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Mehr Chancen für Schüler
Wie sich mit Stipendienprogrammen Begabte finden
und fördern lassen Deutschlands Schulsystem
schafft es bislang nicht, herkunftsbedingte Benachteiligungen von
Schülern auszugleichen, die aus sogenannten "bildungsfernen"
Elternhäusern stammen. So liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind
von Eltern mit Hochschulabschluss und hoher beruflicher Position nach der
Grundschule auf das Gymnasium wechselt, fünfmal so hoch wie bei einem
Kind von Eltern ohne beruflichen Abschluss und etwa einem Job als
Hilfsarbeiter. Selbst wenn diese beiden Kinder die gleiche Leistung zeigen,
unterscheiden sich die Wahrscheinlichkeiten noch um das Zwei- bis
Dreifache.
Dieses Problem ist seit einem Jahrzehnt auch im öffentlichen
Bewusstsein angekommen - und es gewinnt mit dem demografischen Wandel
zusätzlich an Brisanz. Denn es ist nicht nur ungerecht, dass die
betroffenen Kinder ihre Begabung wegen des geringen Einkommens und der
fehlenden Bildung ihrer Eltern nicht entfalten können, sondern auch -
aus ökonomischer Sicht - Verschwendung. Denn bei einem knapper
werdenden Arbeitskräfteangebot im nächsten Jahrzehnt droht auch
ein flächendeckender Fachkräftemangel und letztlich ein
gesellschaftlicher Wohlstandsverlust, wenn weiterhin das Potenzial
zehntausender Schüler pro Jahrgang nicht voll genutzt wird. Das neue
Discussion Paper des Berlin-Instituts zeigt, wie die Förderung durch
Stipendienprogramme dazu beitragen kann, benachteiligten Schülern den
Weg zu mehr Erfolg auf dem Bildungsweg und höherer Qualifikation zu
erleichtern - vor allem den besonders begabten.
Bereits heute haben einige Branchen in einzelnen Regionen Schwierigkeiten,
qualifizierte Arbeitskräfte zu finden - und im nächsten Jahrzehnt
führen zwei Entwicklungen dazu, dass ein flächendeckender Mangel
entstehen könnte. Erstens werden durch die Verrentung der starken
Babyboomer-Generation viele Nachwuchskräfte benötigt,
während es gleichzeitig wegen der anhaltend niedrigen Geburtenzahlen
immer weniger Menschen im Erwerbsalter gibt. Auch die
Abschlussjahrgänge werden etwa ab 2015 kleiner.
Zweitens dürfte der Trend weiter anhalten, dass für immer mehr
Tätigkeiten ein Abitur erforderlich ist - und häufig sogar ein
Hochschulabschluss. In der Vergangenheit hatten auch Schulabgänger
ohne Abschluss oder mit Hauptschulabschluss gute Chancen auf einen
Ausbildungsplatz in Handwerk oder Produktion. Heute stellen viele
Ausbildungsbetriebe bevorzugt Abiturienten ein, weil der Umgang mit Wissen
und damit die schulische Vorbildung eine größere Bedeutung
gewonnen hat. Es zeichnet sich also auf allen Qualifikationsstufen ein
Arbeitskräftemangel ab. Die Lücke wird aber bei den hoch
Qualifizierten besonders groß ausfallen und stellt eine besondere
Herausforderung dar, weil ihre Schließung längerfristige
Strategien verlangt.
Die unentdeckten Potenziale, die es auszuschöpfen gilt, finden sich
häufig bei Kindern aus "bildungsfernen Schichten". Sie erhalten von
ihren Eltern oft kaum Förderung, weil diese selbst einen geringen
Bildungsstand haben und deshalb mit dem Bildungssystem und seinen Optionen
und Anforderungen wenig vertraut sind. Das wirkt sich auf die Leistung
dieser Kinder aus. Aber selbst bei gleicher Leistung trauen sie sich
weniger zu und wissen weniger über Möglichkeiten, die sich ihnen
durch höhere Bildung eröffnen. Daher streben sie seltener das
Abitur und eine akademische Ausbildung an.
Wessen Kinder kein Abitur machen 
Der Anteil der Schüler, die nach der Grundschule das
Gymnasium besuchen, unterscheidet sich stark zwischen den sozialen
Schichten und je nach ethnischer Herkunft. Kinder aus Familien mit hohem
sozioökonomischem Status gehen fast fünfmal so häufig aufs
Gymnasium wie Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen;
Schüler mit Migrationshintergrund sind auch bei gleichem Status der
Eltern weniger erfolgreich im deutschen Bildungssystem.
Hier setzen von Stiftungen getragene Stipendienprogramme an. Sie bieten
meist finanzielle Förderung, beispielsweise bekommen die Stipendiaten
Geld für einen Computer, Bücher oder andere bildungsbezogene
Ausgaben. Diese Unterstützung ist wichtig für die Schüler -
die entscheidenden Hürden für benachteiligte Schüler liegen
aber häufig nicht in der fehlenden materiellen Ausstattung. Im Zentrum
steht daher bei den meisten Stipendien die ideelle Förderung. Sie
besteht etwa aus Kursen oder Workshops, in denen die Teilnehmer
Schlüsselkompetenzen wie Zeitmanagement und Arbeitstechniken erwerben
können und Orientierung in Bildungsfragen erhalten. Zusätzlich
beraten und betreuen die Programmmitarbeiter oder Mentoren die Schüler
persönlich. Einige Programme beziehen explizit auch die Eltern in
Informations- und Rahmenveranstaltungen ein.
Wie die soziale Herkunft den Bildungsweg beeinflusst 
Die Entscheidung für oder gegen einen längeren
Schulbesuch beziehungsweise höheren Abschluss wird auf mehreren Wegen
von der sozialen Herkunft beeinflusst. Nicht zuletzt wegen ihrer mangelnden
Ausstattung mit Ressourcen wie Büchern oder einem PC fällt die
Schulleistung bei benachteiligten Kindern im Allgemeinen schlechter aus.
Lehrer empfehlen diesen Kindern daher seltener den Besuch eines Gymnasiums;
die Kinder schätzen ihre Erfolgsaussichten aber selbst auch schlechter
ein. Die Herkunft beeinflusst darüber hinaus, wie stark die Kosten
eines längeren Bildungsweges ins Gewicht fallen und wie hoch die
möglichen Erträge eingestuft werden. Somit hängt selbst bei
gleicher Leistung die Entscheidung für oder gegen den Besuch eines
Gymnasiums von der sozialen Herkunft ab. Finanzielle Förderung kann
dazu beitragen, die Kosten eines längeren Bildungswegs abzufedern;
eine Berufsorientierung kann über die Erträge eines höheren
Abschlusses informieren; zusätzliche Bildungsangebote und individuelle
Betreuung und Beratung können die Schulleistung verbessern und die
subjektive Erfolgswahrscheinlichkeit erhöhen.
So erfahren die geförderten Schüler mehr über die
vielfältigen Möglichkeiten, den eigenen schulischen und
beruflichen Werdegang zu gestalten, und erhalten auf ihrem Weg zum Abitur
und Studium individuelle Unterstützung. Die Stipendien eröffnen
für viele von ihnen große Chancen - bezogen auf das
geschätzte Ausmaß des verschwendeten Potenzials begabter
Schüler ist das derzeitige Angebot an Stipendien jedoch nur ein
Tropfen auf den heißen Stein.
Denn bislang erreichen die Stipendienprogramme nur teilweise die
anvisierte Zielgruppe, und die meisten sind auf bestimmte Regionen oder
Bundesländer beschränkt. Das Discussion Paper stellt
Möglichkeiten vor, die individuelle Förderung für
Schüler in einem bundesweiten Programm auszuweiten und dabei Akteure
aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft einzubinden.
Das Discussion Paper "Mehr Chancen für Schüler" wurde
gefördert von der Robert Bosch Stiftung.
Hier finden Sie das vollständige Discussion Paper als PDF: www.berlin-institut.org.
Für Fragen und Interviews stehen Ihnen Dr. Tanja Kiziak unter 0 30 -
31 01 74 50 und Vera Kreuter unter 0 30 - 31 10 26 98 zur
Verfügung.
Literatur / Links
Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2010): Bildung in Deutschland
2010. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu
Perspektiven des Bildungswesens im demografischen Wandel. www.bildungsbericht.de.
Hummel, Markus et al. (2010): Der Arbeitskräftebedarf nach
Wirtschaftszweigen, Berufen und Qualifikationen bis 2025 - Modellrechnungen
des IAB. In: Helmrich, Robert/ Zika, Gerd (Hg.): Beruf und Qualifikation in
der Zukunft. BIBB-IAB-Modellrechnungen zu den Entwicklungen in
Berufsfeldern und Qualifikationen bis 2025. S. 81-102. Bonn.
Maaz, Kai et al. (2009): Genese sozialer Ungleichheit im institutionellen
Kontext der Schule: Wo entsteht und vergrößert sich soziale
Ungleichheit? In: Baumert, Jürgen et al. (Hg.):
Bildungsentscheidungen. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft,
Sonderheft 12. S. 11-46. 
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