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Junge Gesellschaft, viel Landwirtschaft, viel
Tourismus
Der "Alpenatlas" zeigt Südtirols
Besonderheiten im Vergleich mit anderen Regionen des
Alpenraums 
Der Alpenraum ist eines der wirtschaftlich erfolgreichsten
Gebiete Europas. In vielen Diskussionen über Entsiedlung
ländlicher Räume, Klimawandel, Transitverkehr und
Tourismusentwicklung dienen die Alpen als Beispiel. Der vom EURAC-Institut
für Alpine Umwelt und der Universität Innsbruck herausgegebene Alpenatlas
gibt einen Überblick über die soziale, wirtschaftliche und
ökologische Situation in der gesamten Gebirgszone. Er beschreibt
Entwicklungen und ermöglicht sowohl Vergleiche zwischen einzelnen
Regionen als auch einen genauen Blick auf bestimmte Gegenden - von Nizza am
Fuße der südfranzösischen Seealpen bis Maribor in der
slowenischen Untersteiermark.
Das Kompendium liefert die Informationen in Deutsch, Französisch,
Italienisch, Slowenisch und Englisch und veranschaulicht sie anhand von
mehr als 100 Karten. In der zu dem Projekt gehörenden Datenbank im Internet sind nicht
nur die Karten, sondern auch die zugrunde liegenden Daten einsehbar. Leider
sind diese oft schon sieben Jahre alt, aber eine sinnvolle Harmonisierung,
wie sie bei so vielen unterschiedlichen Quellen und damit Definitionen und
Erhebungsmethoden unerlässlich ist, braucht wohl ihre Zeit.
Deshalb ist nicht ganz klar, ob der Alpenraum noch immer 5.888 Gemeinden
umfasst, wie es in dem Werk heißt. Denn während sich einzelne
Orte innerhalb der Gebirgskette durch den Bevölkerungsschwund
förmlich auflösen, wachsen andere zu städtischen Zentren
zusammen. Vor allem in Gegenden, in denen die Menschen die Landwirtschaft
aufgegeben haben, und wo auch mit Tourismus kein Einkommen zu
erwirtschaften ist, lassen sich viele Bedürfnisse jüngerer Leute
nicht erfüllen. Diese ziehen weg, und in der Folge haben die Regionen
mit Überalterung, Entvölkerung und Isolation zu kämpfen. Auf
der anderen Seite finden in sogenannten Gunstlagen Agglomerationsprozesse
statt. Die alpinen Zentren sind in den letzten Jahrzehnten gewachsen. Der
größte Ballungsraum ist Grenoble in Frankreich mit 415.000
Einwohnern, es folgen Innsbruck mit 250.000 sowie Bozen und Trient in
Italien mit 200.000 und Klagenfurt in Österreich mit 150.000
Einwohnern.
Der Alpenatlas analysiert die Gemeinden anhand verschiedener Indikatoren,
beispielsweise der besiedelbaren Fläche: Auf nur 17,3 Prozent des
Alpenraums lässt sich überhaupt leben. Bezieht man die
Bevölkerung von 13,7 Millionen Einwohnern auf diesen Wert und nicht
auf die Gesamtfläche, so gehört die Bergregion mit 414 Personen
pro Quadratkilometer zu den am dichtesten besiedelten Gegenden Europas. Zum
Vergleich: In Deutschland wohnen auf einem Quadratkilometer 231 Menschen,
den Rekord innerhalb der EU-27 halten die Niederlande mit 485 Einwohnern
pro Quadratkilometer.
Die Ballungszentren, wie Grenoble mit 6.282 Einwohnern pro
Quadratkilometer, sind vergleichbar mit denen außerhalb der Alpen -
etwa Mailand, wo 6.988 Menschen auf dieser Fläche leben. Berlin
hingegen kommt gerade mal auf 3.812 Einwohner pro Quadratkilometer.
Das im Zentrum der Alpen gelegene Südtirol gehört dem Atlas
zufolge beinahe zur Hälfte zum sogenannten dynamisch ländlichen
Raum, zu dem im Alpenraum insgesamt nur zwölf Prozent der Gemeinden
zählen. Diese Gemeinden, darunter beispielsweise Sand in Taufers,
Enneberg oder Riffian, zeichnen sich insbesondere durch ihre ländliche
Lage, einen dynamischen Arbeitsmarkt und eine intakte Landwirtschaft aus.
In Südtirol finden sich auch überdurchschnittlich viele
"Tourismusgemeinden" wie Ahrntal oder Corvara. Darüber hinaus gelten
neben Bozen, Bruneck oder Meran eine Reihe von Städten und lokalen
Zentren als "Arbeitsplatzzentren", die über eine gute
Verkehrsanbindung und ein gutes Arbeitsplatzangebot verfügen, so dass
sie viele Pendler aus den im Umland liegenden "Wohn- und Schlafgemeinden"
anziehen.
In der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol, wie die amtliche Bezeichnung
lautet, hat die Zahl der Geburten pro 1.000 Frauen im Alter von 15 bis 44
Jahren wie in den meisten industrialisierten Ländern in den letzten
Jahrzehnten abgenommen. Sie lag 2001 allerdings immer noch vergleichsweise
hoch, bei 55,2 - gegenüber etwa 46,5 in Deutschland, 47,5 im Alpenraum
und 45,9 im übrigen Italien, und selbst das kinderreiche Frankreich
kommt nur auf einen Wert von 52,5.
Im Alpenraum kommen wenige Kinder zur Welt 
In Südtirol werden mehr Kinder pro 1.000 Frauen im
gebärfähigen Alter geboren als in den Alpen insgesamt oder in
Frankreich, der Schweiz, Österreich, Deutschland, Italien oder gar
Slowenien (Quelle: Alpenatlas/Diamont Database).
Südtirol profitiert davon, dass die Geburtenzahlen auch in der
Vergangenheit relativ hoch lagen. Deshalb ist die Jugendquote, also die
Zahl der unter 15-Jährigen pro 100 Einwohner zwischen 15 und 64
Jahren, in der Provinz mit 0,25 relativ hoch und liegt etwas über
Alpendurchschnitt von 0,24 (Italien ohne Südtirol: 0,20). Das bedeutet
zwar gegenwärtig eine sozialpolitische Belastung, da die Kinder
Betreuungs- und Bildungsangebote benötigen, für die Zukunft aber
auch mehr Erwerbstätige, Steuerzahler und potenzielle Eltern. Die
Altenquote, also die Zahl der über 64-Jährigen pro 100 Personen
zwischen 15 und 64 Jahren, beträgt demgegenüber 0,23 und liegt
damit leicht unter dem Alpendurchschnitt von 0,25 (Italien ohne
Südtirol: 0,29). Fast im gesamten Alpenraum liegt die
durchschnittliche Kinderzahl pro Frau jedoch unter der sogenannten
bestandserhaltenden Ziffer von 2,1, bei der eine Bevölkerung
langfristig stabil bliebe - in Südtirol lag sie 2001 bei 1,53.
Der Alpenatlas bestätigt viele Ergebnisse der Studie "Die
demografische Zukunft von Europa" des Berlin-Instituts für
Bevölkerung und Entwicklung: Die spezifischen Merkmale einzelner
Regionen sind oft ausschlaggebender für den ökonomischen Erfolg
als die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Mitgliedsstaat der EU-27.
Südtirol etwa hat in Hinsicht auf die Bevölkerungsentwicklung
mehr Gemeinsamkeiten mit der Nordwestschweiz oder dem badischen Freiburg
als mit Kalabrien oder Basilikata im Süden Italiens. Entsprechend
schneidet die Region wie der Alpenraum insgesamt in der Studie gut ab, die
demografische Indikatoren wie die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau,
wirtschaftliche Indikatoren wie das verfügbare Einkommen sowie
Indikatoren aus den Bereichen Arbeitsmarkt, Bildung, Wissenschaft und
Technologie, Klima und Gesundheit in die Analyse einbezieht.
Literatur / Links:
Berlin-Institut
für Bevölkerung und Entwicklung: Die demografische Zukunft von
Europa. Wie sich die Regionen verändern. München 2008.
Diamont Database
Eurac/Universität
Innsbruck (Hg.): Alpenatlas. Heidelberg 2008.
Landesinstitut
für Statistik Autonome Provinz Bozen (ASTAT) 
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"Wo die Möglichkeiten zur
Selbstbestimmung zunehmen, schwinden die Probleme"
Interview mit Hanns-Stephan Haas und Birgit
Schulz von der Evangelischen Stiftung Alsterdorf zu aktuellen
Herausforderungen in der Behindertenhilfe Prof.
Dr. Hanns-Stephan Haas ist Direktor und Vorstandsvorsitzender der
Evangelischen Stiftung Alsterdorf, des größten diakonischen
Unternehmensverbunds Norddeutschlands. Der 49-Jährige hat Theologie
und Management studiert. Er ist außerdem Direktor der Bundesakademie
für Kirche und Diakonie und Vorstandsvorsitzender der
Führungsakademie für Kirche und Diakonie in Berlin. 
Birgit Schulz ist Vorstandsmitglied der evangelischen Stiftung
Alsterdorf, zuvor war sie als Geschäftsführerin der alsterdorf
assistenz ost und der alsterdorf assistenz west sowie der Diakonie- und
Sozialstation HamburgStadt tätig. Die 55-Jährige hat
Sozialpädagogik studiert und arbeitet seit mehr als 25 Jahren in der
Stiftung mit Menschen mit Behinderungen. 
Die Einrichtungen der Behindertenhilfe müssen damit
rechnen, dass ihre Bewohner in großer Zahl das Rentenalter erreichen
werden. Das zeigt auch die Studie "Alt
und behindert" des Berlin-Instituts. Weil es bisher wenig ältere
Menschen mit lebenslanger Behinderung gibt, sind viele Einrichtungen nicht
darauf vorbereitet. Was verändert sich mit dem Alter für die
Menschen mit Behinderung, wie müssen die Einrichtungen darauf
reagieren?
Schulz: Diese Menschen fallen aus ihren Beschäftigungsbezügen
heraus und brauchen nun tagsüber eine andere Unterstützung.
Leben die von Alsterdorf betreuten Senioren mit geistiger Behinderung
in Heimen?
Schulz: Nicht alle. Es gibt Menschen, die im Heim alt werden und solche,
die ambulant betreut leben. Im Zuge der Umstellung von den stationären
zu ambulanten Wohnmöglichkeiten in Alsterdorf haben wir auch erlebt,
dass Rentner aus dem Heim ausziehen wollten. Das ist auch gelungen. Sie
freuen sich jetzt sehr, nach vielen Jahren im Heim endlich mal in ihrer
eigenen Wohnung zu leben.
Haas: Der älteste von dieser Gruppe war 83 Jahre alt. Ich habe ihn
besucht - er ist wirklich aufgeblüht. Zusammen mit zwei Freunden hat
er eine Wohngemeinschaft gegründet. Diese WG ist ein Beispiel
dafür, dass dort, wo das Maß an Selbstbestimmung im Leben von
Menschen mit Behinderung zunimmt, die Probleme in der Regel nicht zu-
sondern abnehmen.
Besteht bei einem Umzug aus dem Heim in das ambulant betreute Wohnen
nicht die Gefahr zu vereinsamen?
Schulz: Gerade bei älteren Menschen im Heim mache ich die
Beobachtung, dass sie gar nicht so viele Gemeinsamkeiten haben. Ein Heim
schützt nicht vor Einsamkeit. Ein Gruppengefühl entsteht eher bei
den Betreuern als bei den Bewohnern. Oft haben gerade ältere Menschen
Vorbehalte dagegen, so eng mit anderen zusammen zu leben. Das soll aber
nicht heißen, dass nicht auch im ambulanten Wohnen Vereinsamung
droht.
Was kann man dagegen tun?
Schulz: Wir bieten behinderten Rentnern unterschiedliche
Möglichkeiten an, ihren Tag zu gestalten, darunter Einzelbetreuung und
Seniorenkreise, zum Beispiel in unseren neuen Treffpunkten, die sich auch
für andere Bewohner des Stadtteils öffnen. Was in den
Treffpunkten stattfindet, hängt von den Ideen und Bedürfnissen
der Besucher ab. In einem hat sich ein Tauschring gebildet, in anderen gibt
es einen Mittagstisch oder Bildungsangebote. Neben der Seniorenarbeit haben
sich auch die Hausgemeinschaften bewährt: Gemeinschaftsräume und
-aktivitäten können Einsamkeit verhindern.
Wie werden diese Aktivitäten finanziert?
Schulz: Über Tagespauschalen im Rahmen einer besonderen Vereinbarung
mit dem Sozialhilfeträger zur Umwandlung stationärer in ambulante
Leistungen.
Brauchen ältere Menschen mit Behinderung mehr Unterstützung
im Alltag als jüngere?
Schulz: Nein. Ich habe am Anfang der Umstellung von "stationär" auf
"ambulant" erwartet, dass das Thema Pflege dann eine größere
Rolle spielt, aber eigentlich kann man das gar nicht so pauschal sagen: je
älter, desto mehr Pflegebedarf.
Die Vergütung des Sozialamtes für Dienstleistungen der
Behindertenhilfe-Einrichtungen ist umfangreicher als die Leistung der
Pflegeversicherung, und sie richtet sich nicht nach festgelegten
Pflegestufen, sondern nach dem individuellen Bedarf. Bei Angehörigen
von Demenzkranken beispielsweise könnte dadurch Neid aufkommen: Warum
soll meine demenzkranke Mutter nicht diese umfassende Förderung und
Therapieangebote erhalten, aber der ältere Mensch mit geistiger
Behinderung?
Schulz: Man vergleicht hier Äpfel mit Birnen. Grundsätzlich:
Wenn jemand einen Pflegebedarf hat, muss dieser bewältigt werden. Und
wenn das in Pflegeheimen nicht so geschieht, wie es nötig wäre,
ist das ein Missstand, der verändert werden muss. Behinderte Menschen
verlieren, wenn sie älter werden, ja nicht ihre Beeinträchtigung,
die sie unabhängig vom Alter haben. Sie können ja in jedem
Lebensalter fragen: Warum werden Menschen mit Behinderungen anders
behandelt als Menschen ohne Behinderungen? Die Assistenz ist dafür da,
ihre Beeinträchtigungen zu kompensieren. Das hört im Alter nicht
auf.
Haas: Hier wird unangemessener Neid geschürt. Es geht nicht darum,
wer besser versorgt wird. Bei allen sollte das an den Bedürfnissen
bemessen werden. Dass das Ganze finanzierbar bleiben muss, versteht sich
von selbst. Aber es ist keinem damit geholfen, wenn wir drei Pflegestufen
anlegen, nach denen jeder pauschal versorgt wird.
Die Studie "Alt
und behindert" stellt unter anderem fest, dass die Nutzerschaft von
Behindertenhilfe-Angeboten insgesamt vielfältiger wird. Welche neuen
Entwicklungen beobachten Sie?
Schulz: Zu uns kommen immer mehr junge Leute, die ganz andere Erwartungen
und Bedürfnisse haben als ältere, die schon lange in einer
stationären Einrichtung leben. Mit ihnen den Lebensweg zu planen,
bringt neue Impulse und erweitert unser Leistungsspektrum.
Außerdem nehmen immer mehr Menschen Hilfe in Anspruch, bei denen
eine psychische Erkrankung - neben anderen Beeinträchtigungen - im
Vordergrund steht. Besonders problematisch erlebe ich das bei jungen
Menschen mit Lernbehinderung, die zusätzlich eine Suchterkrankung
haben. Es gibt kaum Therapieangebote für sie.
Warum steigt die Zahl von Menschen, die wegen psychischer Erkrankungen
Unterstützung benötigen?
Schulz: Es wird immer schwieriger, sich in der Welt zurechtzufinden.
Soziale Belastungen wirken sich negativ auf die seelische Gesundheit aus.
Haas: Unter anderen hat das auch den Grund, dass die Anzahl der
Unterbringungstage in der Psychiatrie dramatisch abgenommen hat. Bei uns in
den Landeskrankenhäusern von 151 auf 21 Tage in den letzten Jahren.
Solange die psychischen Erkrankungen in Kliniken behandelt werden, werden
sie unsichtbar gemacht. Je kürzer die Patienten dort bleiben, desto
mehr Unterstützung suchen sie woanders.
In welchen Bereichen zeigt sich das?
Schulz: In allen, in den Bildungs- und Arbeitsbereichen aber mehr als im
Wohnbereich.
Was muss sich ändern?
Haas: Wir müssen interessante und differenziertere
Arbeitsmöglichkeiten anbieten - nicht nur das klassische
Eierkarton-Falten. Einige Menschen mit psychischen Behinderungen, die wir
begleiten, erfüllen beispielsweise anspruchsvolle Aufgaben auf
Außenarbeitsplätzen in einem Rechenzentrum. Für die
Arbeitgeber bedeutet es, flexibler sein zu müssen und beispielsweise
mit Ausfallzeiten zurechtzukommen.
Sind solche integrativen Beschäftigungsmöglichkeiten nur
etwas für Menschen mit psychischen Erkrankungen - und Menschen mit
geistiger Behinderung sollen weiterhin Eierkartons falten?
Haas: Nein, prinzipiell mag niemand gern monotone Arbeiten machen. Wir
müssen für alle ein menschengerechtes Arbeitsumfeld schaffen, in
dem man voneinander lernen kann und in dem ein Kooperationsgefühl
entsteht.
Die Werkstätten erwarten auch aus einem anderen Grund eine
steigende Nachfrage: Die Quote der Kinder, die in Förder-
beziehungsweise Sonderschulen unterrichtet werden, ist in den vergangenen
Jahren angestiegen - sowohl insgesamt als auch in Schulen, die sich auf
geistige Behinderung spezialisiert haben. Wie schätzen Sie diese
Entwicklung ein?
Haas: Unsere Erfahrung zeigt: Dieser Weg ist nicht zwingend. Wir setzen in
unseren Schulen auf einen inklusiven Ansatz, denn wir gehen davon aus, dass
es keine Bildungsverlierer geben muss. Das ist aber nur möglich in
einer Schule, deren Zugangsschwellen möglichst niedrig sind und in der
die Binnendifferenzierung möglichst hoch ist. So fordert es die
UN-Konvention, und nur so können letztlich alle profitieren.
Spüren Sie diese Entwicklung in den Schulen der Stiftung
Alsterdorf?
Haas: Ja. Die Zahl der förderbedürftigen Kinder steigt so stark
an, dass wir entgegen unserer Überzeugung derzeit neben den
integrativen Schulen noch einen Förderschulbereich betreiben.
Wo sehen Sie die Ursachen für zunehmende Feststellung von
Förderbedarf?
Haas: Ich sehe eine gefährliche Tendenz bei Institutionen, eine
Verhaltensauffälligkeit oder psychische Erkrankung festzustellen, um
sich selbst zu entlasten.
Sprich, die Regelschulen wollen Problemschüler loswerden und
reichen sie weiter?
Haas: Ja, aber auch die Familien tendieren zu Trenddiagnosen, zum Beispiel
zum Asperger-Syndrom, einer Störung aus dem autistischen Spektrum.
Glaubt man den Zahlen der sozialpädiatrischen Zentren, ist es zu einem
dramatischen Anstieg betroffener Kinder gekommen. So etwas muss man
kritisch hinterfragen.
Sie sagen, Sonderschulen seien überflüssig. Ist es nicht
wichtig, dass Kinder mit besonderen Bedürfnissen von Spezialisten
gefördert werden?
Haas: Ja, aber das muss nicht getrennt von Schülern ohne einen
solchen Förderbedarf stattfinden. Sicher, in Einzelfällen kann
ein Kind ganz bestimmte Fertigkeiten vielleicht in einer Spezialeinrichtung
besser lernen - für eine begrenzte Zeit. Zum Beispiel, wenn ein Kind
mit Sehbehinderung auf einer Blindenschule wichtige Alltagstechniken lernt.
Wir sind aber extrem skeptisch, ob ein zergliedertes Schulsystem der
richtige Weg ist. Denn wie Studien immer wieder zeigen, ist es sehr
schwierig, aus solchen Sonderwelten wieder herauszukommen.
Es geht Ihnen um Inklusion, um die Auflösung von Sonderwelten.
Bleibt bei all diesen Bemühungen nicht am Ende eine Gruppe von
Personen mit einem sehr hohen Hilfebedarf, die immer eine
vollstationäre Rund-um-die-Uhr-Versorgung brauchen wird?
Schulz: Erstens muss ein Hilfebedarf rund um die Uhr nicht zwingend in
einer stationären Einrichtung befriedigt werden. Wir können mit
einzelnen Projekten zeigen, dass auch Menschen mit einem hohen Hilfebedarf
ambulant versorgt werden können. Zweitens: Klaus Dörner hat
gesagt, man soll mit denen anfangen, bei denen es am schwierigsten ist. Das
ist der richtige Ansatz, finde ich. Es gelingt uns noch zu selten.
[Anmerkung: Dörner ist Psychiater und bekannter Heimkritiker, der
selbst ein von ihm geleitetes Heim aufgelöst hat].
Auf welche Schwierigkeiten stoßen Sie beim Versuch?
Schulz: Die höchsten Barrieren sind Ängste der Angehörigen
und der Spardruck beim Sozialamt. Behördenvertreter setzen sich
dafür ein, dass nur Personen mit geringem Hilfebedarf ambulant
versorgt werden, da das kostengünstiger scheint.
Bei einem hohen Hilfebedarf ist das ambulant betreute Wohnen also
teurer als ein Heimplatz?
Schulz: Das sieht zunächst so aus, denn: Im Heim leben Menschen mit
unterschiedlich hohem Hilfebedarf, da vermischen sich die Kostensätze,
und es wird für Außenstehende schwer nachvollziehbar, wie viel
die Leistungen für eine Person mit hohem Hilfebedarf kosten. Wenn
jemand ambulant versorgt wird, werden die Kosten sichtbar. Aber im
ambulanten wie im stationären System kommt es darauf an, welche
"Leistungssettings" gewählt werden. Überhaupt arbeiten wir in
Hamburg daran, dass es in der Eingliederungshilfe diese Unterscheidung
zwischen "ambulant" und "stationär" in Zukunft gar nicht mehr geben
muss.
Jemand, der rund um die Uhr Hilfe braucht und in den eigenen vier
Wänden lebt, erhält ja zwingend eine
Eins-zu-Eins-Betreuung.
Schulz: Ja, aber da muss es Kompromisse geben. Ich meine damit nicht, dass
es einen Rest geben sollte, der in Heimstrukturen leben muss. Sondern dass
man im Einzelfall prüft, welche Lösungen denkbar sind, um den
Bedürfnissen des Einzelnen so nahe wie möglich zu kommen. Wenn
beispielsweise viele Einzelne ihren eigenen Nachtdienst erhalten, wird es
sehr teuer für die Kostenträgerin. Eine gute Lösung haben
wir in verschiedenen Hausgemeinschaften erreicht: Mehrere Bewohner haben
sich einen Nachtdienst geteilt. Meiner Erfahrung nach sind Kompromisse wie
dieser oft einfacher zu finden und liegen näher an den Wünschen
der Menschen, als wir es uns zuvor vorstellen konnten.
Das Interview führte Ylva Köhncke.
Nachdruck unter Quellenangabe (Ylva Köhncke / Berlin-Institut) erlaubt.

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Die Menschen folgen den Jobs
Migranten verändern die Arbeitsmärkte
der Herkunfts- und Aufnahmeländer, die Kultur und die politischen
Verhältnisse 
Nach der Zählweise der Vereinten Nationen gibt es heute
weltweit rund 200 Millionen Migrantinnen und Migranten. Das entspricht der
Einwohnerzahl Brasiliens oder 3,3 Prozent der Weltbevölkerung. Diese
Zahl ist allerdings nur eine Schätzung, denn zuverlässige Daten
sind Mangelware – vor allem, wenn es um Irreguläre oder
Wanderarbeiter geht, die ihre ursprüngliche Heimat nur für einen
begrenzten Zeitraum verlassen.
Das aktuelle Sonderheft der Edition Le Monde diplomatique ist dem Thema
"Migration im Zeitalter der Globalisierung" gewidmet. Das Heft bietet eine
Vielfalt von Perspektiven, indem es persönliche Erzählungen,
Reportagen aus einzelnen Ländern, Essays, Analysen und Grafiken sowie
Texte zu Identitätssuche und Konflikten, beispielsweise zu einem Fall
von Zwangsheirat in Schweden, nebeneinander stellt. Hinzu kommen
kommentarlos abgedruckte Dokumente: Die Passbild-Schablone der
Bundesrepublik oder der französische Vordruck für einen Antrag
auf ein Schengen-Visum, die bis ins kleinste Detail vorschreiben, wie ein
Passfoto auszusehen hat. Diese Dokumente muten geradezu skurril an - und
stehen stellvertretend für die bürokratischen Hürden, die
Migranten in den Aufnahmeländer nehmen müssen.
Insgesamt bietet das Sonderheft einen Überblick über die
Situation von Migranten in und aus fast allen Regionen der Welt. Es lenkt
den Blick auf die Wege von Marokkanern nach Spanien und von Mexikanern in
die USA, auf Nicaraguaner in Costa Rica und auf Nigrer in Libyen, auf
Nordkoreaner in Russland. Auf die Integration von Muslimen in Belgien und
den Fachkräftemangel in Deutschland, auf den Brain Drain in Benin und
die Migrationswaisen in Rumänien. Le Monde diplomatique liefert wie
immer erhellende, anschauliche, gut lesbare und auch originelle
Beiträge. Zu den Autoren gehören auch Prominente wie Jean
Ziegler, Eric J. Hobsbawm und Ilija Trojanow. Allen, die sich mit Migration
beschäftigen, ist das Heft zu empfehlen - sie werden Informationen und
Anregungen finden.
Le monde
diplomatique: Immer der Arbeit nach. Migration im Zeitalter der
Globalisierung. 111 Seiten. 8,50 Euro 
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