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"Aus der Zuwanderungsverhinderungsregel
müssen wir eine Zuwanderungsbegrüßungsregel
machen"
Interview mit Prof. Dr. Michael Hüther,
Institut der deutschen Wirtschaft, Köln Michael Hüther, geboren 1962 in Düsseldorf, leitet
seit dem Jahr 2004 das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW)
und ist seit 2001 Honorarprofessor an der European Business School in
Oestrich-Winkel. Zuvor war er Chefvolkswirt der DekaBank in Frankfurt am
Main. Neben den Wirtschaftswissenschaften, in denen er 1990 promoviert hat,
studierte er Mittlere und Neuere Geschichte. Das IW untersucht unter
anderem die Auswirkungen des zu erwartenden Bevölkerungsrückgangs
auf den Arbeitsmarkt. 
Derzeit drohen Massenentlassungen und Kurzarbeit. Weshalb
ist es trotzdem wichtig, heute über den Fachkräftemangel
nachzudenken?
Fachkräftemangel ist kein Konjunkturthema. Wir befinden uns derzeit
in einer sehr schweren Rezession, mit massiven Einbrüchen der
Nachfrage, der Produktion und auch einem Abbau von Beschäftigung. So
schlimm die Krise im Moment ist, ob wir sie 2009 oder 2010 im Kern
überwunden haben, ist nicht entscheidend.
Sondern?
Entscheidend sind die demografischen Rahmenbedingungen und die Bildung.
Die demografische Kulisse verändert sich nicht kurzfristig. Auch das
Bildungssystem ist, wie wir in allen Reformüberlegungen und
Anstrengungen spüren, nicht kurzfristig auf neue Spuren zu setzen.
Diesem Problem können wir nicht entgehen. Umso wichtiger ist es, dass
die Unternehmen selbst in einer Konjunkturkrise ihre Kernkompetenzen
sichern.
Und zwar durch Fachkräfte. Sehen die Unternehmen das auch so?
Es wird in dieser Krise eine stärkere Differenzierung zwischen Rand-
und Stammbelegschaften geben. Aber es ist bedeutsamer als früher, die
Stammbelegschaften zu halten, weil wir bereits einen Fachkräftemangel
haben. Die Unternehmen werden vermutlich dennoch ein Stück weit so
handeln, als wären sie frei von Strukturthemen. Wahrscheinlich
können sie mit den hohen Personalkosten auch nicht überwintern.
Aber in einer sich wiederbelebenden Konjunktur brauchen sie qualifizierte
Mitarbeiter.
Seit Jahren hören wir immer wieder abwechselnd von einem
Überangebot und einem Fachkräftemangel in manchen Branchen. Warum
ist der Mangel ein ernstes Problem?
Wir hatten immer mal wieder einen Fachkräftemangel in bestimmten
Segmenten. Aber wir haben erst seit wenigen Jahren die Situation, dass aus
dem Arbeitsmarkt in den hohen Altersgruppen mehr potenzielle
Erwerbspersonen hinausgehen als bei den jüngeren Gruppen hineinkommen.
Demografisch bedingt verlieren wir pro Jahr 250.000 bis 300.000 potenzielle
Erwerbspersonen. Gleichzeitig führt der Strukturwandel zu einem
höheren Bedarf an Hochqualifizierten. Bei den Ingenieuren etwa haben
wir mittlerweile eine Ersatzrate von 0,9. Das heißt, im Vergleich zu
zehn altersbedingt ausscheidenden Ingenieuren bringt das System nur neun
frisch ausgebildete hervor. In allen anderen großen
Industrieländern liegen die Ersatzraten deutlich höher.
Was bedeutet das für den Exportweltmeister?
Wir können den bestehenden Bedarf an Ingenieuren gerade noch
ersetzen, verfügen aber nicht über einen Überschuss, mit dem
wir expandieren könnten. Der wäre aber notwendig, um die
qualitativen Veränderungen der Wertschöpfungsketten der Industrie
aufgreifen zu können. Derzeit haben wir eine "Lücke" von knapp
50.000 Ingenieuren, was einem Absolventenjahrgang der
ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten an deutschen Universitäten
entspricht. Dadurch werden Stellen nicht besetzt, Projekte nicht
durchgeführt oder verzögert. Das hat nach Berechnungen des IW im
letzten Jahr zu einem Wertschöpfungsverlust von 7,2 Milliarden Euro
geführt, und zwar an der Stelle, wo der Strukturwandel stattfindet:
Dort, wo die technische Innovation im Bereich der Industrieökonomie
besonders wichtig ist.
Hier spielt auch der demografische Wandel eine Rolle. Wie würden
Sie die Situation im Osten der Republik nach dem Geburteneinbruch in den
neunziger Jahren beschreiben?
Hier erleben wir bereits seit geraumer all das, was im Westen etwas
später zu erwarten ist. Im Osten können wir uns die Entwicklungen
wie im Laboratorium anschauen. Hier haben einige Städte
Bevölkerung in massiven Größenordnungen von rund zehn, 15,
20 Prozent verloren, und nach den regionalen Prognosen werden sie in den
kommenden Jahren noch mal 20, 30 Prozent verlieren. Man muss hier
natürlich differenzieren und auch die Wanderungsbewegungen hin zu den
Zentren betrachten. Leipzig und Dresden werden angesichts der angesiedelten
wirtschaftlichen Strukturen eine gute Perspektive haben.
Und die Abwanderung der Jüngeren verschärft das Problem
noch?
Und zwar enorm, auch wenn das im Augenblick vielleicht deshalb nicht ganz
so sichtbar ist, weil die Industrie im Osten auf einem viel niedrigeren
Niveau fährt. Wir haben zwar den Befund, dass das verarbeitende
Gewerbe in den neuen Bundesländern im Schnitt der letzten zehn Jahre
eineinhalb bis zwei Prozentpunkte stärker gewachsen ist in
Westdeutschland. Der Aufholprozess läuft also in der Industrie, und
wir sind pro Kopf betrachtet in der Angleichung in den letzten Jahren
vorangekommen. Aber gleichzeitig haben wir immer noch eine
Netto-Abwanderung aus dem Osten. Die Engpässe bei den Fachkräften
betreffen also den Osten und den Westen.
Angesichts der demografischen Entwicklung mit viel kleineren
nachwachsenden Kohorten: Müssen wir die Jüngeren nicht nur
wesentlich besser qualifizieren, sondern möglichst alle besser
qualifizieren?
Wenn der demografische Wandel unter der Überschrift Schrumpfung und
Alterung verläuft, ja. Das Erwerbspersonenpotenzial schrumpft bereits
heute, und zwar stärker als die Bevölkerung. In Zukunft werden
wir uns die Verschwendung von Bildungsressourcen noch weniger erlauben
können. Betrachtet man die Zahlen der Schülerjahrgänge, die
Absolventen allgemeinbildender Schulen bis 2020, dann wird die Knappheit
erkennbar: In den ostdeutschen Länden wird die Absolventenzahl um 40
Prozent zurückgehen, in den westdeutschen Ländern um etwa 14
Prozent. Wie gehen sie mit 40 Prozent Schrumpfung um? Wie soll das
funktionieren?
Sagen Sie es uns.
Wir müssen jeden mitnehmen, wie Sie in Ihrer Integrationsstudie
"Ungenutzte Potenziale" sagen. Jede Integrationsmöglichkeit muss
genutzt werden. Wie wir Menschen mit Migrationshintergrund sehr lange weit
links liegen gelassen haben, war verantwortungslos. Sie können das
Versagen an Bildungsindikatoren ableiten, sie können das auch
beispielsweise an der schwach ausgeprägten Bereitschaft
ausländischer Mitbürger ableiten, unternehmerisch tätig zu
sein. In anderen Ländern machen sich Menschen mit
Migrationshintergrund beispielsweise viel häufiger
selbstständig.
Was machen wir da falsch?
Wir geben ihnen - zusätzlich zu der Bildungsproblematik - keinen
Anreiz oder Raum, sich unternehmerisch so zu entfalten, wie es unter
anderen Bedingungen möglich wäre. Dies ist fatal in Anbetracht
der genannten Schulabgängerzahlen in 2020. 40 Prozent weniger
Schüler! Man kann zwar argumentieren, dass die Verbleibenden viel
besser ausbildet werden, weil die demografische Rendite im Schulsystem
bleibt - also die Schüler-Lehrer-Relation sich verbessern lässt.
Das machen ja auch einige der neuen Länder wie beispielsweise Sachsen
und Thüringen.
Wie motivieren wir die jungen Leute, Fächer wie Mathematik,
Informatik, Naturwissenschaften, Technik zu studieren?
Arbeitgeberverbände und Wirtschaftsverbände unternehmen hier
viel. Das ist gut und wirkt auch. Vergleichende Analysen zeigen, dass der
Wunsch von 15-Jährigen, technische Fächer zu studieren, genauso
hoch ist wie in den anderen europäischen Ländern auch. Dieser
Anteil schrumpft hierzulande aber während der gymnasialen Oberstufe.
Wenn die Studienentscheidung ansteht, nach dem Abitur, ist der Anteil
geringer als in anderen Ländern Europas.
Woran könnte das liegen?
Häufig arbeiten in naturwissenschaftlichen Fächern Lehrer, denen
es an der notwendigen pädagogischen Kompetenz mangelt. Wissen muss
aber so vermittelt werden, dass es Schülerinnen und Schülern
Spaß macht und sie Neigungen erkennen und einbringen können.
Wenn die Lehrer an den Oberstufen versuchen, die Universität
nachzuahmen, den Leistungskurs zum Universitätsseminar machen, dann
hängen sie viele ab. Und wie fängt man das auf, wenn wir zudem
schrumpfende Schülerjahrgänge haben?
Ja, wie?
Unternehmer haben zwei Strategien entwickelt. Zum einen haben sie in der
Tat wieder sehr viele Ältere in den Arbeitsprozess integriert: Zwei
Drittel des Bestands an arbeitslosen Ingenieuren ist wieder im System - ein
Rest ist häufig "fehlqualifiziert" oder auf die spezifischen
Anforderungen nicht mehr so einfach qualifizierbar. Vom Bestand ist nur
noch ein geringer Teil zusätzlich abbaubar. Das löst das Problem
also nicht, wenn ich so eine große Lücke habe. Zum anderen tun
die Unternehmen viel in Sachen Qualifizierung. Vielleicht liegt eine
gewisse Chance auch darin, dass wir das Studium mit Bachelor und Master
modularer organisieren. Das heißt, man kann auch später noch mal
einsteigen und sich weiter qualifizieren. Wir müssen mehr darüber
nachdenken, wie wir die proklamierte Offenheit der Universitäten
für Leute erreichen, die kein Abitur haben, aber beispielsweise in
Unternehmen gearbeitet haben, über eine Facharbeiterausbildung oder
einen Meister verfügen. Bisher ist das mehr Theorie als Tatsache. Hier
liegen Möglichkeiten, die Leute über Qualifikationsmodule im
System entsprechend weiterzubilden.
Aber das reicht noch nicht im internationalen Wettbewerb um gute
Köpfe. Wie können wir Deutschlands Attraktivität
verbessern?
Wir müssen den Mut haben, Zuwanderungsregeln nicht als
Zuwanderungsverhinderung zu organisieren, sondern wirklich als
ökonomisch gesteuerte Zuwanderung, so wie in Kanada. Kanada fragt, was
ist ökonomisch notwendig, legt Kontingente fest und sucht. Aber
hierzulande haben es einige Strukturkonservative noch nicht begriffen, dass
wir ein Zuwanderungsland sind und sein müssen. Wir werden nicht durch
Zuwanderung unsere demografischen Probleme lösen können, da
bräuchten wir jährlich etwa 400.000 netto. Aber Engpässe
kann man damit gezielt eindämmen. Wir müssen Willkommenssignale
setzen - das ist das eigentliche Problem. Es muss zudem zum Thema gemacht
werden, dass Deutschland ein attraktives Land ist, in dem man gut leben
kann, dass hier die Infrastruktur funktioniert – im Gegensatz
beispielsweise zu Großbritannien. Aus der
Zuwanderungsverhinderungsregel müssen wir eine
Zuwanderungsbegrüßungsregel machen.
In einigen Ländern ist außerdem die Lebensarbeitszeit
länger als in Deutschland, beispielsweise in Japan.
Die Erwerbsintegration Älterer ist ein ganz wichtiges Thema.
Innerhalb der Jahre von 2003 bis heute ist die Erwerbsbeteiligung der 55-
bis 64-jährigen von knapp unter 40 Prozent auf über 52 Prozent
angestiegen. Das ist enorm und hat mehrere Gründe: Durch gezielte
Interventionen in der Sozialgesetzgebung ist die Beschäftigung
Älterer wieder selbstverständlicher geworden, und
Altersteilzeitregelungen laufen aus. Auch das, was in der Chemie- und der
Elektroindustrie als neue Altersteilzeit im letzten Jahr vereinbart wurde,
sind keine Vorruhestandsprogramme, sondern eigentlich Übergangs-,
Aktivierungsprogramme. Hier kommt eine völlig andere Philosophie zum
Tragen. Wir haben in der Schweiz bei den 55- bis 64-Jährigen eine
Erwerbsbeteiligung von über 70 Prozent. Deutschland hat bei der
Integration dieser Altersgruppe noch erhebliches Potenzial.
Unternehmen müssen hier ganz neue Antworten finden, weil der Druck
stärker wird?
Ja, und das tun sie auch. Trotzdem werden wir in dieser Rezession erleben,
was wir in allen Rezessionen erlebt haben: Die Alten werden zuerst
entlassen. Sie sind durch die längere Verweildauer im Unternehmen
einfach teurer. Wenn ein Kostenproblem durch eine um 50 Prozent verringerte
Auslastung entsteht, dann interessieren den Unternehmer nicht mehr die
Leistungsunterschiede. Dann muss die Liquidität im Unternehmen
gesichert werden, und als Unternehmer kann ich mit Beschäftigungsabbau
darauf reagieren.
Wenn wir die Lücken durch all die Maßnahmen schließen
können, dann wäre vieles erreicht. Aber nimmt die
Innovationskraft einer Wirtschaft mit einer alternden Belegschaft nicht
rapide ab?
Das stimmt nur auf den ersten Blick. Aber es gibt unterschiedliche
Kompetenzmuster. Die Gerontologie hat schon vor knapp 30 Jahren das
Defizit-Modell des Alterns beiseite gelegt. In den Unternehmen herrscht es
immer noch. Heute spricht man vom Kompetenz- oder Kompensationsmodell, das
heißt, es gibt Verschiebungen von Kompetenzen. Ältere von
über 50 Jahren haben andere Kompetenzen als die Jüngeren. Sie
sind eher in der Lage Gesamtzusammenhänge zu erkennen, abzuwägen.
Ältere müssen so gefordert werden, wie es ihren Kompetenzen
entspricht. Und die Jüngeren müssen gezielt in diese Funktionen
gebracht werden.
Wie muss die betriebliche Personalpolitik darauf reagieren?
Sie muss andere Einsatzmuster definieren. Möglicherweise müssen
altersgemischte Teams gebildet werden. Was wir noch nicht geschafft haben,
ist der älteren Generation zu sagen: Sie wird gebraucht. Wenn die
Menschen in Rente gehen, bedeutet das nicht, dass sie dann ins Private
zurückfallen dürfen.
Die Frauenerwerbsquote in Deutschland ist relativ hoch. Hier gibt es
auch noch Möglichkeiten, mehr Fachkräfte einzubinden.
Bei der Frauenerwerbsquote sind wir in den letzten Jahren insbesondere
infrastrukturell weiter gekommen. Durch die Kombination von Elterngeld und
intensivierten Betreuungsangeboten für die Kinder wird die Kombination
von Beruf und Familie anders möglich sein. Das alte Erziehungsgeld
hatte die Vision, Frauen können eigentlich zuhause bleiben, und wenn
sie sich etwas dazu verdienen, dann können sie sich daraus das
Elterngeld finanzieren. Das Elterngeld ist nun eine Lohnersatzleistung und
prämiert sozusagen die Erziehungsleistung, dabei wird es auch nur
kürzer gezahlt, maximal 14 Monate, wenn beide es nutzen, statt drei
Jahre Erziehungsgeld. Wir haben Betreuungsquoten im Westen von sieben
Prozent, im Osten von knapp 30 Prozent. Die Quote in Ostdeutschland beruht
auf den Erfahrungen in der DDR, wo die Quote zwischen 30 und 35 Prozent
lag. Wir müssen insgesamt auf dieses Niveau kommen.
35 Prozent? Das ist aber immer noch nicht viel.
Na gut, das entspricht offensichtlich aber der Präferenzlage. Wir
können die Leute ja nicht dazu zwingen. Aber wenn wir von sieben auf
35 Prozent in Westdeutschland kämen, das ist für 2013 auch
vereinbart, dann hätten wir zu dem Elterngeld eine notwendige zweite
Maßnahme organisiert.
Das Interview führte Christian Kutzner.
Nachdruck unter Quellenangabe (Christian Kutzner / Berlin-Institut) erlaubt.

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