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Immer mehr Quereinsteiger in den
Werkstätten für behinderte Menschen
Eine wachsende Zahl von Personen mit psychischer
Erkrankung oder leichter intellektueller Einschränkung sucht
Beschäftigung in Einrichtungen für Menschen mit geistiger oder
mehrfacher Behinderung Die demografische Alterung
stellt Einrichtungen und soziale Dienste für Menschen mit
Behinderungen vor große Herausforderungen. Hinzu kommt, dass
Hilfeberechtigte, die bisher nicht zum typischen Nutzerkreis der
Behindertenhilfe gehört haben, zunehmend Unterstützung in
Anspruch nehmen. Darauf weist das Berlin-Institut in seiner jüngst
erschienenen Studie "Alt
und behindert" hin.
Deutschlandweit werden etwa 213.000 Menschen mit Behinderung -
stationär oder ambulant - im Wohnalltag unterstützt. 214.000
Personen arbeiten in Werkstätten für behinderte Menschen
(2006). 
Nach den Menschen mit geistiger Behinderung bilden Menschen
mit psychischen Handicaps die zweitgrößte Gruppe in den
befragten Werkstätten. Personen mit rein körperlicher
Einschränkung oder Sinnesbehinderung machen nur einen kleinen Anteil
aus. "Schwerstmehrfachbehinderung" und "Lernbehinderung" sind Kategorien,
die nicht von allen Werkstätten verwendet werden. Deshalb ist der
Anteil dieser Gruppe hier eher unterschätzt (Datengrundlage: ISB
2008).
Sorge macht den Fachleuten, dass zunehmend Menschen mit psychischer
Erkrankung oder mit leichter intellektueller Einschränkung einen
Bedarf an Eingliederungshilfe anmelden - als so genannte Quereinsteiger (vgl.
DEMOS 67). Eingliederungshilfe für behinderte Menschen bezeichnet
ein Bündel von Sozialhilfeleistungen - etwa die Versorgung in einem
Heim, ambulante Betreuung oder ein Arbeitsplatz in einer Werkstatt für
behinderte Menschen - für Personen, die wegen einer körperlichen,
geistigen oder seelischen Behinderung wesentlich eingeschränkt sind.
In diesen Werkstätten ist der Anteil der Beschäftigten mit
seelischer Behinderung zwischen 2001 und 2006 um 13 Prozent von 15 auf 17
Prozent gestiegen. Das zeigt eine umfangreiche Befragung der Gesellschaft
für Integration, Sozialforschung und Betriebspädagogik (ISB), an
der weit mehr als die Hälfte der Werkstätten teilnahmen. Die Zahl
der Beschäftigten ist in den befragten Werkstätten in der
gleichen Zeit von rund 150.000 auf rund 185.000 um 16,7 Prozent gestiegen.
Das ist so viel, dass die Werkstätten vielerorts nicht schnell genug
hinterherkommen, neue Plätze einzurichten. Die Überbelegung wird
oft durch Teilzeitbeschäftigung abgefedert.
Hintergrund dieser Entwicklung: Psychische Erkrankungen wie Depressionen,
Angststörungen oder Suchterkrankungen nehmen im gesamten Gesundheits-
und Rehabilitationsgeschehen eine wachsende Rolle ein. Die Zahl der
Krankenhausfälle ist in den vergangenen 20 Jahren von 3,8 pro 1.000
Versicherte auf 9,8 gestiegen - bei generell rückläufigen
Klinikbelegungen. Das insgesamt verordnete Volumen von Antidepressiva hat
sich zwischen 1991 und 2004 verdreifacht. Zwar wird längst nicht jede
psychische Erkrankung zur dauerhaften Behinderung. Doch auch unter den
Beziehern von Erwerbsminderungsrente sind immer mehr, die ihre
Tätigkeit wegen einer psychischen Erkrankung beendet oder stark
eingeschränkt haben. Als Grund für eine Verrentung haben
psychische Störungen mittlerweile Herz-Kreislauf- und Skelett- oder
Muskelerkrankungen überholt. Sowohl psychische Störungen als auch
seelische Behinderungen treten also immer häufiger auf. Als
Gründe dafür diskutieren Fachleute sowohl Stressfaktoren in der
Gesellschaft als auch eine gesteigerte Sensibilität für und
Akzeptanz von psychischen Störungen bei Ärzten und Patienten.
Als weitere Quereinsteiger wenden sich vermehrt Menschen mit einer
Lernbehinderung an Behindertenhilfe-Einrichtungen. Als Lernbehinderung
bezeichnen Sonder- und Sozialpädagogen eine kognitive
Einschränkung, die leichter ausgeprägt ist als eine geistige
Behinderung. Der Anteil von Menschen mit einer Lernbehinderung im
Berufsbildungs- und Arbeitsbereich der Werkstätten ist zwischen 2001
und 2006 von 5,5 auf sieben Prozent angestiegen.
Typischerweise haben die Mitarbeiter von Werkstätten eine
Förderschule mit dem Schwerpunkt "geistige Entwicklung" besucht, also
eine, die Kinder mit geistiger Behinderung aufnimmt. Die Zahl dieser
Schulabgänger steigt in den vergangenen Jahren genauso stark an wie
die der Quereinsteiger: Während im Jahr 2001 rund 68.800 Schüler
als geistig behindert klassifiziert wurden, waren es 2006 rund 75.700 - ein
Anstieg um zehn Prozent in fünf Jahren. Möglicherweise bevorzugen
Eltern die Geistigbehindertenschule gegenüber der für
Lernbehinderte oder Verhaltensauffällige, weil ihr Kind damit eine
hohe Chance auf einen sicheren Arbeitsplatz in einer Werkstatt erhält.
Dafür nehmen Sie den Stempel "geistig behindert" in Kauf.
Der Anteil geförderter Schüler steigt 
Der Anteil der in Sonderschulen unterrichteten Schüler
ist zwischen 2002 und 2006 von 5,5 auf 5,8 Prozent gestiegen. Etwa der
Hälfte der Schüler wurde eine Lernbehinderung attestiert.
Förderschulen mit einem Schwerpunkt für Lernbehinderung hatten
einen Rückgang der Schülerzahlen zu verzeichnen, während
mehr Kinder wegen aller anderen Arten des Förderbedarfs
sonderpädagogisch unterrichtet wurden.
Denn auf den Abschluss einer Schule mit dem Förderschwerpunkt
"geistige Entwicklung" folgt beinahe automatisch die Beschäftigung in
einer Werkstatt für behinderte Menschen. Wozu dieser mittlerweile
umstrittene Automatismus führen könnte, zeigt ein Szenario des
Berlin-Instituts. Allein durch den Zuwachs der als geistig behindert
eingestuften Schüler würde die Gesamtzahl der
Werkstattmitarbeiter in den Jahren zwischen 2006 und 2026 von 214.000 auf
266.000 ansteigen - um 24 Prozent.
Der Förderbedarf wächst auch in Sonderschulen mit anderen
Schwerpunkten, etwa für Kinder mit Lernbehinderungen,
Sprachschwierigkeiten oder Verhaltensauffälligkeiten. Sie wechseln in
der Regel nicht direkt in eine Werkstatt, können aber später
mangels Alternative zu Quereinsteigern werden. Absolut blieb die Zahl der
Sonderschüler in den letzten Jahren zwar konstant bei knapp einer
halben Million Kinder (zwischen 485.000 und 495.000). Weil es in
Deutschland aber insgesamt immer weniger Kinder gab, stieg die
Förderquote unterdessen von 5,4 auf 5,8 Prozent. Das ist etwa ein Kind
pro Schulklasse. Nur eine Minderheit von ihnen - knapp 16 Prozent - lernt
aber in einer normalen Schulklasse, wird also integrativ unterrichtet. Und
das, obwohl seit Ende März 2009 eine UN-Konvention vorschreibt, dass
jedes Kind mit Behinderung integrativ unterrichtet werden muss.
Für die meisten ist die Sonderschule eine Einbahnstraße. Einen
offiziellen Schulabschluss erreicht später nicht einmal ein Viertel
der Schüler. Ohne diesen haben sie aber kaum eine Chance auf dem
Arbeitsmarkt. Wer nicht direkt nach der Schule in einer Werkstatt
aufgenommen wird, steht früher oder später vor der Perspektive
Langzeitarbeitslosigkeit - oder wird zum Quereinsteiger in die
Behindertenhilfe.
Schon 2006 war rund ein Viertel der neu in die Werkstatt eingetretenen
Personen zuvor arbeitslos. Viele der Quereinsteiger mit leichter
intellektueller Einschränkung, Verhaltensauffälligkeiten,
Suchtproblemen oder psychischer Behinderung gelten bei Fachleuten als
Grenzfälle, das heißt, sie müssten nicht unbedingt in eine
Werkstatt, sondern könnten ihre Fähigkeiten auch anders ausbauen.
Doch dazu fehlt ihnen die richtige Unterstützung. Denn einfache
Tätigkeiten werden auf dem Arbeitsmarkt immer seltener, und die
bestehenden Weiterbildungsmaßnahmen können die Einstiegschancen
kaum verbessern. Viele der in der ISB-Studie befragten Fachleute in den
Werkstätten machen sich Sorgen, dass der Zulauf aus der
Arbeitslosigkeit in die Werkstätten weiter zunimmt. Die Reserve ist
groß - nach Einschätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft der
Integrationsfirmen gibt es 600.000 Langzeitarbeitslose, die Hilfen bei der
Eingliederung ins Arbeitsleben bräuchten.
Werkstätten für Menschen mit Behinderung können aber nicht
der einzige Lösungsweg bleiben, denn sie können den immer
vielfältigeren Unterstützungsbedürfnissen ihrer Klienten
kaum noch nachkommen. Menschen, die nur zeitweise oder bei bestimmten
Aufgaben unterstützt werden müssen, verringern in der Regel mit
dem Eintritt in die Werkstatt ihre Chance in den ersten Arbeitsmarkt. Zwar
haben Werkstätten unter anderem den gesetzlichen Auftrag, den
Übergang "geeigneter Personen" auf den ersten Arbeitsmarkt durch
"geeignete Maßnahmen" zu fördern. Tatsächlich gelingt der
Übergang auf den ersten Arbeitsmarkt jährlich nur in weit weniger
als einem Prozent der Fälle. Selbst die Vorstufe dazu, aus der
Werkstatt ausgelagerte Arbeitsplätze, sind noch immer die Ausnahme:
Der ISB-Studie zufolge arbeiten 3,5 Prozent der Werkstattmitarbeiter auf
einem ausgelagerten Gruppenarbeitsplatz und nur ein Prozent auf einem
Einzelarbeitsplatz außerhalb der Werkstatt.
Literatur / Links:
Berlin-Institut
(2009): Alt und behindert. Wie sich der demografische Wandel auf das Leben
von Menschen mit Behinderung auswirkt. Berlin.
Deutsches
Institut für Menschenrechte, Pressemeldung 24. März 2009:
UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ab 26.
März für Deutschland verbindlich.
Gesellschaft für
Integration, Sozialforschung und Betriebspädagogik (ISB) (2008):
Entwicklung der Zugangszahlen zu Werkstätten für behinderte
Menschen. Berlin.

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Gegen die Landflucht
Finnland erwägt, Teile der Zentralverwaltung
in die Provinz zu verlegen Finnland gehört
zu den am dünnsten besiedelten Ländern Europas: Mit 17 Einwohnern
wohnen in Finnland auf einem Quadratkilometer weit weniger Menschen als im
Durchschnitt der EU-25 (117 Einwohner pro Quadratkilometer) oder in
Deutschland (231). Noch weit dünner besiedelt sind die entlegenen
ländlichen Gebiete Finnlands. Dorthin will die finnische Regierung
jetzt staatliche Ämter verlegen, um deren Bevölkerung zu
stabilisieren.
Finnen und Finninnen ziehen vor allem innerhalb der Landesgrenzen um: Nur
12.000 Finnen (0,2 Prozent der Bevölkerung) wanderten 2007 aus, aber
293.000 Personen (5,5 Prozent) haben ihren Wohnsitz innerhalb des Landes
verlegt. Da die Finnen vor allem aus den ländlichen Regionen in die
städtischen Wachstumszentren gehen, stehen die ohnehin menschenarmen
Gebiete Finnlands seit langem vor schwierigen Aufgaben. Dies bestätigt
die 2008 erschienene Studie "Die
demografische Zukunft von Europa" des Berlin-Instituts für
Bevölkerung und Entwicklung, die die zukünftigen Chancen der
östlichen Regionen Finnlands eher als schlecht, die Aussichten
für Südfinnland mit Helsinki - gemessen an demografischen,
ökonomischen und sozialen Indikatoren - dagegen als gut bewertet.
2007 verzeichneten 40 Prozent der finnischen Städte und Gemeinden
eine Bevölkerungszunahme. In der Mehrzahl der Gemeinden hat sich die
Einwohnerzahl dagegen verringert. Die schlechtesten absoluten Zahlen weist
die südfinnische Kleinstadt Kuusankoski mit einem Verlust von 347
Einwohnern auf; relativ am stärksten betroffen war das winzige
Kökar auf den Ålandinseln, das mit einer Abnahme von 14 Personen
in nur einem Jahr fünf Prozent ihrer Einwohnerschaft verlor.
Am stärksten wuchs die Bevölkerung der Hauptstadt Helsinki und
zwar um 4.010 Personen. Im Saldo kamen diese ausschließlich aus dem
Ausland. Betrachtet man nur die Wanderungsbewegung von Inländern, hat
selbst die Hauptstadt unterm Strich einen Verlust zu verzeichnen. 26.029
Migranten kamen 2007 nach Finnland. Von ihnen sind 39 Prozent in der
Hauptstadtregion geblieben, die neben Helsinki auch die Städte Espoo
und Vantaa umfasst.
Die Zahl der Zuwanderer steigt in Finnland 
In den letzten 20 Jahren hat sich die Anzahl der
jährlich nach Finnland kommenden Migranten fast verdreifacht. Seit
1995, als Finnland der Europäischen Union beitrat, ist die Zahl der
Zuwanderer fast ununterbrochen gestiegen. Die Zunahme zu Beginn der 1990er
Jahre lässt sich durch den Zusammenbruch der Sowjetunion
erklären. Während sich ein hoher Anteil der Migranten in der
Region von Helsinki ansiedelt, ist ihrer Präsenz in ländlichen
Gebieten eher gering (Datengrundlage: Statistics Finland).
Unkonventionelle Wege
Die negative Bevölkerungsentwicklung vieler ländlicher Regionen,
die auch mit Arbeitslosigkeit und schlechten öffentlicher
Dienstleistungen verknüpft ist, prägt die finnische Politik und
die öffentliche Diskussion seit Jahrzehnten. Der Staat hat gegen diese
Entwicklung verschiedene Maßnahmen ergriffen, darunter direkte
Einkommenszuschläge, eine verbesserte regionale Infrastruktur sowie
die Gründung und Verlegung staatlicher Unternehmen. Die seit 2001
systematisch vorangetriebene "Regionalisierungspolitik", also die
Umsiedlung staatlicher Funktionen von der Hauptstadtregion in die
übrigen Regionen, ist ein weiterer, radikaler Schritt.
Nach dem Gesetz muss bei jedem bedeutsamen Umbau und der Erweiterung
existierender Institutionen oder dem Aufbau neuer Ämter untersucht
werden, ob diese nicht in die Regionen verlegt werden können.
Insgesamt will die finnische Regierung bis 2011 über die Verlegung von
4.000 bis 8.000 Arbeitsplätzen in die Provinzen entscheiden. Damit
will die Politik die gleichmäßige Entwicklung des Landes und die
regionalen Arbeitsmärkte unterstützen, aber auch staatliche
Funktionen sichern (The Finnish Prime Minister's Office, 2004). Was diese
Maßnahmen bringen, wird sich erst nach Jahren zeigen.
Nach den bisherigen Entscheidungen sollen staatliche Arbeitsplätze im
Wert von 3.600 Personenarbeitsjahren in 35 finnische Städte oder
Gemeinden verlegt werden. Auf der Liste befinden sich sowohl
größere Städte wie Turku oder Tampere als auch kleinere,
abgelegene Orte wie Kuhmo und Sodankylä. Entsprechend variiert der
Umfang der Verlegungen. Der größte Gewinner ist die
südfinnische Stadt Hämeenlinna, die Arbeitsplätze von
insgesamt 589 Personenarbeitsjahren zugeschlagen bekommen hat (The Finnish
Ministry of Finance). Von den beschriebenen 35 Orten hat in 17 die
Einwohnerzahl seit 2000 abgenommen, in weiteren 17 war die Entwicklung
positiv - ein Ort ist inzwischen mit einem anderem fusioniert, so dass es
keine vergleichbaren Daten gibt.
Betrachtet man nur die Städte, die von einer Verlagerung im Wert von
mehr als 100 Personarbeitsjahren profitieren, sieht das Bild anders aus.
Auf zwölf Städte entfallen über 83 Prozent aller verlagerten
Arbeitsplätze. Alle sind nach finnischen Maßstäben mit mehr
als jeweils 30.000 Einwohnern mittelgroß. Von diesen zwölf
Städten haben zehn seit 2000 eine positive
Bevölkerungsentwicklung erlebt.
Die finnischen Städte, die am meisten von der
Regionalisierungspolitik profitieren, weisen auch eine positive
Bevölkerungsentwicklung auf

In zehn von den zwölf finnischen Städten, die
staatliche Arbeitsplätze im Wert von mehr als 100 Personarbeitsjahren
bekommen, nimmt die Bevölkerung zu. Sogar Städte wie Tampere und
Oulu, die ohnehin ein starkes Wachstum erlebt haben, profitieren von der
Regionalisierungspolitik. Mikkeli und Kouvola stehen trotz der staatlichen
Hilfe vor demografischen Herausforderungen (Datengrundlage: The Finnish
Ministry of Finance; Statistics Finland).
Trotz positiver Effekte in diesen Städten hat die
Regionalisierungspolitik kaum Chancen, die negative
Bevölkerungsentwicklung vieler finnischen Regionen zu verhindern. Dies
gilt vor allem für die besonders stark von Bevölkerungsverlusten
betroffenen Gebiete. Denn sie können kaum die Infrastruktur bieten,
die größere staatliche Behörden und ihre Mitarbeiter an
ihren Standorten benötigen. Die Staatsverwaltung kann ihre
Präsenz in den Regionen mit dieser Politik zwar verstärken,
für die effektive Unterstützung verarmender und schrumpfender
Gemeinden wären jedoch andere Mittel erforderlich. Wenn es dort
überhaupt möglich ist, mit politischen Mitteln gegen den
demografischen Trend zu kämpfen.
Literatur / Links:
Eurostat
The
Finnish Ministry of Finance / Relocation Strategy
The
Finnish Prime Minister’s Office (2004): Alueellistamisohjelman
periaatteet ja linjaukset
Statistics Finland

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Migranten und Einheimische profitieren
voneinander
Zwei Lehrerinnen tauschen sich über
Integration aus und berichten aus ihrem pädagogischen
Alltag 
Das Buch enthält einen Briefwechsel zwischen zwei
befreundeten Lehrerinnen aus dem Sauerland. Beide sind Deutsche, eine von
ihnen ist türkischstämmig. In den persönlichen Briefen
tauschen die Kolleginnen sich offen über ihr Verständnis von
Integration aus. Die Perspektiven der 1952 geborenen Ulrike Zenk und der
1978 geborenen Hatice Gündogdu unterscheiden sich oft deutlich - doch
führt der Austausch immer zu einem besseren gegenseitigen
Verständnis, so dass sich ein interkulturelles Gespräch in bester
aufklärerischer Tradition entwickelt.
Hatice Gündogdu und Ulrike Zenk unterrichten an einer Schule, zu
deren Einzugsgebiet auch Werdohl gehört - eine Stadt, in der mehr als
30 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund haben, etwa 60 Prozent
davon sind türkischstämmig. Die Schule ist deshalb besonders
stark gefordert, den Schülerinnen und Schüler dabei zu
unterstützen, sensibel auf kulturelle Unterschiede zu reagieren und
Lösungen für etwaige Konflikte zu finden. Dazu sollen auch die
"Integrationsklassen" beitragen, deren Klassenlehrerin Hatice Gündogdu
ist: Türkischstämmige Schülerinnen und Schüler erhalten
bei schulischem Misserfolg außerhalb des Unterrichts die
Möglichkeit, an Deutschförder- und muttersprachlichen
Türkischunterricht sowie einer AG teilzunehmen. Hier sollen nicht nur
Lerndefizite bearbeitet werden, sondern es soll auch in angstfreier
Atmosphäre über private Probleme gesprochen werden können -
etwa über Pläne von Eltern zur Verheiratung ihrer Tochter in die
Türkei und den Widerstand der Schülerin -, ohne dass der Zwang
zur Rechtfertigung von kulturellen Unterschieden zu deutschen Sitten
besteht.
Integration ist ein offener Prozess - und auch das Buch folgt einem
offenen und persönlichen Dialog, in dem einzelne Beobachtungen und
Anekdoten wie der Umgang mit Kochrezepten oder damit, dass das Auto nicht
anspringt, dazu führen, die Bilder von "Deutschen" und "Türken"
gegenüberzustellen, zu hinterfragen und zu verändern. Ob in
diesen Beispielen tatsächlich "die Deutsche" von "der Türkin"
lernt oder umgekehrt, oder ob hier nicht auch die unterschiedlichen
Generationen oder einfach Individuen ihre jeweilige Sicht der Dinge
mitbringen, ist allerdings nicht immer ausdrücklich mitgedacht. Aber
dennoch machen die Briefe deutlich, dass es weder "die Deutsche" noch "die
Türkin" gibt - und etwa Muslima aus verschiedenen Gründen das
Kopftuch tragen.
Das Buch liest sich gut und regt zum Nachdenken an. Es fordert dazu auf,
die eigenen Vorurteile in Frage zu stellen und das Potenzial zu nutzen, das
in dem Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichem kulturellen
Hintergrund liegt. Darüber hinaus weist auf Schwächen des
Bildungssystems und Verbesserungsmöglichkeiten hin. Zugleich spricht
es dem Bemühen des Einzelnen große Bedeutung zu, verlangt es von
der aufnehmenden Gesellschaft und den Migranten, aufeinander neugierig zu
sein. So schreibt Hatice Gündogdu: "Wenn jede hundertste Person mit
Migrationshintergrund so eine Freundin hätte wie dich, hätten wir
keine Probleme mehr." Allen, die sich mit Integrationsarbeit
beschäftigen, ist dieses Buch zu empfehlen.
Literatur / Links:
Hatice
Gündogdu / Ulrike Zenk: Kampf der Kulturen? Zwei Frauen gestalten
Integration. Vorwort von Ahmet Toprak. Norderstedt 2008. 146 Seiten, 12,90
Euro.

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Die Wanderung wird weiblich
Frauen stellen bereits mehr als die Hälfte
der Migranten in Europa - auch weltweit wächst der Frauenanteil an den
Migranten 
Auswandern war zu früheren Zeiten Männersache.
Frauen und Kinder kamen meist erst nach, wenn die Pioniere ein Auskommen in
der Fremde gefunden hatten. Doch längst gibt es einen Trend zur
Feminisierung der Migration. In Europa bilden Frauen bereits die Mehrheit
unter den Migranten.
Schätzungen zufolge lebten 1960 weltweit 76 Millionen Menschen als
Migranten in Ländern, in denen sie nicht geboren waren, 2000 waren es
bereits 175 Millionen. Der Frauenanteil betrug 1960 geschätzte 47
Prozent, 2000 lag er schon bei 49 Prozent. Die Zahl der Frauen aus der
ehemaligen Sowjetunion hat sich in dieser Zeit sogar mehr als verelffacht:
von 1,4 auf 15,5 Millionen. In Nord-, Süd- und Osteuropa lag der
Frauenanteil zwischen 1960 und 2000 immer knapp über der Hälfte.
Nur in Westeuropa knapp darunter - dort leben in absoluten Zahlen
europaweit mit Abstand die meisten Migranten.
Der Sammelband "Migration and mobility in an enlarged Europe" enthält
Länderanalysen zu Migration und Hausarbeit in Europa, die 2005 und
2006 auf Konferenzen vorgestellt worden sind. Die Beiträge
untersuchen, wie Frauen durch Migration Selbstbestimmung gewinnen oder aber
in Abhängigkeit geraten, und wie Geschlechterrollen und ethnische
Zugehörigkeit dabei die Lebenswirklichkeit beeinflussen.
Dabei lassen sich allgemeine Beobachtungen treffen und Muster
herausarbeiten: Die Frauen, die sich zwischen den mittel- und
osteuropäischen Ländern bewegen oder sie verlassen, sind vor
allem im Dienstleistungssektor tätig. Denn in der EU sind diese
Arbeitskräfte sehr gefragt. Meist arbeiten die Migrantinnen
gemäß der vorherrschenden geschlechterspezifischen
Arbeitsteilung als Haushaltshilfen, in der Kinderbetreuung oder in der
Altenpflege - schlecht bezahlt, ohne Absicherungen im Krankheitsfall oder
für das Alter.
Geschichtlich gesehen haben sich die Formen und Gründe der
Wanderungsbewegungen verändert: Nach dem Zweiten Weltkrieg waren oft
die Familienwiedervereinigung oder wirtschaftliche Not ausschlaggebend.
Dabei führen die Veränderung der sozialen und kulturellen
Umgebung, der Heimat- und Identitätsverlust, die limitierten
Bürgerrechte in der neuen Heimat und die ungewohnten Erfahrungen in
der Fremde oft zu Anpassungsschwierigkeiten und können traumatisch
sein.
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 trat eine neue Phase ein: Die
Gründe für eine Migration wurden vielfältiger,
außerdem kehrten einige der ehemaligen Flüchtlinge aus dem Osten
in ihre alte Heimat zurück. Nicht nur die neu gewonnene Reisefreiheit,
auch die wirtschaftlichen und sozialen Folgen des Wandels trieben die
Menschen auf die neue Wanderschaft. Einerseits bildeten sich in den
Empfängerländern Migranten-Netzwerke, die eine weitere
Zuwanderung erleichterten, anderseits verschärfte die Frauenarmut in
vielen Ländern Mittel- und Osteuropas den Wanderungsdruck. Auch neue
nationale und ethnische Konflikte bei Staatenzusammenbrüchen wie im
ehemaligen Jugoslawien ließen die Migrantenzahlen in den 1990er
Jahren in die Höhe schnellen. Mit dem EU-Beitritt von zehn Nationen
Mittel- und Osteuropas nach der Jahrtausendwende boten sich neue
Wanderungsziele.
Insgesamt liefert der Sammelband vielfältige Erkenntnisse zu den
spezifischen Lebenswelten von Migrantinnen in und aus verschiedenen
europäischen Ländern. Typisch ist dabei nicht nur, dass der
Anteil von Frauen an den Migranten wächst, sondern auch dass Frauen im
Gegensatz zu Männern eher über kurze Distanzen migrieren und sie
dies obendrein eher als Männer in Partnerschaften tun. In der Regel
fördert die Frauenmigration Emanzipation und Autonomie von Frauen -
oft kommt es wegen neuer Erfahrungen aber zur Trennung vom bisherigen
Partner. Schließlich ist auffällig, dass ausgewanderte Frauen
mehr Gelder in die Heimat zurückschicken als Männer - sie
unterstützen die zurückgebliebenen Familien stärker. Das
Buch zeigt mit eindrucksvollen Zahlen und Fakten, dass Migration für
viele Frauen lebensbestimmend wird und eventuell neue soziale Rollen
schafft - aber auch Opfer verlangt.
Literatur / Links:
Sigrid Metz-Göckel, Mirjana
Morokvasic and A. Senganata Münst (eds.): Migration and mobility in an
enlarged Europe. A gender perspective. Opladen & Farmington Hills 2008.
304 Seiten, 29,90 Euro.

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