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Mehr Geburten in Prenzlauer Berg
Dank junger Bevölkerung nimmt der Nachwuchs
zu - von Kinderreichtum ist der Berliner Szene-Stadtteil aber noch weit
entfernt Der "Pregnancy Hill" kommt nicht aus den
Schlagzeilen heraus. Auf der Suche nach den wenigen Orten in Deutschland,
an denen Spielplätze überfüllt sind, Kinderwagen sich vor
den Cafés aneinanderreihen und Babyläden keine Umsatzprobleme
haben, führt es fast jeden Journalisten in den Ostberliner
Szene-Stadtteil Prenzlauer Berg, der seit Jahren für eine
ungewöhnlich hohe Fertilität gerühmt wird. Die
Süddeutsche Zeitung greift in ihrer aktuellen Serie "Kinder, Kinder"
nur zu gerne auf den Ortsteil im Berliner Bezirk Pankow zurück. Die
Artikel enthalten Anekdoten über die "neuen Väter" oder
kritisieren die Vertreibung der Kinderlosen aus dem Viertel. Doch was ist
dran an der Sage vom Kinderreichtum im Berliner Nordosten?
Vor fünf Jahren hatte das Berlin-Institut schon einmal die Statistik
analysiert, um dem Phänomen in Prenzlauer Berg auf die Spur zu kommen
(siehe
Newsletter Nr. 12: Kein Geburtenboom im Berliner Szene-Bezirk). Damals
lautete das Ergebnis: Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung
gehörte der Ortsteil keineswegs zu den kinderreichsten der Republik,
sondern zu den kinderärmsten Zonen im ohnehin an Kindern armen Berlin.
Es lebten lediglich überdurchschnittlich viele junge Frauen im besten
Familiengründungsalter in dem Stadtteil, die natürlich auch
Nachwuchs bekamen - aber oft nicht mehr als ein Kind. Der Rest der Frauen
blieb kinderlos. Was hat sich in den letzten Jahren getan? Gibt es ihn
doch, den sagenhaften Kinderreichtum?
Berlin hat zwölf Bezirke, die in insgesamt 97 Ortsteile gegliedert
sind. Prenzlauer Berg gehört neben zwölf weiteren Ortsteilen wie
Niederschönhausen, Karow oder Weißensee zum Bezirk Pankow.
Während Berlin seit 2004 rund ein Prozent an Bevölkerung
hinzugewonnen hat, sind es in Prenzlauer Berg rund fünf Prozent. Fast
alle der neu Zugezogenen sind finanziell gut gestellt und verfügen
über ein hohes Bildungsniveau - am Falkplatz und im Winsviertel haben
drei Viertel der Eltern das Abitur gemacht. Nur wenige haben das 30.
Lebensjahr überschritten, und durch den Zuzug junger Menschen altert
in einigen Gegenden die Bevölkerung nicht, sondern verjüngt sich
sogar. Wer am Kollwitzplatz wohnt, ist im Mittel nicht älter als 34
Jahre. Und ein paar Straßenzüge weiter Richtung Helmholtzplatz
sogar noch ein Jahr jünger. Dagegen kommt der durchschnittliche
Berliner auf 43 Jahre.
Eine jüngere Bevölkerung bedeutet gleichzeitig mehr Paare, die
Nachwuchs bekommen können. In Prenzlauer Berg ist jede dritte Frau im
Alter zwischen 15 und 44 Jahren. Nur im Studentenviertel Friedrichshain
wohnen ähnlich viele junge Frauen. Doch obwohl es viele potenzielle
Mütter gibt, sind 2008 im Ortsteil Prenzlauer Berg nur 44 Neugeborene
je 1.000 Frauen dieser Altersgruppe zur Welt gekommen. Diese "Geburtenrate"
liegt in dem nachwuchsreichsten Landkreis Deutschlands - dem
niedersächsischen Cloppenburg - bei 50 Neugeborenen je 1.000
Frauen.
Doch während Prenzlauer Berg noch 2003 zu den Berliner
Schlusslichtern in Sachen Nachwuchs gehörte, hat sich bis 2008 die
Zahl der Geburten um ein Drittel erhöht. Im gleichen Zeitraum ist
jedoch auch die Zahl der potenziellen Mütter angestiegen, allerdings
nicht im gleichen Umfang wie die der Geburten. Somit müssen die Frauen
mittlerweile mehr Kinder bekommen als noch vor ein paar Jahren: Eltern
können sich vermehrt für ein zweites Kind entschieden haben
und/oder die Zahl der Kinderlosen nimmt ab.
Die Atmosphäre im Szene-Kiez Prenzlauer Berg mit seinen Yoga-Kursen
für Schwangere, Bioläden, Kindercafés und der Vielzahl von
Kinderbetreuungsmöglichkeiten zieht viele junge Paare an. Diese haben
sich ganz bewusst für eine Region entschieden, in der sie Kinder
bekommen und großziehen möchten. Auch in den nächsten
Jahren werden in Prenzlauer Berg Familien leben und mehr Kinder geboren
werden. Aber nicht alle Bewohner sind Eltern oder Kinder - auch wenn das
Straßenbild den Eindruck erwecken mag.
Wie unspektakulär der Kindersegen in Prenzlauer Berg ist, zeigt sich
daran, dass der gesamte Bezirk Pankow, worin der Prenzlauer Berg nur einer
von 13 Ortsteilen ist, insgesamt die gleiche Neugeborenenzahl je 1.000
Frauen im fertilen Alter ausweist. Deutlich mehr Kinder gibt es in den
gutbürgerlichen Ortsteilen Plänterwald oder dem winzigen Malchow,
wo nur 478 Menschen leben.
Immer noch kein Babyboom in Prenzlauer Berg
Neugeborene je 1.000 Frauen im Alter zwischen 15 und 44 Jahren in den
zwölf Berliner Bezirken 
Im Jahre 2003 rangierte der Ostberliner Ortsteil Prenzlauer
Berg des Bezirks Pankow wie der gesamte Bezirk bei den Neugeborenenzahlen
noch am Ende der Berliner Skala - seinem Ruf als Geburtenhochburg
Deutschlands zum Trotz: Auf 1.000 Frauen im Alter von 15 bis 44 Jahren
kamen nur 35 Geburten. Fünf Jahre später hat der Szene-Kiez die
meisten Bezirke überholt und liegt mit 44 Geburten je 1.000 Frauen
auch über den Berliner Durchschnitt. Allerdings gilt dieser Wert auch
für den gesamten Bezirk Pankow, so dass Prenzlauer Berg hier keine
Besonderheit aufweist (Datengrundlage: Amt für Statistik
Berlin Brandenburg, Statistisches
Bundesamt).
Dem Berliner Geburtenboom auf der Spur
Neugeborene und potenzielle Mütter in ausgewählten Berliner
Ortsteilen (2008) 
Nicht immer werden dort die meisten Kinder geboren, wo auch
die meisten potenziellen Mütter leben. In den Ortsteilen Prenzlauer
Berg und Friedrichhain ist jede dritte Frau zwischen 15 und 44 Jahren alt
und somit im gebärfähigen Alter. Die höchsten Geburtenraten
finden sich aber woanders: im Berliner Ortsteil Malchow (wo allerdings
gerade mal 478 Einwohner leben), in der Randlage des Bezirkes
Berlin-Lichtenberg gelegen, und im Plänterwald, das mit seinem
Naherholungsgebiet zu Treptow-Köpenick gehört (Datengrundlage: Amt für Statistik
Berlin Brandenburg).
Literatur / Links
Amt für
Statistik Berlin Brandenburg
Bezirksamt
Pankow von Berlin: Pankower Portraits der Bezirksregionen 2009
Bezirksamt
Pankow von Berlin: Einschulungsuntersuchungsbericht 2007
Statistisches
Bundesamt 
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Afrika knackt die Milliardengrenze
Nirgendwo wächst die Bevölkerung so
schnell wie zwischen Kairo und Kapstadt - die Probleme wachsen
mit Während sich eine wachsende Zahl von
Ländern in Europa mit den Schwierigkeiten einer schrumpfenden
Gesellschaft plagt, sieht Afrika sich mit den Folgen eines historisch
beispiellosen Bevölkerungswachstums konfrontiert. Nirgendwo sonst auf
der Welt steigt die Zahl der Menschen so schnell wie zwischen Kairo und
Kapstadt: Im Jahr 2009 wurde die Eine-Milliarde-Marke durchstoßen,
mit jedem Monat kommen zwei Millionen Afrikaner hinzu. Bis 2050 wird sich
die Zahl der Menschen auf dem afrikanischen Kontinent auf zwei Milliarden
verdoppeln, so die Prognosen des "Datenreport
2009", den das US-amerikanische Population Reference Bureau (PRB)
veröffentlicht hat. Die PRB-Prognosen für 2050 basieren auf der
optimistischen Annahme, dass zukünftig die durchschnittliche Zahl der
Kinder pro Frau von heute 4,6 in den ärmsten Ländern auf die Rate
von 1,8 Kinder pro Frau in den entwickelten Länder abgesenkt werden
kann.
Die ärmsten Länder wachsen am schnellsten
Die Zukunft der gesamten Welt wird durch dieses historisch einmalig
rasante Bevölkerungswachstum geprägt. Jede Sekunde werden 2,6
Menschen mehr auf der Erde leben. Nach Berechnungen der Vereinten Nationen
wird die Weltbevölkerung von 6,8 Milliarden im Juli 2009 auf
voraussichtlich 9,1 Milliarden Menschen im Jahr 2050 ansteigen. Sollte es
nicht gelingen, die Zahl der Kinder pro Frau in den ärmsten
Ländern zu senken, wird die Zahl der Menschen sogar auf elf Milliarden
steigen, so die UN-Prognose. Zum Vergleich: Vor hundert Jahren lebten nur
rund 1,7 Milliarden Menschen auf der Erde. Erst nach 2050 erwarten
Demografen eine Abschwächung des Wachstums, da voraussichtlich die
Fertilität insgesamt stark abnimmt.
Das rapide Bevölkerungswachstum in den nächsten vier Jahrzehnten
wird zu 97 Prozent in den ärmsten und unterentwickelten Ländern
Afrikas, Asiens, Lateinamerikas und der Karibik stattfinden. Dort wird sich
die Zahl der Menschen bis 2050 verdoppeln, während sie in Europa als
einzigem Kontinent von heute 738 Millionen auf 702 Millionen Menschen
schrumpfen wird.
Demografische Spaltung 
Die Vereinten Nationen zählen alle Regionen Afrikas,
Asiens (ohne Japan) und Lateinamerikas sowie Melanesien, Mikronesien und
Polynesien zu den Weniger entwickelten Ländern (Less developed
regions) und alle Regionen Europas und Nordamerikas sowie Australien,
Neuseeland und Japan zu den Höher entwickelten Ländern (More
developed regions). Die Bevölkerungszahlen, die in den Höher
entwickelten Ländern nur leicht steigen, schießen in den Weniger
entwickelten Ländern steil in die Höhe (Datengrundlage: UN).
Zu dem rasanten Anstieg der Bevölkerungszahlen in den ärmsten
Staaten werden nach Angaben der Vereinten Nationen mehrere Faktoren
beitragen: geringere Sterblichkeit, höhere Lebenserwartung sowie ein
großer Anteil junger Menschen, die ihrerseits noch Eltern werden
können.
Für den Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) ist
Afrikas Überschreiten der Eine-Milliarde-Marke ein Grund, die
Regierungschefs der Welt eindringlich davor zu warnen, dass die
politischen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme in den ärmsten
Länder südlich der Sahara sich gravierend verschärfen
werden: Der bislang ungesättigte Bedarf an Ackerboden, Nahrung, Wasser
und Arbeitsplätzen steigt und somit auch der soziale Druck. Bereits
heute sind viele afrikanische Regierungen nicht in der Lage, eine soziale
Grundversorgung wie Schulbildung und medizinische Hilfe zu
gewähren.
Die Kunst, eine Milliarde Menschen zu ernähren
Obwohl in den vergangenen Jahren das BIP in den Ländern südlich
der Sahara nach Aussagen der Weltbank prozentual stärker stieg als die
Bevölkerungszahl, wuchs es nicht genug: Das erreichte Wachstum wurde
durch die erhöhte Zahl von Menschen buchstäblich wieder
aufgefressen, die Lebensbedingungen haben sich vielerorts sogar
verschlechtert: Menschen, die südlich der Sahara leben, sind heute
durchschnittlich 22 Prozent ärmer als Mitte der 1970er Jahre. Afrikas
Farmer werden schwer kämpfen müssen, um mehr als eine Milliarde
Menschen satt zu bekommen. Laut Weltbank gehören Afrikas
Ernteerträge immer noch zu den niedrigsten der Welt, die unproduktive
Landwirtschaft stürzt Millionen Menschen in Hungersnöte.
Selbst wenn es den Bauern einmal gelingt, ihre Erntemengen zu
erhöhen, macht die fehlende Infrastruktur solche Erfolge unmittelbar
zunichte: Die landwirtschaftlichen Produkte können oft nicht schnell
genug zum nächsten Markt transportiert werden und verrotten bevor sie
die Menschen erreichen. Ohne immense Investitionen im Agrarbereich in
Maschinen, Dünger und Technologie werden die Erträge nicht so
stark erhöht werden können, dass sie den Bedarf an Lebensmitteln
decken.
Durch Nahrungsmittelknappheit und Hungersnöte können soziale
Unruhen und Massenmigration ausgelöst werden, die wiederum
Zündstoff für Konflikte bilden können: Am Horn von Afrika
und in Darfur hat das starke Bevölkerungswachstum mit zu den
bewaffneten Kämpfen beigetragen. Auch die gewaltsamen Konflikte im
Ostkongo sind durch Spannungen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen
aus Ruanda angeheizt worden. Die Migration könnte zwar kurzfristig den
Druck in den Herkunftsländern mildern, aber zu Konflikten in den
Aufnahmeländern führen. Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung
(DSW) weist darauf hin, dass mit dem Anwachsen der Bevölkerung in
Afrika immer mehr Flüchtlinge nach Europa emigrieren wollen - sie
suchen nach besseren Lebensbedingungen.
Afrika wird immer jünger
Ein weiteres großes Problem des Bevölkerungswachstums wird
sein, die zunehmende Zahl von Menschen mit Arbeit und damit einem Einkommen
zu versorgen. In Tansania wird sich die Bevölkerung von heute 40
Millionen Menschen auf 82 Millionen im Jahr 2050 verdoppeln, in Nigeria
wird sie von heute 148 Millionen auf 282 Millionen Menschen steigen. 
Es ist unwahrscheinlich, dass für all diese Menschen
Arbeitsplätze geschaffen werden können. Vor allem werden es junge
Menschen sein, die in die Arbeitslosigkeit hineinwachsen, denn die
Bevölkerung zwischen Kairo und Kapstadt nimmt nicht nur schneller zu
als im Rest der Welt, sie ist auch jünger: 41 Prozent der Menschen
sind unter 15 Jahre alt, in Angola und Burkino Faso sind es 47 Prozent, in
Uganda sogar 49 Prozent. Im Jahr 2050 werden neun von zehn Jugendlichen auf
der Welt in Entwicklungsländern leben, sagen die PRB-Prognosen.
Die Startchancen ins Leben sind für diese Jugendlichen schlecht: Wenn
sie keine Arbeit finden und kein Geld verdienen können, steigt die
Gefahr, dass sie kriminell werden oder sich als Soldaten für Kriege
anheuern lassen. Sollte es allerdings gelingen, einer zunehmenden Zahl
junger Menschen Arbeitsplätze anzubieten, könnte dies durchaus
positive Effekte auf die ökonomische Entwicklung der armen Regionen
haben, so das Ergebnis einer Studie der Harvard
Initiative for Global Health. Optimistische Prognosen werden etwa
für die Elfenbeinküste, Ghana, Malawi, Mosambik und Namibia
gegeben, weil dort Korruption, überbordende Bürokratie und
fehlende Investitionen in die Infrastruktur weniger ausgeprägt sind
als in anderen Regionen südlich der Sahara.
Als Vorbild könnten Indien und China dienen, wo die
Erwerbstätigkeit vieler junger Menschen geholfen hat, die Wirtschaft
anzukurbeln. Ob das in Afrika auch gelingt bleibt fraglich. 67 Prozent der
Menschen haben laut Weltbank weniger als einen Dollar pro Tag zur
Verfügung. Wie soll eine derart verarmte, wachsende Schar von Menschen
genügend Geld für Ausgaben aufbringen, um eine auf Konsum
basierende, wachsende Wirtschaft und damit genügend Arbeitsplätze
zu schaffen?
Rückschlag im Kampf gegen Klimaerwärmung
Wird die demografische Zweiteilung der Welt zwischen entwickelten und
unterentwickelten Regionen in den kommenden Jahren ignoriert, könnte
dies die globalen Bemühungen im Kampf gegen Klimawandel,
Ressourcenknappheit und für nachhaltige Entwicklung hinfällig
machen, befürchtet Steffen Angenendt von der Forschungsgruppe Globale
Fragen der Stiftung Wissenschaft und Politik in seinem Beitrag in der
aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Internationale
Politik. Wenn die Entwicklungsländer ihre Bevölkerungszahl
verdoppeln und sie sich im Verbraucherverhalten zunehmend an den
Industriestaaten orientieren, bedeute dies eine Verachtfachung des globalen
Ressourcenverbrauchs. Gleichzeitig nehme die pro Kopf zur Verfügung
stehende Wassermenge bei steigenden Bevölkerungszahlen ab.
Wettlauf mit der Zeit
Es gibt vielfältige Möglichkeiten, um das rasante
Bevölkerungswachstum in Afrika zu bremsen. Frauen in den ärmsten
Ländern müssen eine Chance auf Bildung sowie bessere
wirtschaftliche und soziale Lebensbedingungen bekommen. Vor allem muss die
Familienplanung und Sexualaufklärung ausgebaut und finanziell
gefördert werden, um die Zahl der Kinder pro Frau zu senken. In dem
besonders stark wachsenden Niger, wo es so gut wie keinen Zugang zu
Familienplanung gibt, bekommen Frauen im Durchschnitt 7,1 Kinder. Das ist
die höchste Rate in Afrika. Während Frauen in Kenia, wo
Familienplanung weiter verbreitet ist, durchschnittlich 4,8 Kinder
bekommen.
Auf der UN-Bevölkerungskonferenz 1994 in Kairo verabschiedeten 179
Staaten ein Aktionsprogramm mit dem Ziel, jedem Menschen bis 2015 Zugang zu
Aufklärung, Familienplanung und zur reproduktiven
Gesundheitsversorgung rund um Schwangerschaft und Geburt zu gewähren
(siehe dazu die Studie des Berlin-Instituts "Das
Ende der Aufklärung"). Heute ist die Anwendung von
Verhütungsmitteln weiter verbreitet als 1994. Die positiven Folgen
sind erkennbar: Anfang der 1990er Jahre wuchs die Bevölkerung noch um
93 Millionen Menschen pro Jahr, heute wächst sie um etwa 80 Millionen.
Zurück in die Zukunft
Doch 200 Millionen Frauen haben immer noch keinen Zugang zu
Verhütungsmitteln, obwohl sie verhüten wollen, meldet der
Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen. 52 Millionen
unerwünschter Schwangerschaften könnten jedes Jahr verhindert
werden. In den Ländern südlich der Sahara ist die Situation
besonders gravierend: Nur 17 Prozent der verheirateten Frauen verwenden
sichere Verhütungsmittel. Die Finanzhilfen der Geberländer
für Familienplanung haben sich seit der Kairo-Konferenz fast halbiert:
Sie sind von 732 Millionen US-Dollar im Jahr 1995 auf 338 Millionen
US-Dollar im Jahr 2007 gekürzt worden. Erst wenn Familienplanung
wieder zurück auf die internationale politische Agenda kommt,
können die Ziele der Bevölkerungskonferenz von Kairo in den
nächsten sechs Jahren vielleicht doch noch erreicht werden. Dann kann
das rasante Bevölkerungswachstum in den ärmsten Ländern noch
gebremst werden.
Literatur / Links
Africa confidential
9/2009
Angenendt,
Steffen (2009): Die Zweiteilung der Welt überwinden. Warum
demografische Ignoranz gefährlich ist. In: Internationale Politik
November/Dezember 2009
Bloom,
David E. et al. (2007): Realizing the Demographic Dividend: Is Africa any
different? Program on the Global Demography of Aging, Working Paper No.
23
Population
Reference Bureau (2009): 2009 World Population Data Sheet.
Washington
The World Bank (o.J.): Fact
Sheet: The World Bank and Agriculture in Africa
United Nations/Population Division of the
Department of Economic and Social Affairs (2009): World Population
Prospects: The 2008 Revision 
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Changemaker
Menschen, die der Osten braucht Der jüngste Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung
birgt eine Menge ambitionierter Ziele, aber auch einige
gebetsmühlenartig wiederholte Leerformeln - etwa, "die
Lebensverhältnisse in Deutschland bis 2019 bundesweit weitgehend
anzugleichen".
Angesichts der demografischen Lage in den neuen Bundesländern (und
vermehrt auch in manchen Gebieten des Westens) ist dieses Ziel nicht
realistisch. Denn Deutschlands Osten hat in den nächsten Jahren
ungewöhnliche demografische Veränderungen zu bewältigen:
Alterung und Entsiedlung entlegener Gebiete laufen dort schneller ab als
anderenorts, und angesichts des staatlich geplanten Rückbaus der
öffentlichen Infrastruktur werden sich die Lebensverhältnisse in
den deutschen Regionen zwangsläufig weiter auseinander entwickeln
anstatt sich anzunähern. Die Arbeitslosigkeit in den neuen
Bundesländern bleibt hartnäckig auf dem doppelten Niveau des
Westens, und die Abwanderung vor allem junger Ostdeutscher hält bis
heute an. Abermilliarden an Fördermitteln haben diesen Trend nicht
bremsen können.
Der Bericht der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit aus dem
Jahr 2009 lese sich denn auch wie "der Versuch, Grützwurst als
französische Delikatesse zu verkaufen", schreiben der Verleger
Christoph Links und die Autorin Kristina Volke in dem jüngst
erschienen Buch "Zukunft erfinden - Kreative Projekte in Ostdeutschland".
Darin beschäftigen sich die Autoren gar nicht erst mit den
vergeblichen Versuchen traditioneller Investitionspolitik, etwa chancenlose
Werften zu retten oder Zeppelinfabriken im Niemandsland zu errichten. Sie
haben vielmehr nach Menschen und Projekten gesucht, mit denen sich eine
neue Zukunft im Osten aufbauen lässt. Denn die neuen Bundesländer
mit ihren Sonderproblemen benötigen radikal neue Ideen, wie es auch in
einem Gutachten
des Berlin-Instituts für das Bundesministerium für Verkehr, Bau
und Stadtentwicklung beschrieben ist.
Die Akteure des Wandels bekommen in den Buch sogar schon einen
internationalen Namen mit: "Changemaker" sind es, die der Politik zeigen,
dass eine Entwicklung unter Krisenbedingungen am besten von unten nach oben
wächst. Entwicklung, gerade in entlegenen, strukturschwachen
Räumen, beruht oft auf der Initiative kreativer Bürger. Sie
brauchen weniger Subventionen als vielmehr die notwendigen Freiräume
um ihr Handeln in Arbeitsplätze umzuwandeln. Sie brauchen einen
"zulassenden Staat".
Auf der Website zukunft-ostdeutschland.de, von
den Buchmachern eingerichtet, ist eine lange Liste von Projekten
nachzulesen, bei denen sich die Menschen erfolgreich für ihren
Standort im Osten engagieren: Da ist beispielsweise Klein Leppin in der
gottverlassenen aber naturschönen Prignitz, ein Nest mit 3844
Einwohnern. Der Ort muss ohne die für eine dörfliche Struktur
notwendigen "Ks" auskommen, also ohne Kirche, Konsum und Kneipe.
Ausgerechnet in Klein Leppin aber findet seit 2005 in einem alten Stall, in
dem früher die LPG-Schweine grunzten, ein kleines Opern- und
Theaterfestival statt. Das Projekt beruht auf der Initiative eines
zugezogenen Paares, das nicht Touristen anlocken, sondern die Dorfbewohner
zum Mitmachen animieren wollte. Mit Shakespeare und von Weber gelang es,
den Kern für eine Engagement-Gesellschaft zu setzen, die dem
ländlichen Osten vielerorts fehlt wie der Wüste das Wasser.
Gerade ländliche Regionen sind auf das Anpacken ihrer Bewohner
angewiesen, weil es dort kaum staatlichen Strukturen gibt, die das
"Sozialkapital" der Bürger ersetzen könnten. Siehe dazu die
Studie des Berlin-Instituts "Land
mit Aussicht".
Es geht in dem Buch aber nicht nur um kleine Projekte, die mit Kunst und
Kultur versuchen, das Land zum Blühen zu bringen, sondern auch um
Gemeinden, die ganz andere Wege beschreiten: Zschadraß in Sachsen
etwa ist dabei, sich energieautark zu machen. Die Kommune hat ein
Windkraftwerk installiert, nutzt Solarenergie, verheizt Biomasse und ist so
zu einem Testfeld für eine Energieversorgung geworden, wie sie
langfristig das ganze Land braucht. Die Anlagen erwirtschaften der Kommune
finanzielle Überschüsse, schaffen Arbeitsplätze und geben
den Menschen in einer vermeintlich abgehängten Region das Gefühl
zu den Pionieren zu gehören.
Ein großes Problem der ostdeutschen Wirtschaft ist, dass es dort zu
wenige wirklich notwendige Betriebe gibt. Schließlich hatten
Deutschlands Westen und die EU zum Zeitpunkt der Wende kaum Bedarf an
zusätzlichen Produktionskapazitäten etwa im Schiff- oder
Automobilbau, in der Textil- oder Möbelindustrie. Anders sieht es in
Branchen aus, die in der jüngeren Vergangenheit überhaupt erst
herangewachsen sind, etwa in der Solarindustrie. Wieder standen Einzelne am
Beginn einer Erfolgsgeschichte: 1999 gründete der Berliner
Unternehmensberater Anton Milner mit einer Handvoll Leuten die Firma
Q-Cells. Angelockt von guten Investitionsbedingungen verschlug es ihn in
die sachsen-anhaltinische Region Bitterfeld, zu DDR-Zeiten Inbegriff von
Chemiekatastrophen und rücksichtloser Ausbeutung von Land und
Leuten.
Kaum eines der alten und maroden Unternehmen hatte die Wende
überlebt, dafür waren zehntausende von Fachkräften ohne
Arbeit, darunter Experten der Filmfabrik Wolfen, die sich mit ihrer
Kenntnissen leicht auf die Fertigung und Entwicklung von Solarzellen
umschulen ließen. Binnen kurzem entstand ein ganzes Solarcluster mit
vor- und nachgelagerten Betrieben und tausenden von neuen
Arbeitsplätzen. 2007 wurden in der Region 18 Prozent der weltweit
gefertigten Solarzellen hergestellt und Q-Cells war zum
Weltmarktführer aufgestiegen. Allein in Deutschland ist eine
Solarleistung von mehr als zwei großen Atomkraftwerken
installiert.
Das Buch von Links und Volke umfasst das ganze Spektrum innovativer
Projekte, von der skurril anmutenden lokalen Währung "Zschopautaler",
der zwar in Euro tauschbar ist, aber nur in der heimischen Region als
Währung gilt und die regionalen Märkte stärken soll, bis hin
zu High-Tech-Programmen wie der digitalen Tele-Mammografie, die vermutlich
überhaupt nur in dünn besiedelten Gebieten wie Vorpommern
entstehen konnte. Denn dort fehlt es gemeinhin an Experten, die
Röntgenaufnahmen und Gewebeproben analysieren können um einen
entstehenden Brustkrebs zu diagnostizieren. Seit 2002 werden diese Daten in
Mecklenburg-Vorpommern digitalisiert und per Telemedizin dorthin
übermittelt, wo die entsprechenden Fachleute schnell ein Urteil
fällen können. Mittlerweile hat sich dieser Ansatz in ganz
Deutschland verbreitet.
Die Autoren zeigen, dass der Osten nicht abgeschrieben werden muss,
solange dort kreative Personen und eine aktive Zivilgesellschaft am Werk
sind. Sie zeigen aber auch, dass es ein Fehler war, die
Wachstumsphilosophie des alten Westens über einen schrumpfenden Osten
zu stülpen. Gleiche Lebensverhältnisse lassen sich nicht von oben
herab schaffen. Die neuen Bundesländer müssen auf neuen Wegen zu
alten Zielen kommen.
Literatur / Links
Links,
Christoph / Volke, Kristina (2009): Zukunft erfinden – Kreative
Projekte in Ostdeutschland. Christoph Links Verlag, Berlin.
Glander,
Marie-Luise / Hoßmann, Iris (2009): Land mit Aussicht. Was sich von
dem wirtschaftlichen und demografischen Erfolg des Oldenburger
Münsterlandes lernen lässt. Hg. vom Berlin-Institut für
Bevölkerung und Entwicklung. Berlin.
Weber,
Andreas / Klingholz, Reiner (2009): Demografischer Wandel. Ein
Politikvorschlag unter besonderer Berücksichtigung der Neuen
Länder. Hg. vom Berlin-Institut für Bevölkerung und
Entwicklung. Berlin. 

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