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Die Deutschen bekommen wieder mehr Kinder -
vor allem im Osten der Republik
Eine Ursache für den leichten Anstieg der
Fertilität in den Jahren 2007 und 2008 ist vermutlich die neue
familienpolitische Richtung, zu der auch das Elterngeld
gehört Nach langen Jahren niedriger und zum
Teil sogar sinkender Fertilitätsraten ist Deutschland seit 2007 wieder
ein wenig geburtenfreudiger geworden. Diese Entwicklung verläuft
zeitgleich mit der Einführung des Elterngeldes. Dabei profitieren vor
allem urbane Regionen und die neuen Bundesländer von den leicht
gestiegenen Geburtenzahlen. Diese Zusammenhänge beschreibt ein neues
Diskussionspapier des Berlin-Instituts für Bevölkerung und
Entwicklung, das die Entwicklung der durchschnittlichen Kinderzahl je Frau
und der Zahl der Geburten in den letzten Jahrzehnten untersucht. Das Papier
mit dem Titel "Kleine
Erfolge" lässt den Schluss zu, dass die Richtung der neuen
Familienpolitik stimmt.
Nach dem Babyboom in den 1960er Jahren wurde in Deutschland 1971 das
letzte Mal über eine Million Kinder geboren. Seitdem sank die Zahl der
Geburten und erreichte im Jahr 2006 ihren vorläufigen Tiefpunkt mit
nur 672.724 Neugeborenen. Dieser Trend schien vorübergehend gebrochen,
als das Statistische Bundesamt im August 2008 verkündete, in
Deutschland seien 2007 rund 10.000 Kinder mehr als im Jahr zuvor geboren
worden. Zusätzlich zu den Geburtenzahlen stieg erstmals seit sieben
Jahren auch die durchschnittliche Kinderzahl je Frau (die so genannte
Fertilitätsrate) deutlich an - von 1,33 im 2006 auf 1,37. Doch bereits
2008 lag die Zahl der Neugeborenen wieder um etwa 8.000 unter dem
Vorjahresniveau. Hatte das kostspielige Elterngeld womöglich nur ein
kurzes Strohfeuer entfacht?
Der Rückgang der Kinderzahlen hat allerdings primär einen ganz
anderen Grund: Weil die zahlenmäßig große Gruppe der
Babyboomer, die etwa ab 1955 geboren wurde, allmählich das Alter
verlässt, in dem Frauen Kinder bekommen können, sinkt seit Jahren
die Zahl potenzieller Mütter in Deutschland. Deshalb muss bei gleich
bleibender Fertilität die Zahl der Neugeborenen Jahr für Jahr
abnehmen. Die Trendumkehr im Jahr 2007 ist deshalb ein Zeichen für
eine gestiegene Fertilität. Und selbst der leichte Rückfall im
Jahr 2008 unter die Geburtenzahl des Vorjahres kann nicht als Rückgang
der Fertilität gedeutet werden.
Da sich die tatsächliche Fertilitätsrate für 2008 derzeit
noch nicht berechnen lässt, weil die dafür notwendigen Daten der
statistischen Ämter noch nicht vorliegen, muss die Fertilität bis
auf weiteres mittels eines anderen Indikators ermittelt werden: über
die Zahl der jährlichen Geburten je 1.000 Frauen im fertilen Alter
zwischen 15 und 44 Jahren. Von diesen Frauen gab es 2007 insgesamt noch
15.881.000, und diese bekamen je 1.000 Frauen 43,1 Kinder - gegenüber
nur 41,7 im Vorjahr, also vor der Einführung des Elterngeldes. Unter
der Annahme, dass die komplette Gruppe der 14- bis 43-jährigen Frauen
von 2007 im Jahr 2008 die Frauen zwischen 15 und 44 Jahren
repräsentieren, umfasst diese Gruppe im fertilen Alter 2008 nur noch
15.571.000 Personen. Die Zahl der Geburten je 1.000 in diesem Alter ist
jedoch auch 2008 weiter leicht gestiegen - auf 43,3. Damit hätte sich
der mögliche Elterngeldeffekt im Jahr 2008 fortgesetzt.
Der Erfolg der neuen Familienpolitik wird dadurch zwar nicht statistisch
beweisbar, aber die Zahlen sind kaum anders zu deuten. Dennoch fällt
der Effekt vor allem im Vergleich zu kinderreicheren europäischen
Nationen wie Frankreich oder Schweden ernüchternd gering aus.
Interessant sind allerdings die regionalen Veränderungen der
Fertilität in Deutschland, die einiges über die Wirksamkeit des
Elterngeldes aussagen:
Nach dem Zusammenbruch der DDR 1989 verzeichneten alle ostdeutschen
Bundesländer zunächst einen starken Rückgang der
Kinderzahlen. Im Jahr 1994 war der Tiefpunkt erreicht - mit
durchschnittlich 0,77 Kindern pro Frau. Ostdeutsche Paare entschieden sich
nach der Wende und in unsicheren Zeiten auf dem Arbeitsmarkt gegen eine
Familiengründung. Frauen in den alten Bundesländern bekamen zu
diesem Zeitpunkt rund 1,4 Kinder. In vielen Landkreisen lag die
durchschnittliche Kinderzahl je Frau allerdings über 1,6 und in
einigen Städten unter 1,2.
Ein Blick auf die aktuelle Verteilung der Kinderzahlen in Deutschland
(2007) zeigt keine Ost-West-Unterschiede mehr. Die westdeutschen Landkreise
mit vormals hoher Kinderzahl sind fast alle auf den bundesdeutschen
Mittelwert abgesunken. Dort bekommen die Frauen heute weniger Kinder als
noch vor zehn Jahren. Die ostdeutschen Landkreise haben hingegen aufgeholt.
Dort bekommen die Frauen aktuell etwa genauso viele Kinder wie ihre
Nachbarinnen in Westdeutschland. Dieser Aufholeffekt hat im Jahr 2007
seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht.
Annäherung der ost- und westdeutschen Regionen 
Im Jahr 1997 wurden in Deutschland durchschnittlich 1,37
Kinder pro Frau geboren - genauso viel wie 2007. Auf regionaler Ebene hat
sich jedoch viel verändert. Viele westdeutsche Landkreise mit ehemals
hohen Kinderzahlen haben sich bis 2007 dem Durchschnitt angepasst oder
liegen sogar darunter. Dagegen haben die meisten ostdeutschen Regionen
stark aufgeholt.
Das Berlin-Institut erklärt diese Annäherung der
Verhältnisse wie folgt: Zum einen haben die neuen Bundesländer
nach den extrem kinderarmen 1990er Jahren einen gewissen Nachholeffekt in
Sachen Familiengründung - aufgeschobene Kinderwünsche wurden
mittlerweile verwirklicht. Zum anderen scheinen traditionelle
Familienverhältnisse - Mann im Erwerbsleben, Frauen im Familiendienst
- in den ländlichen Regionen des Westens langsam aber sicher an
Bedeutung zu verlieren. Gerade dort ist die Fertilitätsrate aller
Familienpolitik zum Trotz häufig gesunken. Auch in diesen Regionen
sind Frauen immer häufiger erwerbstätig, die öffentlichen
Betreuungsangebote für Kinder sind aber noch nicht so gut ausgebaut
wie in den urbanen Zentren. Weil das 2007 eingeführte Elterngeld die
Doppelverdienergemeinschaft und damit erwerbstätige und oft auch gut
qualifizierte Frauen begünstigt, profitieren diese Regionen
anscheinend weniger davon.
Insgesamt sind die Kinderzahlen dort gestiegen, wo mehr Frauen
berufstätig sind - also tendenziell in den Städten und eher in
Ost- als in Westdeutschland. Die Einführung des Elterngeldes hat
diesen Effekt nicht ausgelöst, sondern einem ohnehin bestehenden Trend
zu mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf einen weiteren Schub
verliehen.
Weniger Mütter, aber nicht weniger Kinder je Frau 
Als Folge der Alterung der Babyboomer sinkt in Deutschland
seit Jahren die Zahl von Frauen im gebärfähigen Alter. Bei
gleichbleibender Fertilität muß deshalb auch die jährliche
Gesamtzahl der Neugeborenen abnehmen. Lange ist aber auch die zahl der
neugeborenen je 1.000 Frauen im fertilen Alter gesunken - ein zeichen
für eine wachsende Kindermüdigkeit in Deutschland. Dieser Trend
wurde erst im Jahr 2007 gebrochen - zeitgleich mit der Einführung des
Elterngeldes. Auch wenn dieser Zusammenhang nicht zu beweisen ist: Der -
kleine - Erfolg der neuen Familienpolitik lässt sich anders kaum
erklären.
Das Diskussionspapier ist unter www.berlin-institut.org kostenlos
als PDF erhältlich.
Für Fragen und Interviews stehen Ihnen Dr. Reiner Klingholz unter 0
30 - 31 01 75 60 sowie Steffen Kröhnert unter 0 30 - 22 32 48 44 und
Iris Hoßmann unter 0 30 - 31 10 26 98 zur Verfügung.
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