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Alt und behindert
Eine neue Studie des Berlin-Instituts für
Bevölkerung und Entwicklung zeigt, wie sich der demografische Wandel
auf Menschen mit lebenslanger Behinderung auswirkt Jeder zwölfte Bundesbürger besitzt einen
Schwerbehindertenausweis. Die meisten dieser 6,7 Millionen Personen sind im
Rentenalter und wegen einer langjährigen Erkrankung in ihrem Leben
eingeschränkt. Doch nur ein Bruchteil davon braucht Unterstützung
im Alltag.
Wer tägliche Begleitung und Unterstützung benötigt, hat
einen Anspruch auf Leistungen zur Eingliederungshilfe, zum Beispiel auf
einen Platz im Heim, in einer Werkstatt für behinderte Menschen oder
im ambulant betreuten Wohnen. Die meisten von ihnen haben eine so genannte
geistige oder mehrfache Behinderung. Ihre Zahl ist wesentlich geringer als
die Gesamtzahl der Schwerbehinderten. So arbeiten etwa 214.000 Personen in
Werkstätten. Vor dem Hintergrund einer stetig steigenden
Lebenserwartung und der Alterung der Gesellschaft wächst auch die Zahl
derer, die mit wesentlichen Behinderungen alt werden und ins Rentenalter
hineinwachsen.
Dieses Phänomen ist neu - zumindest für Deutschland: Die
Nationalsozialisten hatten mit ihrer Vernichtungspolitik das Leben von
Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen systematisch
ausgelöscht. Erst die nach dem Krieg Geborenen können deshalb
jetzt in größerer Zahl ein höheres Alter erreichen.
Außerdem zogen Behinderungen früher häufig erhöhte
Sterberisiken nach sich. Da sich die Lebensbedingungen auch für
Menschen dieser Bevölkerungsgruppe in den letzten Jahrzehnten deutlich
verbessert haben, ist ihre Lebenserwartung in den vergangenen Jahrzehnten
stark angestiegen. Sie wird sich vermutlich in Zukunft weiter jener der
Durchschnittsbevölkerung annähern.
Diese Entwicklung hat Folgen für die Einrichtungen und Dienste der
Behindertenhilfe: Sie müssen sich auf mehr ältere Menschen
einstellen. Nicht nur weil ihre Klienten und Nutzer altern, sondern auch,
weil erwachsene Menschen mit Behinderung, die lange bei ihren eigenen
Eltern leben konnten, vermehrt auf professionelle Hilfe angewiesen sein
werden, wenn diese aus Altersgründen nicht mehr für sie da sein
können.
Im Alltag der Einrichtungen bedeutet das: Personen, die ihren
Lebensmittelpunkt lange in einer Werkstatt für behinderte Menschen
hatten, werden Rentner. Sie sind nun auch tagsüber an ihrer
Wohnstätte auf Unterstützung angewiesen. Wenn sie älter
werden, steigt der Anteil Pflegebedürftiger unter ihnen. Da zu
erwarten ist, dass künftig nicht weniger junge Menschen mit
lebenslanger Behinderung auf Unterstützung angewiesen sein werden,
wird vermutlich auch die Gesamtzahl der Hilfeberechtigten ansteigen. Das
Berlin-Institut skizziert in der von der Software AG - Stiftung
geförderten Studie die zahlenmäßige Entwicklung sowohl von
Personen mit Schwerbehindertenausweis als auch in Einrichtungen der
Behindertenhilfe in mehreren Szenarien.
Alterung in den Heimen für Menschen mit Behinderung 
Unter den Bewohnern stationärer Einrichtungen für
behinderte Menschen waren 2006 erst wenige im Rentenalter. Für eine
Projektion der zahlenmäßigen Entwicklung wurden zwei Annahmen
getroffen: Erstens, dass diese Menschen innerhalb weniger Jahre die
durchschnittliche Lebenserwartung der Gesamtbevölkerung erreichen;
zweitens, dass ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung in den
Altersgruppen unter 50 Jahren gleich bleibt. Treffen die Annahmen zu,
werden die oberen Altersgruppen bald deutlich stärker besetzt
sein.
Aber noch aus anderen Gründen dürfte die Zahl der
Unterstützungsbedürftigen anwachsen: Denn während sich die
heute erwachsenen Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung auf
einen Ruhestand nach der Werkstatt einstellen können, wird in den
Sonderschulen mit Förderschwerpunkt geistige Behinderung - also
Schulen, die sich auf Kinder mit geistiger Behinderung spezialisiert haben
- der Nachwuchs auf ein Berufsleben in der Werkstatt vorbereitet. Knapp ein
Prozent aller Schüler wird wegen einer geistigen Behinderung
sonderpädagogisch gefördert, nur 2,2 Prozent von ihnen in einer
Integrationsklasse. Fast alle Abgänger arbeiten später in einer
Behindertenwerkstatt.
Nicht ganz so absehbar ist der weitere Lebensweg der anderen Schüler
auf Sonderschulen, die wegen einer Lernbehinderung oder Sprachproblemen
gefördert werden. Ihr Anteil an allen Schülern wächst
ebenfalls. Insgesamt werden 5,8 Prozent aller Schüler
sonderpädagogisch gefördert, 16 Prozent von ihnen integrativ in
einer Regelschule. Die Chancen von Sonderschülern auf einen
regulären Arbeitsplatz aber sind generell kaum besser als die der
Schüler mit geistiger Behinderung. Nur etwa 20 Prozent von ihnen
erreichen einen Hauptschulabschluss, zwei Prozent einen Realschulabschluss
und ein Prozent das Abitur. Immer mehr Menschen mit Lernbehinderung, also
vergleichsweise leichten intellektuellen Einschränkungen, und sehen
keine Alternative, als Eingliederungshilfe zu beantragen um dann in
Werkstätten zu arbeiten. Der gleiche Trend ist bei Personen mit
psychischer Behinderung zu beobachten, deren Zahl ebenfalls seit vielen
Jahren ansteigt. Sowohl, was den Besitz von Schwerbehindertenausweisen
betrifft, als auch in der Behindertenhilfe.
Immer mehr Schwerbehinderungen sind Folgen von Psychosen 
Während die Zahl aller Schwerbehinderten seit 1987 von
5,1 auf 6,7 Millionen gestiegen ist, hat sich die Zahl derer unter ihnen,
die wegen einer Psychose einen Schwerbehindertenausweis besitzen, fast
verdreifacht. Und das ist noch die Untergrenze sämtlicher Fälle,
da längst nicht alle Menschen mit chronischen psychischen Krankheiten
einen Schwerbehindertenausweis beantragen.
Insgesamt bedeutet das: Es wächst nicht nur die Zahl der älteren
Menschen mit Behinderung, sondern es gibt auch mehr "Quereinsteiger" in die
Behindertenhilfe. Gleichzeitig wachsen die Ausgaben der Sozialämter:
Seit es die Eingliederungshilfe gibt, steigt die Zahl der
Hilfeempfänger und der Aufwendungen.
Immer mehr Menschen erhalten Eingliederungshilfe 
Die Zahl der Personen, die Anspruch auf Eingliederungshilfe
für behinderte Menschen haben, ist seit 1980 von 200.000 aus
verschiedenen Gründen auf mehr als 600.000 angestiegen. Auch die
Ausgaben wachsen - sowohl absolut als auch pro Empfänger.
Den steigenden Kosten-, beziehungsweise Einspardruck geben die
Sozialbehörden immer nachdrücklicher an die Einrichtungen weiter.
Wenn sich also nichts Grundlegendes an dem bestehenden System der
Sondereinrichtungen für behinderte Menschen ändert, ist zu
befürchten, dass sich die Versorgung der Betroffenen verschlechtert.
Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass unter dem Kostendruck
Reformen möglich werden, die Experten seit langem in der
Behindertenhilfe anmahnen. So ist sich die Fachwelt weitgehend einig
darüber, dass Menschen mit Behinderung weniger ein isoliertes Leben in
Sonderwelten führen, als vielmehr in die Gesellschaft integriert
werden sollten. Würde beispielsweise der Grundsatz "ambulant vor
stationär" umfassender verwirklicht, hätten mehr Betroffenen
persönliche Freiheiten. Umfragen zufolge würde die Mehrheit von
ihnen das Leben in den eigenen vier Wänden gegenüber einem
Heimplatz bevorzugen. Ein weiteres, bis dato wenig genutztes Prinzip ist
das des "Persönliches Budgets". Dabei geht das Geld für die
Eingliederungshilfe direkt in die Hände der Menschen mit Behinderung,
die dann selbst entscheiden, welche Art von Hilfe sie in Anspruch nehmen
wollen.
Tatsächlich sind wohnortnahe, selbst bestimmte und auf den
individuellen Bedarf zugeschnittene Hilfen oft kostengünstiger:
Für die ambulante Betreuung in den eigenen vier Wänden gaben die
Sozialämter 2006 rund 7.400 Euro pro Empfänger aus, für die
Versorgung im Heim hingegen 26.000 Euro.
Dennoch genügt es nicht, die Sonderwelten wie Förderschulen,
Heime und Werkstätten einfach aufzulösen und ihre Nutzer in die
Selbstbestimmung zu entlassen. Denn Menschen mit Unterstützungsbedarf
brauchen neben konkreter Hilfe auch ein soziales Umfeld, Nachbarn,
Kollegen, Bekannte und Freunde - insbesondere, wenn sie alt werden.
Gerade Stiftungen und private Initiativen können in Modellprojekten
wie Mehrgenerationenhäusern und Nachbarschaftshilfen zeigen, wie
zivilgesellschaftlich Engagierte, unterstützt von Profis der
Behindertenhilfe, Sondereinrichtungen überflüssig machen
können. Damit ließe sich die beiden vordringlichen Ziele der
Sozialpolitik vereinen: die Kosten zu begrenzen und gleichzeitig mehr
Teilhabe von Menschen mit Behinderung zu ermöglichen.
Weitere Ergebnisse der neuen Studie "Alt und behindert" finden Sie auf der
Homepage des Berlin-Instituts unter www.berlin-institut.org.
Für Fragen und Interviews stehen Ihnen Dr. Reiner Klingholz unter 0
30 - 31 01 75 60 und Ylva Köhncke unter 0 30 - 22 32 48 45 zur
Verfügung.
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