| |
"Der Wille, sich zu integrieren, muss da
sein"
Interview mit Nelli Stanko, ehemalige Leiterin
der Zentralen Beratungsstelle für Aussiedler in
Berlin-Marienfelde 
(Foto: Copyright Meike Gronau)
Nelli Stanko, geboren 1959 in Nordkasachstan, kam 1992 als
Deutschstämmige nach Berlin. Sie arbeitete als DaF-Dozentin in
Integrationskursen für Aussiedler, bildete sich weiter und war als
Sozialarbeiterin im Notaufnahmelager Marienfelde tätig, bis sie dort
die Leitung übernahm. Ende 2008 wurde die Zentrale Beratungsstelle
für Aussiedler der Beratungsstelle für Asylbewerber angegliedert.
Nelli Stanko arbeitet heute im Integrationsamt und setzt sich dort für
mehr gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung ein.
Die Studie "Ungenutzte
Potenziale" des Berlin-Instituts kommt zu dem Schluss, dass die
Aussiedler vergleichsweise gut integriert sind. Wie ist Ihr
persönlicher Eindruck - stimmt es, was die ausgewerteten Daten
sagen?
Ja, das hatte ich vermutet - und nicht nur vermutet, sondern gewusst. Denn
viele meiner Bekannten sind Aussiedler aus den Ländern der ehemaligen
Sowjetunion, und sie sind gut integriert. Sicher gibt es Ausnahmen: Einige
Jugendliche, aber auch Erwachsene kommen vor allem in den ersten Jahren
nicht so gut zurecht. Im Großen und Ganzen gelingt es Erwachsenen
aber, eine Stelle zu finden. Nicht zuletzt, weil viele aus der ersten
Generation auch nicht erwarten, eine ihrer Qualifikation entsprechende
Arbeit zu finden, sondern ihre Ansprüche herunterschrauben. Ihnen ist
es wichtig, einen Job zu haben und genug zu verdienen, um den Kindern eine
gute Bildung zu ermöglichen. Andere haben weniger Ansprüche,
wollen aber ein eigenes Einkommen erhalten und zumindest von
Sozialleistungen unabhängig sein.
Die Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, ist also meistens nicht
ökonomisch motiviert?
Nein, Aussiedler kommen in erster Linie, weil sie Deutsche sind, um als
Deutsche unter Deutschen zu leben. Ich weiß nicht, ob die vielen
Akademiker, deren Berufsabschlüsse nicht anerkannt worden sind,
gekommen wären, wenn Wirtschaftlichkeit eine große Rolle
gespielt hätte. Ich persönlich wollte mit meiner Familie auch in
einem demokratischen Land leben - und in der Wendezeit konnte niemand
wissen, wie es in Kasachstan weitergehen würde.
Trotz der kulturellen Vertrautheit ist in Deutschland für
Aussiedler wie für andere Migranten ja vieles fremd und neu. Warum
sind die Aussiedler unter diesen eher gut integriert?
Zum einen öffnen die Statusvorteile viele Türen: Die Leistungen,
die jedem Einheimischen zustehen, stehen auch einem Aussiedler zu. Das sind
keine zusätzlichen finanziellen Leistungen, aber der Zugang zum
Arbeitsmarkt, zu Umschulungen und Weiterbildungen ist derselbe. Zum anderen
entscheiden sich Aussiedler bewusst dafür, hierher zu kommen - und
wollen auch für immer bleiben, sich einrichten. Sie geben alles auf,
brechen alle Brücken ab.
Und gegenüber anderen Herkunftsgruppen mit Migrationshintergrund
haben Aussiedler auch den Vorteil, die Sprache zu beherrschen.
Sprache ist ein Mittel. Natürlich muss man Deutsch sprechen
können, um hier zu leben, aber das Ziel ist ein anderes: Bildung,
Arbeit und die gesellschaftliche Integration. Die Gesellschaft schafft den
Rahmen, aber der Wille, sich zu integrieren, der muss da sein. Bei der
zweiten Generation werden sie entsprechend kaum noch unterscheiden
können, ob das Kind einheimische oder Aussiedler-Eltern hat.
Sie haben die Bildung angesprochen - gibt es Schwierigkeiten bei der
Anerkennung der Abschlüsse? Mit diesem Problem kämpfen ja viele
Migrantinnen und Migranten anderer Herkunftsgruppen.
Das ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, und natürlich
begegnen auch Aussiedler diesem Problem. Selbstverständlich ist es oft
schwer, einen passenden Arbeitsplatz im erlernten Beruf zu finden. Aber
wie man damit umgeht, das ist entscheidend: Wenn man sich weiterentwickeln
will, gibt es auch viele Möglichkeiten, der Zugang ist offen.
Das klingt nach einer großen persönlichen
Anpassungsfähigkeit und Flexibilität sowie viel Eigeninitiative,
die nicht jeder gleichermaßen aufbringt.
Als Berlinerin müssten Sie sich in Bayern auch anpassen und sich
beispielsweise auf ein anderes Bildungssystem einstellen, wenn Sie sich
integrieren wollen. Das ist bei jedem Ortswechsel so, es erfordert immer
persönliche Entwicklung.
Wie könnte die deutsche Mehrheitsgesellschaft Migrantinnen und
Migranten hier unterstützen? Kann die Politik etwas aus dem Umgang mit
Aussiedlern für die Integration von Migranten lernen? Etwa, indem sie
die Statusvorteile - Pass, eigene Beauftragte - auch anderen Gruppen
gewährt?
Aussiedler sind Deutsche im Sinne des Artikels 116 Abs. 1 GG. Die Vorteile
sind gesetzlich begründet (Vertreibung und Benachteiligungen im
Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg). Insofern lässt sich das nicht
vergleichen.
Aber vielleicht könnte die deutsche Staatsangehörigkeit auch
bei anderen Herkunftsgruppen dazu beitragen, dass Migranten bei der
Arbeitssuche auf weniger Vorbehalte stoßen und sie gleichzeitig
selbst stärker zur Integration motivieren?
Wichtiger ist der Wille zur Integration und die Eigenverantwortung: Ich
halte es für selbstverständlich, dass jeder, der ins Ausland
geht, bereit ist, die Landessprache zu lernen. Die Bundesregierung
ermöglicht Zuwanderern, in Integrationskursen die Sprache zu lernen -
sie verpflichtet sie sogar dazu, leistet hier also bereits das Notwendige.
Und ein anerkannter Abschluss heißt ja noch nicht, auch einen
entsprechenden Job zu finden. Deshalb muss jeder für sich die
Möglichkeiten prüfen, sich weiterzubilden und sich eventuell
beruflich zu verändern.
Zuwanderer bringen ja auch besondere Qualifikationen mit: Sie kennen
mehrere Kulturen, sprechen mehrere Sprachen ...
... das muss man nutzen! Und das Anderssein akzeptieren. Man kann nicht
erwarten, dass jeder einzelne in Deutschland alle Zuwanderer mit offenen
Armen empfängt. Man muss mit Widerstand rechnen - und auf die
Einheimischen zugehen, ihnen die eigene Kultur erklären.
Ihrer Auffassung nach sind die Rahmenbedingungen für die
Integration also gar nicht so schlecht?
Die Gesellschaft kann dem Einzelnen nicht alles abnehmen, auch die
Einheimischen haben ja mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Zuwanderer
müssen sich selbstverständlich anpassen - das heißt ja
nicht, dass sie die eigene Identität und Kultur aufgeben müssen.
Eine andere Kultur kennen zu lernen, kann ja nur eine Bereicherung sein!
Aber es lässt sich ja durchaus noch einiges verbessern.
Ja, aber dazu muss man den Einzelfall betrachten. Und genau dazu ist die
Migrations-Erstberatung (MEB) da, ein klasse Instrument - eine vom Bund
geförderte sozialpädagogische Beratung nach der Methode "Case
Management", die von den Wohlfahrtsverbänden aber auch von den
Migrantenvereinen angeboten wird.
Wenn Sie mit der staatlichen Seite zufrieden sind - was können
denn beispielsweise türkische Zuwanderer in Sachen Integration von
Aussiedlern lernen?
Da sind sicher auch die Migrantenvereine gefordert, aber ich bin keine
Expertin für diesen Bereich.
Die Medienberichterstattung erweckt oft den Eindruck, dass die
jüngste Generation der sogenannten Russlanddeutschen besondere
Probleme hat, sich zu integrieren. Stimmt das?
Es sind immer wenige, die auffallen und das Bild von der Mehrheit
prägen. Die Integrierten fallen ja nicht auf.
Wollte die Mehrheit der jugendlichen Aussiedler nach Deutschland kommen
- oder sind sie nur mit ihren Eltern mitgegangen?
Die meisten Jugendlichen wollten selbst kommen - und sie wollen sich auch
integrieren. Wenn Jugendliche aber das Gefühl haben zu versagen, oder
denken, dass sie in den Augen ihrer Eltern versagen, dann neigen sie
vielleicht dazu, zu sagen: "Ich wollte ja sowieso nicht kommen."
Insbesondere die jungen Männer machen Schlagzeilen. Was steht
dahinter?
Viele von denen, die hier Schwierigkeiten haben, leiden darunter, dass sie
von einem Tag auf den anderen ihre Vorbilder und die Orientierung verloren
haben. Die Eltern sind eventuell sozial abgestiegen und sind selber damit
beschäftigt, sich zurechtzufinden. Ich behaupte aber, die meisten
finden sich zurecht. Genau das belegt auch Ihre Studie.
Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

|
|
|
| |
Live Fast - Die Young
Viele Russen sterben im arbeitsfähigen Alter
- vor allem der Lebensstil gesellschaftlicher Randgruppen führt zu
hohen Verlusten an Menschenleben Die russische
Bevölkerung ist seit 1990 um sieben Millionen Menschen geschrumpft.
Aktuell leben noch rund 142 Millionen in dem riesigen Land, das ein
Sechstel der gesamten Erdoberfläche bedeckt. Bis zum Jahr 2020
könnte sich die Einwohnerzahl laut demografischer Prognosen auf bis zu
138 Millionen reduzieren. Die Gründe hierfür sind
unterschiedlich: Einwandererströme aus den Nachbarländern ebben
langsam ab und die Fertilitätsrate bewegt sich seit Jahren auf sehr
niedrigem Niveau. Vor allem aber kämpft das Land seit geraumer Zeit
mit einer extrem hohen Sterblichkeit. Zwischen 1990 und 2005 nahm die
Sterberate um ungefähr 60 Prozent zu. Aktuell weist Russland nach
Afghanistan mit jährlich rund 16 Todesfällen pro 1.000 Einwohner
den höchsten Wert außerhalb Afrikas auf.
Dies lässt darauf schließen, dass es um den Gesundheitszustand
der Russen nicht zum Besten bestellt ist. Ein Blick auf die Lebenserwartung
bestätigt die Vermutung. Konnten russische Männer 1990 bei ihrer
Geburt noch mit 64 Lebensjahren rechnen, mussten sie sich 2005 mit nur mehr
knapp 59 Jahren begnügen. Frauen verloren im gleichen Zeitraum
ungefähr zwei Jahre. Dieser Umstand lässt darauf schließen,
dass nicht nur ältere Menschen unter hoher Sterblichkeit leiden. In
der Tat sterben in Russland auffällig viele Menschen im
arbeitsfähigen Alter. Die Sterberate von Männern dieser Gruppe
ist bereits auf das drei- bis fünffache des Wertes von vergleichbaren
Ländern gestiegen. Auch bei den Frauen ist sie mehr als doppelt so
hoch (Vereinte Nationen, 2008).
Nach der Wende kam das Ende 
In Russland sterben ungewöhnlich viele Menschen im
arbeitsfähigen Alter. Seit Mitte der 1990er Jahre sind von 1.000
Personen der Altersgruppen zwischen 16 und 59 Jahren bei den Männern
sowie 16 und 54 Jahren bei den Frauen jährlich im Schnitt zwischen
sechs und neun gestorben. In den meisten entwickelten Ländern liegt
diese Ziffer bei ungefähr drei. Deutlich sichtbar ist auch eine
Übersterblichkeit der Männer. (Datengrundlage: Rosstat)
Doch warum sterben so viele Russen in relativ jungen Jahren? Ein Blick auf
die Haupttodesursachen gibt Aufschluss. Mit großem Abstand finden
sich hier auf den ersten beiden Plätzen Herzinfarkte und
Schlaganfälle. Dem folgen (Alkohol)-vergiftungen, Krebserkrankungen,
Verkehrsunfälle und Selbstmorde. Angesichts dieser Faktoren lässt
sich die hohe Sterblichkeit in Russland kaum gänzlich dem maroden
Gesundheitssystem in die Schuhe schieben. Wie sonst wäre es zu
erklären, dass viele Tote Unfällen und Alkoholmissbrauch zum
Opfer fielen? Und warum sterben so viel mehr Männer als Frauen?
Ein Report der Weltbank (2005) hat mögliche Faktoren untersucht, die
für den schlechten Gesundheitszustand der Russen verantwortlich sein
könnten. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die wichtigsten
Risikofaktoren für Tod und Arbeitsunfähigkeit direkt von den
Menschen beeinflusst werden können. So führten eine unausgewogene
Ernährung und wenig Bewegung häufig zu erhöhtem Blutdruck
sowie Cholesterinspiegel, den beiden Hauptrisikofaktoren in Russland.
Außerdem ließen sich viele Tode auf hohen Alkohol- und
Tabakkonsum zurückführen.
Es wäre jedoch falsch, diese Faktoren unabhängig von der
sozioökonomischen Lage im Land zu betrachten. Auffällig ist, dass
die Sterberate der Menschen im arbeitsfähigen Alter erst seit 1990
sprunghaft angestiegen ist (siehe Abbildung). Die Vereinten Nationen (2008)
führen diese Entwicklung auf eine fortschreitende Marginalisierung
immer größerer Teile der Bevölkerung zurück. Diese
durch die langwierige wirtschaftliche Transformation an den Rand der
Gesellschaft gedrängten Gruppen ernährten sich besonders
ungesund, bewegten sich zu wenig und rauchten und tränken zuviel -
allesamt Verhaltensweisen, die oft mit psychischem Stress einhergehen.
Was also kann Russland tun, um nicht noch mehr potenzielle
Arbeitskräfte zu verlieren? Zunächst einmal sollte versucht
werden, den Ursprung des Problems in den Griff zu bekommen. In Russland
leben noch immer ungefähr 20 Millionen Menschen unter dem
Existenzminimum (Rosstat, 2008). Würden sich deren Zukunftsaussichten
verbessern, würden sie mit großer Wahrscheinlichkeit ein
verantwortlicheres und weniger riskantes Leben führen. Darüber
hinaus ist es unabdingbar, die Bevölkerung umfassender über
Risiken schlechter Ernährung und von Tabak- sowie Alkoholmissbrauch
aufzuklären. Laut Wissenschaftlern der Weltbank habe solch eine
Prävention schon im finnischen Nord-Karelien, das ehemals unter
ähnlichen Problemen litt, binnen kurzer Zeit zu klaren Verbesserungen
geführt (für Details siehe Weltbank, 2005).
In den Worten von Vladimir Putin (2005) hört es sich so an: "Jeder
junge Mensch muss einsehen, dass ein gesunder Lebensstil Erfolg bedeutet,
seinen oder ihren persönlichen Erfolg". Welchen Anteil diese Warnungen
an der leichten Verbesserung der Gesundheitslage in den letzten zwei Jahren
gehabt haben, ist indes nicht bekannt.
Literatur / Links
Putin, V. (25. April 2005). Rede zur Lage der Nation. Kreml, Moskau.
Rosstat (2008). Demografitscheski Jeschewodnik Rossii. Moskau.
Vereinte Nationen (2008). Demographic Policy in Russia: From Reflection to
Action. Moskau.
Weltbank (2005). Dying Too Young – Addressing Premature Mortality
and Ill Health Due to Non-Communicable Diseases and Injuries in the Russian
Federation. Summary. Washington D.C.

|
|
|