bonus wurde nicht nur für das zweite, sondern auch
für das erste Kind verteilt. Inzwischen ist er wieder abgeschafft.
Das klingt nicht nach einer besonders kontinuierlichen Familienpolitik.
Erhielten alle Mütter in Italien den Baby Bonus, auch die
Immigrantinnen und Alleinerziehende?
Nur die, die eine italienische Staatsbürgerschaft besitzen. Aber es
war keine Voraussetzung, verheiratet zu sein.
Was denkt die italienische Öffentlichkeit über den
"demografischen Wandel"?
Es wird viel darüber geredet, in der Art "wir müssen die
Kinderzahlen erhöhen", "wir müssen etwas für die Familien
tun". Oft wird den Frauen die Verantwortung zugeschoben. Sätze wie
"sie wollen keine Kinder bekommen", "sie wollen ihr eigenes Leben
führen", "sie wollen arbeiten", sind nicht ungewöhnlich. Auf
jeden Fall ist der Gedanke verbreitet, dass die Familiengründung
unterstützt werden sollte. Die Italiener sind überwiegend der
Meinung, dass es gut ist, ein Kind zu haben, auch mehrere, aber nur, wenn
man einen sicheren Job hat, der den Wohlstand der Nachkommen
gewährleistet. Das Problem ist, dass die wenigsten Italienerinnen und
Italiener einen solchen Job haben, bevor sie Mitte dreißig sind. Das
beeinflusst wiederum stark die Möglichkeit, ein zweites Kind zu
bekommen - das wird schwierig.
Kinderlose Italienerinnen 
Nirgendwo in Europa gibt es so viele Frauen im potenziellen
Mutteralter, die keine oder noch keine Kinder haben, wie in Italien. Aber
nur wenige wollen wirklich ohne Nachwuchs bleiben. Hingegen ist der
Kinbderwunsch in Ländern wie Österreich, Belgien oder Deutschland
weit weniger ausgeprägt.
Mit Ihrer Kollegin Teresa Jurado Guerrero haben Sie ein
"Südeuropäisches Modell" der Familie und des Wohlfahrtsstaates
entwickelt, das sich Ihnen zufolge in Italien, Spanien, Portugal und
Griechenland findet. Was kennzeichnet das Modell?
Im Wesentlichen drei Aspekte: eine niedrige Kinderzahl pro Frau, eine
starke Solidarität zwischen den Generationen und eine starke
Aktivität der Frauen im Bereich Kinder- und Altenversorgung. Letzteres
ist das Ergebnis davon, dass es an privaten und öffentlichen sozialen
Leistungen für Kinder und ältere Menschen mangelt.
Worin liegen die Ursachen dafür, dass sich dieses
"Südeuropäische Modell" von Familien und Wohlfahrtsstaat
herausgebildet hat?
Erstens herrschten in diesen Ländern autokratische Regime, bevor sie
die Demokratie eingeführt haben. Diese Regime führten eine streng
pro-natalistische, gegen Frauenerwerbstätigkeit gerichtete und auf
Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ausgelegte Politik. Als
Gegenreaktion war beispielsweise in den 1950er bis 1970er Jahren in
Italien der Widerstand dagegen groß, dass sich die Politik in
Familienangelegenheiten einmischt, insbesondere durch Familienpolitik.
Dasselbe gilt für Spanien nach Francos Tod und dem Ende des
faschistischen Regimes 1975.
Zweitens hatte in den südeuropäischen Ländern die
katholische Kirche immer einen großen Einfluss auf das Zusammenleben
der Familien, sowohl auf die Ehe als auch auf das gesellschaftliche Leben
im Allgemeinen. Zum Beispiel bei der Erziehung der Jüngsten und der
Sozialisation der Kinder. Außerdem bot die Kirche selbst soziale
Dienstleistungen an. So organisierte die Kirche etwa in Italien bis in die
1960er Jahre die Kinderbetreuung, und in Spanien werden die ganz kleinen
Kinder immer noch oft von Nonnen oder Mönchen unterrichtet.
Drittens haben diese Länder eine ähnliche ökonomische
Entwicklung hinter sich. Die ist gekennzeichnet durch eine späte
Industrialisierung, wobei die Industrie - mit der Ausnahme von Italien -
nie eine dominante Rolle gegenüber den Dienstleistungsberufen
übernommen hat. Spanien, Portugal und Griechenland entwickelten sich
direkt von Agrar- zu Dienstleistungsgesellschaften. Dabei haben viele
ehemalige Bauern ihre Arbeit verloren. Gerade der männliche
Ernährer bekam Probleme, einen Job zu finden. Diese Knappheit wurde
als Rechtfertigung verwendet, um Frauen die Erwerbstätigkeit zu
verwehren.
Viertens waren sich die Politiker in diesen Ländern einig, wo die
Politik eingreifen sollte: Sie fühlten sich als Vertreter der
Werktätigen und Gegenspieler der großen Unternehmen. Für
die Familien und das Wohlergehen der Kinder fühlten sie sich nicht
verantwortlich. Diese Auffassung geht wiederum auf die katholische Kirche
zurück, die die Familie als natürliche Einheit begreift, die
selbst für ihr Auskommen sorgen muss.
Sind in der Folge die Generationen in diesen Ländern stärker
aufeinander angewiesen als anderswo?
Ja. In Italien beispielsweise leben Kinder, Eltern und Großeltern
länger unter einem Dach zusammen als in anderen Ländern. Und wenn
sie nicht in einem Haus wohnen, so zumindest in der Nachbarschaft, nur ein
paar Minuten entfernt.
Junge Italiener bleiben am längsten im elterlichen Nest 
In ganz Europa ziehen junge Menschen heutzutage später
von zu Hause aus als dies bei früheren Jahrgängen der Fall war.
Insbesondere in den Mittelmeerländern Griechenland und Italien bleiben
junge Männer weitaus länger bei ihren Eltern wohnen als etwa ihre
Altersgenossen in Dänemark oder Estland. In Italien haben mehr als die
Hälfte der 25- bis 29-Jährigen, deutlich mehr Männer als
Frauen, noch keinen eigenen Haushalt gegründet.
Und die Frauen managen traditionell die Familie?
Vor allem die Frauen, entweder Familienmitglieder oder andere,
organisieren und übernehmen die Sorge für die Kinder und die
Älteren.
Aber die Abwesenheit staatlicher Politik muss ja nicht unbedingt dazu
führen, dass die Frauen diese Aufgaben übernehmen, sie
könnten sich diese Arbeit ja mit den Männern teilen. In Italien
gab es in den 1970er Jahren eine starke Frauenbewegung, hat das etwas
verändert?
In Italien war die Frauenbewegung wichtig für Gesetze, etwa bei den
Punkten Gewalt gegen Frauen und Abtreibung. Aber sie hatte keinen Einfluss
auf die Arbeitsteilung in der Familie.
Aber ändert der demografische Wandel daran etwas? Nehmen wir mal
an, die einzige Tochter verlässt das Dorf, um in einer anderen Stadt
zu arbeiten, und gründet dort eine Familie - oder es gibt gar keine
Tochter. Wer übernimmt dann die Fürsorge?
Wenn Eltern nur ein männliches Kind haben, ist es wahrscheinlicher,
dass sich dieses Kind später verantwortlich fühlt für seine
Eltern und deren Pflege übernimmt. Der erwachsene Mann wird nicht die
ganze Fürsorge seiner Frau überlassen. In den
Geschlechterverhältnissen hat der demografische Wandel in Italien
durchaus etwas verändert. Aber er steht nicht auf der politischen
Tagesordnung.
Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut)
erlaubt. 
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Arbeitsmärkte im Vergleich
Die OECD legt jährlich einen
Beschäftigungsausblick vor Einmal
jährlich veröffentlicht die Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) einen Beschäftigungsausblick,
der detaillierte Informationen über die Arbeitsmarkt- und
Beschäftigungssituation in den Mitgliedsländern enthält.
Ziel des Berichtes ist es, höhere Beschäftigung, nachhaltiges
Wirtschaftswachstum sowie steigenden Lebensstandart zu fördern.
Angesichts einer immer älter werdenden Bevölkerung, sinkender
Fertilitätsraten und Wanderungsbewegungen benötigen die
OECD-Länder flexible und effiziente Arbeitsmärkte.
Der aktuelle Bericht hebt positiv hervor, dass Arbeitsmarktreformen in den
OECD-Ländern einiges verbessert haben. Die durchschnittliche
Arbeitslosenquote betrug im Jahr 2007 5,6 Prozent, das sind 0,3 Prozent
weniger als im Oktober 2006 und 0,9 Prozent weniger als im September 2005.
Darüber hinaus hat sich die Beschäftigungsquote erhöht. Zwei
Drittel der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter gehen einer
Beschäftigung nach, ein Wert, der bisher noch nicht erreicht worden
war.
Aber noch immer gibt es Bevölkerungsgruppen, die von dem Fortschritt
ausgeschlossen sind. Laut dem aktuellen Beschäftigungsausblick tritt
in vielen Unternehmen Diskriminierung am Arbeitsplatz nach wie vor
häufig auf. Besonders betroffen sind Frauen und Angehörige
ethnischer Minderheiten. Frauen sind am Arbeitsmarkt nach wie vor
unterrepräsentiert, die Wahrscheinlichkeit eine Erwerbstätigkeit
auszuüben ist bei dieser Bevölkerungsgruppe um 20 Prozent
geringer als bei männlichen Mitstreitern. Gleichzeitig verdienen sie
bei gleicher Tätigkeit durchschnittlich 17 Prozent weniger als
Männer. Bei Angehörigen ethnischer Minderheiten fällt die
Arbeitssuche trotz gleicher Qualifikationen deutlich länger aus als
bei Mitgliedern der Majorität. Auch Jugendliche, ältere Menschen
und Behinderte sind in vielen OECD Ländern am Arbeitsmarkt
unterrepräsentiert. Der Bericht beschäftigt sich daher auch mit
der Frage, wie gleichwertige Beschäftigungschancen für alle
Akteure des Arbeitsmarktes gewährleistet werden können.
Die OECD geht darüber hinaus der Frage nach, wie der Konjunkturzyklus
die Jugendarbeitslosigkeit prägt und wie schnell junge Menschen ins
Berufleben einsteigen können. Dies verläuft in den einzelnen
Ländern unterschiedlich. Während Jugendliche in den USA, Korea,
Großbritannien und Irland nach weniger als zwei Jahren eine
Festanstellung gefunden haben, dauert es in Deutschland, Griechenland,
Italien und Spanien bis zu vier Jahre. In der Übergangszeit gehen
viele Jugendliche einer Teilzeitbeschäftigung nach, der Anteil dieser
Gruppe hat sich in den letzten Jahren erhöht. Für viele
Jugendliche ist es schwer, im Anschluss den Sprung in die Festanstellung zu
schaffen.
Der Bericht beschäftigt sich auch mit informeller Beschäftigung
- also im Wesentlichen Schwarzarbeit - in sieben OECD-Ländern und der
Frage, wie die Staaten dieser entgegenwirken können. Schließlich
werden ausführlich die Auswirkungen des Arbeitsmarktes auf die
Gesundheit und die Rolle multinationaler Unternehmen analysiert, die im
Zuge der Globalisierung stetig zunimmt.
Die OECD legt mit dem Band eine Studie über die aktuelle
wirtschaftliche Entwicklung und gleichzeitig einen Ausblick auf das Jahr
2009 vor. Zu Beginn eines jeden Kapitels werden die wichtigsten Ergebnisse
vorgestellt. In allen Kapiteln werden die Ergebnisse statistisch
aufbereitet. Detaillierte grafische Darstellungen illustrieren die
Beispiele. Die Tabellen und Grafiken sind mit einem Link versehen, so dass
die entsprechenden Daten herunter geladen werden können.
OECD
(Hg.): OECD Employment Outlook 2008. Paris. 368 S., 80 Euro
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