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"Niemals wird die Pflegeversicherung die
Kosten für Leistungen abdecken können"
Interview mit Prof. Dr. Hermann Brandenburg,
Universität Freiburg Hermann Brandenburg,
geboren 1959, hat Sozialwissenschaften, Gerontologie sowie Philosophie und
Literaturwissenschaft studiert. Er war mehrere Jahre als Altenpfleger in
verschiedenen Pflegeheimen tätig, bevor er erneut an die
Universität wechselte. 1996 erhielt er eine Professur für
Grundlagen der Pflege / Pflegewissenschaft an der Katholischen
Fachhochschule Freiburg (seit 1999 für Gerontologie und
Pflegewissenschaft). Seit 2007 ist er außerdem Lehrstuhlinhaber
für Gerontologische
Pflege an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar. 
Copyright: Hermann Brandenburg
Die Lebenserwartung steigt, und viele Menschen sind auch im Alter noch
fit. Gleichzeitig wächst die Zahl der Pflegebedürftigen. Worauf
müssen wir uns bei dieser Entwicklung vorbereiten?
Alle Prognosen laufen darauf hinaus, dass die Zahl der
Pflegebedürftigen mittel- und langfristig weiter steigen wird, trotz
aller Bemühungen um Prävention und Gesundheitsförderung. Das
Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung geht beispielsweise in
seiner eher moderaten Variante davon aus, dass die Zahl der
Leistungsempfänger von 1,93 Millionen im Jahr 1999 auf 2,94 Millionen
im Jahr 2020 steigen wird - also um 52 Prozent!
Unser Gesundheitssystem wird sich darauf einstellen müssen. Wird
die Pflegeversicherung in Zukunft die Kosten für die Leistungen
abdecken können?
Niemals. Aus politischen Gründen ist die Pflegeversicherung
gedeckelt, man hat also eine Obergrenze der Beiträge festgelegt. Wenn
man die Leistungen ausweitet, wie es beispielsweise im Demenzbereich der
Fall ist, wird man um Beitragserhöhungen letztlich nicht herumkommen
können. Insgesamt muss das Thema Pflegeversicherung aber ergänzt
werden um das Thema zivilgesellschaftliche Herausforderungen.
Was heißt das?
Auch in der Reform von 2008 sind ja Leistungsausweitungen vorgesehen, die
werden aber niemals alle Bedarfe abdecken. Es wird etwa nicht möglich
sein, pflegende Angehörige durch staatliche Leistungen in vollem
Umfang zu entlasten. Das ist auch nicht die politische Absicht. Hier ist
ein gesamtgesellschaftlicher Beitrag gefragt - also die Zivilgesellschaft,
eine demenzfreundliche Kommune.
Zivilgesellschaft heißt doch vor allem, dass sich Einzelne
freiwillig engagieren. Braucht es als Voraussetzung dafür aber nicht
Unterstützung vom Staat - und viel mehr Fachkräfte, die die
Pflege übernehmen?
Ich glaube, dass wir beides brauchen. Aus meiner Sicht ist es ein
Trugschluss, davon auszugehen, dass man mit immer mehr Fachkräften die
Fragen der Versorgung und des Pflege- und Gesundheitswesens lösen
kann. Die Frage ist eine grundsätzlichere: Wie kann es zu einem
intelligenten Mix aus Professionellen, Angehörigen und sogenannten
Assistenzkräften in der Pflege der Betroffenen kommen?
Was wäre dafür ein Ansatzpunkt?
Konkret geht es etwa darum, dass im kommunalen Bereich das Thema auf die
Agenda der Bürgermeister kommt und gesehen wird: Was kann eigentlich
in der Gemeinde für die wachsende Zahl älterer Menschen und die
pflegenden Angehörigen getan werden? Zum Beispiel ist die Öffnung
der stationären Altenhilfe eine wichtige Problematik. Betrachten die
Kommunen das ausschließlich als Versorgungsproblem, dass sie an
Wohlfahrtsverbände delegieren können - oder kann es zu einem
Thema der Bürgerschaft werden, so dass Engagierte von außen mit
den Einrichtungen kooperieren? Dazu zählt natürlich auch
Beratung, dazu zählen etwa die Pflegestützpunkte. Wir brauchen
eine Mischung aus staatlichem und bürgerschaftlichen Handeln.
Neben dem Engagement innerhalb der Familie. Die Pflege der
Angehörigen übernehmen hier vor allem Frauen. Gibt es
Ansätze, daran etwas zu ändern und mehr Geschlechtergerechtigkeit
herzustellen?
In Deutschland ist und war die Familie "prädestiniert" - in
Anführungszeichen - für die Pflege alter und kranker Menschen.
Und das heißt: die Frauen. In Deutschland sind nach wie vor über
90 Prozent der Pflegenden Frauen.
Hat sich daran etwas verändert in den letzten Jahren?
Ja, aber die Zahl der Männer bewegt sich immer noch nur zwischen
fünf und acht Prozent. Pflege muss jedoch im Kontext der
Familienhistorie betrachtet werden. Es kann nicht sein, dass alle Lasten
der Pflege auf den Schultern einer Familienangehörigen ruhen, und die
anderen sich zurücklehnen. Auch deswegen muss das Thema Mix ins
Zentrum der Debatte gerückt werden. Da gehören die Familien mit
hinein, die Generationen, aber auch eine Struktur der Bürgerschaft,
die dieses System stabilisiert. In Deutschland werden individuell
zweckrationale Lösungen gesucht, nach dem Motto: "Was kann ich
für meinen kranken, alten Schwiegervater tun?" Beteiligt ist
natürlich nicht nur die Schwiegertochter, sondern das gesamte
familiäre Umfeld, auch der Sohn, und die Bürgerschaft, die
Gemeinde, letzten Endes die Zivilgesellschaft insgesamt.
Können wir an diesem Punkt etwas von anderen Ländern
lernen?
Grundsätzlich sind die Probleme in Europa ähnlich. Auch Italien
beispielsweise hat bei der Pflege einen Schwerpunkt in der Familie. Die
skandinavischen Länder haben schon früher auf staatliche Vorsorge
gesetzt und Erfahrungen mit ambulanten Strukturen gesammelt.
De-Institutionalisierung auf der einen Seite und Unterstützung
ambulanter Strukturen auf der anderen Seite müssen im Rahmen der
zivilgesellschaftlichen Verantwortung zusammen angegangen werden, um bei
der Pflege soziale Gerechtigkeit herzustellen. Sonst delegiert man immer
den Schwarzen Peter.
An die Pflege werden hohe Erwartungen gestellt - zu Recht. Wie
lässt sich die Qualität von Pflege messen?
Darüber ist schon längere Zeit eine Diskussion im Gange. Dabei
hat ein Paradigmenwechsel von der Prozess- und Struktur- zu der
Ergebnisqualität stattgefunden. Die Frage ist also nicht mehr, wie die
Pflege organisiert ist, sondern richtet sich stärker auf das Ergebnis
– und hier hat die Diskussion in Deutschland gerade erst begonnen. In
der Reform von 2008 gibt es 82 Kriterien zur Überprüfung der
Heime. Doch das ist erst der Anfang, dazu kommen drei Dinge: erstens die
Charta
der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen vom Deutschen
Zentrum für Altersfragen (DZA). Sie enthält grundsätzliche
Dinge wie Selbstbestimmung, Partizipation, Autonomie. Das gehört zu
guter Pflege, auch wenn man es nicht in jeder Hinsicht messen kann.
Zweitens sogenannte Outcome-Indikatoren, positive wie zum Beispiel
Mobilitätsförderung und negative wie Sturzprävention.
Drittens muss "gute Pflege" grundsätzlich bedacht werden - und dieser
Punkt enthält auch die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit. Bei der
Frage nach der Qualität von Pflege reicht also eine rein fachliche
Perspektive nicht aus, sondern ist nur ein Bestandteil. Das, was "gute
Pflege" ist, sollte aus meiner Sicht aus der Perspektive verschiedener
Disziplinen definiert werden.
Und zwar welcher?
Philosophie, Ethik, Theologie, Medizin und Pflegewissenschaft. Momentan
werden auf der Grundlage politischer Vorgaben Standards und Kriterien
festgelegt. Es wäre aber nötig, dass man das Problemfeld inter-
und multidisziplinär überdenkt.
Was wäre da eine konkrete Aufgabe?
Ein Qualitätskriterium von Pflege ist beispielsweise das Verhindern
von Stürzen. Wir wollen in den Einrichtungen aber, dass die Leute sich
möglichst frei bewegen können, und sie nicht fixieren - wir
müssen also mit einer bestimmten Anzahl von Stürzen leben. Die
Auswirkungen bestimmter Kriterien, die auf den ersten Blick positiv
erscheinen, sind zum Teil kontraproduktiv.
Transparenz ist in so einem sensiblen Bereich wie der Pflege vermutlich
ein heikles Thema? Qualitätskontrollen beeinflussen schließlich
die Beziehung zwischen Pfleger und Gepflegten.
Das, was gute Pflege ist, ist letzten Endes eben auch eine Frage des
Dialogs. Das kann nicht allein von außen reguliert werden. In
Deutschland ist der Bereich Pflege extrem durch bürokratische Vorgaben
fremdreguliert, bis ins Detail. Wir sprechen im ambulanten und
stationären Feld bereits von einer sogenannten "Maschinisierung" der
Pflegearbeit. Das ist vielleicht etwas hart formuliert, aber nicht weit von
der Wirklichkeit entfernt. Der Freiraum der Praxis vor Ort muss erhalten
werden, weil sonst etwa die Pflegedokumentation, die sich natürlich an
den Erwartungen orientiert, verfälscht wird.
Ist diese "Maschinisierung der Pflege" ein spezifisch deutsches
Problem, Ausdruck einer bestimmten Pflegekultur?
Wir neigen in Deutschland vielleicht dazu, Dinge gründlicher zu
erledigen als andere Länder, möglicherweise zu gründlich.
1974 wurde aufgrund von Missständen in Pflegeheimen das Heimgesetz
eingeführt. Der bürokratische Blick auf die Einrichtungen ist
deshalb auch verständlich. Das Gesetz wurde inzwischen aber reformiert
und ist zum Teil inzwischen richtig progressiv, da ist von
Selbstbestimmung, Mitwirkung, Autonomie die Rede. Da hat also auch in der
Gesetzgebung ein Paradigmenwechsel stattgefunden, sie nimmt die
Freiheitsrechte der Bewohner zunehmend stärker in den Blick.
Das ist auch eine Frage der Ressourcen, beispielsweise der
Fachkräfte. Die fehlen hierzulande und in anderen Ländern. Wie
lösen wir das Problem?
Als schlechtes Vorbild haben wir die USA. Dort läuft 60 Prozent der
Langzeitpflege über sogenannte Nurse Assistants, die über eine
Ausbildung von nur maximal 75 Stunden verfügen. Angesichts dieser
Defizitstruktur können Sie keine Qualitätssicherung betreiben.
Fragen der dialogischen Struktur von Pflegequalität erscheinen aus
dieser Sicht wie von einem ganz anderen Stern.
Und was muss in Deutschland passieren?
Bei der letzten Reform der Pflegeversicherung hatten wir die Struktur,
dass über Zeitvorgaben Pflege abgerechnet wurde. Das ist Unsinn, weil
die Frage, was sinnvoll ist und was nicht, unbeantwortet bleibt. Die
Pflegeversicherung belohnt nicht, dass jemand von der Pflegestufe zwei oder
drei auf eins kommt - das ist im Grunde Reha-feindlich und damit
widersinnig. Denn es ist ja das Ziel von Rehabilitation,
selbstständiger zu werden - wenn ich aber weniger Hilfe brauche,
bekomme ich weniger Geld, kürzere Anwesenheitszeiten der
Pflegekräfte und weniger Anregung und Förderung. Die offiziellen
Debatten und das, was real geschieht, klaffen oft auseinander. Hier
brauchen wir erstens eine gesamtgesellschaftliche Diskussion an der Basis,
über Fragen der Qualitätssicherung. Zweitens muss es weniger
darum gehen, den ganzen Prozess en detail zu kontrollieren, als vielmehr
das Ergebnis zu sichern.
Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

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Fünf Mythen über
Familienplanungsprogramme
Forscher erklären warum eine erfolgreiche
Bevölkerungspolitik für nachhaltige Entwicklung wichtig
ist Familienplanungsprogramme sind seit jeher ein
umstrittenes Instrument der Entwicklungspolitik. Zu den bekanntesten
Beispielen zählt Chinas menschenrechtsverletzende Einkindpolitik, die
es Paaren verbietet mehr als ein Kind zu haben. In anderen Ländern,
wie etwa in Indien Mitte der 1970er Jahre unter Indira Gandhi, wurden
Menschen zu Sterilisationen gezwungen. Im Allgemeinen bedeutet
Familienplanung aber keinen Zwang. Familienplanung kann gerade in den armen
Ländern Frauen zu einem selbst bestimmten Leben verhelfen, ihre
Gesundheit und die Ernährung der ganzen Familie verbessern.
Warum sich Investitionen in Familienplanung sonst noch lohnen, zeigen John
Bongaarts, Vizepräsident der amerikanischen Organisation Population
Council, und Steven W. Sinding, Bevölkerungswissenschaftler am
Guttmacher Institute in einem neuen Diskussionspapier,
das fünf Mythen zur Familienplanung entlarven soll:
Mythos Nummer 1: Familienplanungsprogramme bewirken keinen
Rückgang der Geburtenrate, denn Armut ist der wirkliche Grund für
hohe Kinderzahlen. Solange Kinder ökonomische Vorteile und soziale
Sicherheit bedeuten, interessiert die Menschen Verhütung nicht.
Tatsächlich ist in vielen Entwicklungsländern die Nachfrage nach
Verhütung höher als das Angebot. Weltweit werden nach Angaben der
amerikanischen Organisation
Population Action International Jahr für Jahr 80 Millionen Frauen
ungewollt schwanger und 150 Millionen Frauen in Entwicklungsländern
würden gerne verhüten, können es aber nicht. Bongaarts und
Sinding belegen mit vielen Beispielen, dass Familienplanungsprogramme trotz
Armut funktionieren: Wo immer in Gesundheit und Bildung - insbesondere
für Frauen - investiert wird, sinkt die Säuglingssterblichkeit
und auch die Geburtenrate. In wirtschaftlich schwachen Staaten mit guter
Gesundheitsversorgung und Zugang zu Bildung wie in Sri Lanka oder auf Kuba
ist der Kinderwunsch niedrig und die Nachfrage nach Familienplanung hoch.
Auch Bangladesch und der Iran zählen zu den Ländern mit einer
erfolgreichen Bevölkerungspolitik. Hier wurde vor allem das Angebot an
Familienplanungsleistungen verbessert und in die Ausbildung des
Gesundheitspersonals investiert. In der Folge hat sich die Geburtenrate in
beiden Ländern innerhalb von zwanzig Jahren halbiert.
Mythos Nummer 2: Die Geburtenraten gehen ohnehin zurück - wir
brauchen deshalb keine Bevölkerungspolitik mehr
Es ist richtig, dass in den meisten Ländern der Welt die
Geburtenraten sinken. In einigen Regionen Europas schrumpft die
Bevölkerung sogar. Von einer nachhaltigen Bevölkerungsentwicklung
sind die meisten Staaten der Erde jedoch weit entfernt. Damit die
Bevölkerung langfristig auf einem stabilen Niveau bleibt, müsste
jede Frau im Durchschnitt zwei Kinder zur Welt bringen. In vielen
Entwicklungsländern, insbesondere in Afrika südlich der Sahara,
liegt die durchschnittliche Kinderzahl je Frau laut Weltbank
mit 5,1 Kindern aber deutlich darüber und so wächst dort die
Bevölkerung weiter, obwohl die Geburtenraten bereits sinken. In
manchen Ländern Afrikas, etwa in Kenia, ist die Kinderzahl in den
letzten Jahren sogar wieder gestiegen. Und die Kinder von heute sind die
Eltern von morgen. Sie werden eines Tages Familien gründen und
ihrerseits Kinder in die Welt setzen. Auch wenn es durchschnittlich weniger
Kinder sein sollten, wächst die Bevölkerung weiter, denn es wird
mehr Eltern geben.
Mythos Nummer 3: Das Bevölkerungsproblem wird durch den
Aids-bedingten Mortalitätsanstieg gelöst - Familienplanung ist
daher unnötig
Die Zahlen für einzelne Länder sind dramatisch: UNAIDS
schätzt, dass 2007 rund 1,5 Millionen Menschen im subsaharischen
Afrika an Aids gestorben sind, 350.000 davon in Südafrika, 170.000 in
Nigeria und 140.000 in Simbabwe. Doch global gesehen entspricht die Zahl
der jährlichen Aids-Toten lediglich dem Bevölkerungswachstum von
zehn Tagen und bremst dieses somit nicht. Außerdem sind
Familienplanungsprogramme ein wichtiges Instrument in der
HIV/Aids-Bekämpfung, denn Ziel dieser Programme ist es, die
reproduktive und sexuelle Gesundheit der Bevölkerung unter anderen
durch die Bereitstellung von Kondomen zu verbessern.
Mythos Nummer 4: Familienplanungsprogramme zahlen sich finanziell nicht
aus
Familienplanungsprogramme, mögen sie auch kurzfristig hohe Kosten
verursachen, um Personal auszubilden, Verhütungsmittel kostenfrei oder
subventioniert anzubieten und Untersuchungen durchzuführen, sind eine
Investition in die Zukunft. Die Gesundheit von Mutter und Kind verbessert
sich in der Folge, die Säuglingssterblichkeit geht zurück.
Umgekehrt bedeuten viele Kinder unter schwierigen Bedingungen, dass nicht
alle von ihnen Wunschkinder sind. Wo die Fertilität sinkt, muss der
Staat weniger Infrastruktur wie etwa Schulen bereitstellen oder kann mehr
in die echten Wunschkinder investieren und die Qualität ihrer
Ausbildung verbessern. Ebenso sinkt der Druck auf die Umwelt und die
Ernährungslage. Die Konfliktwahrscheinlichkeit geht zurück, weil
weniger junge Menschen ohne Ausbildung und ohne Jobs dem Heer der
Unzufriedenen zuströmen. Langfristig leisten Familienplanungsprogramme
einen entscheidenden Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung und können
helfen, Kosten zu verringern.
Mythos Nummer 5: Familienplanungsprogramme machen die Fruchtbarkeit von
Frauen zum politischen Spielball und sind im schlimmsten Fall mit Zwang
verbunden
In den 1960er und 1970er Jahren haben Staaten wie Indien und China
versucht, Paare zur Verhütung zu drängen. Doch diese Programme
waren nie beliebt und nicht immer erfolgreich. Spätestens seit der
Weltbevölkerungskonferenz in Kairo 1994, wo die reproduktive
Gesundheit und Rechte von Frauen in den Mittelpunkt gerückt wurden,
sind alle in der Familienpolitik aktiven Staaten von den umstrittenen
Praktiken abgekehrt – mit Ausnahme Chinas. Heute geht es in den
Familienplanungsprogrammen darum, aufzuklären, durch Bildung die
Nachfrage zu schüren, die sexuelle und reproduktive Gesundheit zu
verbessern und Paaren die Möglichkeit zu bieten, freiwillig zu
verhüten. Denn wer kein Recht auf Verhütung habe - so die Meinung
von John Bongaarts und Steven
W. Sinding - der sei dazu gezwungen, mehr Kinder in die Welt zu setzen,
als eigentlich gewollt. Das sei auch eine Art von Zwang.
Fazit: Familienplanungsprogramme bieten
Entwicklungsmöglichkeiten
Wenn die Geburtenrate sinkt, verändert sich die Altersstruktur einer
Bevölkerung: Mehr Menschen im erwerbsfähigen Alter haben weniger
Kinder zu versorgen. In dieser, einige Jahrzehnte andauernden Phase, in der
eine demografische
Dividende eingefahren werden kann, können die Einwohner eines
Landes mehr erwirtschaften und die Wirtschaft wächst. Mittel werden
frei, um die Armut zu bekämpfen, die Gesundheitsversorgung, die
Bildung, die Wohn- und Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern.
Bleibt hingegen die Geburtenrate hoch, kann der Staat die ohnehin
mangelhafte Versorgung der Bevölkerung langfristig nicht garantieren.
Politische Unruhen, Ernährungskrisen und noch mehr Armut sind
wahrscheinlich. Familienplanungsprogramme leisten einen Beitrag, die
Bevölkerungszahlen zu stabilisieren.
Verschlechterung des Familienplanungsangebots in Afrika 
Quelle: Vereinte Nationen
In fast allen Entwicklungsländern liegt die Nachfrage nach
Verhütungsmitteln über dem Angebot und der Bedarf an
Familienplanung kann nicht gedeckt werden. Während sich die Situation
nach Schätzungen der Vereinten Nationen im Laufe eines Jahrzehnts in
Haiti, Honduras und Nepal verbessert hat, hat sie sich in einigen
afrikanischen Ländern in derselben Zeitspanne deutlich verschlechtert.
Besonders alarmierend sind die Zahlen für Uganda: Innerhalb von elf
Jahren ist hier der ungedeckte Bedarf an Familienplanung um zwölf
Prozent auf 41 Prozent gestiegen.
Literatur/Links:
Berlin-Institut
für Bevölkerung und Entwicklung (2008): Weltweit sinkt die
Kinderzahl pro Frau langsamer als erwartet. In: Demos 50,
16.08.2008.
Berlin-Institut
für Bevölkerung und Entwicklung (2008): Mexikos große
Chance. In: Demos 61, 22.12.2008.
Bongaarts,
John/ Sinding, Steven W. (2009): A Response to Critics of Family Planning
Programs.
Population
Action International (2007): Family Planning and Unwanted
Pregnancies.
UNAIDS
(2008): Report on the global AIDS epidemic.
Weltbank
(2009): Data – Key Development Data & Statistics. 
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In Spanien nimmt die Müttersterblichkeit
zu
Das immer höhere Alter von Müttern
führt zu einem Anstieg der Mortalitätsrate unter
Spätgebärenden Eine neue Studie hat die
Entwicklung der Müttersterblichkeitsrate in Spanien seit 1996
untersucht. Das Ergebnis: Die Zahl der Todesfälle stieg um 17 Prozent.
Ein Trend, der mit einem immer höheren Alter der Mütter in
Spanien zusammenhängt. Auffällig ist darüber hinaus, dass
sich die höchsten Todesraten unter Migrantinnen und in der Region um
Málaga finden.
Obwohl die Medizin im 20. Jahrhundert riesige Fortschritte gemacht hat,
zeigen europäische Untersuchungen in den letzten Jahren einen klaren
Anstieg der Müttersterblichkeit. Eine kürzlich
veröffentlichte Studie legt jetzt die Mortalitätsraten spanischer
Mütter von 1996 bis 2005 offen. Die Daten erschienen in der letzten
Ausgabe des Journal of Epidemiology and Community Health. Demnach liegt die
Müttersterblichkeitsrate im europäischen Vergleich zwar niedrig,
aber sie steigt.
"Diese Veränderung, die mit einem höheren Alter der Mütter
einhergeht, zeigt deutlich den Bedarf an einer epidemiologischen
Überwachung der Müttersterblichkeit. Denn hierbei handelt es sich
um ein vermeidbares Phänomen. Vor allem zeigt es aber, wie wichtig es
ist, ausschlaggebende Ursachen zu ergründen, um entsprechende Folgen
zu verhindern", meint Miguel Ángel Luque, Autor der Studie und
Forscher am Institut für Gesundheit Carlos III. (ISCIII) in Madrid.
In dem untersuchten Jahrzehnt stieg das Mortalitätsrisiko in Spanien
unter Müttern exponentiell mit deren Alter. Seit dem Start der Studie
sind in Spanien 148 Frauen gestorben. Auf der einen Seite waren zwar in der
Regel Geburten von Frauen über 35 Jahren in Spanien 15 Prozent
häufiger erfolgreich als im Rest Europas, doch stieg die
Mortalität unter diesen Frauen zwischen 1996 und 2005 um 20
Prozent.
Das Risiko war demnach für Frauen zwischen 35 und 44 Jahren dreimal
so hoch wie für jüngere Frauen. Die häufigste Todesursache
dabei: Präeklampsie (Schwangerschaftsintoxikation) - ein Zustand, der
sich ab der 20. Schwangerschaftswoche einstellt und für den die
Symptome hoher Blutdruck und Proteine im Urin charakteristisch sind.
Málaga war mit 20 Prozent die Region mit den meisten
Todesfällen. Die höchsten Mortalitätsraten wurden in den
Jahren 2003 und 2004 erreicht - und 32 Prozent aller Todesfälle
entfielen in den Jahren 2003 und 2004 auf Ausländerinnen. Den Autoren
zufolge ist dies die erste Untersuchung, die den hohen Prozentsatz an
Todesfällen in Spanien unter Frauen ohne spanische Nationalität
hervorhebt.
"Wir brauchen einfach mehr Studien, die uns helfen, die Verteilung und
Häufigkeit signifikanter Faktoren zu beschreiben. in Europa haben sich
die Reproduktionsmuster offensichtlich gewandelt, aber immer noch ist
unklar, welche anderen Faktoren neben dem Alter für den Anstieg der
Mortalitätsrate verantwortlich sind", führt Luque aus.
Schlechte Work-Life-Balance, viele medizinische Eingriffe
Laut Eurostat, dem Statistischen Amt der Europäischen Union, steigt
das Alter von Frauen zum Zeitpunkt ihrer ersten Schwangerschaft in den
meisten europäischen Ländern. Das lässt sich durch soziale,
wirtschaftliche und kulturelle Veränderungen in den westlichen
Ländern gegen Ende des 20. Jahrhunderts erklären. Die Autoren
kritisieren, dass in Spanien Programme zur Vereinbarkeit von Familie und
Beruf fehlen. Zusammen mit einer progressiven Anwendung
reproduktionsmedizinischer Maßnahmen führt dies zu einem immer
höheren Alter der Mütter.
"Wir brauchen ein größeres Verständnis für die
Faktoren, die einen Anstieg der Todesrate verursachen, um sie effektiv
bekämpfen zu können", untermauert noch einmal der
ISCIII-Forscher. In Ländern wie Großbritannien, Frankreich,
Holland und den Vereinigten Staaten werden heutzutage alle Todesfälle
mit Methoden der qualitativen Forschung untersucht, um Informationen
über die ausschlaggebenden Faktoren zu gewinnen.
Spanien und Italien gehören zu den Ländern mit den niedrigsten
Fertilitätsraten in ganz Europa - und gleichzeitig weisen sie die
höchsten Geburtsraten von Müttern über 35 auf. Verglichen
mit dem Rest Europas weisen diese Länder die höchste Zahl an
Kliniken auf, die reproduktionsmedizinische Verfahren anbieten. Experten
prophezeien, dass "diese Entwicklung in Zukunft einen weiteren Anstieg der
Mortalitätsraten unter Müttern mit sich bringt".
Literatur / Links:
EurekAlert!
M.A. Luque Fernández, A. Bueno Cavanillas, M. Dramaix-Wilmet, F.S.
Soria, J. de Mata Donado Campos, D.H. Guibert: Increase in maternal
mortality associated with change in the reproductive pattern in Spain:
1996. In: Journal of Epidemiology and Community Health 63:433, June
2009.

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Welche Wirkung hat
Entwicklungszusammenarbeit?
Eine neue Studie bewertet Evaluationssysteme in
der deutschen Entwicklungszusammenarbeit 
Wie kaum ein anderes Politikfeld stellt die
Entwicklungszusammenarbeit die Frage nach dem "Sinn und Unsinn" des eigenen
Handelns gerade in Zeiten knapper Mittel immer dringender. Doch nach
welchen Maßstäben und mithilfe welcher Kriterien kann die Arbeit
in Entwicklungsländern überzeugend bemessen werden? Die Studie
"Evaluation in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit" wollte dieser
Frage auf den Grund gehen und das Evaluationssystem in der staatlich
geförderten deutschen Entwicklungszusammenarbeit auf seine
Funktionalität hin überprüfen. Ziel war es darüber
hinaus, Empfehlungen für die Politik zu erarbeiten.
Die gute Nachricht der Ergebnisse zuerst: In keinem anderen Politikfeld
wird eine so hohe Evaluationskultur gepflegt wie in der
Entwicklungszusammenarbeit. Gerade weil hier der Rechtfertigungsdruck
traditionell sehr hoch ist, ist auch die Bereitschaft weit verbreitet, sich
selbstkritisch mit dem eigenen Wirken auseinanderzusetzen. Aber auch im
internationalen Vergleich vertreten die Institutionen der deutschen
Entwicklungszusammenarbeit einen hohen Standard im Bereich der
wirkungsorientierten Evaluierung. Damit bescheinigen die Forscher der
deutschen Entwicklungszusammenarbeit prinzipiell eine hohe
Glaubwürdigkeit.
Aber es gab auch Kritikpunkte: So sehen die Forscher die hohe
Zersplitterung in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit als Hemmfaktor,
da dadurch die Vergleichbarkeit der Evaluationsergebnisse fast
unmöglich wird. "In jeder Organisation wird das Rad neu erfunden",
beschreibt Reinhard Stockmann vom Centrum für Evaluation an der
Universität Saarbrücken (CeVal) die aktuelle Situation. Das
bedeutet, jede Institution hat ihr eigenes System und ihre eigenen
Bewertungskriterien. Auch in der Qualität und dem Standard ihrer
Evaluationen unterscheiden sich die einzelnen Institutionen stark
voneinander. Dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung (BMZ) fehlt es damit an Steuerungskapazität, die
dringend notwendig wäre, damit sich die einzelnen Institutionen nicht
gegenseitig dabei behindern, die gemeinschaftlichen Ziele zu erreichen.
"Das BMZ muss verstärkt auf ein einheitliches System drängen und
auch steuern. Als Geldgeber hat das BMZ dazu die Legitimation", so
Stockmann weiter.
Als weitere Kritikpunkte bringen die Forscher die geringe
Professionalität der Evaluierungsfachkräfte an, die zumeist zwar
Experten in dem untersuchten Fachgebiet sind, jedoch wenig Expertise beim
methodischen Vorgehen einer Evaluation mitbringen. Nur selten gibt es eine
eigene Evaluationsabteilung in den Organisationen, und ebenfalls viel zu
selten werden externe Gutachter mit der Evaluierung beauftragt. Oft sind
die Ursache hierfür die knappen Mittel. Hier fordern die Forscher
einen Einstellungswechsel. Während die Mehrheit der Institutionen ihre
Ausgaben für Evaluierungen nur schätzen kann und dabei auf einen
Wert um die 0,3 Prozent des Portfolios kommen, empfiehlt die Studie, von
vornherein mindestens ein Prozent des Budgets für
Evaluierungsmaßnahmen einzuplanen.
Die Aufgabe des Gutachtens lag zunächst nur in einer
Bestandsaufnahme. Daher lautet die zentrale Empfehlung, eine internationale
Expertenkommission zu bestellen, welche ein Konzept zur Vereinheitlichung
der Evaluationssysteme ausarbeiten soll. Als mögliche Alternativen
schlagen die Forscher vor, entweder die Evaluationseinheit am BMZ zu
verstärken oder eine unabhängige Evaluationsagentur
beziehungsweise einen Evaluationsbeirat zu etablieren. Ihnen käme dann
die Kontrolle und Steuerung der Evaluationen sowie die Weiterentwicklung
der Standards zu.
Auch wenn die Studie nicht, wie angekündigt, die Wirksamkeit der
deutschen Entwicklungszusammenarbeit misst, bietet sie doch einen sehr
umfassenden und übersichtlichen Einblick in die Evaluationseinheiten
der untersuchten Institutionen. Dadurch profitiert nicht nur das BMZ von
dem Bericht, sondern alle, die mehr über die Stärken und
Schwächen der Evaluierungssysteme in der deutschen
Entwicklungszusammenarbeit wissen möchten. Durch die gute Struktur des
Berichtes ist es leicht, sich einen schnellen Eindruck über Bedeutung
und Stand sowie Vorgeschichte und Perspektive der Evaluationspraxis in der
deutschen Entwicklungszusammenarbeit zu verschaffen. Und mit einem
Gesamtbudget von 430.000 Euro über zwei Jahre zeigen die Forscher am
eigenen Beispiel, dass Evaluation zwar zeitaufwendig, aber nicht unsagbar
teuer sein muss.
Der Auftrag für das Gutachten kam vom BMZ. Durchgeführt wurde es
maßgeblich von Axel Borrmann vom CeVal und Reinhard Stockmann vom
Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut gGmbH (HWWI). Neben ihnen
gehörten noch vier weitere Gutachter und zwei internationale Berater
zum Forschungsteam.
Die Studie untersucht neben dem BMZ selbst noch 19 weitere staatliche,
kirchliche, politische und unabhängige Institutionen, unter ihnen die
Deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), die KfW
Entwicklungsbank, das katholische Hilfswerk MISEREOR und die Deutsche
Welthungerhilfe (DWHH). 2006 verantworteten diese 20 Institutionen 85
Prozent der Gelder, die über das BMZ in die bilaterale
Entwicklungszusammenarbeit fließen. Außerdem untersuchten die
Forscher anhand einer kurzen Online-Befragung über den Verband
Entwicklungspolitik Deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO) die
Evaluationsstrategien der vielen kleinen Nichtregierungsorganisationen, die
in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit tätig sind, und bezogen
die Ergebnisse als Vergleichsgröße mit ein.
Methodisch haben sich die Forscher an die DAC-Prinzipien der OECD zur
Evaluation gehalten. Das heißt, sie haben die verschiedenen
Evaluationssysteme der Institutionen hinsichtlich der fünf Kriterien
Glaubwürdigkeit und Unhabhängigkeit, Nützlichkeit,
Qualität, Partnerschaftlichkeit sowie Vernetzung, Systembildung, und
-veränderung betrachtet. Neben der Analyse von Literatur und internen
Dokumenten stützen sich die Ergebnisse der Forscher vor allem auf die
Selbsteinschätzungen der untersuchten Institutionen, die sie mit Hilfe
von Frageleitfäden erhoben hatten.
Literatur:
Borrmann, Axel und Stockmann, Reinhard
(Hg.) (2009): Evaluation in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Band
1 - Systemanalyse, Band 2 - Fallstudien. Sozialwissenschaftliche
Evaluationsforschung, Band 8. Waxmann, 898 Seiten, geb., 68,00 EUR.

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