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"Der Klimawandel scheint das erste wirklich
globale Problem der Menschheitsgeschichte zu sein"
Interview mit dem Demografen Prof. Dr. Wolfgang
Lutz Der Bevölkerungsforscher Prof. Dr.
Wolfgang Lutz hat Demografie studiert und leitet das World Population
Program am Internationalen Institut
für angewandte Systemanalysen (IIASA) in Laxenburg bei Wien sowie
das Vienna Institute of Demography
(VID) der österreichischen Akademie der Wissenschaften. Wolfgang Lutz
ist Mitglied des Vorstandes des Berlin-Instituts für Bevölkerung
und Entwicklung. 
Die Weltbevölkerung wächst unablässig. Die
Emissionen von Treibhausgasen wachsen ebenfalls. Worin liegt das
größere Problem für die Zukunft der Menschheit?
Das größte Problem sehe ich darin, die zu erwartende
Klimaveränderung mit möglichst geringem Schaden zu verkraften.
Zumindest ein gewisses Maß von Klimawandel scheint unausweichlich.
Dabei sind zwei Fragen von Bedeutung: Erstens, wie stark ist der jeweilige
Lebensraum davon betroffen, etwa durch Anstieg des Meeresspiegels. Und
zweitens, wie stark sind unsere Fähigkeiten, beziehungsweise die der
Staaten, mit dieser Herausforderung umzugehen. Dies ist in erster Linie
eine Frage des Humankapitals und des wirtschaftlich-technologischen
Entwicklungsstandes.
Lässt sich unser Klimaproblem auf die kurze Formel bringen "Immer
mehr Menschen wollen immer mehr"?
Nein, so einfach liegt der Fall nicht. Es ist zwar klar, dass mehr
Menschen insgesamt mehr Energie verbrauchen, besonders dann, wenn die armen
Länder - wie wir ja hoffen - in ihrem Wirtschaftswachstum zulegen.
Aber die wachsende Zahl der Menschen ist nur ein Faktor unter mehreren, die
sich auf die zukünftigen Emissionen auswirken. Der
Pro-Kopf-Energieverbrauch ist die entscheidendere Größe. Wenn
also mehr Menschen durch einen klügeren, effizienteren Umgang mit
Energie weniger Energie verbrauchen und damit weniger Treibhausgase
emittieren würden, wäre das Problem kleiner.
Wo stecken weltweit die größten Quellen für
Treibhausgas-Emissionen? Wo sind die größten Zuwächse zu
erwarten?
Außer den Emissionen durch das Verbrennen fossiler Rohstoffe wie
Kohle, Öl und Erdgas tragen die Rodung tropischer Wälder und die
Landwirtschaft - durch die Rinderzucht, den Reisanbau und die
künstliche Düngung - noch erheblich zum Klimawandel bei. Alle
drei Quellen hängen auch mit der Zahl der Menschen zusammen - und mit
ihren Ansprüchen.
Welche Menge des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) dürfte jeder
der rund sieben Milliarden Erdenbürger pro Jahr im Mittel in die
Atmosphäre entlassen, damit diese stabil bliebe?
Das ist keine so einfache Frage, weil sie stark vom Zeithorizont und vom
dem als akzeptabel angesehenen Niveau abhängt. Derzeit schlucken die
Ozeane über acht Gigatonnen CO2 im Jahr aus der Atmosphäre.
Demnach dürfte jeder der 6,8 Milliarden Erdenbürger etwa 1,2
Tonnen pro Jahr emittieren. Wächst die Weltbevölkerung weiter
stark, so verringert sich der Wert entsprechend. Allerdings vermuten die
Experten, dass die Aufnahmekapazität der Weltmeere über die Jahre
zurückgeht. Die Konzentration in der Atmosphäre ist
gegenüber dem vorindustriellen Wert jetzt schon erhöht und die
Erwärmung schon im Gange. Das Ganze ist ein sehr träger,
langfristiger Prozess. Letztlich müssen wir darauf hinsteuern, die
Emissionen zu vermindern und gleichzeitig eine gewisse Erwärmung
verkraften.
Der durchschnittliche Amerikaner, auch der Deutsche, liegt vermutlich
über diesem zulässigen Limit?
Die Pro-Kopf-C02-Emissionen durch die Verbrennung fossiler
Energieträger liegen bei 9,5 Tonnen pro Jahr in Deutschland und bei
19,5 Tonnen in den USA. Beides ist viel zu hoch für eine
Stabilisierung des Klimas.
Warum bedeutet dann das Bevölkerungswachstum im Tschad oder dem
Jemen, wo die Pro-Kopf-Emissionen weit unter dem erträglichen Limit
liegen, ein
Problem für die Nachhaltigkeit auf unserem Planeten?
Wenn die Menschen im Tschad weiter so arm bleiben oder vielleicht durch
das starke Bevölkerungswachstum noch ärmer werden, kaum Energie
verbrauchen und frühzeitig in Elend sterben, ist dies natürlich
keine Bedrohung für das Weltklima. Nur kann das ja nicht das Ziel
sein. Alle Bestrebungen gehen ja in Richtung Armutsbekämpfung, was
fast automatisch mit mehr Energieverbrauch verbunden ist. China ist das
wichtigste Beispiel dafür. Und wenn die Menschen im Tschad hoffentlich
auch einmal wohlhabender werden, dann werden natürlich viele Menschen
mehr Energie verbrauchen als weniger.
Müssten die reichen Länder die armen für ihr
klimaschädigendes Verhalten entschädigen? Und wenn ja, wie?
Das ist in erster Linie eine Frage der Ethik und in zweiter Linie eine der
internationalen politischen Umsetzung. Ich glaube, dass die einzige
weltweit akzeptable Lösung darin liegt, jedem Erdenbürger das
gleich Recht an der Atmosphäre zu geben, also pro Kopf gleiche
Emissionen. Wer mehr emittieren will, der muss den anderen diese Rechte
abkaufen. Dadurch wird es gleichzeitig auch möglich, dort anzusetzen,
wo es am kosteneffizientesten ist. So eine Regelung wird schwierig genug,
sie beantwortet aber noch nicht die Frage der Verantwortung für die
bisherigen Emissionen.
Haben Länder wie der Tschad eine Entwicklungschance, solange das
Bevölkerungswachstum dort so hoch ist? Immerhin dürfte sich die
Bevölkerung dort bis 2050 verdreifachen.
Nein. Um nur einen wichtigen Grund zu nennen: Die allgemeine Schulbildung,
die eine Voraussetzung für Entwicklung ist, kann kaum erzielt werden,
wenn die Zahl der Kinder im Schulalter zu schnell wächst.
Mit welchen Mitteln ließe sich das Bevölkerungswachstum in
den armen Ländern verlangsamen?
Die Forschung hat hier einen ganz klaren Befund geliefert: Nur die
Kombination von massiven Investitionen in die Bildung von Mädchen und
die weitere Verbreitung von freiwilligen Familienplanungsprogrammen
können Länder aus dem Teufelskreis von Armut und großem
Bevölkerungswachstum befreien.
Bildung - insbesondere für Frauen - gilt gemeinhin als
Allheilmittel gegen starkes Bevölkerungswachstum. Bildung führt
aber auch zu mehr Arbeit, zu mehr Wohlstand und zu mehr Emissionen. So
gesehen ist Bildung ungemein schädlich. Je schneller wir das
bedrohliche Bevölkerungswachstum senken, desto schneller geraten wir
in die Klimafalle. Indien und China machen uns diese Entwicklung gerade
vor. Wie lösen wir dieses Dilemma?
Bildung, wenn sie richtig ansetzt und emanzipierend wirkt, kann nie
schädlich sein. Sie ist die wichtigste Voraussetzung für eine
Verbesserung der Gesundheit, für eine bewusste Wahl der eigenen
Kinderzahl und für ein Entkommen aus der Armut. Das sind ja alles die
wichtigsten Ziele der internationalen Entwicklungsanstrengungen.
Natürlich bedeutet höheres Einkommen dann auch mehr Emissionen,
auch wenn sie pro Kopf noch deutlich geringer sein werden also bei uns.
Aber was ist die Alternative? Hoffen, dass die Menschen in Armut sterben?
Weil es keine Alternative zu Entwicklung gibt, glaube ich, dass wir mit
einer gewissen Klimaveränderung einfach zu rechnen haben. Und gerade
dann werden es besser gebildete Menschen leichter haben, sich an das
veränderte Klima anzupassen und nicht zu Schaden zu kommen.
Fehlen der Welt klare Verhaltensregeln in Sachen Klimaschutz?
Der Klimawandel scheint das bisher größte wirklich globale
Problem der Menschheitsgeschichte zu sein. Kein Staat, keine Insel, niemand
kann sich da raushalten. Dafür brauchen wir auch neue Formen der
globalen "Governance". Dabei wird auch die heilige Kuh der nationalen
Souveränität nicht uneingeschränkt bestehen bleiben
können.
Wie müssten die Regeln aussehen?
Sie müssen sich an gleichen Emissionsrechten für jeden
Erdenbürger orientieren. Aber den genauen Inhalt und die
Übergangsfristen zu verhandeln, wird ein sehr mühsamer Prozess
werden.
Und was bedeutet das praktisch für die Bürgerinnen und
Bürger der Industrienationen? Kein Auto mehr fahren, kein Flugzeug
benutzen, weniger heizen?
Wenn wir es klug machen und umweltfreundliche Technologien einsetzen, dann
muss das nicht zwangsweise ein Sinken unserer Mobilität und
Lebensqualität bedeuten.
Die Lebensbedingungen in den subtropischen Regionen, selbst im
Mittelmeerraum werden sich den Prognosen zufolge verschlechtern - in den
höheren Breiten wie in Sibirien durch die Erwärmung verbessern.
Was bedeutet das für die Wanderungsbewegungen der Zukunft?
In Ägypten wird sich die Bevölkerung vermutlich noch verdoppeln.
Gleichzeitig weitet sich der Wassermangel aus und die landwirtschaftlich
nutzbare Fläche nimmt sogar ab. Weniger als 2.000 Kilometer entfernt
in Russland und der Ukraine liegen die fruchtbarsten Böden, und die
Bevölkerung schrumpft. Durch den Klimawandel wird sich das
Gefälle noch verstärken. Ich kann mir gut vorstellen, das
Russland in der Zukunft zu einem großen Einwanderungsland wird. Nur
darf man die Frage der kulturellen Unterschiede und der daraus
resultierenden Herausforderungen an die Integration nicht
unterschätzen.
Die Ingenieure sagen uns seit vielen Jahren, sie hätten die
Technologien in der Schublade, mit denen sich die Industriegesellschaften
um den Faktor 10 energieeffizenter betreiben ließen. Wer sorgt
dafür, dass diese Konzepte nicht aus der Schublade kommen und in die
tägliche Anwendung gelangen?
Es sind die perversen ökonomischen Anreizsysteme, die die
Umweltkosten nicht in den Preisen berücksichtigen. Änderungen
sind hier wegen der sogenannten normativen Kraft des Faktischen nur sehr
schwierig. Es gibt Viele, die Interesse an der Beibehaltung des jetztigen
Systems haben. Deshalb gelingen Veränderungen wahrscheinlich nur in
kleinen Schritten - außer es gibt eine wirklich große Krise,
die auch radikalere Veränderungen ermöglicht.
Was müssen die viel emittierenden Industriestaaten tun, um die
armen Länder für ihre eigenen Klimaschandtaten zu
kompensieren?
Die Emissionen der Vergangenheit können wahrscheinlich nicht mehr
aufgerechnet werden. Dass würde in gewisser Weise Sippenhaftung
bedeuten, die kaum akzeptabel sein wird. Aber für die Zukunft brauchen
wir ein gerechtes System. Gleichzeitig ist es für die armen
Länder aber auch nicht zielführend sich nur in der Opferrolle zu
sehen. Sie kommen nicht durch mögliche Kompensationszahlungen aus der
Armutsfalle sondern nur durch eigene Anstrengung, durch Entwicklung ihrer
eigenen Humanressourcen und das Aufräumen im eigenen Haus heraus.
China etwa hat seine enorme Entwicklung in den letzten 30 Jahren ganz ohne
äußere Hilfe geschafft. Und China liefert den Hauptgrund
dafür, dass weltweit die Armut zurückgegangen ist.
Befürchten Sie, dass sich die Menschen der armen Länder, die
sich zudem schlecht gegen den Klimawandel wappnen können, irgendwann
gegen die ihnen angetane Ungerechtigkeit wehren werden?
Die Welt war auch bisher schon voll von Ungerechtigkeiten. Der Klimawandel
ist nur eine zusätzlich Dimension, die sogar noch etwas abstrakter
ist, weil Ursache und Wirkung nicht als unmittelbar miteinander verbunden
erlebt werden. Aber die Armen wollen ja nicht Rache sondern eine bessere
Zukunft. Hier wird es entscheindend sein, echte Entwicklungsperspektiven
für die Zukunft zu bieten, die die Welt zumindest ein Stück weit
gerechter machen.
Das Interview führte Reiner Klingholz.
Nachdruck unter Quellenangabe (Reiner Klingholz / Berlin-Institut)
erlaubt. 
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Weniger Kinder, höhere Lebenserwartung -
auch Lateinamerika altert
Der rasche demografische Wandel verlangt ein
geeignetes Rentenmodell In Lateinamerika hat sich
die Altersstruktur der Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten
grundlegend gewandelt. Noch in den 1970er Jahren hatte die Region eine der
weltweit höchsten Fertilitätsraten und eine junge, schnell
wachsende Bevölkerung. In den lateinamerikanischen Ländern bekam
eine Frau im Schnitt fünf bis sechs Kinder. 2008 lag die
Gesamtfertilitätsrate von Lateinamerika und der Karibik dagegen nur
noch bei 2,42 Kindern je Frau. Vor allem größere und
wirtschaftlich entwickelte Staaten wie Brasilien, Mexiko, Argentinien und
Chile nähern sich heute dem sogenannten bestandserhaltenden Wert von
2,1, bei dem eine Bevölkerung langfristig stabil bliebe, oder haben
diesen sogar schon unterschritten. Auf lange Sicht werden sich nach
Schätzungen der Vereinten Nationen die Fertilitätsraten in allen
Ländern der Region bei 1,85 einpendeln. Erste Auswirkungen dieser
Entwicklung sind bereits zu spüren: Das Bevölkerungswachstum in
der Region hat sich in wenigen Jahrzehnten von 2,7 auf 1,3 Prozent halbiert
und wird weiter zurückgehen. Trotzdem wird die Gesamtbevölkerung
Lateinamerikas und der Karibik nach Angaben des Population Reference
Bureaus bis 2050 von 577 Millionen im Jahr 2008 auf 778 Millionen
anwachsen.
Fertilitätsraten im freien Fall 
Die Fertilitätsraten sind in vielerorts in
Lateinamerika in den letzten 40 Jahren drastisch gefallen. Sie werden nach
Annahmen der Vereinten Nationen in den meisten Ländern noch weiter
sinken, sogar unter das Bestandserhaltungsniveau von 2,1. In Mexiko verlief
die Entwicklung besonders rapide, während das stark europäisch
geprägte Argentinien im regionalen Vergleich schon lange niedrige
Fertilitätsraten aufwies (Datengrundlage: UN World Population
Prospects, 2008).
Anders als in Europa geht die Bevölkerung in Lateinamerika also
vorläufig nicht zurück. Das eigentliche Problem in der Region ist
daher die fortschreitende gesellschaftliche Alterung. Nach Schätzungen
des US Census Bureau wird der Anteil der über 65-Jährigen an der
Gesamtbevölkerung in der Region von 6,4 Prozent im Jahr 2008 bis 2050
auf 17,8 Prozent steigen. Im gleichen Zeitraum wird in Ländern wie
Brasilien und Mexiko das Medianalter
der Bevölkerung, also jenes Lebensalter, das eine Bevölkerung
statistisch in zwei gleich große Gruppen teilt, um knapp 20 Jahre auf
Werte jenseits der 40 ansteigen. Neben der sinkenden Fertilität ist
hierfür vor allem die drastisch steigende Lebenserwartung in
Lateinamerika verantwortlich. Betrug diese im Zeitraum 1960 bis 1965 noch
56,8 Jahre, stieg sie seitdem um ungefähr 30 Prozent auf 73,3 Jahre
an. In Chile betrug die Lebenserwartung bei der Geburt im Jahr 2008 78,7
Jahre, was bedeutet, dass Chilenen ein längeres Leben erwarten
dürfen als Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika, die im
Schnitt nur ein Alter von 78 Jahren erreichen.
Für die Politik bringt der demografische Wandel vor allem die Frage
nach den Renten auf den Tisch. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen
werden in der Region im Jahr 2050 nur noch 3,1 Personen im
arbeitsfähigen Alter auf eine Person im Rentenalter entfallen
gegenüber 8,7 im Jahr 2005. Unabhängig von dem genauen
Ausmaß des Rückgangs lässt sich bereits heute sagen, dass
Rentenkassen in Ländern mit traditionellen Umlageverfahren, wie es sie
unter anderem in Brasilien und Argentinien gibt, unter massiven Druck
geraten werden.
Vor diesem Hintergrund feierten 1981 viele den Wechsel Chiles hin zu einem
Kapitaldeckungssystem in der Rentenversicherung als revolutionär. In
der Tat war die Zahl der Länder beträchtlich, die dem
chilenischen Beispiel folgten. Mexiko, Bolivien und El Salvador haben ihre
umlagefinanzierten Rentenmodelle inzwischen komplett ersetzt. Kolumbien,
Peru, Costa Rica und Uruguay haben sich für verschiedene Mittelwege
entschieden, die Arbeitnehmern entweder die Wahl ihres bevorzugten Modells
lassen oder sie nach Einkommensklassen aufteilen.
Die potenziellen Vorteile kapitalgedeckter Rentenmodelle hören sich
verlockend an. Sie sind unabhängig von demografischen Entwicklungen,
versprechen aufgrund ihrer Anlage auf Kapitalmärkten höhere
Erträge und entlasten somit die Staatskassen. Darüber hinaus
bieten sie Anreize für höhere Beiträge, da jeder
Arbeitnehmer direkt sein Rentenniveau in der Zukunft beeinflussen kann.
Höhere Einzahlungen wiederum helfen beim Aufbau moderner
Kapitalmärkte und fördern über höhere Ersparnisse und
Investitionen die gesamtwirtschaftliche Entwicklung.
In der Praxis sieht es jedoch leider oft anders aus. Kapitalgedeckte
Rentensysteme garantieren nur so lange höhere Erträge, wie diese
auf Kapitalmärkten zu erzielen sind. In Zeiten globaler
wirtschaftlicher Unsicherheit ist diese Art der Vorsorge ein höchst
riskantes Spiel geworden. So haben die chilenischen Rentenfonds allein
zwischen September und Dezember vergangenen Jahres 19,5 Prozent ihres
Wertes eingebüßt. Außerdem haben auch sie es nicht
geschafft, das eigentliche Problem lateinamerikanischer Rentensysteme in
den Griff zu bekommen: Nur eine relativ geringe Zahl von Personen erwirbt
überhaupt am Ende ihres Arbeitslebens einen Anspruch auf Rente. In
Lateinamerika ist nach wie vor ein sehr großer Teil der
Bevölkerung selbstständig tätig oder in informellen
Arbeitsverhältnissen beschäftigt. Diese Personen schaffen es oft
nicht, über die erforderlichen 20 bis 25 Jahre in die Rentenkassen
einzuzahlen, um am Ende ihres Arbeitslebens eine adäquate Rente zu
erhalten. In das chilenische System wurde daraufhin 2008 eine Klausel
eingebaut, die auch Geringverdienern ohne offiziellen Rentenanspruch eine
Minimalrente garantiert, welche aus der Staatskasse bezahlt wird.
Um die Rentenkassen in Lateinamerika dauerhaft zu entlasten, führt
daher kein Weg daran vorbei, Ungleichheit und Schattenwirtschaft zu
bekämpfen. Dies gilt sowohl für Umlage- als auch für
Kapitaldeckungssysteme. Nur so kann eine ausreichende Zahl von
Beitragszahlern rekrutiert werden. Aus demografischer Sicht stehen die
Chancen für dieses Unterfangen derzeit besser denn je. Bis
ungefähr 2030 (in Chile etwas früher) wird in den meisten
lateinamerikanischen Ländern die Zahl der Personen im
arbeitsfähigen Alter aufgrund der nachwachsenden noch kopfstarken
jungen Jahrgänge im Vergleich zu den Kindern sowie den Rentnern
steigen. Diese sogenannte "demografische
Dividende" bringt wichtige wirtschaftliche Vorteile. Ein
größerer Anteil der Bevölkerung im Arbeitsleben führt
zu höheren Pro-Kopf-Einkommen, weniger Kinder bedeuten weniger
häusliche Verantwortung sowie eine potenziell höhere
Erwerbstätigkeit von Frauen, und kleinere Familien bieten mehr
Möglichkeiten für eine qualitativ hochwertige Erziehung des
Nachwuchses. Sollte es den lateinamerikanischen Ländern gelingen,
diese Potenziale in den nächsten 20 Jahren wirkungsvoll
auszuschöpfen, wird man für die Herausforderungen der
Bevölkerungsalterung besser gewappnet sein.
Die demografische Dividende 
Die Zahl der über 65-Jährigen und unter
15-Jährigen in Relation zur Bevölkerung im arbeitsfähigen
Alter wird in den meisten lateinamerikanischen Ländern bis etwa 2025
fallen. In Chile wird sie schon etwas früher wieder ansteigen,
während sie in Argentinien erst 2035 ihren Tiefpunkt erreichen wird.
In dieser Zeit können der Staat und die Familien Geld sparen, weil
weniger Kinder großzuziehen und weniger Ältere zu versorgen
sind. Wenn diese Mittel in Bildung investiert und zur Schaffung von
Arbeitsplätzen eingesetzt werden, kann eine "demografische Dividende"
eingefahren werden (Datengrundlage: UN World Population Prospects, 2008,
mittlere Variante).
Literatur
Jackson,
R., Strauss, R. & Howe, N. (2009). Latin America’s Aging
Challenge – Demographics and Retirement Policy in Brazil, Chile, and
Mexico. Center for Strategic & International Studies, Washington
DC.
Keppeler, T.
(2009). Rechenfehler mit schweren Folgen. Welt Sichten, 04-2009.
Population
Reference Bureau (2008). World Population Datasheet. Washington DC.
Margret
Karsch / Rainer Münz: Demografische Dividende. In: Online-Handbuch
Demografie, www.berlin-institut.org
Steffen
Kröhnert: Bevölkerungsentwicklung in Lateinamerika. In:
Online-Handbuch Demografie, www.berlin-institut.org 
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Fürsorge und Pflege sind keine
Privatsache
Unentgeltlich kümmern sich bisher in
großer Mehrzahl Frauen um Ältere und Kinder - die alternde und
schrumpfende Gesellschaft muss die Arbeit neu organisieren 
Frauen übernehmen zu rund 80 Prozent die häusliche
Pflege von Älteren und Kindern. In Zeiten knapper Kassen können
es sich jedoch die wenigsten leisten, ohne Bezahlung zu arbeiten. Aber der
Bedarf an Fürsorge bleibt - und steigt sogar, da die Menschen in
Deutschland im Schnitt ein höheres Alter erreichen als früher.
Die Gesellschaft muss neu darüber verhandeln, welcher Wert dieser
Arbeit zukommt und wie diese Leistungen gerechter zwischen den
Geschlechtern aufgeteilt werden können.
Die Sozialwissenschaften und insbesondere die Frauen- und
Geschlechterforschung suchen schon lange nach Wegen, die Fürsorge neu
zu organisieren. Der Sammelband von den Herausgeberinnen Annemarie Bauer,
Professorin für Soziale Arbeit an der Evangelischen Fachhochschule in
Darmstadt, und Katharina Gröning, Professorin für
pädagogische Beratung an der Universität Bielefeld, will einmal
mehr verdeutlichen, wie dringlich diese Aufgabe ist.
Dazu lenkt das Buch den Blick auf zwei Aspekte: erstens auf die zu
erwartende Bevölkerungsentwicklung und zweitens auf das
Geschlechterverhältnis. Die gestiegene Lebenserwartung der Menschen in
Deutschland bringt auch einen Zuwachs an Alterserkrankungen wie Demenz mit
sich. Die Zahl derer, die Unterstützung benötigen werden, nimmt
also zu, während die Gesamtbevölkerung schrumpft, weil die
Geburtenzahlen seit 1964 stetig zurückgegangen sind. Und Deutschland
kann nicht davon ausgehen, dass es in den kommenden Jahren genug Zuwanderer
anziehen wird, um dies auszugleichen. Der demografische Wandel
verstärkt also den Druck, Fürsorge als gesamtgesellschaftliche
Aufgabe wahr- und ernst zu nehmen. Soweit zum Aspekt der
Bevölkerungsentwicklung.
Der zweite Aspekt ist das sich wandelnde Geschlechterverhältnis: In
der großen Mehrzahl der Fälle übernehmen Frauen die
notwendige Pflege in der Familie. Die dazugehörigen Tätigkeiten
betrachten sie durchaus als sinn- und wertvoll, aber der ökonomische
Druck erlaubt es ihnen längst nicht mehr, unter- oder sogar unbezahlt
zu arbeiten. Und sie fordern auch dieselben Rechte wie Männer, also
für Leistungen angemessen bezahlt zu werden. Ziel muss es sein, die
Lohnschere zwischen den Geschlechtern zu schließen, und dazu
gehört auch, die häusliche Arbeit gerechter zu verteilen.
Voraussetzung dafür ist, dass die Gesellschaft Strukturen
bereitstellt, die nicht von vornherein Männer oder Frauen auf
bestimmte Tätigkeiten festlegen.
Die Herausgeberinnen wollen aus dem Spannungsverhältnis von
Geschlechterrollen und wachsendem Bedarf an Fürsorge die soziale
Sprengkraft ziehen, um eine Debatte über Gerechtigkeit, Geschlecht und
Fürsorge anzustoßen. Dabei entlarven sie die in der Diskussion
um Alterung und Pflege oft geforderte Bereitschaft zu mehr
Eigenverantwortung als unzulängliche Antwort auf die Frage nach
Lösungen für das Problem.
Die Beiträge, hauptsächlich Vorträge einer Bielefelder
Ringvorlesung im Wintersemester 2006/2007, geben einen Überblick
über die Bandbreite des Feldes. Eine klare Systematik der
Zusammenstellung fehlt, nichtsdestotrotz kann dass Buch allen nützen,
die Anregungen für weitere Forschung suchen. Allen in der Pflege und
in den Beratungsstellen Tätigen sensibilisiert die Lektüre
für Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit, wenn sie sich nicht
von den zuweilen verklausulierenden Formulierungen einiger Texte
abschrecken lassen. Damit kann das Buch tatsächlich, wie es sein
Anspruch ist, zu einer neuen Diskussion anregen. Zumindest liefert es
zahlreiche Argumente, warum angesichts der alternden Gesellschaft
Fürsorge und Pflege dringend neu organisiert werden müssen.
Annemarie
Bauer, Katharina Gröning (Hg.): Gerechtigkeit, Geschlecht und
demografischer Wandel. Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag 2008. 277 Seiten,
25,90 Euro. 
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