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Mehr Kinder durch mehr Geld für
künstliche Befruchtung?
Zuschüsse zu IVF-Behandlungen können
Kinderlosigkeit in begrenztem Umfang senken Die
Zahl der Geburten in Deutschland hat 2008 erneut leicht zugenommen:
Zwischen Januar und September kamen 517.549 Kinder zur Welt, das sind 3.397
mehr als in diesem Zeitraum 2007. Insbesondere die Frauen in der
Altersgruppe der 33- bis 37-Jährigen haben mehr Kinder zur Welt
gebracht. Bereits 2007 war dem Statistischen Bundesamt zufolge die
Fertilitätsrate, die so genannte Kinderzahl je Frau, im Vergleich zu
2006 von 1,33 Kindern je Frau auf 1,37 gestiegen.
Familienministerin Ursula von der Leyen verzeichnet das als Erfolg ihrer
Familienpolitik. Zwar ist dieser Zusammenhang schwer zu belegen, aber
immerhin ist die Zahl der Neugeborenen in den vergangenen zwei Jahren
leicht gestiegen, obwohl sie wegen der kleiner werdenden Anzahl der
potenziellen Mütter sogar eher hätte sinken müssen. Dennoch
liegen die Kinderzahlen nach wie auf sehr niedrigem Niveau, und die
Kinderzahl je Frau hat sich seit etwa 35 Jahren praktisch nicht
verändert.
Die Gründe für einen unerfüllten Kinderwunsch sind
unterschiedlich, wie die Studie "Ungewollt
kinderlos" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und
Entwicklung 2007 gezeigt hat. In einer gemeinsam mit dem Institut für
Demoskopie Allensbach durchgeführten Umfrage hat das Berlin-Institut
die Gründe für einen unerfüllten Kinderwunsch erforscht. 46
Prozent der Befragten im Alter von 25 bis 59 Jahren, die sich Kinder
wünschen, aber keine haben, gaben an, dass der richtige Partner fehlt.
26 Prozent nannten berufliche und 25 Prozent finanzielle Gründe.
Immerhin 13 Prozent sagten, es habe mit dem Schwangerwerden nicht geklappt.
Von den Befragten, die bereits Kinder haben, sich weitere wünschen,
aber nicht bekommen, gaben sogar 15 Prozent diese Antwort. (siehe
Newsletter-Beitrag "Großes
Potenzial für die Familienpolitik").
Somit sind vermutlich 1,4 Millionen Menschen zwischen 25 und 59 Jahren in
Deutschland aus medizinischen Gründen kinderlos. In begrenztem Umfang
könnte eine künstliche Befruchtung also dazu beitragen, den
Wunsch nach einem Kind zu erfüllen. Allerdings gibt es bei solchen
Behandlungen keine Erfolgsgarantie (siehe Newsletter-Beitrag "Paare
mit Kinderwunsch schätzen die Erfolgsquote der Befruchtung
außerhalb des Körpers zu hoch ein"). Und die Behandlung ist
teuer: Bis 2004 haben die Krankenkassen zumindest bei verheirateten Paaren
die vollen Kosten übernommen. Seit 2004 zahlen sie bei
In-vitro-Fertilisation (IVF) aber nur noch die Hälfte der
Behandlungskosten - und ab der vierten Behandlung gar nicht mehr. Die Zahl
der mit medizinischer Hilfe gezeugten Kinder ist seitdem um die Hälfte
gesunken. Denn je tiefer unfruchtbare Paare für eine
reproduktionsmedizinische Behandlung in die eigene Tasche greifen
müssen, desto eher verzichten sie darauf - und bleiben kinderlos. Das
hat auch eine neue Studie aus Schweden ergeben (siehe Newsletter-Beitrag "Künstliche
Befruchtung bessert die Geburtenstatistik auf").
Zahl der nach künstlicher Befruchtung geborenen Kinder, 1999 bis
2006 
Das Deutsche IVF-Register verzeichnete von 2003 auf 2004
einen Rückgang der Geburtenzahl von 19.014 auf 9.991 (Datengrundlage:
Deutsches IVF-Register). Ursache dafür ist eine Gesetzesänderung,
die 2004 in Kraft trat: Paare mit Kinderwunsch müssen seitdem 50
Prozent der Behandlungskosten für Befruchtungen außerhalb des
Körpers selbst zahlen. Im Durchschnitt sind das 4.800 Euro für
drei Behandlungen - ohne Erfolgsgarantie.
Damit die Zahl der Retortenbabies wieder ihr altes Niveau von rund 20.000
pro Jahr erreicht, hat die Familienministerin nun dafür plädiert,
IVF wieder finanziell zu unterstützen. Sachsen zahlt als erstes
Bundesland Ehepaaren ab März wieder einen Zuschuss - bis zu 900 Euro
für die erste bis dritte Behandlung und bis zu 1.800 Euro für die
vierte. Andere Bundesländer denken noch über eine
Gesetzesänderung nach.
Zuschüsse zu IVF-Behandlungen können ein Weg sein, ungewollte
Kinderlosigkeit in begrenztem Umfang zu senken. Insbesondere Frauen, die
bereits über 30 sind, deren Chancen, Kinder zu bekommen, also
abnehmen, könnte ein erleichterter Zugang zu medizinischer
Unterstützung helfen. Weitere familienpolitische Maßnahmen wie
vor allem der Ausbau der Kinderbetreuung sind allerdings unerlässlich
- und dringend geboten.
Literatur / Links
Berlin-Instituts
für Bevölkerung und Entwicklung (2007): Demos 36. Berlin.
Berlin-Instituts
für Bevölkerung und Entwicklung (2007): Demos 38. Berlin.
Newsletter-Beitrag Berlin-Instituts
für Bevölkerung und Entwicklung (2009): Demos 62. Berlin.
Berlin-Instituts
für Bevölkerung und Entwicklung (2007): Ungewollt kinderlos.
Berlin.
BMFSFJ
(2009): Familienreport 2009, www.bmfsfj.de.
Deutsches IVF-Register,
www.deutsches-ivf-register.de. 
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"Menschen sollten nicht Aufzüge benutzen,
sondern Treppen steigen"
Interview mit Prof. Dr. med. Ulrich Keil,
Präventionsmediziner 
Ulrich Keil ist Direktor am Institut für Epidemiologie
und Sozialmedizin der Universität Münster. Außerdem lehrt
er an Universitäten in North Carolina und Wien und leitet das "WHO
Collaborating Centre for Epidemiology and Prevention of Cardiovascular and
other Chronic Diseases" an der Universität Münster.
Momentan liegt die Lebenserwartung in Deutschland bei 77 Jahren
für Männer und bei 82 Jahren für Frauen. Die meisten
Fachleute gehen davon aus, dass sie in Zukunft weiter steigt. Werden wir
bald 150 Jahre und älter?
In Deutschland wie in vielen westlichen Ländern hat die
Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten um etwa zweieinhalb Jahre pro
Dekade zugenommen. Im Zeitraum von 1990 bis 1997, also in der Zeit nach der
Wende, ist in den neuen Bundesländern die Lebenserwartung von
Männern und Frauen sogar um 3,2 Jahre gestiegen. Der Rückgang der
Todesursache durch Herzkreislauferkrankungen trägt am meisten dazu
bei. Dabei ist vor allem die Sterblichkeit bei den über
65-Jährigen zurückgegangen.
Ich gehe davon aus, dass die Lebenserwartung noch ein Jahrzehnt so weiter
zunehmen wird wie bisher. Danach ist es aber durchaus möglich, dass
das zunehmende Übergewicht in unserer Bevölkerung sich nicht nur
in der Morbidität, also der Wahrscheinlichkeit, krank zu werden,
sondern dann auch in der Mortalität, also der Sterblichkeit,
niederschlägt und zu einer eventuell sogar stagnierenden
Lebenserwartung führt.
Was können wir dagegen tun, dass die so genannten
Zivilisationskrankheiten zunehmen?
Bei der Behandlung des Übergewichtes ist die Medizin schlichtweg
überfordert. Es handelt sich dabei um ein gesellschaftliches
Phänomen, das wenig mit der Medizin zu tun hat. Gesellschaftliche
Phänomene müssen auch von der Gesellschaft wahrgenommen und
angegangen werden.
Konkret sieht das wie folgt aus: Der vieldiskutierte Nichtraucherschutz
muss konsequent per Gesetz und in der Praxis durchgesetzt werden. Ein
weiterer Punkt ist die körperliche Aktivität. Es geht nicht nur
darum, mehr Sport zu treiben, sondern die körperliche Bewegung muss in
das tägliche Leben eingebaut werden. Die Menschen sollten
beispielsweise nicht Aufzüge und Rolltreppen benutzen, sondern Treppen
steigen. Eine halbe Stunde schnelles Gehen täglich schützt
erwiesenermaßen vor Herzinfarkt. Und weiterhin muss das
Gesundheitssystem Anreize bieten, damit die Ärzte die Risikofaktoren
ernster nehmen und besser behandeln. Bisher werden alle gleich honoriert,
egal, ob sie ihre Arbeit gut machen oder weniger gut.
Sie sagen, die Gesellschaft muss Verantwortung übernehmen. Welche
Kontroll- oder Anreizsysteme schlagen Sie dazu vor?
Die Stadt Münster ist ein gutes Beispiel dafür, wie die
Gesellschaft den Einzelnen dazu bringen kann, sich mehr zu bewegen.
Münster hat seit vielen Jahren eines der am besten ausgebauten
Radwegnetze in Deutschland. Ähnlich wie im benachbarten Holland
gehört es zum guten Ton, zumindest die Wege in der Innenstadt mit dem
Fahrrad zurückzulegen. Mein Institut hat zum Beispiel wie jedes andere
Universitätsinstitut der Stadt ein Dienstfahrrad.
Aus meiner Sicht haben Gemeinden, Schulen und die Ärzteschaft hier
eine besondere Aufgabe. Sie müssen noch wesentlich mehr darauf
hinweisen, dass es bei der körperlichen Aktivität nicht um
Hochleistungssport, sondern um moderate körperliche Aktivität
beziehungsweise um Breitensport geht. Als Therapie sollten sie dann kein
Medikament empfehlen, sondern 35 Minuten schnelles Gehen, möglichst
fünfmal in der Woche. In diesem Sinne sind auch Fitnessprogramme der
Krankenkassen sehr zu begrüßen. In der Schule kann man eine
Menge tun, indem nicht Sportstunden gekürzt sondern ihre Zahl
erhöht wird.
Erreichen diese Maßnahmen wirklich diejenigen, die statistisch
gesehen die größte Risikogruppe für so genannte
Volkskrankheiten stellen, nämlich die sozial Schwachen?
Positive gesundheitliche Trends werden bei uns wie in vielen westlichen
Ländern zunächst von den Bevölkerungsschichten ausgehen, die
besser ausgebildet sind. Aber dann färben diese Trends auch auf
Bevölkerungsgruppen mit weniger Ausbildungsjahren ab. In den USA ist
zum Beispiel das positive Gesundheitsverhalten vor zwei Jahrzehnten von der
Westküste und den Neuenglandstaaten ausgegangen. Der mittlere Westen
und der Südosten der USA haben noch immer nicht viel von
Gesundheitsförderung verstanden.
Auf der einen Seite wissen wir viel mehr als früher über
Krankheiten und ihre Entstehung, auf der anderen Seite sind wir jedoch
häufig nicht dazu in der Lage, dieses Wissen in eine gesunde
Lebenspraxis umzusetzen. Wie erklären Sie sich das?
Wir wissen seit über hundert Jahren, dass Armut, Lebenserwartung und
Gesundheit eng miteinander gekoppelt sind. Bei Menschen mit wenigen
Ausbildungsjahren und niedrigem sozioökonomischen Status können
wir 60 bis 70 Prozent der niedrigeren Lebenserwartung durch bekannte
Risikofaktoren wie Rauchen, ungesunde Ernährung und körperliche
Inaktivität erklären.
Gesundheitsförderndes und präventives Verhalten erfordern
offenbar eine Orientierung auf die Zukunft. Menschen mit weniger
Ausbildungsjahren leben aber offenbar mehr im Hier und Heute. Beim
Ernährungsverhalten spielen auch die finanziellen Möglichkeiten
eine Rolle. Eine gesunde mediterrane Ernährung mit viel Obst,
Gemüse und häufigen Fischmahlzeiten und wenig tierischen Fetten
ist teurer als häufige Besuche in billigen Fast-Food-Lokalen. Auch
deshalb sollten gesunde Lebensmittel mit weniger Mehrwertsteuer belegt
werden.
Bei der körperlichen Aktivität sollten wir auch daran denken,
dass Menschen, die zwei oder drei Jobs haben, um überleben zu
können, kaum die nötige Zeit aufbringen können und wollen,
um fünfmal in der Woche 35 Minuten zu joggen. Wie vor über
hundert Jahren ist deshalb die Verbesserung der Ausbildung und des
Lebensstandards der Bevölkerung die beste präventivmedizinische
Maßnahme überhaupt.
Das Interview führte Franziska Woellert.
Nachdruck unter Quellenangabe (Franziska Woellert / Berlin-Institut)
erlaubt. 
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Wenn die Eltern altern
Demenz verändert das Leben - ein Ratgeber
hilft Angehörigen von Betroffenen, damit umzugehen Die Menschen werden immer älter - und immer mehr bleiben
noch lange fit und mobil, wenn sie aus dem Beruf ausgeschieden sind. Doch
das gilt nicht für alle: Obwohl insgesamt der Grad der Gesundheit und
die Lebenserwartung steigen, erkranken immer mehr Menschen an Alzheimer,
der häufigsten Ursache für eine Demenz.
"Erst konnte er die Uhr nicht mehr lesen, hat den Schlüssel nicht
mehr gefunden und das Portemonnaie verlegt. Dann hat er sich auf dem Weg
vom Supermarkt nach Hause verlaufen, Wörter vergessen und sich nicht
mehr an die Namen von Freunden und Angehörigen erinnert." So
beschreiben viele den Beginn der Krankheit von Eltern oder Ehepartnern.
Aber wie ist damit umzugehen, wenn die eigenen geistigen Fähigkeiten
oder die von Angehörigen nachlassen und allmählich verschwinden?
Der Angehörigenratgeber von Sabine Kieslich beantwortet diese Fragen,
erklärt Ursachen, Probleme sowie Unterstützungsmöglichkeiten
und führt zahlreiche Kontaktadressen an.
Experten schätzen, dass weltweit etwa 24 Millionen Menschen an einer
Demenz leiden. In Deutschland sind etwa eine Million Menschen betroffen,
jährlich erkranken fast 200.000. Hauptrisikofaktor ist das Alter: Ab
dem 60. Lebensjahr verdoppelt sich das Risiko, an einer Demenz zu
erkranken. In der Altersgruppe der 60- bis 70-Jährigen ist einer von
100 betroffen, von den über 90-Jährigen leidet jeder Dritte an
einer mittelschweren oder schweren Demenz (siehe Newsletter-Beitrag "Hauptrisiko
Alter").
Die primären Formen von Demenz, hirnorganische Erkrankungen in Folge
von Durchblutungsstörungen oder Alzheimer, dem langsam
fortschreitenden Verfall von Nervenzellen und Nervenzellkontakten, sind
nicht heilbar - es lässt sich lediglich der Verlauf verlangsamen.
Schützen kann sich noch niemand vor Demenz, aber es gibt
Möglichkeiten, die Widerstandsfähigkeit des Gehirns zu
trainieren. Ein besonnener Lebensstil, eine gesunde Ernährung und
Bewegung verringern das Risiko. Wenn äußere Einflüsse wie
Verletzungen, Alkoholmissbrauch oder falsche Ernährung
Hirnleistungsstörungen auslösen, sprechen Fachleute von
sekundärer Demenz.
Sabine Kieslich hat ihren Ratgeber, in dem auch viele Experten zu Wort
kommen, klar gegliedert. So kann er als Nachschlagband Antworten auf
verschiedene Fragen geben: Wie entsteht die Krankheit? Woran erkennt man
sie? Wie gehe ich mit dem oder der Erkrankten sensibel um? Wie kann ich auf
Persönlichkeitsveränderungen oder Aggressionen reagieren - und
mich schützen? Wo finde ich Unterstützung, und was kostet das?
Kieslichs einfühlsame Hinweise können helfen, demenzkranke
Menschen besser zu verstehen und sich selbst nicht zu überfordern. Und
sich mit den Schwierigkeiten nicht alleine zu fühlen. Wir alle altern
- und erleben immer häufiger, wie geliebte Menschen altern. Demenz ist
dabei ein Thema, das sich nicht mehr ignorieren lässt.
Sabine
Kieslich: Demenz. Der Angehörigenratgeber. München 2008. 16,95
Euro. 
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