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"Die Regierung muss der deutschen
Öffentlichkeit verständlich machen, dass Zuwanderung in ihrem
Interesse liegt"
Interview mit Howard Duncan, Metropolis, Ottawa,
Kanada Howard Duncan leitet seit 1997 das
Metropolis Project, ein internationales Netzwerk für vergleichende
Politikwissenschaft. Metropolis Project arbeitet zu den Themen Migration,
Integration und multikulturelle Gesellschaft. Duncan studierte Philosophie
und Anglistik an der Carleton University in Ottawa und promovierte
anschließend im Bereich Wissenschaftsphilosophie an der University of
Western Ontario. Der Schwerpunkt seiner derzeitigen Arbeit liegt in der
theoretischen Betrachtung von Integration, Multikulturalismus,
Globalisierung und Migration.

Die Geburtenrate liegt in Kanada mit durchschnittlich 1,69
Kindern pro Frau zwar deutlich höher als in Deutschland mit 1,38,
erreicht aber dennoch nicht das so genannte bestandserhaltende Niveau von
2,1. Führt diese Entwicklung in Kanada zu Problemen?
Sie würde zu Problemen führen, wenn wir nicht so eine starke
Zuwanderung hätten. Sie gleicht die geringe Geburtenrate teilweise
aus. Solange wir die Zuwanderungszahlen auf dem derzeitigen Niveau halten,
wird die Bevölkerung in den nächsten 25 Jahren weiter wachsen und
sich dann langsam auf einem stabilen Niveau einpendeln.
Also konzentriert sich Kanada darauf, die Zuwanderungszahlen zu halten
oder vielleicht sogar zu erhöhen - anstatt zu versuchen, die
Geburtenrate anzuheben?
Letzteres hat Kanada versucht, aber es hat nicht funktioniert. Vielleicht
lässt sich eine Steigerung von 0,1 oder 0,2 erreichen, aber das ist
noch immer weit von dem entfernt, was das Land benötigt. Eine hohe
Geburtenrate korreliert mit Armut, geringer Bildung von Frauen und
gesellschaftlichen Einschränkung von Frauen auf die Hausfrauenrolle.
Unsere Gesellschaften haben dies hinter sich gelassen und werden sich auch
nicht dorthin zurückentwickeln.
Denken sie, dass die kanadische Öffentlichkeit und die Regierung
die Notwendigkeit von Zuwanderung verstehen?
Meiner Ansicht nach ist die Notwendigkeit von Zuwanderung offenkundig. Die
kanadische Regierung hat das verstanden und fördert daher Migration.
In der zurückliegenden Wirtschaftskrise haben viele Länder die
Zahl der Einwanderer beschränkt - Kanada hat das nicht getan. Wir
haben die Zuwanderung auf dem exakt gleichen Niveau gehalten - das war die
Strategie der Regierung. Ich denke, man kann die kanadische Regierung zu
den überzeugten Befürwortern von Zuwanderung zählen.
Kanada ist wie die USA oder Argentinien ein traditionelles
Einwanderungsland. Was macht Kanada für Migranten so attraktiv?
Ich nehme an, es sind ähnliche Faktoren, die auch die anderen
traditionellen Einwanderungsländer attraktiv machen: Kanadas offene
Wirtschaft, die für zahlreiche Arbeitsmöglichkeiten sorgt;
Kanadas moderne, demokratische Gesellschaft, die sich gegenüber
Zuwanderern sehr aufgeschlossen verhält. Ich glaube nicht, dass sich
Migranten, wenn sie nach Kanada kommen, Sorgen machen, ob sie akzeptiert
werden, ob sie gut behandelt werden oder ob sie Opfer von Diskriminierung
werden könnten. Daher fühlen sie sich wohl. Und sie wissen, dass
es ihnen möglich sein wird, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten - das
ist nicht zu unterschätzen. Kanada bemüht sich schon seit langer
Zeit erfolgreich um Migranten, so dass es inzwischen viele
ausdifferenzierte ethnische Gemeinschaften im Land gibt. Das allein bewegt
Menschen aus den gleichen Herkunftsländern, nach Kanada einzuwandern,
weshalb wir ein umfassendes Programm für die
Familienzusammenführung haben. Wenn sie zum Beispiel junge Zuwanderer
aus Indien haben, die ihren Freunden und Familien von Kanada erzählen
und sie bei der Einwanderung unterstützen, so führt dies zu einer
Kettenreaktion von Migrationsprozessen. Diese Entwicklung wird weiter
anhalten. Familienzusammenführung ist ein enormer Antrieb für die
Zuwanderung nach Kanada.
Bemerken Sie einen zunehmend härteren Wettbewerb um qualifizierte
Arbeiter innerhalb der letzten Jahre?
Ja, absolut. Wir standen schon immer im Wettbewerb mit den Vereinigten
Staaten. Sie sind weltweit das Ziel erster Wahl von Migranten. Daher musste
Kanada sehr hart arbeiten, um eine attraktive Zuwanderungspolitik sowie
einen zuwandererfreundlichen Arbeitsmarkt zu schaffen und generell eine
Gesellschaft zu werden, die Migration befürwortet.
Sind neu in den Wettbewerb eingetretene Länder zu spüren?
Deutschland und andere alternde Gesellschaften in Europa bemühen sich
beispielsweise inzwischen verstärkt um hochqualifizierte
Arbeitskräfte.
Die Fähigkeit der Europäischen Union, Migranten anzuziehen, ist
durchaus ernst zunehmen. Dennoch glaube ich nicht, dass irgendein Land der
EU einen besorgniserregenden Konkurrenten darstellt, da die
Einwandererzahlen von hoch Qualifizierten noch sehr gering sind. In
Deutschland sind es zum Beispiel nur einige Hundert. Das sind lange keine
50.000 oder 100.000. Wenn die USA ein Punktesystem einführen und eine
halbe Million Menschen ins Land holen würden, dann könnte sich
das in Kanada bemerkbar machen.
Konkurrieren sie auch um internationale Studenten?
Im Hinblick auf den Wettbewerb um Studenten ist interessanterweise
Australien unser stärkster Konkurrent. Das Land war
außergewöhnlich erfolgreich beim Anwerben von internationalen
Studenten und hat hier einen deutlichen Vorsprung vor Kanada. Deshalb
arbeiten wir mit den kanadischen Universitäten zusammen, um die
Attraktivität des Landes als Ziel für internationale Studenten zu
verbessern. Dieser Wettkampf ist deutlich spürbar, und Kanada
versucht, darauf zu reagieren.
Woher kommt der Großteil der Zuwanderer?
Das ist sehr unterschiedlich. Im Jahr 2008 kam der größte Teil
aus China, gefolgt von Indien, den Philippinen und an vierter Stelle den
USA. Unter den zehn Haupteinwanderungsländern fanden sich darüber
hinaus England, Pakistan und Frankreich. In Kanada gibt es Migranten aus
nahezu allen Ländern der Welt, weshalb das Land so eine enorme
ethnische und kulturelle Vielfalt besitzt. Das ist ein Vorteil für
Einwanderungsländer, da auf diese Weise keine bestimmte Gruppe
dominiert. Meiner Meinung nach spielt das auch eine Rolle, wenn Menschen
darüber nachdenken wieder auszuwandern.
Was würden sie Deutschland empfehlen, um seine Zuwanderungspolitik
zu verbessern, sie erfolgreicher zu gestalten?
Zunächst müsste sich Deutschland auf internationaler Ebene
ernsthaft als Einwanderungsland präsentieren. Diese Ansage muss vom
Kanzleramt kommen und bis nach unten durch die Ministerien erfolgen. Ich
glaube, viele potenzielle Zuwanderer entscheiden sich gegen Deutschland, da
sie das Gefühl haben, dort unerwünscht zu sein - auch wenn das
wahrscheinlich falsch ist. Obwohl es heute nicht mehr zutrifft, haftet
Deutschland der Ruf des Gastarbeiterlandes an, in dem sich Migranten nur
auf eine beschränkte Zeit aufhalten dürfen. Deutschland muss
daher zuerst einmal eine intensive internationale
Öffentlichkeitsarbeit leisten. Nachrichten verbreiten sich schnell.
Was noch?
Darüber hinaus muss die Regierung der deutschen Öffentlichkeit
verständlich machen, dass Zuwanderung in ihrem Interesse liegt und die
Regierung diese unter Kontrolle hat, denn ohne öffentliche Zustimmung
kann Einwanderung niemals nachhaltig erfolgreich sein.
Migranten kommen größtenteils aus Entwicklungsländern
und Nationen, die sich im Entstehungsprozess befinden. Viele kehren nach
einer bestimmten Zeit wieder in ihre Herkunftsländer zurück.
Sorgt sich Kanada wegen dieser Brain Circulation?
Das ist nun einmal die Chance, die man hat. Etwa zwei Millionen Kanadier
leben außerhalb des Landes, von daher dient die Einwanderung
teilweise dazu, diese Leute zu ersetzen. Das Zuwanderungsprogramm der
neuseeländischen Regierung wurde zu einem gewissen Teil
eingeführt, um die Neuseeländer zu ersetzen, die nach Australien
auswandern. Jedes Land, das solchen Migrationsprozessen unterliegt, muss
damit rechnen, dass Menschen kommen und wieder gehen. Auch in Deutschland
gibt es viele Deutsche, die Deutschland verlassen. Man kann nicht davon
ausgehen, dass die Zuwanderer, die kommen, auch im Land bleiben. Das ist
einfach nicht realistisch. Aber ich denke, dass das auch gar keine so
große Rolle spielt. Deutschland braucht Zuwanderer, Kanada braucht
Zuwanderer, also müssen sich die Länder um Zuwanderung
bemühen. Wenn ein Teil der Migranten im Land bleibt, nun gut, dann ist
das das Beste, was man in einer globalisierten Welt erreichen kann. Nehmen
wir an, ein Land braucht 200.000 Einwanderer im Jahr. Dann sollte versucht
werden, möglichst eine Anzahl von 300.000 zu erreichen - vor dem
Hintergrund, dass 100.000 von ihnen wieder abwandern werden. Das sind jetzt
grobe Schätzungen, aber Sie verstehen, was ich meine.
Und wie steht es um die Herkunftsländer der Migranten, zum
Beispiel die Philippinen?
Das unterscheidet sich von Staat zu Staat: Auf den Philippinen werden mehr
Krankenpfleger ausgebildet, als das Land benötigt. Es absolvieren
allgemein zu viele Leute Ausbildungen im Bereich Gesundheitswesen. Damit
wird absichtlich ein Überschuss an Personal auf dem heimischen Markt
hergestellt. Das heißt nicht, dass das keine negativen Folgen hat.
Ein Problem für die Philippinen sind Ärzte, die das Land
verlassen. Interessanterweise schulen sich Ärzte zu Krankenpflegern
um, um in diesem Beruf im Ausland zu arbeiten. Der Bestand von Ärzten
ist daher in ländlichen Regionen zurückgegangen. Meiner Meinung
nach muss der Westen mit Ländern wie den Philippinen zusammenarbeiten,
um die Migrationsströme so zu lenken, dass kein allzu großer
Schaden in den Herkunftsländern entsteht.
Verlangsamt der Brain Drain die Entwicklung dieser Länder?
Die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte wird sehr kontrovers
diskutiert, und es gibt zu diesem Thema zurzeit keinen Konsens. Die einen
argumentieren, dass sie die Entwicklung hemmt. Andere sehen darin einen
Weg, das Humankapital in den Herkunftsländern zu erhöhen - und
zwar folgendermaßen: Diejenigen, die das Land verlassen und im
Ausland erfolgreich sind, schaffen als Vorbilder einen Anreiz für die
Menschen zuhause, sich um eine bessere Bildung zu bemühen, so dass
auch deren Aussichten auf eine Auswanderung steigen. Viele von ihnen werden
ihre Heimat jedoch nicht verlassen, was zu einem Nettoanstieg des
Humankapitals in der Gesellschaft führt und der Entwicklung des Landes
zuträglich ist. Wiederum andere betonen den Wert der
Geldüberweisungen ins Herkunftsland durch die Auswanderer. Diese Art
des Kapitalrückflusses kommt mit der Zeit jedoch häufig zum
Erliegen. Die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte stellt einen
komplexen Sachverhalt dar, der noch eingehender untersucht werden muss.
Sie haben hervorgehoben, dass ein Grund für die erfolgreiche
Integration der Zuwanderer die ethnische Vielfalt der kanadischen
Gesellschaft ist. In Deutschland wird sich eine derartige Vielfalt nicht so
schnell ergeben. Was muss Deutschland Ihrer Ansicht nach tun?
Es braucht politische Führung. Die Politiker müssen den Menschen
in Deutschland verständlich machen, dass Zuwanderung dem Wohle des
Landes dient, dass die Migration kontrolliert wird, und dass die Menschen,
die ins Land kommen, eine wirtschaftliche und gesellschaftliche
Bereicherung sind. Und vielleicht können sie ja auch auf andere
Staaten verweisen, die diesen Weg erfolgreich gegangen sind und geben der
Öffentlichkeit zu verstehen: Die USA sind nicht an Zuwanderung
zugrunde gegangen, Kanada ist nicht an Zuwanderung zugrunde gegangen; die
Menschen dort sind glücklich. Die Wichtigkeit von politischer
Führung bei diesem Thema kann nicht hoch genug eingeschätzt
werden. Eine Sache noch zu Kanada, Australien und Neuseeland: Es gibt dort
keine politischen Parteien, die gegen Zuwanderung sind. In den USA sind
beide großen Parteien, die Republikaner und auch die Demokraten,
absolut von der Notwendigkeit von Zuwanderung überzeugt, in Kanada
sind es alle Parteien. Das macht es natürlich einfacher, die
Öffentlichkeit zu überzeugen, als wenn sie Parteien haben, die
Zuwanderung ablehnen. Die regierenden Parteien in Deutschland stehen daher
vor der Aufgabe, die migrationsfeindliche Stimmungsmache aus dem rechten
Lager unwirksam zu machen. Ich bin davon überzeugt, dass politische
Führung der wichtigste Punkt ist, aber es bedarf natürlich auch
eines strategischen Programms, um den gesamten Prozess anzuleiten, die
Aufnahme von Zuwanderern zu organisieren, die Integration zu gestalten und
sicherzustellen, dass die ins Land gekommenen Menschen in die Arbeitswelt
aufgenommen werden. Das bedeutet, dass sich um die Anerkennung von im
Ausland erworbenen Fähigkeiten und Abschlüssen gekümmert und
sich intensiv um die Vermittlung der deutschen Sprache bemüht werden
muss.
Hat Deutschland in dieser Hinsicht wesentlich größere
Probleme als Länder, in denen Englisch gesprochen wird?
Es werden sicherlich große finanzieller Investitionen in
Sprachtraining notwendig sein, aber es ist nicht unmöglich. Nehmen Sie
zum Beispiel Israel: Jeder, der Jude ist, kann dort hinkommen, auch wenn er
kein Hebräisch spricht - genau genommen spricht kaum einer von ihnen
Hebräisch. Sobald Sie ins Land gelangen, wird mit der Sprachausbildung
angefangen. Israel musste so verfahren, da es den Zuwanderern sonst kaum
möglich gewesen wäre, einer Arbeit nachzugehen. Daher hat man
sich entschieden, einen enormen Betrag in die Integrationsarbeit zu
investieren. Deutschland wird den gleichen Weg gehen müssen, zumindest
was die Sprache betrifft. Es kann gelingen.
In Deutschland fürchten Teile der Bevölkerung, dass
Immigranten die Sozialsysteme missbrauchen könnten. Besteht diese
Furcht auch in Kanada?
Meinungsumfragen haben Jahr für Jahr gezeigt, dass die kanadische
Öffentlichkeit die Zahl der Zuwanderer für angemessen hält.
Die Kanadier unterstützen die Zuwanderung. Sie sind überzeugt,
dass sie gut organisiert ist und dem Wohl der Gesellschaft und Wirtschaft
dient. Das Vertrauen der kanadischen Öffentlichkeit in die
Zuwanderungsprogramme führt zu einer geringen Sorge darüber, dass
die Einwanderer das Wohlfahrtssystem missbrauchen könnten. Die
Zuwanderer in Kanada lassen sich drei großen Gruppen zuordnen:
Wirtschaftsmigranten, sogenannte family class migrants, Flüchtlinge.
Die Kanadier erwarten von Flüchtlingen, dass diese die
Unterstützung des Staates in Anspruch nehmen werden, schließlich
suchen sie Schutz. Die "family class migrants" werden von
Familienmitgliedern finanziert. Und Wirtschaftsmigranten kommen ins Land,
um zu arbeiten oder Geschäfte zu machen - also Jobs zu schaffen. Es
existiert sicherlich eine gewissen Sorge über die gegenwärtige
Arbeitslosigkeit unter den Qualifizierten, die Kanada aufgenommen hat. Aber
diese Sorgen werden typischerweise als Problem der Anerkennung
ausländischer Zeugnisse formuliert und als Zeichen der Notwendigkeit,
mehr zu tun, um den Immigranten bei der Arbeitssuche zu helfen - nicht, um
nach einer Beschränkung der Zuwandererzahlen zu rufen.
Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut)
erlaubt.
English
original version 

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Die Zahl älterer Erwerbstätiger
wächst - vor allem Frauen arbeiten länger
Seit 2007 ist mehr als jeder Zweite der 55- bis
64-Jährigen noch im Job, vor 15 Jahre galt das nur für gut jeden
Dritten dieser Altersgruppe Die geburtenstarken
Jahrgänge der zwischen 1955 und 1965 Geborenen wachsen langsam in die
Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen hinein. Im Unterschied zur
Generation ihrer Eltern hören diese Babyboomer in Deutschland erst
später auf zu arbeiten. Darüber hinaus sind in dieser
Altersgruppe mehr Frauen erwerbstätig als früher, wenn auch oft
nur in Teilzeit- oder geringfügiger Beschäftigung. Deshalb nimmt
die Zahl der älteren Erwerbstätigen zu. Das ist das Ergebnis des
aktuellen Altersübergangs-Monitors des Instituts Arbeit und
Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen. Die Analyse beruht
auf den Daten des Mikrozensus der Jahre 1991 bis 2007. Der Mikrozensus ist
eine jährlich durchgeführte, repräsentative Befragung von
einem Prozent der Bevölkerung.
Die Alterserwerbstätigenquote bezeichnet den Anteil der
Erwerbstätigen an der Bevölkerung im Alter von 55 bis 64 Jahren.
Der Report fasst unter "Erwerbstätigkeit" alle Formen eines
bestehenden Arbeitsverhältnisses, ohne eine Mindestgrenze für
Einkommen und Arbeitsstunden. Die Quote schließt also auch jene
Personen ein, die zusätzlich Transferleistungen erhalten oder
vorübergehend - etwa wegen Mutterschutz oder Krankheit - keiner
Erwerbsarbeit nachgehen.
Die "jungen Alten" arbeiten länger
In den 1990er Jahren lag die Alterserwerbsbeteiligung durchgängig
unter 40 Prozent. 1993 erreichte sie in Folge der Wende, die zu einer
breiten Frühverrentung der Geburtsjahrgänge bis 1937 führte,
den Tiefpunkt von 35 Prozent. Seit dem Jahr 2000 ist der Anteil der
Erwerbstätigen in der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen
deutlich gestiegen: auf 53,8 Prozent im Jahr 2008 und 56,2 Prozent im Jahr
2009. Männer sind in diesem Alter sehr viel häufiger
erwerbstätig als Frauen: von den Männern waren es 2009 fast zwei
Drittel, von den Frauen nicht ganz die Hälfte.
Beständiger Anstieg
Beschäftigungsquote älterer Erwerbstätiger insgesamt und
nach Geschlecht in den Jahren 1991 bis 2009 
55- bis 64-jährige Männer sind sehr viel
häufiger erwerbstätig als Frauen derselben Altersgruppe: Fast
zwei Drittel der Männer und knapp die Hälfte der Frauen gingen
2009 einer bezahlten Arbeit nach - von unterschiedlichem Umfang. Das
bedeutet einen großen Zuwachs seit 1991, als nur gut die Hälfte
der älteren Männer und weniger als ein Viertel der Frauen
erwerbstätig waren (Datengrundlage: Eurostat).
Die Entwicklung verläuft zwar in West - und Ostdeutschland sowie bei
Frauen und Männer sehr ähnlich. Die einzelnen Werte weichen aber
erheblich von diesem gesamtdeutschen Bild ab. Am meisten Ältere im Job
gibt es bei Männern in Westdeutschland, gefolgt von den Männern
in Ostdeutschland, den Frauen in West - und schließlich den Frauen in
Ostdeutschland. Das gilt für den gesamten Zeitraum von 1991 bis
2008.
In den 1990er Jahren stieg die Zahl der Menschen zwischen 55 und 64 Jahren
in Deutschland von etwa neun auf knapp zwölf Millionen. Bis 2008 sank
sie wieder auf rund zehn Millionen. Jene Geburtsjahrgänge, die
zwischen 2001 und 2008 die 55- bis 64-Jährigen stellten, also die
zwischen 1937 und 1953 Geborenen, unterscheiden sich in der Zahl ihrer
Mitglieder jedoch kriegsbedingt sehr stark voneinander. Der
Durchschnittswert von Erwerbsbeteiligung und Erwerbsaustrittsalter kann
also Wesentliches verdecken. Beispielsweise kann die höhere
Erwerbsbeteiligung der jüngeren Jahrgänge den Rückgang der
Erwerbsbeteiligung mit zunehmendem Alter überlagern. Erst eine
jahrgangsspezifische Analyse erlaubt es, den Einfluss der drei Faktoren -
Erwerbsbeteiligung und - austrittsalter, demografische Altersstruktur - im
Einzelnen abzuschätzen.
Die Analyse zeigt: Während in den 1990er Jahren die
Erwerbsbeteiligung bereits im Alter zwischen 52 und 58 Jahren
zurückging, war das zehn Jahre später erst ab einem Alter von 58
Jahren der Fall. Unterscheidet man nun wiederum zwischen Ost- und
Westdeutschland sowie zwischen Frauen und Männern, lassen sich noch
weitergehende Feststellungen treffen: Bei den westdeutschen Frauen ist die
Erwerbstätigenquote der Jüngeren deutlich höher als die der
Älteren. Offensichtlich hat hier ein Wandel der Geschlechterrollen
stattgefunden: Frauen sind heute vor allem in jungen Jahren häufiger
berufstätig als früher - und dieser Effekt setzt sich immer
weiter in den höheren Altersgruppen durch. Demgegenüber
fällt die Veränderung bei den westdeutschen Männern nur
gering aus. Die Frühverrentungen nach der Wende haben die
Erwerbstätigenquote der Ostdeutschen insgesamt erheblich gesenkt.
Der demografische Effekt: ungleich besetzte Altersjahrgänge
Die gegenwärtige Altersstruktur der Bevölkerung entzieht sich
der politischen Einflussnahme - sie trägt jedoch erheblich zum Anstieg
der Alterserwerbsbeteiligung bei, wie der Report zeigt: So sind zwischen
2001 und 2007 vergleichsweise viele "junge Alte" von unten in die Gruppe
der 55- bis 64-Jährigen hineingewachsen, während fast ebenso
viele "alte Alte" sie nach oben verlassen haben. Dieser
Verjüngungseffekt, der allerdings in den folgenden Jahren in das
Gegenteil umschlagen wird, war für rund ein Viertel des Anstiegs der
Alterserwerbsbeteiligung zwischen 2001 und 2007 verantwortlich.
Inwieweit ist die gewachsene Alterserwerbsbeteiligung nun auch darauf
zurückzuführen, dass das Erwerbsaustrittsalter gestiegen ist? Und
inwieweit darauf, dass die Erwerbsbeteiligung gestiegen ist? Der Report
kommt zu dem Ergebnis, dass beinahe die Hälfte des Anstiegs zustande
gekommen ist, weil die Menschen länger arbeiten. Dass mehr Personen in
irgendeiner Weise in einem Arbeitsverhältnis standen, sorgte für
rund ein Viertel des Anstiegs. Die Zunahme der Alterserwerbsquote von
Männern lässt sich eher damit erklären, dass sie später
aus dem Berufsleben ausscheiden, die von Frauen eher damit, dass mehr von
ihnen überhaupt in irgendeiner Form erwerbstätig sind.
Dass Ältere heute in größerem Ausmaß einer bezahlten
Arbeit nachgehen als früher, heißt jedoch nicht, dass ihre
Erwerbschancen heutzutage besser sind, so das Fazit des Reports. Um die
Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu bewerten, müsste man die Formen der
Erwerbstätigkeit unterscheiden - etwa, ob ein Job
sozialversicherungspflichtig ist oder nicht, welche Qualifikation
dafür erforderlich ist und ob das Einkommen zum Leben reicht. Mit der
gesellschaftlichen Alterung und dem daraus folgenden Druck auf die sozialen
Sicherungssysteme, auf die Rentenversicherung, das Gesundheitswesen und die
Altenpflege, wächst auch die Notwendigkeit, länger zu arbeiten
als bisher.
Unterschiede in den Ländern der EU-27
Ein Blick in die europäischen Nachbarländer zeigt, dass es
beispielsweise in den nordischen Ländern und der Schweiz normal ist,
auch mit über 55 beziehungsweise über 60 Jahren noch
erwerbstätig zu sein. EU-Bürger gehen im Schnitt mit knapp
über 60 in Rente. Spitzenreiter der EU-27-Mitgliedsstaaten ist Island:
Die Beschäftigungsquote der 55- bis 64-Jährigen lag im Jahr 2009
bei 80,2 Prozent. Das Schlusslicht im EU-Vergleich bildet Malta mit 28,1
Prozent - der Durchschnittswert der EU-27 beträgt 46,0 Prozent.
Weite Spanne
Beschäftigungsquote älterer Erwerbstätiger insgesamt und
nach Geschlecht im Jahr 2009 
Innerhalb der EU-27 bestehen große Unterschiede bei
der Alterserwerbsbeteiligung: Länder wie Schweden erreichen einen Wert
von über zwei Drittel, Polen kommt nicht einmal auf ein Drittel
Erwerbstätige in der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen. In
Lettland erreichen zudem Männer und Frauen nahezu denselben Wert von
gut 53 Prozent, und auch in Schweden und Frankreich sind die Unterschiede
zwischen den Geschlechtern verhältnismäßig gering - wenn
auch in Schweden auf einem höheren und in Frankreich auf einem
niedrigeren Niveau als in Lettland. Demgegenüber bestehen erheblich
größere Abweichungen zwischen den Geschlechtern in Polen und
Italien, aber auch in Deutschland (Datengrundlage: Eurostat).
Der Europäische Rat hat die demografische Herausforderung erkannt und
bereits im Jahr 2001 das Ziel formuliert, die Beschäftigungsquote der
Älteren im erwerbsfähigen Alter bis 2010 auf 50 Prozent zu heben.
Und das Rad dreht sich weiter, der demografische Wandel schreitet fort: Bis
2060 wird sich innerhalb der EU die Zahl der Ruheständler verdoppeln
gegenüber der Zahl derer, die die Pensionen und Renten bezahlen.
Deshalb hat die Europäische Kommission den Mitgliedsstaaten
kürzlich empfohlen, weiter daran zu arbeiten, das Rentenalter - und
die Zahl der Erwerbstätigen insgesamt - zu erhöhen. Deutschland
hat angekündigt, ab 2012 die Rente mit 67 einzuführen. Für
Ende November hat die Bundesregierung zudem einen Bericht über die
Lage älterer Beschäftigter angekündigt, der in Zukunft alle
vier Jahre erscheinen soll.
Auch wenn es also fast so aussieht, als hätte Deutschland hier seine
Hausaufgaben gemacht - bei den Bemühungen um bessere
Arbeitsplätze besteht durchaus noch Handlungsbedarf. Bei der
Chancengleichheit für Behinderte, der Gleichstellung von Männern
und Frauen und einer Arbeitsorganisation, die es ermöglicht, das
Berufs- und das Privatleben besser miteinander zu vereinbaren, muss
Deutschland nacharbeiten. Dasselbe gilt für den Bereich Weiterbildung
und lebenslanges Lernen: Die Erwerbsbeteiligung von Hochqualifizierten
liegt auch bei den 55- bis 64-Jährigen weit über der von
Geringqualifizierten. Dies zeigt, dass die Möglichkeit, auch im
höheren Alter einen Job zu behalten oder zu finden, im Wesentlichen
von der Qualifikation abhängt.
Profitieren würde davon die gesamte Volkswirtschaft: Denn anders als
es die Frühverrentungsprogramme lange glauben machen wollten, taugen
sie nicht, um die Beschäftigungsmöglichkeiten von Jungen zu
verbessern und die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Das zeigt sich daran,
dass ausgerechnet in jenen Staaten Europas, in denen die meisten
Älteren (und übrigens auch die meisten Frauen) in Lohn und Brot
stehen, die Gesamtarbeitslosenquoten am niedrigsten sind. Dies kann nur
bedeuten, dass Ältere zwar eine Arbeitsstelle "wegnehmen", dabei aber
so qualifiziert und produktiv sind, dass sie mit ihrer Beschäftigung
mindestens eine neue Stelle schaffen. Mit anderen Worten: Gut
qualifizierten Gesellschaften geht die Arbeit nicht aus. Sie sind sogar auf
die Mitarbeit von Älteren angewiesen.
Literatur / Links
Berlin-Institut
für Bevölkerung und Entwicklung (2008): Die demografische Zukunft
von Europa. Wie sich die Regionen verändern. Berlin.
Brussig,
Martin (2010): Höhere Alterserwerbsbeteiligung durch längere
Erwerbsphasen. In jüngeren Kohorten sind mehr Menschen länger
erwerbstätig als in älteren Kohorten. Altersübergangs-Report
2010-04. Hgg. vom Institut Arbeit und Qualifikation der Universität
Duisburg-Essen. Duisburg-Essen.
Europäische
Kommission (2010): Eurostat. Beschäftigungsquote älterer
Erwerbstätiger nach Geschlecht; Insgesamt.
Europäische
Kommission (2010): Länger leben - länger arbeiten. In:
EU-Nachrichten 25. Berlin. S. 1-2. www.eu-kommission.de.
Europäische
Union (2001): Schlussfolgerungen des Vorsitzes. Europäischer Rat
(Stockholm), 23. und 24. März 2001. Stockholm. 

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