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Auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung keine
"Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse"
Bevölkerung in Zahlen: West und Ost haben
sich angenähert, aber neue Trennlinien zeichnen sich ab Die Wiedervereinigung liegt nun zwanzig Jahre zurück.
Bildet Deutschland inzwischen auch demografisch eine Einheit? Die
Statistiken geben Aufschluss darüber, welche Lebensverhältnisse
damals in West- und Ostdeutschland geherrscht haben und heute herrschen.
Die amtlichen Zahlen zeigen etwa, wo viele Kinder geboren werden und wo
viele ältere Menschen leben, wo es Jobs, Kitas und Pflegeeinrichtungen
gibt. Eine funktionierende Wirtschaft und eine gute Infrastruktur tragen
ebenso wie kulturelle Angebote oder eine intakte Natur dazu bei, dass eine
Region eine hohe Lebensqualität bietet und attraktiv ist für
Zuwanderer. Umgekehrt verlassen die Menschen Gegenden, wenn sie dort keine
Perspektive für sich sehen und Arbeit knapp ist. Von einer
"Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse" kann nur eingeschränkt
die Rede sein - das zeigen nicht nur die unterschiedlichen Wirtschafts- und
Arbeitsmarktdaten, sondern darauf weist auch die unterschiedliche
demografische Entwicklung der einzelnen Bundesländer seit der Wende
hin.
Ob eine Bevölkerung wächst oder schrumpft, hängt im
Wesentlichen von der Zahl der Geburten und Sterbefälle sowie den
Wanderungsbewegungen ab. Aus dem Wendejahr 1990 liegen nicht alle Zahlen zu
den Veränderungen der gesamtdeutschen Bevölkerung vor, und auch
für 2009 sowie das laufende Jahr 2010 gibt es noch keine
endgültigen amtlichen Aussagen. Deswegen muss sich der Rückblick
größtenteils auf den Zeitraum zwischen 1991 und 2008
beschränken.
Nach der Wende: Go West!
Ende 2008 lebten in Deutschland rund 81,9 Millionen Menschen - davon 65,5
Millionen im früheren Bundesgebiet, 13,0 Millionen in den neuen
Ländern und 3,4 Millionen in Berlin. Gegenüber 1990 haben die
alten Bundesländer - ohne West-Berlin - damit vier Millionen Menschen
hinzugewonnen, die neuen Bundesländer - ohne Ost-Berlin - 1,7
Millionen Menschen verloren. Die Einwohnerzahl Berlins blieb nahezu
unverändert.
Die Veränderungen der Einwohnerzahlen sind vor allem auf die
Wanderungsbewegungen zurückzuführen, die nach dem Fall der Mauer
im Jahr 1989 einsetzten: Alle ostdeutschen Bundesländer verzeichneten
zwischen 1990 und 2008 Wanderungsverluste, alle westdeutschen
Wanderungsgewinne. Das wiedervereinigte Berlin lockte Zuzügler an.
Nach Hamburg und Schleswig-Holstein strömten jährlich mit 97
Zuzüglern je 1.000 Einwohnern die meisten, sehr viele zogen mit 90 pro
1.000 Einwohner auch nach Rheinland-Pfalz und mit jeweils 88 pro 1.000
Einwohnern nach Bayern und Niedersachsen. Die Nähe zur Hansestadt
Hamburg oder zu Nachbarstaaten, in denen sich Arbeitsmöglichkeiten
bieten, machten die grenznahen Regionen für Pendler interessant. Nach
Niedersachsen kamen zudem in den 1990er Jahren viele
Spätaussiedler.
Demgegenüber gingen pro 1.000 Einwohner jährlich 88 aus
Sachsen-Anhalt weg, das damit die größten Verluste verzeichnete.
Mecklenburg-Vorpommern verließen 73 pro 1.000 Einwohner,
Thüringen 54 pro 1.000. Entsprechend ist die Bevölkerung in
diesen Bundesländern besonders stark geschrumpft: 2008 lebten in
Sachsen-Anhalt nahezu 16 Prozent weniger Menschen als 1991. In
Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen ist die Bevölkerung um rund
zwölf Prozent zurückgegangen. Insgesamt haben mehr als 2,7
Millionen Menschen Ostdeutschland seit der Wende verlassen und sind nach
Westdeutschland gezogen (jeweils ohne Berlin), die meisten von ihnen schon
in den 1990er Jahren. Dass 1,6 Millionen zugezogen oder zurückgekommen
sind, bedeutet im Saldo immer noch einen Verlust von 1,1 Millionen
Menschen.
Nicht nur die vielen Fortzüge, sondern auch die gegenüber den
Sterbefällen niedrigen Geburtenzahlen sind die Ursache des
Bevölkerungsrückgangs. Westdeutsche Bundesländer haben
deshalb seit der Wende ebenfalls Einwohner verloren: Im Saarland leben
heute mindestens 4,3 Prozent und im Stadtstaat Bremen 3,2 Prozent weniger
Menschen als 1991. Beide Regionen sind industriell geprägt und haben
den Strukturwandel verschlafen. Das Saarland verlor in der Kohle- und
Stahlindustrie Arbeitsplätze, Bremen, zu dem auch Bremerhaven
zählt, ebenfalls in der Stahlbranche und im Schiffbau. Die Lage
verschlechterte sich nochmals, als die US-amerikanische Armee ihre
Stützpunkte auflöste. Aus Bremen zogen außerdem viele
Stadtbewohner ins niedersächsische Umland.
Am stärksten gewachsen sind demgegenüber die Einwohnerzahlen im
Süden Deutschlands: Bayern hat acht Prozent, Baden-Württemberg
7,5 Prozent hinzugewonnen. Der Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Kraft
dieser Regionen, deren Arbeitsplatzangebot wie ein Magnet wirkt, liegt auf
der Hand. Deutschlandweit lag im Jahr 2009 die Arbeitslosenquote, also die
Zahl der Arbeitslosen bezogen auf alle zivilen Erwerbspersonen - das sind
sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, Selbstständige und
mithelfende Familienangehörige, Beamte und Arbeitslose - bei 8,2
Prozent. Am niedrigsten war die Arbeitslosenquote in Bayern mit 4,8 Prozent
und in Baden-Württemberg mit 5,1 Prozent, am höchsten in Berlin
(14,1 Prozent), gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt
(jeweils 13,6 Prozent).
Der Westen zieht immer noch mehr Menschen an als der Osten
Wanderungen zwischen dem früheren Bundesgebiet und den neuen
Ländern 
Seit 1994 sind die extrem hohen Abwanderungszahlen aus den
neuen Bundesländern Vergangenheit. Inzwischen hat sich die Zahl der
Ost-West-Wanderer bei knapp 140.000 eingependelt, die der West-Ost-Wanderer
bei rund 90.000. Der jährliche Wanderungssaldo liegt also inzwischen
bei etwa 50.000. Nach der Bezirksreform im Jahr 2001 wurde Berlin bei der
Betrachtung ausgenommen (Datengrundlage: Statistisches Bundesamt).
Die K-Frage: nicht ob, sondern wie
In der DDR lag die durchschnittliche Kinderzahl je Frau im Jahr 1990 noch
bei 1,52. In der Unsicherheit der Nachwendezeit brach sie ein und sank in
den neuen Ländern 1994 auf ein historisches Tief von im Schnitt 0,77.
Inzwischen hat diese sogenannte zusammengefasste Geburtenziffer das
westdeutsche Niveau erreicht, 2008 lag sie im früheren Bundesgebiet
bei 1,37, in den neuen Ländern bei 1,40 und in Gesamtdeutschland bei
1,38 Kindern - und damit noch weit unter dem sogenannten
bestandserhaltenden Niveau von 2,1. Die meisten Kinder bekommen im Schnitt
die Frauen in Sachsen (1,45), in Mecklenburg-Vorpommern (1,43), in
Niedersachsen und Schleswig-Holstein (je 1,42). Am niedrigsten war die
durchschnittliche Kinderzahl 2008 in Hamburg und im Saarland mit jeweils
1,25 Kindern je Frau.
Deutliche Spuren des gesellschaftlichen Wandels in
Ostdeutschland 
Die gesellschaftliche Unsicherheit hatte nach der Wende zu
niedrigen Kinderzahlen je Frau geführt. Inzwischen hat sich die Lage
gefestigt, Ostdeutschland hat sich dem Westniveau angenähert
(Datengrundlage: Statistisches Bundesamt).
Deutliche Unterschiede zwischen Ost und West bestehen nach wie vor bei der
Kinderbetreuung. In der DDR waren Frauenerwerbstätigkeit und
Kinderkrippe die Regel, während in der Bundesrepublik die sogenannte
Hausfrauenehe überwog und die Kleinen zunächst bei der Mutter zu
Hause blieben. Im Bundesdurchschnitt nahm 2009 jedes fünfte Kind unter
drei Jahren die Betreuung in einer Kindertageseinrichtung oder in der
öffentlich geförderten Kindertagespflege in Anspruch. Weit
über diesem Durchschnittswert lagen Sachsen-Anhalt,
Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Thüringen, Berlin und Sachsen mit
Werten zwischen 40 und 55 Prozent. Für die Drei- bis
Fünfjährigen lag die Betreuungsquote 2009 bundesweit bei 92
Prozent. Hier führte Rheinland-Pfalz mit 96,2 Prozent die Rangordnung
an, dicht gefolgt von Thüringen mit 95,9 Prozent. Allerdings erhalten
in Rheinland-Pfalz nur 28,4 Prozent der Kleinen eine ganztägige
Betreuung, während es in Thüringen 86,1 Prozent sind.
Schlusslichter bei der Kinderbetreuung waren Hamburg, Schleswig-Holstein,
Bremen und Niedersachsen. In den beiden Flächenländern hängt
dies eng mit dem noch weit verbreiteten traditionellen Familienmodell und
der damit einhergehenden niedrigen Frauenerwerbstätigkeit zusammen.
Weniger Jüngere, mehr Ältere
Die deutsche Gesellschaft altert: Im Schnitt erreichen die Menschen von
Jahr zu Jahr ein höheres Lebensalter, es kommen weniger Kinder zur
Welt, die Zahl der potenziellen Eltern nimmt ab. Die Altersgruppen der
unter 20-Jährigen und der 20- bis 39-Jährigen sind von 1991 bis
2008 in allen Bundesländern geschrumpft, während die der 40- bis
64-Jährigen sowie der 65-Jährigen und Älteren gewachsen
sind. In der Folge steigt der Pflegebedarf - auch wenn viele Menschen das
höhere Alter bei besserer Gesundheit erreichen dürften. Zugleich
sinkt die Zahl der potenziellen Pfleger und Pflegerinnen.
Besonders stark abgenommen hat die Zahl der unter 20-Jährigen in den
neuen Bundesländern. 1991 waren dort noch die höchsten Anteile zu
verzeichnen, allen voran Mecklenburg-Vorpommern mit 27,3 Prozent. Im Jahr
2008 hat sich das Bild gewandelt, nun mangelt es in Ostdeutschland an
jungen Leuten: In Sachsen-Anhalt lag der Anteil der unter 20-Jährigen
nur noch bei 14,8 Prozent. Das ist auch auf die Abwanderung
zurückzuführen: 70 Prozent derer, die von 1991 bis 2008 von Ost-
nach Westdeutschland gegangen sind, waren unter 30 Jahre alt. Die meisten
von ihnen haben ihre Kinder woanders bekommen - das hat die potenzielle
Elterngeneration verkleinert, die zurückgeblieben ist.
Verhältnismäßig mehr Ältere und weniger junge
Erwachsene im Osten
Altersgruppen in Prozent der Gesamtbevölkerung des jeweiligen
Bundesgebietes 2008 
Deutlich erkennbar ist der Geburtenknick nach der Wende in
den neuen Ländern an den geringen Anteilen der in den 1990er Jahren
Geborenen. Der andauernde Wegzug von junger Bevölkerung lässt die
ältere Bevölkerung in Ostdeutschland überproportional
ansteigen (Datengrundlage: Statistisches Bundesamt).
Die demografische Struktur Deutschlands hat sich in den letzten zwanzig
Jahren gewandelt. Der Geburteneinbruch nach der Wende und die Abwanderung
vor allem junger Menschen haben diese Entwicklung in Ostdeutschland noch
beschleunigt. Die Lebensbedingungen unterscheiden sich regional betrachtet
nicht nur in Ost- und Westdeutschland voneinander, sondern auch in Nord-
und Süddeutschland sowie insbesondere in der Stadt und auf dem Land.
Mit den demografischen Veränderungen der Vergangenheit sind die
Weichen für zukünftige Entwicklungen gestellt - wenn die Politik
Einfluss nehmen will, muss sie rasch handeln. Denn damit Menschen mehr
Kinder bekommen oder Qualifizierte zuwandern, muss das Lebensumfeld
stimmen.
Literatur / Links
Statistische
Ämter der Länder (2010): Von Bevölkerung bis Wahlen - 20
Jahre deutsche Einheit in der Statistik. Bad Ems.
www.statistikportal.de
Statistische
Ämter des Bundes und der Länder (2010): Zensus 2011.
www.zensus2011.de
Statistisches
Bundesamt (2010): 20 Jahre deutsche Einheit. Wunsch oder Wirklichkeit.
Wiesbaden. www.destatis.de
Statistisches
Bundesamt (2010): Genesis Online-Datenbank. www.destatis.de
Statistisches
Bundesamt (2010): Natürliche Bevölkerungsbewegung 2008. Fachserie
1. Reihe 1.1. Wiesbaden.
Statistisches Bundesamt (2010): Wanderungen 2004
und 2008
Fachserie 1. Reihe 1.2. Wiesbaden.
Thüringer
Landesamt für Statistik (2010): 20 Jahre deutsche Einheit in der
Statistik. Zahlen, Daten und Fakten aus den 16 Bundesländern.
Pressemitteilung Nr. 296, 27. September 2010. Erfurt.
www.tls.thueringen.de 

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Deutschland braucht dringend mehr
Zuwanderer
Ein Beitrag von Reiner Klingholz zur Debatte um
Integration und Thilo Sarrazin Wir wissen nicht,
ob es der Plan von Thilo Sarrazin war, die Diskussion um die Zuwanderung
nach Deutschland abzuwürgen. Sicher ist, dass seine Streitschrift
genau das bewirkt.
Denn die Diskutanten hat er in zwei Lager gespalten: in eine
parteiübergreifende Entrüstungsfraktion, der sich Personen im
öffentlichen Raum nur schwer entziehen können; und in den
halböffentlichen Foren-und-Blogger-Stammtisch, der Sarrazin
mehrheitlich Beifall zollt. Der Sache dienen beide Fraktionen nicht.
Die politische Korrektheit der einen verhindert ein nüchternes
Nachdenken über die Probleme, die Sarrazin zu Recht benennt, auch wenn
er längst nicht der Erste ist, der das tut. Und der Stammtisch der
anderen verrührt Halbwahrheiten mit Vorurteilen und zementiert so ein
negatives Zerrbild des Zuwanderers, das jede vernünftige
Migrationspolitik verhindert. Beide Fraktionen unterbinden eine Debatte um
das, was Deutschland dringend braucht: deutlich mehr Zuwanderung.
Die deutsche Politik - und vermutlich auch das deutsche Volk - ist
mehrheitlich der Meinung, das Land habe schon genug davon erlebt.
Minderheiten wie der Wirtschaftsminister, die Arbeitgeberverbände, der
DIHK oder der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau rufen zwar nach
neuen Migranten, aber gehört werden sie allem Anschein nach nicht.
Natürlich ist es richtig und wichtig festzustellen, dass die
Integration von Zuwanderern hierzulande massive Defizite aufweist. Die
Migration der Vergangenheit ist heute, wie Studien bestätigen, zu
einem Kostenfaktor für die Volkswirtschaft geworden. Die OECD beklagt,
dass Migranten in kaum einem Land ein so schlechtes Bildungsniveau haben
wie in Deutschland. Und keine vergleichende Studie kann verheimlichen, dass
sich Menschen mit Wurzeln in der Türkei am schwersten tun mit der
Integration.
Solche Daten aber verstellen den Blick auf all jene Zugewanderten, die ein
ganz normales Durchschnittsleben führen oder sogar besser qualifiziert
sind, mehr verdienen und mehr Steuern zahlen als der Durchschnitt der
Alteingesessenen. Die schlechten Erfahrungen und die Angst im Hinterkopf,
Wählerstimmen zu verlieren, reichen aus, um einen politischen und
gesellschaftlichen Reflex zu aktivieren: "Mehr davon - nein danke."
Der Arbeitsmarkt löst einen zweiten Reflex aus, der sich auf die
Kurzformel reduzieren lässt: Solange auch nur ein Arbeitsloser im Land
herumläuft, brauchen wir keine Unterstützung aus anderen
Ländern. Frank-Jürgen Weise, der Chef der Bundesarbeitsagentur,
erklärt uns immer wieder, wir müssten die stillen Reserven
mobilisieren, unsere eigenen Leute besser qualifizieren. Nun ist es gewiss
eine gute Idee, erst einmal die Hausaufgaben zu machen, bevor man Hilfe von
außen ruft. Doch offenbar verpufft der Effekt der milliardenschweren
Qualifizierungsmaßnahmen und Arbeitsförderung, in denen nach
Schätzungen bis zu eine Million nicht vermittelbare Personen geparkt
sind. Die Stellen für Fachkräfte jedenfalls bleiben trotzdem
offen.
Das Schlimme ist, dass die auf diesen Reflexen fußende
Migrationspolitik "funktioniert": Die Grenzen sind so gut wie dicht. Die
Verschärfung des Asylrechts hat dazu geführt, dass auf diesem Weg
praktisch niemand mehr nach Deutschland kommt. 2008 wurden noch ganze 233
Personen als Asylberechtigte anerkannt.
Hinzu kommt der Familiennachzug, der seit dem Anwerbestopp von 1973 der
gängige Weg war, nach Deutschland einzuwandern. Weil mit dem Nachzug,
meist von Frauen und Kindern, allerdings das ohnehin niedrige
Bildungsniveau der Migranten weiter absank, wurde auch er massiv erschwert.
Gerade Türken kommen seither in immer geringeren Zahlen ins Land. Ihre
Nettozuwanderung sank von 10.130 im Jahr 2000 auf 1.746 in 2005. Seither
hat sich die Wanderungsrichtung sogar umgekehrt. 2008, das jüngste
Jahr, über das konkrete Zahlen vorliegen, verbucht eine
Nettoabwanderung von 10.147 Personen in die Türkei.
Thilo Sarrazins Argument, wir würden von Türken unterwandert,
kann also kaum mehr gelten - zumal von einer hemmungslosen Vermehrung in
der Türkei längst nicht mehr die Rede sein kann. Auch dieses Land
kann sich der Moderne nicht entziehen. Derzeit bekommen die Türkinnen
im Mittel noch 2,1 Kinder - das reicht gerade mal, um die Bevölkerung
stabil zu halten. Und die Fertilität wird mit großer Sicherheit
weiter sinken.
Trotzdem sieht es so aus, als habe die Berliner Politik sich Sarrazins
Problemgruppendefinition längst zu eigen gemacht und ihre
Einwanderungspolitik danach ausgerichtet. Die Zahlen jedenfalls
stützen die Annahme, dass Deutschland sich abschottet. Weder
unqualifizierte noch qualifizierte Migranten sind offenbar erwünscht.
Einzig aus armen EU-Ländern, aus denen sich die Zuwanderung nicht
unterbinden lässt, sind 2008 noch Menschen in nennenswerter Zahl
gekommen: 8.103 aus Bulgarien und 10.447 aus Rumänien. Die Statistik
sagt auch, dass in den letzten beiden Jahren deutlich mehr Menschen aus
mehrheitlich muslimischen Ländern ab- als zugewandert sind.
Auch von Hochqualifizierten werden wir nicht gerade überrannt: 2008
kamen 157 Personen aus Nicht-EU-Ländern, denen in Deutschland eine
dauerhafte Niederlassungserlaubnis erteilt wurde - 71 von ihnen aus den
USA. Das ist eine beeindruckend niedrige Zahl angesichts der 40.000 bis
80.000 unbesetzten Fachkräftestellen, an denen insgesamt bis zu einer
viertel Million Arbeitsplätze hängen dürften. Dass die
Wirtschaftlichkeitsbilanz von Migranten hierzulande negativ ist, liegt auch
daran, dass wir die Qualifizierten gar nicht erst ins Land lassen.
Es ist absurd: Jahrelang hat sich Deutschland wider jede Realität
dagegen gewehrt, ein Zuwanderungsland zu sein - und ist nun de facto zum
Auswanderungsland geworden. Im langjährigen Mittel kamen rund 250.000
Personen im Jahr zu uns über die Grenzen. Seit 2008 aber verlassen der
öffentlichen Statistik zufolge mehr Menschen das Land der Dichter,
Denker und Maschinenbauer als hineinkommen. Damit steht Deutschland, neben
Japan, allein da unter den hochentwickelten, reichen Industrienationen.
Wir brauchten eine regelrechte Besiedlungspolitik für den Osten
Deutschlands
Gerade das Beispiel Japan zeigt allerdings, wie man es nicht machen
sollte: Dort kommen noch weniger Kinder je Frau zur Welt als in
Deutschland, und der Ausländeranteil liegt gerade einmal bei 1,7
Prozent. Das Land widersetzt sich der Zuwanderung in einer Weise, die an
Xenophobie grenzt, und exekutiert derzeit Rückführungsprogramme
für die wenigen Migranten, die es überhaupt gibt. Damit
stürmt Japan auf das demografische Harakiri zu. Die dortige
Bevölkerung wird Prognosen zufolge bis 2050 von heute 127 Millionen
auf dann 95 Millionen schrumpfen und dabei gleichzeitig extrem
überaltern.
Ganz so schlimm mag es in Deutschland nicht kommen. Dennoch könnten
Thilo Sarrazins Visionen, leicht abgewandelt, wahr werden. Selbst bei einem
angenommenen Zuwanderungssaldo von jährlich 100.000 bis 200.000
Personen sieht das Statistische Bundesamt bis 2050 einen
Bevölkerungsschwund um rund zwölf Millionen voraus. Dieser
Aderlass, der numerisch der kompletten Entleerung der zwölf
größten Städte von Berlin bis Leipzig entspricht, ist
allerdings optimistisch kalkuliert, weil die unterstellte Zuwanderung
derzeit gar nicht mehr stattfindet.
Ohne demografische Hilfe von außen schrumpfen wir auf mittlere Sicht
auf ein Häuflein von Alten, kaum aufgemischt von einer
türkischstämmigen Minderheit, die sich nach ein, zwei
Generationen dem niedrigen Geburtenniveau ihrer Umwelt nähert. Zwar
bekommen Türkischstämmige in Deutschland mehr Kinder als die
Alteingesessenen, aber für eine Bevölkerungsexplosion, wie Thilo
Sarrazin vermutet, taugt das nicht - es reicht nicht einmal zum
Bestandserhalt.
Das Durchschnittsalter in Deutschland würde bis 2050 Richtung 60
Jahre steigen, über 15 Prozent der Bürger wären über 80
und von diesen ein Drittel dement. Eine solche Gesellschaft wäre nicht
mehr in der Lage, in der globalen Wirtschaft eine Rolle zu spielen. Und sie
könnte Begriffe wie Grenzsicherung getrost aus dem Duden streichen.
Denn die Zahl unserer Nachbarn in Afrika wird sich im gleichen Zeitraum auf
zwei Milliarden verdoppeln.
Kaum ein Mensch im politischen Berlin stellt sich Fragen zu dieser
langfristigen Entwicklung. Und keiner würde sagen, dass sie oder er
unser Land in solch eine Lage manövrieren will. Aber genau dorthin
geht der Kurs.
Es fragt sich offenbar auch niemand, was aus den wunderbar
aufgehübschten Altstädten, den sanierten Schlössern und
Burgen, dem restaurierten Unesco-Weltkulturerbe in den neuen
Bundesländern werden soll. Hunderte Milliarden Euro sind in den Aufbau
Ost hineingeflossen - wofür eigentlich? Damit ein Teil schon heute
leersteht und morgen noch mehr? Auch das wird geschehen, denn von dem
Schwund werden vor allem jene Gebiete im Osten Deutschlands betroffen sein,
die über die mit Abstand beste, weil nagelneue Infrastruktur der
Republik verfügen. Schon sind Luchs und Wolf zum Demografiefolger der
Deutschen geworden.
Die Einwanderungspolitik befindet sich in einer schizophrenen Lage: Sie
will keine Zuwanderung; sie will aber auch nicht, dass ganze Landstriche
versteppen. Die Politik weiß nur, was sie nicht will. Sie hat keinen
Plan für die Zukunft.
Die Planlosigkeit herrscht schon so lange vor, dass inzwischen selbst ein
paar Zehntausend der dringend benötigten ausländischen
Fachkräfte keine wirkliche Entlastung brächten. Wenn wir unsere
wertvolle Infrastruktur effizient nutzen und nicht zu einem guten Teil
abschreiben wollen, wenn wir jung genug bleiben wollen, um global
konkurrieren zu können, brauchten wir mittlerweile keine
Zuwanderungs-, sondern eine regelrechte Besiedlungspolitik.
Länder wie Kanada, Australien und die USA haben stets so
argumentiert: Wir sind ein leeres Land, und wenn wir mehr fähige Leute
von außen gewinnen können, dann geht es allen besser. Der
Große Kurfürst hat es so gemacht, als er die Hugenotten geholt
hat. Und auch die Zarin Katharina II. hat im 18. Jahrhundert gezielt arme
Schlucker (aber fähige Bauersleute) aus Bayern, Baden und Hessen an
der Wolga angesiedelt, um die Steppen zu kultivieren und ihr Reich gen
Osten abzusichern. Damals waren die Deutschen auf der anderen Seite der
Wanderung - und auch dieses Experiment hat funktioniert.
Moderne Zuwanderungsländer wie Kanada profitieren ganz ungemein von
ihren Neubürgern. Und das liegt nicht nur an einer offensiven
Anwerbepraxis, sondern auch daran, dass der Familiennachzug garantiert ist.
Kanada will keine menschlichen Arbeitsmaschinen, sondern intakte soziale
Verbände, die sich aufgenommen fühlen und sich deshalb aktiv
integrieren. Der Erfolg: Die in Kanada geborenen Kinder sämtlicher
asiatischer Zuwanderergruppen erreichen bereits deutlich häufiger
einen Universitätsabschluss als der kanadische Durchschnitt.
Meinungsumfragen zeigen Jahr für Jahr, dass die kanadische
Öffentlichkeit die hohe Zahl der Zuwanderer für angemessen
hält.
Deutschland braucht jetzt, nicht erst in ein paar Jahrzehnten, eine
massive Zuwanderung mit ähnlich guten Integrationsbedingungen wie in
Kanada. Denn demografisch bedingt wird die hiesige Erwerbsbevölkerung
um rund 30 Prozent schrumpfen, weil die kopfstarke Gruppe der Babyboomer in
den kommenden Jahren ins Rentenalter wächst. In dieser kritischen
Phase gibt es zu wenig junge, produktive Menschen, die den Wohlstand
erwirtschaften können, der für die Versorgung der alternden
Bevölkerung nötig ist. Die Rente mit 67 kann das Problem
abfedern, lösen kann sie es nicht.
In dieser Phase haben junge, bildungshungrige und boomende Nationen wie
Indien, China oder Brasilien eindeutige Vorteile. Sie werden weiter
aufholen und uns teilweise überholen.
Aber in etwa 15 bis 20 Jahren ändert sich etwas Grundlegendes an
diesem Wettbewerb: Dann nämlich wird die Alterung auch diese heute
noch jungen Gesellschaften Zug um Zug erreichen - und zwar umso
drastischer. Während unter uns Deutschen die Zahl der Kinder je Frau
von 2,5 in den sechziger Jahren auf 1,4 gesunken ist, hat China - zeitlich
versetzt - einen Rückgang von etwa 6 Kindern je Frau auf 1,5 zu
verkraften. Entsprechend groß werden die Herausforderungen sein, wenn
auf China die Verrentung der Millionen zukommt, die heute noch für das
gigantische Wachstum sorgen.
Länder wie China werden dann junge Arbeitskräfte aus anderen
Ländern brauchen. Und wenn China erst beginnt zu rekrutieren, bleibt
für das gute alte Europa nichts mehr übrig.
All dies müssen wir wissen, wenn wir über Zuwanderung
diskutieren. Es ist absurd zu glauben, wir könnten unsere Entwicklung
planen, als lebten wir auf einer demografischen Insel, auf der alles
bleibt, wie es ist, nur mit ein paar Millionen Menschen weniger. Wir werden
unsere Zukunft nicht aus eigener demografischer Kraft stemmen
können.
Es ist völlig klar, dass sich dabei unsere Kultur verändern
wird, was auch für die Kultur der Zugewanderten gilt. Wie
"abendländisch" diese neue Kultur dann letztlich ist, weiß
niemand. Allein dieser Gedanke macht vielen Menschen Angst. Es hilft dabei
aber die Erkenntnis, dass es zum Wesen der Kultur gehört, dass sie
sich ständig wandelt. Ansonsten wäre es keine Kultur, sondern
Geschichte.
Dieser Beitrag ist erstmals erschienen in "Der Spiegel" 35/2010. 

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