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"Nicht Migration ist ein Risikofaktor für
Gesundheit, sondern die sozialen Verhältnisse sind es"
Interview mit Prof. Dr. Theda Borde, Leiterin der
Alice-Salomon-Hochschule Berlin Prof. Dr. Theda
Borde (geboren 1957), promoviert in Gesundheitswissenschaften/Public
Health, leitet gegenwärtig die Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Dort
lehrt sie seit 2004 medizinische und medizinsoziologische Grundlagen der
Sozialen Arbeit. Nach dem Studium der Politologie und Amerikanistik in
Berlin arbeitete und forschte sie für verschiedene Institutionen zu
Gesundheit und Bildung von Migranten und Migrantinnen.

In Deutschland leben rund 15 Millionen Menschen mit
Migrationshintergrund, das entspricht etwa einem Fünftel der
Gesamtbevölkerung. Unterscheiden sie sich gesundheitlich von der
Mehrheitsgesellschaft?
Zunächst einmal: Die Unterscheidung nach Migrationshintergrund nimmt
das Statistische Bundesamt erst seit 2005 vor. Sie ist also noch relativ
neu und hat die Unterscheidung nach In- und Ausländer abgelöst.
Denn die war nicht mehr präzise genug. Der Migrationshintergrund von
Spätaussiedlern zum Beispiel und Eingebürgerten konnte in der
Statistik nicht abgebildet werden. Mit dem Begriff "Migrationshintergrund"
haben wir nun eine neue statistische Kategorie, bei der allerdings weiter
unterschieden wird zwischen eigener Migrationserfahrung oder
Migrationserfahrung der Familie, binational, einseitig oder zweiseitig.
Diese Daten liegen erst seit wenigen Jahren vor.
Was lässt sich über die Gesundheit von Menschen mit
Migrationshintergrund aussagen?
Es ist gar nicht möglich, diese Frage so pauschal zu beantworten.
Migranten unterscheiden sich deutlich in Bezug auf ihre Bildung, ihre
soziale Lage und Lebenslage. Deswegen brauchen wir sehr viel
differenziertere Analysen, um die Effekte dieser Aspekte beschreiben zu
können. Wir wissen, dass Gesundheit und soziale Lage sehr eng
zusammenhängen und dass Menschen in einer schlechteren sozialen Lage
auch schlechtere Gesundheitsvariablen aufweisen.
Wenn man nun diese Vereinfachung wagt und die Gruppe der Menschen mit
Migrationshintergrund auf der Basis der vorhandenen, leider
unvollständigen Daten betrachtet - woran ließe sich dann eine
Diskriminierung oder gelungene Gleichberechtigung erkennen?
Dabei muss man zwischen Gesundheitsstatus und Gesundheitsversorgung
unterscheiden: Zum Gesundheitsstatus liegt der Bericht des
Robert-Koch-Instituts "Migration und Gesundheit" vor, der alle vorhandenen
Analysen aufführt, die es hierzu gibt. Das Ergebnis: Die
Säuglingssterblichkeit ist immer noch höher bei Frauen mit
Migrationshintergrund oder Ausländerinnen. Außerdem bilden
ältere Migranten eine Problemgruppe, und Kinder und Jugendliche sind
spezifischen Belastungen ausgesetzt. Sie sind zum Teil aber auch in einer
besseren Verfassung, so leiden die Kinder beispielsweise weniger unter
Allergien als einheimische Kinder. Es gibt also Datensätze dazu, aber
die wenigsten lassen tatsächlich Rückschlüsse zu, eben weil
Menschen mit Migrationshintergrund eine sehr heterogene Gruppe bilden.
Und wie steht es bei der Gesundheitsversorgung?
Der Zugang zur Gesundheitsvorsorgung ist für Menschen ohne Papiere
und die, die nicht krankenversichert sind, vor allem aus rechtlichen und
finanziellen Gründen schwierig. Der größte Teil der in
Deutschland lebenden Bevölkerung mit Migrationshintergrund
beziehungsweise ethnischen Minderheiten ist aber krankenversichert. Die
Zugangsbarrieren liegen hier oft auf einer anderen Ebene: So klärt das
Fachpersonal die Patienten oft zwar formal auf, dies geschieht aber in
einer Weise, die nicht für die Zielgruppe angemessen ist.
Inwiefern?
Zum Beispiel, wenn dies in einer Sprache geschieht, die die Patienten
nicht verstehen, oder wenn gedruckte Informationen so geschrieben sind,
dass sie nicht jeder begreifen kann ...
... etwa Packungsbeilagen ...
... oder Informationen zu Operationen: Die gibt es zwar schon in
verschiedenen Sprachen, aber das ist häufig sehr kompliziert
formuliert und verlangt fachliches Vorwissen. Das sind strukturelle
Probleme. Denn die Therapietreue wird beeinträchtigt, wenn die
Patienten den Anweisungen der Ärztin oder des Arztes nicht folgen,
weil sie nicht verstanden haben, warum diese wichtig und richtig sind. Und
man hat durch Studien herausgefunden, dass dieses Verständnis ein
wichtiger Faktor ist, damit die Patienten sich so verhalten, wie es nach
medizinischem Wissensstand am besten für sie wäre. Der Patient
ist Koproduzent von Gesundheit, und das erfordert eine gemeinsame
Entscheidungsfindung.
Welche Probleme treten bei der gesundheitlichen Versorgung noch
auf?
Migranten haben in der Regel in den ersten Jahren, in denen sie in einem
anderen Land leben, noch nicht die erforderlichen Sprachkompetenzen.
Bestimmte Gruppen wie beispielsweise ältere Migrantinnen, die nur eine
geringe Schulbildung hatten, haben möglicherweise auch nur
rudimentär Deutsch gelernt. Darüber hinaus gibt es auch im
Gesundheitswesen Rassismus, der ethnischen Minderheiten begegnen kann.
Woran lässt sich das festmachen?
Dazu gibt es hierzulande - soweit ich weiß - keine Studien, da
müsste man sicher systematische teilnehmende Beobachtungen machen, um
das nachweisen zu können. Aber wir haben die subjektive Sichtweise der
Betroffenen sowie Studien aus Großbritannien und den USA, die das
belegen. Ich denke, hierzulande ist die Situation nicht anders.
Sie haben in einer Berliner Studie verglichen, wie oft Migranten und
Einheimische Rettungsdienste aufsuchen. Was haben Sie
herausgefunden?
Wir haben bei der Berliner Notfallambulanzstudie unterschieden nach
einheimischen Deutschen und Migrantinnen und Migranten, die wir, dann noch
nach ihrer selbst genannten Muttersprache verschiedenen Sprachgruppen
zugeordnet haben. Und weil die sich als türkisch definierende Gruppe
eine der größten ist, haben wir zunächst diese untersucht
und mit der deutschen Gruppe verglichen. Wir haben festgestellt, dass sich
die Altersstruktur in der Nutzung der Notfallambulanzen widerspiegelt: So
finden sich in den Notfallambulanzen in den Berliner Innenstadtbezirken
viele alte Deutsche und viele junge Migrantinnen und Migranten.
Was ist Ihnen noch aufgefallen?
Dass die Migranten aus der Türkei häufiger an Wochenenden und in
den Abendstunden kommen als einheimische Deutsche - also dann, wenn die
Arztpraxen geschlossen sind. Sie werden häufiger von Angehörigen
in die Rettungsstelle gebracht, während die Deutschen den
Krankentransport deutlich häufiger in Anspruch nahmen. In der Analyse
zur Angemessenheit der Inanspruchnahme haben wir nicht nur die medizinische
Definition eines Notfalls sondern auch die subjektive Sicht der befragten
Patientinnen und Patienten berücksichtigt. Wenn man das mit
einbezieht, beispielsweise besonders starke Schmerzen, Angst vor einer
lebensbedrohlichen Krankheit, dann gibt es keine Unterschiede zwischen den
Vergleichsgruppen. Aus der medizinischen Definition konnten wir
feststellen, dass der Anteil der stationären Aufnahmen, der ja die
Angemessenheit der Inanspruchnahme zweifelsfrei belegt, bei den Deutschen
höher war.
Welche konkreten Schwierigkeiten begegnen Migranten noch im
Gesundheitssystem?
Oft fehlt das Wissen über Strukturen, die Information über die
Zuständigkeit von Institutionen. So gehen Menschen bei Bedarf lieber
an Orte, die ihnen bekannt sind. Wenn eine Frau aus Berlin-Kreuzberg
beispielsweise im Urban-Krankenhaus ein Kind bekommen hat, geht sie im
Notfall, wenn sie selbst oder Familienangehörige plötzlich starke
körperliche Beschwerden haben, wieder dorthin. Außerdem erwarten
die Migranten in Krankenhäusern eher, dass dort jemand ist, der die
eigene Sprache spricht. Deshalb haben Krankenhäuser und auch klinische
Notfallambulanzen besondere Bedeutung. Aber wir konnten nicht feststellen,
dass türkische Migranten seltener niedergelassene Ärzte
aufsuchen.
Lassen sich zu anderen Migrantengruppen Aussagen treffen?
Eine große Gruppe derer, die Notdienste nutzen, sind junge
Studierende aus allen Teilen der Welt. Sie gehen möglicherweise
deshalb dahin, weil sie hier keinen Hausarzt haben.
Ist Migration ein Risikofaktor für Gesundheit?
Migranten sind häufiger arbeitslos als Einheimische, ihre soziale
Lage ist oft schlechter. Aber Migration kann auch lebensrettend sein - etwa
bei Flucht oder Verfolgung. Nicht Migration ist ein Risikofaktor für
Gesundheit, sondern es sind die sozialen Verhältnisse, die das Risiko
ausmachen. Dazu gehört für große Teile der Bevölkerung
mit Migrationshintergrund auch, dass Möglichkeiten zur Teilhabe
fehlen.
Wo müsste man ansetzen, um das zu verändern?
Bei der Bildungsförderung. An der Alice-Salomon-Hochschule etwa
führen wir gerade eine Schulkampagne durch, um Schülerinnen und
Schüler, die einer ethnischen Minderheit angehören oder einen
Migrationshintergrund haben, für die Gesundheits- und sozialen Berufe
zu gewinnen. Auch im diesen Berufen sollte sich die ethnische Vielfalt der
Gesellschaft widerspiegeln. Bildung ist sicherlich ein Schlüsselfaktor
für die Verbesserung der Partizipation und die Veränderung von
Institutionen.
Es geht also nicht nur um Migranten als Patienten, sondern auch als
Ärzte oder Altenpfleger - ein Punkt, der angesichts des demografischen
Wandels hierzulande besonders wichtig ist.
Ja, beim Pflegepersonal herrscht bereits Fachkräftemangel, und der
Ärztemangel kommt auch auf uns zu. Wir werden auf der Versorgerseite
eine größere Vielfalt haben. Das ist eine auch Zukunftsaufgabe,
auf die sich die Gesundheitsversorgung einrichten muss.
Können wir von anderen Ländern lernen, um die
Gesundheitsversorgung von Migranten zu verbessern?
Ja, ganz bestimmt von Großbritannien, die in allen möglichen
Bereichen immer auch ein so genanntes ethnisches Monitoring
durchführen: Alle Institutionen müssen Vorgaben erfüllen,
die es hinsichtlich der ethnischen Vielfalt für den
Personalschlüssel, für die sprachliche Kommunikation und andere
Bereiche gibt. Auch die Vereinigten Staaten, Kanada und Australien, die
sich ja alle als Einwanderungsland verstehen, können sicherlich als
Vorbild dienen: Sie stellen sich den Anforderungen, die sich aus der
Diversität der Bevölkerung für die Gesellschaft ergeben.
Deutschland dagegen tat sich lange Zeit schwer damit, sich als
Einwanderungsland zu verstehen. Jetzt sind die Themen Migration,
Integration und Partizipation jedoch endlich ganz oben auf der politischen
Tagesordnung. 

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Hohe Kosten durch Demenz
Von der psychischen Gesundheit hängen
Lebensqualität und Leistungsfähigkeit ab Psychische Erkrankungen sind an sich zwar nicht tödlich,
aber folgenreich - auch finanziell. Im Jahr 2008 lagen die gesamten
Krankheitskosten in Deutschland bei 254,3 Milliarden Euro. Am teuersten
kamen die Volkswirtschaft mit 37 Milliarden Euro
Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu stehen, gefolgt von Krankheiten des
Verdauungssystems, auf die 34,8 Milliarden Euro entfielen. An dritter
Stelle finden sich psychische und Verhaltensstörungen - sie kosteten
knapp 28,7 Milliarden Euro. Das ist eines der Ergebnisse der neuen
Krankheitskostenrechnung des Statistischen Bundesamtes. In die Berechnung
fließen neben medizinischen Heilbehandlungen auch sämtliche
Gesundheitsausgaben für Prävention, Rehabilitation und Pflege
ein.
Für gut die Hälfte der Kosten für psychische Erkrankungen
waren nur zwei Diagnosen verantwortlich: 9,4 Milliarden Euro wurden
für Demenzerkrankungen und 5,2 Milliarden Euro für Depressionen
ausgegeben. Während andere Erkrankungen zurückgehen, weil sie
sich beispielsweise wie Infektionskrankheiten durch Impfung,
Früherkennung oder verbesserte Behandlungsmöglichkeiten
verringern lassen, steigt der Anteil psychischer Erkrankungen. Neben Demenz
und Depressionen zählen dazu etwa Angst- und Essstörungen sowie
Missbrauch oder Abhängigkeit von Alkohol und illegalen Substanzen.
Ein Zeitvergleich zeigt, dass die Kosten durch psychische Erkrankungen von
2002 bis 2008 besonders stark gestiegen sind: Mit 5,3 Milliarden Euro war
das Plus hier höher als bei allen anderen Krankheitsarten. Allein bei
Demenz und Depressionen erhöhten sich die Kosten in diesem Zeitraum um
zusammen 3,5 Milliarden Euro beziehungsweise 32 Prozent. Insgesamt sind die
Krankheitskosten seit 2002 um 35,5 Milliarden angestiegen, das entspricht
einem Zuwachs von 16 Prozent.
Nun treten Demenzen zunehmend im höheren Lebensalter auf. Vor dem
Hintergrund des demografischen Wandels gewinnen sie somit zusätzlich
an Bedeutung, denn die Lebenserwartung steigt. Gegenwärtig leben rund
1,2 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland. Frauen sind häufiger
als Männer davon betroffen, weil sie in der Regel älter werden.
Zwar erreichen immer mehr Menschen bei guter Gesundheit ein höheres
Alter, aber die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, wächst ab
dem 65. Lebensjahr - und dann mit steigendem Tempo. Weniger als drei
Prozent der Demenzen treten der Deutschen Alzheimer Gesellschaft zufolge
vorher auf.
In Gesellschaften wie der deutschen, in denen die Menschen immer
älter werden und die durchschnittliche Kinderzahl je Frau unter dem
sogenannten bestandserhaltenden Niveau von 2,1 liegt, steigt das
Durchschnittsalter. Seit rund zwanzig Jahren ist hierzulande jede
Kindergeneration etwa ein Drittel kleiner als die jeweilige
Elterngeneration - entsprechend werden weniger Kinder geboren. Immer
weniger Junge müssen immer mehr Ältere versorgen. Das macht ein
politisches Umdenken erforderlich - und schnelles Handeln. Denn ab 2015,
wenn die ersten Jahrgänge der Generation der Babyboomer ins
Rentenalter kommen, wird sich diese Entwicklung noch beschleunigen. Die
psychische Gesundheit verdient größere Aufmerksamkeit als
bisher. Angesichts der Ängste, die mit dem Sprechen über Demenzen
und Depressionen verbunden sind, wäre die Sensibilisierung der
Öffentlichkeit für das Thema und die Verbreitung grundlegender
Informationen ein erster Schritt.
Literatur/Links
Deutsche Alzheimer
Gesellschaft
Robert
Koch-Institut (2009): Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des
Bundes. 20 Jahre nach dem Fall der Mauer: Wie hat sich die Gesundheit in
Deutschland entwickelt? Berlin.
Statistisches
Bundesamt (2010):Hohe Kosten durch Demenz und Depressionen.
Pressemitteilung Nr. 280 vom 11. August 2010. Wiesbaden. 

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Wie begegnet der Staat den Herausforderungen
des demografischen Wandels?
Ein Berliner Kongress setzt sich mit den Folgen
von Alterung und Schrumpfung für Sozialsysteme, Personalpolitik,
Stadt- und Regionalentwicklung auseinander Das
Stichwort "demografischer Wandel" bezeichnet kein Zukunftsszenario - er
findet bereits statt: Deutschlands Bevölkerung wird im Schnitt immer
älter, weil die Menschen länger leben und weniger Kinder
bekommen. Noch in dieser Legislaturperiode werden die ersten Jahrgänge
der Babyboomer in den Ruhestand treten. Viele Branchen spüren bereits
jetzt den Mangel an Fachkräften. Das Problem wird zunehmen und sich
nicht durch Weiterbildungsprogramme allein lösen lassen, neue Ideen
sind gefragt, um qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland
anzuziehen. Auch die Siedlungsstrukturen verändern sich: In weiten
Teilen werden sich ländliche Räume weiter leeren. Einige
Städte schrumpfen ebenfalls und müssen sich auf eine ältere
Bevölkerung mit entsprechenden Bedürfnissen einstellen. Schon
immer waren Zuwanderer Teil der Gesellschaft - in vielen Städten
wächst der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund stark. Der
Staat muss sich an die schon jetzt bestehenden Verhältnisse anpassen
und heute die Weichen für die Zukunft stellen.
Hier setzt der 5.
Demographie-Kongress der Behörden Spiegel-Gruppe an, der vom 6.
bis 7. September 2010 im dbb forum berlin stattfindet. Der Titel der
Veranstaltung lautet: "Der Staat im Wandel – Generationenpolitik
zwischen Fürsorge, Vorsorge und Gewährleistung". Hinter den
Schlagworten steht ein Bündel von Fragen, etwa: Welchen Staat wollen
wir? Wie soll in einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung
zukünftig die soziale und technische Daseinsvorsorge
gewährleistet werden? Ist in Zukunft das Dogma der "gleichwertigen
Lebensverhältnisse" noch aufrechtzuerhalten?
Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung steuert als Partner
des Kongresses einige Vorträge bei, um diese Fragen zu beantworten.
Die Experten widmen sich insbesondere dem Thema Familie. Sie untersuchen
beispielsweise die Folgen der beruflichen Mobilität - Umzüge,
Pendeln - für die Familie oder die Zusammenhänge zwischen
alternativen Lebensformen wie Partnerschaften ohne Trauschein und
Kinderzahl.
Einer der Beiträge analysiert die unterschiedlichen Erwartungen von
Deutschen und Franzosen an die Frauen- und Mutterrolle. Das liegt nahe,
denn immer wieder wird Frankreich in der deutschen Diskussion als
familienpolitisches Vorbild angeführt - allerdings ist auch dort nicht
alles so familienfreundlich, wie es auf den ersten Blick scheinen mag
(siehe Demos
90 und die Studie "Emanzipation
oder Kindergeld?" des Berlin-Instituts). Der Kongressbeitrag, der den
Einfluss der strukturellen und kulturellen Unterschiede in beiden
Ländern auf den Kinderwunsch prüft, belegt jedoch einmal mehr: Ob
Hausfrau oder berufstätig - in Frankreich sind beide Modelle
gesellschaftlich akzeptiert. Das könnte Deutschland von seinem
Nachbarn lernen. Aber auch Frankreich muss sich mit viel Energie den
Herausforderungen des demografischen Wandels stellen, wie etwa das
Discussion Paper des Berlin-Instituts "Ungleiche
Nachbarn" gezeigt hat.
Mehr
Informationen über den Demographie-Kongress 
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