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Die schrumpfende Weltmacht
Eine neue Studie des Berlin-Instituts untersucht,
welchen demografischen Veränderungen die Regionen Russlands und der
anderen ehemaligen Sowjetrepubliken heute und in Zukunft ausgesetzt
sind Knapp 20 Jahre sind vergangen, seit der
gescheiterte Augustputsch 1991 das endgültige Aus der Sowjetunion
besiegelte. Mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Systems der regionalen
Arbeitsteilung wurden aus ökonomischen Verbündeten über
Nacht Wettbewerber: War den zentralasiatischen Staaten zuvor die Produktion
von Wasserkraft und Baumwolle zugedacht, der Ukraine die Lieferung einer
Vielzahl von Fertiggütern und Moldawien die von Lebensmitteln, mussten
die Länder fortan auf eigenen Beinen stehen und eigene Märkte
für ihre Produkte suchen. Und auch innerhalb der neuen Staaten und
Regionen entbrannte ein Wettbewerb um Kapital, Menschen und Technologien.
Wo sich Wirtschafts- und Besiedlungsstruktur ehemals sicherheitspolitischen
Aspekten unterordnen mussten, folgen sie nun überwiegend der Logik des
Marktes. Vielerorts hat diese die etablierten Strukturen längst ad
absurdum geführt: Zahlreiche Industriesiedlungen sind unter hohen
Produktionskosten zusammengebrochen, Zentren der Rüstungsindustrie
obsolet geworden, und ländliche Räume haben sich durch
Abwanderung entleert.
Zwischen den neuen Freiheiten und dem ungewohnten Angebot an
Konsumgütern einerseits und der millionenfachen Armut und
Arbeitslosigkeit andererseits klaffte allerdings schnell ein riesiges Loch.
Nicht nur auf die seelische Gesundheit der Menschen hatte dies verheerende
Auswirkungen: Drogen- und Alkoholmissbrauch richteten viele körperlich
zugrunde. In Russland sank die Lebenserwartung für Männer mit 57
Jahren auf den niedrigsten Stand der Nachkriegszeit. Wer kaum genug hatte,
um das eigene Überleben zu sichern, konnte es sich erst recht nicht
leisten, Nachwuchs in die Welt zu setzen. Binnen eines Jahrzehnts sank die
durchschnittliche Kinderzahl je Frau in Russland von über zwei auf
1,2. Zu diesem Trend trug ab Mitte der 1990er Jahre auch die neu gewonnene
Freiheit bei, die viele Frauen dazu veranlasste, den Kinderwunsch
gegenüber jenem nach Selbstverwirklichung zurückzustellen.
Die Bevölkerungszahl Russlands ist seit 1993 von knapp 149 auf 142
Millionen Menschen zurückgegangen. Wären nicht mehrere Millionen
ethnische Russen nach dem Ende der Sowjetunion in ihre alte Heimat
zurückgekehrt, wäre der Verlust etwa doppelt so hoch ausgefallen.
Auch weil das Reservoir der Auslandsrussen langsam aufgebraucht ist, wird
sich der Bevölkerungsrückgang in Zukunft beschleunigen. Denn in
den nächsten Jahren kommen die ausgedünnten Jahrgänge der
1990er ins Elternalter. Bis 2030 könnte Russland weitere 15 Millionen
Menschen verlieren - am stärksten wird der Rückgang unter der
Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter sein. Für die
wirtschaftliche Zukunft des Landes wird es daher immer wichtiger, dass die
restliche Bevölkerung über einen guten Bildungs- und
Gesundheitsstand verfügt.
Die neue Studie "Die schrumpfende Weltmacht - Die demografische Zukunft
Russlands und der anderen post-sowjetischen Staaten" des Berlin-Instituts
zeigt eine Weltregion, die von einem demografischen Schrumpfungsprozess im
Norden und einem starken Bevölkerungswachstum im Süden
gekennzeichnet ist. Migrationsdruck auf der einen Seite trifft auf
Arbeitskräfterückgang auf der anderen Seite. Diese Gewichte
auszutarieren, ist in der Realität oft komplizierter, als es in der
Theorie erscheint.
Anhand einer Clusteranalyse war es möglich, die 141 betrachteten
Regionen und Länder auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion nach
demografischen Charakteristika in fünf Gruppen mit ähnlichen
Herausforderungen einzuteilen.
Die fünf Cluster auf einen Blick 
Cluster 1 umfasst eine kleine Gruppe von Regionen, die
es in der Vergangenheit geschafft hat, ihre Bevölkerung trotz sehr
niedriger Kinderzahlen durch Zuwanderung einigermaßen stabil zu
halten oder sogar zu vermehren. Zu ihnen zählen die Hauptstädte
Moskau, Kiew, Minsk sowie die Ostseemetropole St. Petersburg und der
ukrainische Schwarzmeerhafen Sewastopol. Städte wie Jekaterinburg,
Nischni Nowgorod oder Nowosibirsk erleben eine ähnliche Entwicklung,
nicht jedoch die gesamten Regionen, in denen sie liegen. Denn die dortigen
ländlichen Gebiete, Dörfer und Kleinstädte bieten gerade
für junge, gebildete Menschen immer weniger
Beschäftigungsmöglichkeiten. Neben unabhängigen Städten
finden sich in dieser Gruppe mit dem Moskauer und St. Petersburger Umland,
der beliebten Schwarzmeerregion Krasnodar, der Republik Tatarstan an der
Wolga sowie dem kleinen Gebiet Belgorod an der ukrainischen Grenze
ausschließlich russische Regionen in dieser Gruppe. Sie haben sich
aufgrund ihrer Wirtschaftskraft und regionaler Besonderheiten wie einer
attraktiven geografischen Lage (Krasnodar) oder einer aktiven
Migrationspolitik (Belgorod) zu Zuwanderungsmagneten entwickelt.
Dennoch stehen auch diese vermeintlichen "Gewinnerregionen" vor enormen
Herausforderungen: Jung und Alt, Einheimisch und Zugewandert, Reich und Arm
sind nur einige der Gegensätze, die es zu hier entschärfen gilt.
18,7 Prozent der Einwohner sind 60 Jahre oder älter. Zwar drücken
die Zuwanderer den Altersschnitt und sorgen dafür, dass sich der
Arbeitskräfterückgang hier langsamer vollzieht als anderswo, doch
stoßen die Migranten zunehmend auf den - teils gewalttätigen -
Widerstand der einheimischen Bevölkerung. Weitere Probleme sind die
wirtschaftliche Ungleichheit, die gerade in Moskau extreme Dimensionen
angenommen hat, und der knappe Wohnraum in den Metropolen.
Überwiegend geringe Bevölkerungsverluste werden auch die
Regionen der Gruppe 2 bis 2030 hinnehmen müssen, wenn auch aus
ganz anderen Gründen als die wirtschaftsstarken Gebiete der Gruppe 1.
Denn anders als Letztgenannte verlieren sie fast durch die Bank Einwohner
durch Abwanderung. Dagegen bekommen Frauen im Laufe ihres Lebens hier
durchschnittlich 1,64 Kinder und damit knapp 0,3 mehr als in Gruppe 1. Ein
Grund hierfür ist, dass zu dieser Gruppe viele eher ländliche
Gegenden zählen, in denen traditionellere Lebensstile vorherrschen.
Dies gilt sowohl für die Regionen des Nord- und Südkaukasus als
auch für die westlichen Gebiete der Ukraine und von Belarus. Das
eigentliche Merkmal dieser Regionen ist allerdings die hohe Lebenserwartung
von durchschnittlich 72,2 Jahren. Sie lässt sich neben den
klimatischen Bedingungen auch auf die Bedeutung der Religion und die
ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung zurückführen.
Sowohl im Nordkaukasus als auch in den westlichen Gebieten der Ukraine
leben weniger Russen als im landesweiten Durchschnitt. Durch
Alkoholmissbrauch bedingte, vermeidbare Todesfälle sind eher selten.
Die geringe Industriedichte und damit eine geringere Umweltbelastung
begünstigen ein längeres Leben ebenso wie der niedrige
Verstädterungsgrad, der Probleme wie Drogenmissbrauch und HIV
begrenzt.
Von Kaliningrad über weite Teile von Belarus und der Ukraine,
Zentral- und Nordwestrussland bis hinter den Ural, in die sibirische Region
Krasnojarsk, zieht sich ein Gürtel niedriger Fertilität, in dem
die gesellschaftliche Alterung bereits weit fortgeschritten ist. In der
Gruppe 3 ist etwa ein Fünftel der Bevölkerung 60 Jahre
oder älter. Im Schnitt dürften die Regionen bis 2030 im
zweistelligen Prozentbereich schrumpfen. Zuwanderung und Abwanderung halten
sich hier vielerorts in etwa die Waage. Nur vereinzelte "Leuchttürme"
verzeichnen nennenswerte Wanderungsüberschüsse. Zu ihnen
zählen die zentralrussischen Gebiete Kaluga und Jaroslawl, die an der
Wolga gelegenen Gebiete Samara und Astrachan, Russlands westlicher
Vorposten Kaliningrad, der ukrainische Schwarzmeerhafen Odessa sowie die
sibirischen Wissenschaftszentren Nowosibirsk und Tomsk.
Ähnlich große Bevölkerungseinbußen werden die
Regionen der Gruppe 4 hinnehmen müssen, zu denen insbesondere
nördliche und östliche Randgebiete Russlands zählen. Ihr
Hauptmerkmal sind hohe Wanderungsverluste. Darüber hinaus sind sie
durch eine sehr geringe Lebenserwartung, leicht überdurchschnittliche
Kinderzahlen und folglich eine junge Bevölkerungsstruktur
geprägt. Diese Gruppe zeigt deutlich, dass eine flächendeckende
Besiedlung des russischen Territoriums unter marktwirtschaftlichen
Bedingungen nicht zu verwirklichen ist. Der Autonome Kreis der Tschuktschen
hat seit dem letzten Sowjetzensus 1989 mehr als zwei Drittel seiner
Einwohner verloren, das Gebiet Magadan über die Hälfte. Die
zukünftige Schrumpfung dieser Regionen wird sich zu einem immer
größeren Teil mit Sterbeüberschüssen erklären
lassen, da viele wanderungswillige junge Menschen die Regionen bereits
verlassen haben.
Auch die Mehrheit der Regionen der Gruppe 5 hat mit Abwanderung zu
kämpfen. Entleeren werden sie sich dadurch aber keinesfalls. Denn
Frauen bekommen hier im Schnitt 2,78 Kinder - so viele wie in Nordafrika.
Das sind deutlich mehr, als für eine stabile
Bevölkerungsentwicklung nötig wären. Die hohen Kinderzahlen
schlagen sich in einer extrem jungen Bevölkerungsstruktur und einem
teilweise hohen Bevölkerungswachstum nieder. Damit unterscheiden sich
diese Regionen deutlich von allen anderen Clustern. Der Hauptgrund für
die hohen Kinderzahlen ist der niedrige Entwicklungsstand dieser Regionen,
zu denen weite Teile Zentralasiens sowie die russischen Republiken
Tschetschenien, Tuwa und Altai zählen. Soziale Sicherungssysteme sind
bislang kaum ausgebaut, weshalb die Familien weiterhin die Rolle der
Sozialversicherung übernehmen. Doch die vielen Kinder haben vor Ort
kaum Aussicht auf Beschäftigung. In Scharen wandern die jungen
Menschen daher ab. Beliebtestes Ziel ist Moskau, von wo sie einen
Großteil ihres Lohnes zurück in die Heimat schicken, um ihre
Familien zu unterstützen.
Allerdings fallen auch hier die Kinderzahlen, wodurch die Regionen in
Zukunft von einer wachsenden Erwerbsbevölkerung bei gleichzeitig
weniger wirtschaftlich Abhängigen - Kinder und Alte - profitieren
könnten. Um diese "demografische Dividende" auszunutzen, bedarf es
allerdings enormer Investitionen in Arbeitsplätze. Ob dies
möglich sein wird, erscheint ob der politischen Instabilität und
Korruption fraglich.
Für Fragen und Interviews stehen Ihnen zur Verfügung:
- Stephan Sievert, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Berlin-Instituts,
Telefon: 0 30 - 31 10 26 98, E-Mail: sievert@berlin-institut.org
- Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts,
Telefon: 0 30 - 31 01 75 60, E-Mail: klingholz@berlin-institut.org
- Sergei Sacharow von der Hochschule für Ökonomie in Moskau,
E-Mail: szakharov@hse.ru
Die in der Studie enthaltenen Grafiken erhalten Sie vom Berlin-Institut
auf Anfrage unter Telefon: 0 30 - 22 32 48 45 oder E-Mail:
info@berlin-institut.org. Dort können Sie auch gedruckte Exemplare
bestellen (Schutzgebühr 6 Euro, inklusive Versand innerhalb
Deutschlands).
Weitere Informationen sowie die Studie als PDF zum kostenfreien Download
finden Sie unter www.berlin-institut.org.
Das Projekt wurde gefördert von der Robert Bosch Stiftung, der ERSTE
Stiftung und dem GfK Verein. 

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Die wichtigsten Ergebnisse
Eckpunkte der Studie "Die schrumpfende Weltmacht
- Die demografische Zukunft Russlands und der anderen post-sowjetischen
Staaten" des Berlin-Instituts - Seit 1993 ist die
Bevölkerungszahl Russlands von 149 auf 142 Millionen Menschen
zurückgegangen - bis dahin war sie seit dem Zweiten Weltkrieg stetig
gewachsen.
- Ohne Zuwanderung hätte sich der Verlust auf etwa 11,5 Millionen
Menschen belaufen.
- Nach der Wende brach die durchschnittliche Kinderzahl je Frau in
Russland von zuvor 1,89 auf 1,16 ein - inzwischen erholt sie sich langsam
wieder. Sie liegt heute mit 1,54 jedoch weit unter jenem Niveau, das
für eine stabile Bevölkerungsentwicklung nötig wäre.
- Obwohl sich moderne Verhütungsmittel auf dem Gebiet der ehemaligen
Sowjetunion langsam verbreiten, werden in Russland noch immer mehr
Schwangerschaften abgebrochen als in der gesamten EU, in der viermal so
viele Menschen wohnen.
- Die Lebenserwartung in Russland sank zwischen 1991 und 1994 von 69 auf
weniger als 64 Jahre und trug entscheidend zu den
Sterbeüberschüssen bei - auch hier ist jüngst wieder eine
leichte Verbesserung zu beobachten.
- Besonders der Gesundheitszustand von Männern verschlechterte sich -
sie konnten Mitte der 1990er Jahre lediglich mit einer durchschnittlichen
Lebenszeit von 58 Jahren rechnen. Heute liegt die Lebenserwartung mit 62,8
Jahren noch immer niedriger als in Bangladesch.
- Häufigste Todesursache sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen gefolgt von
Todesfällen durch äußere Einflüsse (Morde,
Selbstmorde, Unfälle).
- In typischen russischen Industriestädten lässt sich zwischen
einem Drittel und der Hälfte aller Todesfälle unter
männlichen Erwachsenen direkt oder indirekt auf Alkoholmissbrauch
zurückführen - doch auch Infektionskrankheiten wie Aids oder
Tuberkulose sind in Russland auf dem Vormarsch.
- Der Bevölkerungsrückgang wird sich in Zukunft beschleunigen,
da die Zuwanderungszahlen niedriger liegen als in den 1990er Jahren und
künftig deutlich weniger potenzielle Mütter zur Verfügung
stehen.
- Bis 2030 könnte Russland etwa 15 Millionen Menschen verlieren - um
eben jene Zahl wird auch die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter
zurückgehen, da die sinkende Zahl an Kindern durch mehr ältere
Menschen ausgeglichen wird.
- Periphere Gebiete im Norden und Osten verlieren
überproportional.
- In den zentralasiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion und in weiten
Teilen des Kaukasus liegen die durchschnittlichen Kinderzahlen dagegen bei
über zwei und teilweise sogar drei. Diese Staaten werden auch
weiterhin wachsen - Tadschikistan um bis zu 35 Prozent bis 2030.
- Die Arbeitsmigration nach Russland wird weiter anhalten - die
Rücküberweisungen der Migranten stellen für Länder wie
Usbekistan, Tadschikistan oder Aserbaidschan eine wichtige Hilfe im Kampf
gegen die Armut dar.
- Trotz Verbesserungen der russischen Migrationspolitik in den letzten
Jahren hält sich noch immer bis zu ein Viertel aller Migranten illegal
in Russland auf - und auch registrierte Migranten verdienen ihr Geld
häufig in der Schattenwirtschaft.
Für Fragen und Interviews stehen Ihnen zur Verfügung:
- Stephan Sievert, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Berlin-Instituts,
Telefon: 0 30 - 31 10 26 98, E-Mail: sievert@berlin-institut.org
- Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts,
Telefon: 0 30 - 31 01 75 60, E-Mail: klingholz@berlin-institut.org
- Sergei Sacharow von der Hochschule für Ökonomie in Moskau,
E-Mail: szakharov@hse.ru
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auf Anfrage unter Telefon: 0 30 - 22 32 48 45 oder E-Mail:
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Das Projekt wurde gefördert von der Robert Bosch Stiftung, der ERSTE
Stiftung und dem GfK Verein.


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Das russische Kreuz
Geburteneinbruch nach der Wende, moderne
Familienplanung und unzureichende öffentliche Versorgung sorgen
für immer weniger Kinder in Russland Im Jahr
1990 kamen in Russland etwa zwei Millionen Babys zur Welt, zehn Jahre
später waren es lediglich 1,2 Millionen. Die durchschnittliche
Kinderzahl je Frau sank in Russland in den ersten acht Jahren nach dem Fall
des Eisernen Vorhangs von 1,89 auf 1,16. Inzwischen sind die
jährlichen Kinderzahlen wieder auf 1,8 Millionen gestiegen, und auch
die Kinderzahl je Frau hat sich erholt, wie der Wert von 1,54 zeigt. Dem
Wunsch der meisten Russen entspricht allerdings auch dies nicht: In
Umfragen sagt die Mehrheit, sie hätte gerne zwei Kinder.
In Zukunft wird die Zahl der Geburten jedoch selbst bei weiter steigender
Fertilität sinken, da es durch die geburtenschwachen Jahrgänge
der 1990er Jahre künftig immer weniger potenzielle Mütter gibt.
So umfasste die Gruppe der 20- bis 29-jährigen Frauen, die für
einen Großteil der Geburten aufkommt, im Jahr 2008 noch 11,6
Millionen Menschen. Fünf- bis 14-jährige Mädchen, die in 15
Jahren ihre Kinder bekommen werden, gab es dagegen nur 6,5 Millionen.
Weniger Kinder, mehr Todesfälle
Jährliche Zahl der Geburten und Todesfälle in Russland, 1980 bis
2009 
Ende der 1980er Jahre begannen die Kinderzahlen in Russland
zu sinken. Sie stabilisierten sich erst Mitte der 1990er Jahre etwas. Etwa
zeitgleich stieg die Zahl der Sterbefälle drastisch an. Vor allem
Männer im erwerbsfähigen Alter waren betroffen. 1992 starben
erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg in Russland mehr Menschen als geboren
wurden, und nur langsam nähern sich die beiden Kurven einander wieder
an. Langfristig werden die Kinderzahlen indes weiter sinken, da es immer
weniger potenzielle Eltern gibt (Datengrundlage: Rosstat, Demografitscheski
Jeschegodnik Rossii - 2010 g., Moskau).
Nationale Durchschnittswerte überdecken enorme regionale
Fertilitätsunterschiede. In den russischen Republiken Tschetschenien,
Altai und Tywa bekommen Frauen im Schnitt noch immer mehr als zwei Kinder,
während es im St. Petersburger Umland nur 1,19 sind. Vor allem in
Zentral- und Nordwestrussland, wo viele ethnische Russen leben, sind die
Kinderzahlen niedrig. In den südlichen Regionen dagegen sorgen
Burjaten, Udmurten, verschiedene Kaukasusvölker und viele andere
Ethnien für vergleichsweise viel Nachwuchs. Jenseits der Grenze, in
Kasachstan, Usbekistan oder Tadschikistan, liegen die Fertilitätsraten
vielerorts sogar bei über drei Kindern je Frau, was sich auf die dort
noch immer vorherrschenden traditionellen Familienstrukturen
zurückführen lässt.
Innerhalb Russlands nehmen die regionalen Unterschiede allerdings schon
seit langem langsam aber stetig ab. In den 20 Jahren seit dem Zerfall der
Sowjetunion ist die Kinderzahl je Frau in den 39 russischen Regionen mit
überdurchschnittlichen Fertilitätsraten um etwa 22 Prozent
gefallen; in den 39 Regionen mit unterdurchschnittlichen Werten lediglich
um rund 20 Prozent. Auch der Stadt-Land-Unterschied verschwimmt immer mehr.
Bekamen Frauen in ländlichen Gebieten Russlands in den 1960er Jahren
noch 60 bis 70 Prozent mehr Kinder als Städterinnen, betrug der
Überschuss in den 1980er Jahren nur noch 50 Prozent und seitdem ist er
bis auf 34 Prozent gefallen.
Kinderarmut im reichen Norden, Reichtum an armen Kindern im
Süden 
Anders als in Europa sind auf dem Gebiet der ehemaligen
Sowjetunion noch relativ große regionale Fertilitätsunterschiede
zu beobachten. Während die durchschnittliche Kinderzahl je Frau im
Norden meist zwischen 1,3 und 1,7 liegt, verzeichnen die zentralasiatischen
Staaten Werte von mehr als zwei und teilweise sogar drei. Viele
Unterschiede lassen sich durch den Entwicklungsstand der Regionen, die
vorherrschenden Geschlechterbilder sowie die religiöse und ethnische
Zusammensetzung der jeweiligen Bevölkerung erklären. Dennoch
nähern sich die Regionen bei der durchschnittlichen Kinderzahl je Frau
seit Längerem einander an (Datengrundlage: Nationale Statistische
Ämter; Vereinte Nationen, World Population Prospects: The 2008
Revision Population Database, New York).
Erklärungsansätze für den drastischen Geburtenrückgang
während des Systemumbruchs, der fast alle Nachfolgestaaten der
Sowjetunion betraf, gibt es viele. Vor allem in der Zeit unmittelbar nach
dem Fall der Sowjetunion haben materielle Nöte und unsichere
Zukunftsperspektiven Familiengründungen verhindert. Die Menschen
mussten mit sinkenden Löhnen leben oder verloren ihre Arbeit ganz. Der
Staat musste seine Sozialausgaben drastisch kürzen, weil er infolge
der Wirtschaftskrise ebenfalls mit leeren Kassen zu kämpfen hatte. Was
an finanzieller Unterstützung für junge Familien übrig
blieb, machten die bis zu vierstelligen Inflationsraten meist schnell
zunichte.
Seitdem die größte Not der Nachwendezeit überstanden ist,
zeigt sich die neu gewonnene persönliche Freiheit der Bürger auch
in individuelleren Lebensentwürfen - zumindest in den reicheren
Staaten des Nordens. Immer mehr Frauen strömen in die
Universitäten und verschieben den Kinderwunsch ins höhere Alter.
Das ermöglichen unter anderem die modernen Mittel zur
Empfängnisverhütung, die heute leicht zugänglich sind,
während sie zu Sowjetzeiten nur schwer erhältlich oder qualitativ
minderwertig waren.
In der Sowjetunion hatte der Mangel an Verhütungsmitteln zu einer
wahren "Abtreibungskultur" geführt: Es war üblich, dass die
Frauen die gewünschte Anzahl ihrer Kinder in jungen Jahren bekamen -
dann aber jede weitere ungewollte Schwangerschaft vorzeitig beendeten. Noch
Anfang der 1990er Jahre entfielen in Russland auf jede Geburt mehr als zwei
Schwangerschaftsabbrüche. Erst 2006 stieg die Überlebenschance
für ein Ungeborenes auf über 50 Prozent. Trotz dieser
Fortschritte verzeichnet Russland auch heute noch die europaweit
höchste Abtreibungsrate.
Verhütung ersetzt Abtreibung 
Seit Mitte der 1990er Jahre hat die Zahl der
Schwangerschaftsabbrüche in allen Nachfolgestaaten der Sowjetunion
abgenommen. Besonders in den slawisch geprägten Staaten Russland,
Belarus und der Ukraine, in denen die Raten zur Wendezeit am höchsten
lagen, ist ein deutlicher Rückgang zu beobachten. Hier setzen sich
moderne Verhütungsmittel mehr und mehr als Mittel zur Familienplanung
durch. Dennoch werden in Russland noch immer jährlich mehr
Schwangerschaften abgebrochen als in der gesamten EU, in der viermal so
viele Menschen leben.
Vor allem die Fertilitätsraten der unter 25-Jährigen sanken in
der Nachwendezeit dramatisch: Während im Jahr 1990 noch fast jede
sechste Frau zwischen 20 und 24 Jahren ein Kind zur Welt brachte, war es
2009 nicht einmal mehr jede Elfte. Allerdings holen viele Frauen den
aufgeschobenen Kinderwunsch im höheren Alter nach: Über
25-jährige Russinnen bekommen mittlerweile mehr Kinder als noch
1990.
Angesichts der hohen Frauenerwerbsquote hatte die Sowjetunion - wie alle
sozialistischen Länder - für ein gut ausgebautes Netz an
Kindergärten gesorgt. Doch nach der Wende schlossen viele dieser
Einrichtungen aus Geldnot. Von ehemals 87.900 vorschulischen Einrichtungen
in Russland sind lediglich 45.600 übrig geblieben. Dass die Zahl der
Plätze je Anwärter annähernd konstant geblieben ist, ist
einzig dem starken Geburtenrückgang zuzuschreiben. Vor allem für
die zahlreichen alleinerziehenden Mütter - die Scheidungsraten in
Russland sind hoch - ist es durch die unzureichende Versorgung
öffentlicher Betreuungseinrichtungen problematisch, Beruf und Familien
zu vereinbaren.
Mit seiner Reform der Familienpolitik im Jahr 2007 hat Wladimir Putin die
finanzielle Unterstützung junger Familien deutlich ausgebaut. Er
führte Zuschüsse zu Kindergartengebühren ein und
erhöhte die Geburtenprämie ebenso wie das eineinhalb Jahre
zahlbare Elterngeld. Außerdem schuf Putin das sogenannte
Mutterschaftskapital, eine Einmalzahlung im Gegenwert von 10.000 US-Dollar
für die Geburt oder Adoption eines zweiten Kindes, die jedes Jahr der
Inflationsrate angepasst wird.
Allein finanzielle Mittel können allerdings nicht das Dilemma vieler
Frauen lösen, die wegen der Arbeit auf Kinder verzichten müssen.
Doch anstatt die Modernisierung der Gesellschaft voranzutreiben, dient die
Familienpolitik in Russland oder der Ukraine häufig dazu,
vermeintliche Traditionen zu bewahren. Im aktuellen russischen
Demografiekonzept ist eine durchschnittliche Kinderzahl von 1,95 im Jahr
2025 als explizites Ziel ausgegeben. Außerdem sollen "traditionelle
Familienwerte wiederbelebt werden". Dabei zeigen die Erfahrungen anderer
Industrienationen, dass die Kinderzahlen gerade dort am höchsten sind,
wo die Gleichstellung der Geschlechter an weitesten fortgeschritten ist und
sich Beruf und Familie durch gut ausgebaute Betreuungseinrichtungen besser
verbinden lassen.
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Das Projekt wurde gefördert von der Robert Bosch Stiftung, der ERSTEN
Stiftung und dem GfK Verein. 
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