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Ausgabe 84, 10. November 2009

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Mehr Geburten in Prenzlauer Berg
Dank junger Bevölkerung nimmt der Nachwuchs zu - von Kinderreichtum ist der Berliner Szene-Stadtteil aber noch weit entfernt

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Afrika knackt die Milliardengrenze
Nirgendwo wächst die Bevölkerung so schnell wie zwischen Kairo und Kapstadt - die Probleme wachsen mit

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Changemaker
Menschen, die der Osten braucht

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In eigener Sache
Neu im Online-Handbuch Demografie

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Mehr Geburten in Prenzlauer Berg
Dank junger Bevölkerung nimmt der Nachwuchs zu - von Kinderreichtum ist der Berliner Szene-Stadtteil aber noch weit entfernt

Der "Pregnancy Hill" kommt nicht aus den Schlagzeilen heraus. Auf der Suche nach den wenigen Orten in Deutschland, an denen Spielplätze überfüllt sind, Kinderwagen sich vor den Cafés aneinanderreihen und Babyläden keine Umsatzprobleme haben, führt es fast jeden Journalisten in den Ostberliner Szene-Stadtteil Prenzlauer Berg, der seit Jahren für eine ungewöhnlich hohe Fertilität gerühmt wird. Die Süddeutsche Zeitung greift in ihrer aktuellen Serie "Kinder, Kinder" nur zu gerne auf den Ortsteil im Berliner Bezirk Pankow zurück. Die Artikel enthalten Anekdoten über die "neuen Väter" oder kritisieren die Vertreibung der Kinderlosen aus dem Viertel. Doch was ist dran an der Sage vom Kinderreichtum im Berliner Nordosten?

Vor fünf Jahren hatte das Berlin-Institut schon einmal die Statistik analysiert, um dem Phänomen in Prenzlauer Berg auf die Spur zu kommen (siehe Newsletter Nr. 12: Kein Geburtenboom im Berliner Szene-Bezirk). Damals lautete das Ergebnis: Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung gehörte der Ortsteil keineswegs zu den kinderreichsten der Republik, sondern zu den kinderärmsten Zonen im ohnehin an Kindern armen Berlin. Es lebten lediglich überdurchschnittlich viele junge Frauen im besten Familiengründungsalter in dem Stadtteil, die natürlich auch Nachwuchs bekamen - aber oft nicht mehr als ein Kind. Der Rest der Frauen blieb kinderlos. Was hat sich in den letzten Jahren getan? Gibt es ihn doch, den sagenhaften Kinderreichtum?

Berlin hat zwölf Bezirke, die in insgesamt 97 Ortsteile gegliedert sind. Prenzlauer Berg gehört neben zwölf weiteren Ortsteilen wie Niederschönhausen, Karow oder Weißensee zum Bezirk Pankow. Während Berlin seit 2004 rund ein Prozent an Bevölkerung hinzugewonnen hat, sind es in Prenzlauer Berg rund fünf Prozent. Fast alle der neu Zugezogenen sind finanziell gut gestellt und verfügen über ein hohes Bildungsniveau - am Falkplatz und im Winsviertel haben drei Viertel der Eltern das Abitur gemacht. Nur wenige haben das 30. Lebensjahr überschritten, und durch den Zuzug junger Menschen altert in einigen Gegenden die Bevölkerung nicht, sondern verjüngt sich sogar. Wer am Kollwitzplatz wohnt, ist im Mittel nicht älter als 34 Jahre. Und ein paar Straßenzüge weiter Richtung Helmholtzplatz sogar noch ein Jahr jünger. Dagegen kommt der durchschnittliche Berliner auf 43 Jahre.

Eine jüngere Bevölkerung bedeutet gleichzeitig mehr Paare, die Nachwuchs bekommen können. In Prenzlauer Berg ist jede dritte Frau im Alter zwischen 15 und 44 Jahren. Nur im Studentenviertel Friedrichshain wohnen ähnlich viele junge Frauen. Doch obwohl es viele potenzielle Mütter gibt, sind 2008 im Ortsteil Prenzlauer Berg nur 44 Neugeborene je 1.000 Frauen dieser Altersgruppe zur Welt gekommen. Diese "Geburtenrate" liegt in dem nachwuchsreichsten Landkreis Deutschlands - dem niedersächsischen Cloppenburg - bei 50 Neugeborenen je 1.000 Frauen.

Doch während Prenzlauer Berg noch 2003 zu den Berliner Schlusslichtern in Sachen Nachwuchs gehörte, hat sich bis 2008 die Zahl der Geburten um ein Drittel erhöht. Im gleichen Zeitraum ist jedoch auch die Zahl der potenziellen Mütter angestiegen, allerdings nicht im gleichen Umfang wie die der Geburten. Somit müssen die Frauen mittlerweile mehr Kinder bekommen als noch vor ein paar Jahren: Eltern können sich vermehrt für ein zweites Kind entschieden haben und/oder die Zahl der Kinderlosen nimmt ab.

Die Atmosphäre im Szene-Kiez Prenzlauer Berg mit seinen Yoga-Kursen für Schwangere, Bioläden, Kindercafés und der Vielzahl von Kinderbetreuungsmöglichkeiten zieht viele junge Paare an. Diese haben sich ganz bewusst für eine Region entschieden, in der sie Kinder bekommen und großziehen möchten. Auch in den nächsten Jahren werden in Prenzlauer Berg Familien leben und mehr Kinder geboren werden. Aber nicht alle Bewohner sind Eltern oder Kinder - auch wenn das Straßenbild den Eindruck erwecken mag.

Wie unspektakulär der Kindersegen in Prenzlauer Berg ist, zeigt sich daran, dass der gesamte Bezirk Pankow, worin der Prenzlauer Berg nur einer von 13 Ortsteilen ist, insgesamt die gleiche Neugeborenenzahl je 1.000 Frauen im fertilen Alter ausweist. Deutlich mehr Kinder gibt es in den gutbürgerlichen Ortsteilen Plänterwald oder dem winzigen Malchow, wo nur 478 Menschen leben.

Immer noch kein Babyboom in Prenzlauer Berg

Neugeborene je 1.000 Frauen im Alter zwischen 15 und 44 Jahren in den zwölf Berliner Bezirken

Im Jahre 2003 rangierte der Ostberliner Ortsteil Prenzlauer Berg des Bezirks Pankow wie der gesamte Bezirk bei den Neugeborenenzahlen noch am Ende der Berliner Skala - seinem Ruf als Geburtenhochburg Deutschlands zum Trotz: Auf 1.000 Frauen im Alter von 15 bis 44 Jahren kamen nur 35 Geburten. Fünf Jahre später hat der Szene-Kiez die meisten Bezirke überholt und liegt mit 44 Geburten je 1.000 Frauen auch über den Berliner Durchschnitt. Allerdings gilt dieser Wert auch für den gesamten Bezirk Pankow, so dass Prenzlauer Berg hier keine Besonderheit aufweist (Datengrundlage: Amt für Statistik Berlin Brandenburg, Statistisches Bundesamt).

Dem Berliner Geburtenboom auf der Spur

Neugeborene und potenzielle Mütter in ausgewählten Berliner Ortsteilen (2008)

Nicht immer werden dort die meisten Kinder geboren, wo auch die meisten potenziellen Mütter leben. In den Ortsteilen Prenzlauer Berg und Friedrichhain ist jede dritte Frau zwischen 15 und 44 Jahren alt und somit im gebärfähigen Alter. Die höchsten Geburtenraten finden sich aber woanders: im Berliner Ortsteil Malchow (wo allerdings gerade mal 478 Einwohner leben), in der Randlage des Bezirkes Berlin-Lichtenberg gelegen, und im Plänterwald, das mit seinem Naherholungsgebiet zu Treptow-Köpenick gehört (Datengrundlage: Amt für Statistik Berlin Brandenburg).


Literatur / Links

Amt für Statistik Berlin Brandenburg

Bezirksamt Pankow von Berlin: Pankower Portraits der Bezirksregionen 2009

Bezirksamt Pankow von Berlin: Einschulungsuntersuchungsbericht 2007

Statistisches Bundesamt

 

   
     
 

Afrika knackt die Milliardengrenze
Nirgendwo wächst die Bevölkerung so schnell wie zwischen Kairo und Kapstadt - die Probleme wachsen mit

Während sich eine wachsende Zahl von Ländern in Europa mit den Schwierigkeiten einer schrumpfenden Gesellschaft plagt, sieht Afrika sich mit den Folgen eines historisch beispiellosen Bevölkerungswachstums konfrontiert. Nirgendwo sonst auf der Welt steigt die Zahl der Menschen so schnell wie zwischen Kairo und Kapstadt: Im Jahr 2009 wurde die Eine-Milliarde-Marke durchstoßen, mit jedem Monat kommen zwei Millionen Afrikaner hinzu. Bis 2050 wird sich die Zahl der Menschen auf dem afrikanischen Kontinent auf zwei Milliarden verdoppeln, so die Prognosen des "Datenreport 2009", den das US-amerikanische Population Reference Bureau (PRB) veröffentlicht hat. Die PRB-Prognosen für 2050 basieren auf der optimistischen Annahme, dass zukünftig die durchschnittliche Zahl der Kinder pro Frau von heute 4,6 in den ärmsten Ländern auf die Rate von 1,8 Kinder pro Frau in den entwickelten Länder abgesenkt werden kann.

Die ärmsten Länder wachsen am schnellsten

Die Zukunft der gesamten Welt wird durch dieses historisch einmalig rasante Bevölkerungswachstum geprägt. Jede Sekunde werden 2,6 Menschen mehr auf der Erde leben. Nach Berechnungen der Vereinten Nationen wird die Weltbevölkerung von 6,8 Milliarden im Juli 2009 auf voraussichtlich 9,1 Milliarden Menschen im Jahr 2050 ansteigen. Sollte es nicht gelingen, die Zahl der Kinder pro Frau in den ärmsten Ländern zu senken, wird die Zahl der Menschen sogar auf elf Milliarden steigen, so die UN-Prognose. Zum Vergleich: Vor hundert Jahren lebten nur rund 1,7 Milliarden Menschen auf der Erde. Erst nach 2050 erwarten Demografen eine Abschwächung des Wachstums, da voraussichtlich die Fertilität insgesamt stark abnimmt.

Das rapide Bevölkerungswachstum in den nächsten vier Jahrzehnten wird zu 97 Prozent in den ärmsten und unterentwickelten Ländern Afrikas, Asiens, Lateinamerikas und der Karibik stattfinden. Dort wird sich die Zahl der Menschen bis 2050 verdoppeln, während sie in Europa als einzigem Kontinent von heute 738 Millionen auf 702 Millionen Menschen schrumpfen wird.

Demografische Spaltung

Die Vereinten Nationen zählen alle Regionen Afrikas, Asiens (ohne Japan) und Lateinamerikas sowie Melanesien, Mikronesien und Polynesien zu den Weniger entwickelten Ländern (Less developed regions) und alle Regionen Europas und Nordamerikas sowie Australien, Neuseeland und Japan zu den Höher entwickelten Ländern (More developed regions). Die Bevölkerungszahlen, die in den Höher entwickelten Ländern nur leicht steigen, schießen in den Weniger entwickelten Ländern steil in die Höhe (Datengrundlage: UN).

Zu dem rasanten Anstieg der Bevölkerungszahlen in den ärmsten Staaten werden nach Angaben der Vereinten Nationen mehrere Faktoren beitragen: geringere Sterblichkeit, höhere Lebenserwartung sowie ein großer Anteil junger Menschen, die ihrerseits noch Eltern werden können.

Für den Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) ist Afrikas Überschreiten der Eine-Milliarde-Marke ein Grund, die Regierungschefs der Welt eindringlich davor zu warnen, dass die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme in den ärmsten Länder südlich der Sahara sich gravierend verschärfen werden: Der bislang ungesättigte Bedarf an Ackerboden, Nahrung, Wasser und Arbeitsplätzen steigt und somit auch der soziale Druck. Bereits heute sind viele afrikanische Regierungen nicht in der Lage, eine soziale Grundversorgung wie Schulbildung und medizinische Hilfe zu gewähren.

Die Kunst, eine Milliarde Menschen zu ernähren

Obwohl in den vergangenen Jahren das BIP in den Ländern südlich der Sahara nach Aussagen der Weltbank prozentual stärker stieg als die Bevölkerungszahl, wuchs es nicht genug: Das erreichte Wachstum wurde durch die erhöhte Zahl von Menschen buchstäblich wieder aufgefressen, die Lebensbedingungen haben sich vielerorts sogar verschlechtert: Menschen, die südlich der Sahara leben, sind heute durchschnittlich 22 Prozent ärmer als Mitte der 1970er Jahre. Afrikas Farmer werden schwer kämpfen müssen, um mehr als eine Milliarde Menschen satt zu bekommen. Laut Weltbank gehören Afrikas Ernteerträge immer noch zu den niedrigsten der Welt, die unproduktive Landwirtschaft stürzt Millionen Menschen in Hungersnöte.

Selbst wenn es den Bauern einmal gelingt, ihre Erntemengen zu erhöhen, macht die fehlende Infrastruktur solche Erfolge unmittelbar zunichte: Die landwirtschaftlichen Produkte können oft nicht schnell genug zum nächsten Markt transportiert werden und verrotten bevor sie die Menschen erreichen. Ohne immense Investitionen im Agrarbereich in Maschinen, Dünger und Technologie werden die Erträge nicht so stark erhöht werden können, dass sie den Bedarf an Lebensmitteln decken.

Durch Nahrungsmittelknappheit und Hungersnöte können soziale Unruhen und Massenmigration ausgelöst werden, die wiederum Zündstoff für Konflikte bilden können: Am Horn von Afrika und in Darfur hat das starke Bevölkerungswachstum mit zu den bewaffneten Kämpfen beigetragen. Auch die gewaltsamen Konflikte im Ostkongo sind durch Spannungen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen aus Ruanda angeheizt worden. Die Migration könnte zwar kurzfristig den Druck in den Herkunftsländern mildern, aber zu Konflikten in den Aufnahmeländern führen. Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) weist darauf hin, dass mit dem Anwachsen der Bevölkerung in Afrika immer mehr Flüchtlinge nach Europa emigrieren wollen - sie suchen nach besseren Lebensbedingungen.

Afrika wird immer jünger

Ein weiteres großes Problem des Bevölkerungswachstums wird sein, die zunehmende Zahl von Menschen mit Arbeit und damit einem Einkommen zu versorgen. In Tansania wird sich die Bevölkerung von heute 40 Millionen Menschen auf 82 Millionen im Jahr 2050 verdoppeln, in Nigeria wird sie von heute 148 Millionen auf 282 Millionen Menschen steigen.

Es ist unwahrscheinlich, dass für all diese Menschen Arbeitsplätze geschaffen werden können. Vor allem werden es junge Menschen sein, die in die Arbeitslosigkeit hineinwachsen, denn die Bevölkerung zwischen Kairo und Kapstadt nimmt nicht nur schneller zu als im Rest der Welt, sie ist auch jünger: 41 Prozent der Menschen sind unter 15 Jahre alt, in Angola und Burkino Faso sind es 47 Prozent, in Uganda sogar 49 Prozent. Im Jahr 2050 werden neun von zehn Jugendlichen auf der Welt in Entwicklungsländern leben, sagen die PRB-Prognosen.

Die Startchancen ins Leben sind für diese Jugendlichen schlecht: Wenn sie keine Arbeit finden und kein Geld verdienen können, steigt die Gefahr, dass sie kriminell werden oder sich als Soldaten für Kriege anheuern lassen. Sollte es allerdings gelingen, einer zunehmenden Zahl junger Menschen Arbeitsplätze anzubieten, könnte dies durchaus positive Effekte auf die ökonomische Entwicklung der armen Regionen haben, so das Ergebnis einer Studie der Harvard Initiative for Global Health. Optimistische Prognosen werden etwa für die Elfenbeinküste, Ghana, Malawi, Mosambik und Namibia gegeben, weil dort Korruption, überbordende Bürokratie und fehlende Investitionen in die Infrastruktur weniger ausgeprägt sind als in anderen Regionen südlich der Sahara.

Als Vorbild könnten Indien und China dienen, wo die Erwerbstätigkeit vieler junger Menschen geholfen hat, die Wirtschaft anzukurbeln. Ob das in Afrika auch gelingt bleibt fraglich. 67 Prozent der Menschen haben laut Weltbank weniger als einen Dollar pro Tag zur Verfügung. Wie soll eine derart verarmte, wachsende Schar von Menschen genügend Geld für Ausgaben aufbringen, um eine auf Konsum basierende, wachsende Wirtschaft und damit genügend Arbeitsplätze zu schaffen?

Rückschlag im Kampf gegen Klimaerwärmung

Wird die demografische Zweiteilung der Welt zwischen entwickelten und unterentwickelten Regionen in den kommenden Jahren ignoriert, könnte dies die globalen Bemühungen im Kampf gegen Klimawandel, Ressourcenknappheit und für nachhaltige Entwicklung hinfällig machen, befürchtet Steffen Angenendt von der Forschungsgruppe Globale Fragen der Stiftung Wissenschaft und Politik in seinem Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Internationale Politik. Wenn die Entwicklungsländer ihre Bevölkerungszahl verdoppeln und sie sich im Verbraucherverhalten zunehmend an den Industriestaaten orientieren, bedeute dies eine Verachtfachung des globalen Ressourcenverbrauchs. Gleichzeitig nehme die pro Kopf zur Verfügung stehende Wassermenge bei steigenden Bevölkerungszahlen ab.

Wettlauf mit der Zeit

Es gibt vielfältige Möglichkeiten, um das rasante Bevölkerungswachstum in Afrika zu bremsen. Frauen in den ärmsten Ländern müssen eine Chance auf Bildung sowie bessere wirtschaftliche und soziale Lebensbedingungen bekommen. Vor allem muss die Familienplanung und Sexualaufklärung ausgebaut und finanziell gefördert werden, um die Zahl der Kinder pro Frau zu senken. In dem besonders stark wachsenden Niger, wo es so gut wie keinen Zugang zu Familienplanung gibt, bekommen Frauen im Durchschnitt 7,1 Kinder. Das ist die höchste Rate in Afrika. Während Frauen in Kenia, wo Familienplanung weiter verbreitet ist, durchschnittlich 4,8 Kinder bekommen.

Auf der UN-Bevölkerungskonferenz 1994 in Kairo verabschiedeten 179 Staaten ein Aktionsprogramm mit dem Ziel, jedem Menschen bis 2015 Zugang zu Aufklärung, Familienplanung und zur reproduktiven Gesundheitsversorgung rund um Schwangerschaft und Geburt zu gewähren (siehe dazu die Studie des Berlin-Instituts "Das Ende der Aufklärung"). Heute ist die Anwendung von Verhütungsmitteln weiter verbreitet als 1994. Die positiven Folgen sind erkennbar: Anfang der 1990er Jahre wuchs die Bevölkerung noch um 93 Millionen Menschen pro Jahr, heute wächst sie um etwa 80 Millionen.

Zurück in die Zukunft

Doch 200 Millionen Frauen haben immer noch keinen Zugang zu Verhütungsmitteln, obwohl sie verhüten wollen, meldet der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen. 52 Millionen unerwünschter Schwangerschaften könnten jedes Jahr verhindert werden. In den Ländern südlich der Sahara ist die Situation besonders gravierend: Nur 17 Prozent der verheirateten Frauen verwenden sichere Verhütungsmittel. Die Finanzhilfen der Geberländer für Familienplanung haben sich seit der Kairo-Konferenz fast halbiert: Sie sind von 732 Millionen US-Dollar im Jahr 1995 auf 338 Millionen US-Dollar im Jahr 2007 gekürzt worden. Erst wenn Familienplanung wieder zurück auf die internationale politische Agenda kommt, können die Ziele der Bevölkerungskonferenz von Kairo in den nächsten sechs Jahren vielleicht doch noch erreicht werden. Dann kann das rasante Bevölkerungswachstum in den ärmsten Ländern noch gebremst werden.

Literatur / Links

Africa confidential 9/2009

Angenendt, Steffen (2009): Die Zweiteilung der Welt überwinden. Warum demografische Ignoranz gefährlich ist. In: Internationale Politik November/Dezember 2009

Bloom, David E. et al. (2007): Realizing the Demographic Dividend: Is Africa any different? Program on the Global Demography of Aging, Working Paper No. 23

Population Reference Bureau (2009): 2009 World Population Data Sheet. Washington

The World Bank (o.J.): Fact Sheet: The World Bank and Agriculture in Africa

United Nations/Population Division of the Department of Economic and Social Affairs (2009): World Population Prospects: The 2008 Revision

 

   
     
 

Changemaker
Menschen, die der Osten braucht

Der jüngste Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung birgt eine Menge ambitionierter Ziele, aber auch einige gebetsmühlenartig wiederholte Leerformeln - etwa, "die Lebensverhältnisse in Deutschland bis 2019 bundesweit weitgehend anzugleichen".

Angesichts der demografischen Lage in den neuen Bundesländern (und vermehrt auch in manchen Gebieten des Westens) ist dieses Ziel nicht realistisch. Denn Deutschlands Osten hat in den nächsten Jahren ungewöhnliche demografische Veränderungen zu bewältigen: Alterung und Entsiedlung entlegener Gebiete laufen dort schneller ab als anderenorts, und angesichts des staatlich geplanten Rückbaus der öffentlichen Infrastruktur werden sich die Lebensverhältnisse in den deutschen Regionen zwangsläufig weiter auseinander entwickeln anstatt sich anzunähern. Die Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern bleibt hartnäckig auf dem doppelten Niveau des Westens, und die Abwanderung vor allem junger Ostdeutscher hält bis heute an. Abermilliarden an Fördermitteln haben diesen Trend nicht bremsen können.

Der Bericht der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit aus dem Jahr 2009 lese sich denn auch wie "der Versuch, Grützwurst als französische Delikatesse zu verkaufen", schreiben der Verleger Christoph Links und die Autorin Kristina Volke in dem jüngst erschienen Buch "Zukunft erfinden - Kreative Projekte in Ostdeutschland". Darin beschäftigen sich die Autoren gar nicht erst mit den vergeblichen Versuchen traditioneller Investitionspolitik, etwa chancenlose Werften zu retten oder Zeppelinfabriken im Niemandsland zu errichten. Sie haben vielmehr nach Menschen und Projekten gesucht, mit denen sich eine neue Zukunft im Osten aufbauen lässt. Denn die neuen Bundesländer mit ihren Sonderproblemen benötigen radikal neue Ideen, wie es auch in einem Gutachten des Berlin-Instituts für das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung beschrieben ist.

Die Akteure des Wandels bekommen in den Buch sogar schon einen internationalen Namen mit: "Changemaker" sind es, die der Politik zeigen, dass eine Entwicklung unter Krisenbedingungen am besten von unten nach oben wächst. Entwicklung, gerade in entlegenen, strukturschwachen Räumen, beruht oft auf der Initiative kreativer Bürger. Sie brauchen weniger Subventionen als vielmehr die notwendigen Freiräume um ihr Handeln in Arbeitsplätze umzuwandeln. Sie brauchen einen "zulassenden Staat".

Auf der Website zukunft-ostdeutschland.de, von den Buchmachern eingerichtet, ist eine lange Liste von Projekten nachzulesen, bei denen sich die Menschen erfolgreich für ihren Standort im Osten engagieren: Da ist beispielsweise Klein Leppin in der gottverlassenen aber naturschönen Prignitz, ein Nest mit 3844 Einwohnern. Der Ort muss ohne die für eine dörfliche Struktur notwendigen "Ks" auskommen, also ohne Kirche, Konsum und Kneipe. Ausgerechnet in Klein Leppin aber findet seit 2005 in einem alten Stall, in dem früher die LPG-Schweine grunzten, ein kleines Opern- und Theaterfestival statt. Das Projekt beruht auf der Initiative eines zugezogenen Paares, das nicht Touristen anlocken, sondern die Dorfbewohner zum Mitmachen animieren wollte. Mit Shakespeare und von Weber gelang es, den Kern für eine Engagement-Gesellschaft zu setzen, die dem ländlichen Osten vielerorts fehlt wie der Wüste das Wasser. Gerade ländliche Regionen sind auf das Anpacken ihrer Bewohner angewiesen, weil es dort kaum staatlichen Strukturen gibt, die das "Sozialkapital" der Bürger ersetzen könnten. Siehe dazu die Studie des Berlin-Instituts "Land mit Aussicht".

Es geht in dem Buch aber nicht nur um kleine Projekte, die mit Kunst und Kultur versuchen, das Land zum Blühen zu bringen, sondern auch um Gemeinden, die ganz andere Wege beschreiten: Zschadraß in Sachsen etwa ist dabei, sich energieautark zu machen. Die Kommune hat ein Windkraftwerk installiert, nutzt Solarenergie, verheizt Biomasse und ist so zu einem Testfeld für eine Energieversorgung geworden, wie sie langfristig das ganze Land braucht. Die Anlagen erwirtschaften der Kommune finanzielle Überschüsse, schaffen Arbeitsplätze und geben den Menschen in einer vermeintlich abgehängten Region das Gefühl zu den Pionieren zu gehören.

Ein großes Problem der ostdeutschen Wirtschaft ist, dass es dort zu wenige wirklich notwendige Betriebe gibt. Schließlich hatten Deutschlands Westen und die EU zum Zeitpunkt der Wende kaum Bedarf an zusätzlichen Produktionskapazitäten etwa im Schiff- oder Automobilbau, in der Textil- oder Möbelindustrie. Anders sieht es in Branchen aus, die in der jüngeren Vergangenheit überhaupt erst herangewachsen sind, etwa in der Solarindustrie. Wieder standen Einzelne am Beginn einer Erfolgsgeschichte: 1999 gründete der Berliner Unternehmensberater Anton Milner mit einer Handvoll Leuten die Firma Q-Cells. Angelockt von guten Investitionsbedingungen verschlug es ihn in die sachsen-anhaltinische Region Bitterfeld, zu DDR-Zeiten Inbegriff von Chemiekatastrophen und rücksichtloser Ausbeutung von Land und Leuten.

Kaum eines der alten und maroden Unternehmen hatte die Wende überlebt, dafür waren zehntausende von Fachkräften ohne Arbeit, darunter Experten der Filmfabrik Wolfen, die sich mit ihrer Kenntnissen leicht auf die Fertigung und Entwicklung von Solarzellen umschulen ließen. Binnen kurzem entstand ein ganzes Solarcluster mit vor- und nachgelagerten Betrieben und tausenden von neuen Arbeitsplätzen. 2007 wurden in der Region 18 Prozent der weltweit gefertigten Solarzellen hergestellt und Q-Cells war zum Weltmarktführer aufgestiegen. Allein in Deutschland ist eine Solarleistung von mehr als zwei großen Atomkraftwerken installiert.

Das Buch von Links und Volke umfasst das ganze Spektrum innovativer Projekte, von der skurril anmutenden lokalen Währung "Zschopautaler", der zwar in Euro tauschbar ist, aber nur in der heimischen Region als Währung gilt und die regionalen Märkte stärken soll, bis hin zu High-Tech-Programmen wie der digitalen Tele-Mammografie, die vermutlich überhaupt nur in dünn besiedelten Gebieten wie Vorpommern entstehen konnte. Denn dort fehlt es gemeinhin an Experten, die Röntgenaufnahmen und Gewebeproben analysieren können um einen entstehenden Brustkrebs zu diagnostizieren. Seit 2002 werden diese Daten in Mecklenburg-Vorpommern digitalisiert und per Telemedizin dorthin übermittelt, wo die entsprechenden Fachleute schnell ein Urteil fällen können. Mittlerweile hat sich dieser Ansatz in ganz Deutschland verbreitet.

Die Autoren zeigen, dass der Osten nicht abgeschrieben werden muss, solange dort kreative Personen und eine aktive Zivilgesellschaft am Werk sind. Sie zeigen aber auch, dass es ein Fehler war, die Wachstumsphilosophie des alten Westens über einen schrumpfenden Osten zu stülpen. Gleiche Lebensverhältnisse lassen sich nicht von oben herab schaffen. Die neuen Bundesländer müssen auf neuen Wegen zu alten Zielen kommen.

Literatur / Links

Links, Christoph / Volke, Kristina (2009): Zukunft erfinden – Kreative Projekte in Ostdeutschland. Christoph Links Verlag, Berlin.

Glander, Marie-Luise / Hoßmann, Iris (2009): Land mit Aussicht. Was sich von dem wirtschaftlichen und demografischen Erfolg des Oldenburger Münsterlandes lernen lässt. Hg. vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Berlin.

Weber, Andreas / Klingholz, Reiner (2009): Demografischer Wandel. Ein Politikvorschlag unter besonderer Berücksichtigung der Neuen Länder. Hg. vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Berlin.

 

   
     
 

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Neu im Online-Handbuch Demografie

Wirkungsorientierung und Evaluierung in der Entwicklungszusammenarbeit von Nicolà Reade-Soh und Prof. Dr. Reinhard Stockmann

 

   
 

 

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