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Bevölkerungswachstum als Triebfeder des
Klimawandels
Alterung, Verstädterung und der Zugang zu
Familienplanung wirken sich auf die Höhe der künftigen
CO2-Emissionen aus In der mexikanischen
Küstenstadt Cancún findet vom 29. November bis zum 10. Dezember
dieses Jahres der Uno-Klimagipfel statt. Die Politik sucht nach Wegen, um
dem Klimawandel zu begegnen. Dabei konzentriert sie sich vor allem auf
Maßnahmen, die dazu beitragen, den Energieverbrauch zu senken.
Entsprechend fördert sie neue Technologien und fordert Bürger und
Unternehmen zu energieeffizientem Handeln auf.
Demografische Gesichtspunkte stehen bei den Überlegungen zum
Klimaschutz dagegen häufig im Hintergrund. Die Menge an künftigen
CO2-Emissionen wird jedoch unter anderem davon abhängen, wie viele
Menschen auf der Erde leben und wie sich die Weltbevölkerung
zusammensetzt. Eine kürzlich veröffentlichte Studie von
Klimaforscher Brian O'Neill und seinem Team vom National Center for
Atmospheric Research zeigt, dass sowohl Wachstum und Altersstruktur einer
Bevölkerung als auch die Verstädterungsrate einzelner
Weltregionen die Höhe des globalen CO2-Aufkommens entscheidend
beeinflussen. Gerade bei diesen demografischen Entwicklungen sind in den
nächsten Jahrzehnten starke Veränderungsprozesse zu erwarten.
Gesellschaftliche Alterung mindert den Ausstoß von
Treibhausgasen, Verstädterung mehrt ihn
Die Forscher gehen davon aus, dass sich Konsum und Wirtschaftsleistung
verringern, wenn eine Gesellschaft altert. In der Folge sinken dann auch
die CO2-Emissionen. Da in den meisten Industrieländern durch die
niedrigen Geburtenraten die Zahl der älteren Menschen wächst und
die der jüngeren schrumpft, steigt das Durchschnittsalter. Deshalb
werden den Berechnungen von O'Neill und seinem Team zufolge dort in Zukunft
bis zu 20 Prozent weniger Treibhausgase freigesetzt.
Mit wachsenden Emissionen ist dagegen in Schwellenländern wie China
und Indien und in den Entwicklungsländern zu rechnen. Auch hier wird
die Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten zwar teilweise stark
altern, doch gleichzeitig ziehen immer mehr Menschen in städtische
Verdichtungsräume. Da Städte mit einer stärkeren
Wirtschaftsleistung und Konsumorientierung aufwarten als ländliche
Gegenden, erweist sich die Urbanisierung als treibende Kraft der
CO2-Emissionen. Das Forscherteam ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die
Verstädterung zu Emissionssteigerungen von 25 Prozent und mehr
führen kann.
Auch die Haushaltsgröße hat Auswirkungen auf die
CO2-Emissionen. Eine gängige Annahme in der Klimaforschung lautet,
dass Emissionen umso höher ausfallen, je weniger Personen im
Durchschnitt in einem Haushalt leben, da Häuser und Wohnungen
weitgehend unabhängig von der Anzahl ihrer Bewohner geheizt oder
gekühlt werden. O'Neill und seine Kollegen belegen, dass der Faktor
Haushaltsgröße im Vergleich zum Faktor Alter jedoch nur einen
geringen zusätzlichen Einfluss besitzt.
Mehr Menschen, mehr Emissionen
Regional und demografisch ausdifferenzierte Prognosen wie bei O'Neill und
Kollegen finden sich in der Klimaforschung bislang selten, obwohl solche
Berechnungen nötig sind, um den künftigen Energiebedarf einzelner
Regionen und daraus folgend die zu erwartenden Emissionen abschätzen
zu können. Wie sehr die Bevölkerung altert und ob sie zunehmend
in Städten lebt, wird sich zwar auf die Höhe der künftigen
Emissionen auswirken, aber die schiere Größe der
Weltbevölkerung ist der wichtigste demografische Faktor im Hinblick
auf den Klimawandel. Entscheidend ist also, wie hoch beziehungsweise
niedrig das Bevölkerungswachstum ausfallen wird. Die Vereinten
Nationen erstellen hierzu drei Prognosen: eine hohe, eine mittlere und eine
niedrige.
Wie sich die Weltbevölkerung bis 2050 entwickeln
könnte
Wachstumsprognosen der Vereinten Nationen

Je nach Wachstumsprognose entwickeln sich die
Bevölkerungszahlen unterschiedlich rasant. Bei der niedrigen Variante
wächst die Weltbevölkerung von heute 6,9 Milliarden Menschen bis
2050 auf knapp acht Milliarden an. Bei der mittleren Prognose ist im Jahr
2050 fast 9,2 Milliarden Menschen zu rechnen. Die hohe Variante tritt ein,
wenn die weltweite Fertilitätsrate bis 2050 auf dem heutigen Stand von
2,5 Kindern bleibt. Sie lässt eine Weltbevölkerung von knapp 10,5
Milliarden erwarten - das wären gut anderthalb mal so viele Menschen,
wie heute auf der Erde leben (Datengrundlage: Vereinte Nationen).
Im Hinblick auf das Klima wäre es ideal, wenn die niedrige
Wachstumsprognose einträfe. Die Forschergruppe um O'Neill sagt voraus,
dass sich durch eine derart langsame Bevölkerungsentwicklung 16 bis 29
Prozent der Emissionsreduzierungen erzielen ließen, die bis 2050
nötig sind, um den Klimawandel einzuschränken. Konkret geht es um
die schwer vorstellbare Menge von 1,4 bis 2,5 Gigatonnen Kohlenstoff pro
Jahr.
Dass die niedrige Wachstumsprognose eintrifft, ist aus Sicht vieler
Demografen jedoch unwahrscheinlich, da sie voraussetzt, dass die
Fertilitätsrate von heute 2,5 Kindern pro Frau im weltweiten
Durchschnitt bis 2050 auf 1,5 Kinder pro Frau sinkt. Selbst das Eintreffen
der milderen, mittleren Wachstumsprognose der Vereinten Nationen ist
keineswegs garantiert, auch wenn sie häufig als eine Art Standardfall
angenommen wird. Doch auch bei dieser Prognose müsste die
Fertilitätsrate um immerhin 0,5 Kinder pro Frau fallen.
Familienplanung als Umweltschutzmaßnahme
Ein solcher Rückgang von heute 2,5 auf glatt zwei Kinder im Jahr 2050
dürfte mit den aktuellen politischen Bemühungen bei der
Familienplanung nur schwerlich zu erreichen sein, da dieser Bereich in den
letzten Jahren zunehmend unterfinanziert war. Dass der Bedarf an
Verhütung und Familienplanung keineswegs gedeckt ist, zeigt sich schon
allein daran, dass von 210 Millionen weltweiten Schwangerschaften pro Jahr
rund 80 Millionen - etwa 38 Prozent - ungeplant sind. Etwa 22 Prozent aller
Schwangerschaften enden dann auch in einer Abtreibung.
Insbesondere in den Entwicklungsländern ist der Zugang zu
Familienplanung und Verhütung schwierig, schätzungsweise ein
Drittel der Geburten geht auf eine unbeabsichtigte Schwangerschaft
zurück. Wäre der Bedarf an Mitteln zur Familienplanung gedeckt,
dürfte die Fertilitätsrate in diesen Ländern um 0,6 bis 0,7
Geburten pro Frau sinken, was sich in der weltweiten Emissionsbilanz
merklich niederschlagen würde. Zwar sind die Pro-Kopf-Emissionen in
den Entwicklungsländern sehr viel niedriger als in den
Industrieländern, allerdings dürfte aufgrund der hohen
Bevölkerungszahlen der Großteil des CO2-Emissionen-Wachstums in
den kommenden Jahren auf die Entwicklungsländer entfallen.
Die Quote der ungeplanten Geburten liegt in den USA mit rund einem Drittel
etwa gleich hoch wie in den Entwicklungsländern, weil Aufklärung
und der Zugang zu Verhütungsmitteln hier ebenfalls zu wünschen
übrig lassen. Wie groß der Mangel ist, zeigt sich darin, dass
dort zu den rund 1,4 Millionen ungeplanten Geburten noch einmal 1,3
Millionen Abtreibungen hinzukommen. Wäre der Bedarf an
Familienplanungsmöglichkeiten gedeckt, würde die
Fertilitätsrate in den USA um circa 0,2 Kinder pro Frau sinken. Da die
Vereinigten Staaten die höchsten Pro-Kopf-Emissionen zu verbuchen
haben, hätte dieser Rückgang ebenfalls eine deutliche Auswirkung
auf das weltweite CO2-Aufkommen. Allein die Vermeidung aller ungewollten
Schwangerschaften in den Entwicklungsländern und den USA würde zu
einem weltweiten Fertilitätsrückgang von 0,5 Kindern pro Frau
führen - jener Differenz, die zwischen den einzelnen
Wachstumsprognosen der Vereinten Nationen entscheidet.
Natürlich ist die wachsende Anzahl an Menschen nur ein Faktor unter
mehreren, der für die hohen CO2-Emissionen verantwortlich ist. Die
entscheidende Größe ist der Energieverbrauch pro Kopf. Folglich
hat es seine Berechtigung, dass die Politik bei der Energie-Effizienz
ansetzt. Darüber hinaus können aber auch Investitionen in die
Familienplanung einen wichtigen Beitrag leisten, um den Ausstoß der
Treibhausgase zu verringern.
Literatur / Links
Alan Guttmacher Institute (1999): Sharing responsibility: women, society
and abortion worldwide. New York. www.guttmacher.org.
O'Neill, Brian / Dalton, Michael / Fuchs, Regina / Jiang, Leiwen /
Pachauri, Shonali / Zigova, Katarina (2010): Global demographic trends and
future carbon emissions. In: PNAS 107/41. S.17521-17526. www.pnas.org.
Speidel, Joseph J. / Weiss, Deborah C. / Ethelston, Sally A. / Gilbert,
Sarah M. (2009): Population policies, programmes and the environment. In:
Philosophical Transactions of the Royal Society B 364, S. 3049-3065. http://rstb.royalsocietypublishing.org.
UNFPA (2009): Weltbevölkerungsbericht 2009. Eine Welt im Wandel:
Frauen, Bevölkerung und Klima. Kurzfassung. Herausgegeben von der DSW.
Hannover. www.weltbevoelkerung.de.
United Nations, Population Division, Department of Economic and Social
Affairs (2009): World Population Prospects: The 2008 Revision. New York. http://esa.un.org. 

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"In strukturschwachen Regionen gibt es zu
wenig Ärzte und Psychologen"
Interview mit Prof. Dr. med. Detlef E. Dietrich,
Ärztlicher Direktor des AMEOS Klinikums Hildesheim Prof. Dr. med. Detlef E. Dietrich (geboren 1962) ist Facharzt
für Psychiatrie und Psychotherapie und leitet seit 2009 als
Ärztlicher Direktor das AMEOS Klinikum Hildesheim. Vorher arbeitete er
einige Jahre lang als Oberarzt beziehungsweise Leitender Oberarzt in der
psychiatrischen Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Seit
2004 ist er zudem Repräsentant der European Depression Association
für Deutschland.

Depression gilt als die am häufigsten auftretende
psychische Erkrankung. Wie viele Menschen sind davon in Deutschland
betroffen?
Man geht davon aus, dass in Deutschland derzeit etwa vier Millionen
Menschen - etwa fünf Prozent der Bevölkerung - an einer
behandlungsbedürftigen Depression erkrankt sind. Die
Lebenszeitprävalenz, also die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens
eine Form der behandlungsbedürftigen Depression zu erleiden,
beträgt etwa 15 bis 20 Prozent.
Erkranken genauso viele Frauen wie Männer?
Bei den meisten Formen der Depression sind Frauen häufiger betroffen,
etwa in einem Verhältnis von zwei zu eins. Heute vermutet man
allerdings, dass der Unterschied hinsichtlich der Häufigkeit nicht so
gravierend ist, die Depression des Mannes bleibt möglicherweise
häufiger unerkannt oder wird später erkannt als die der Frauen.
Wahrscheinlich verbirgt sich hinter vielen Suchterkrankungen bei
Männern eine Depression.
Besteht ein Zusammenhang mit dem Alter?
Es gibt bestimmte Formen der Depression, die im Alter häufiger
auftreten. Das liegt vor allem an der zunehmenden Häufigkeit
körperlicher Erkrankungen, aber auch an den veränderten
Lebenssituationen älterer Menschen. Organische Ursachen sind nicht
selten Hirnerkrankungen, nicht-organische Ursachen oft Verlusterlebnisse,
das heißt Verluste von Lebenspartnern, Freunden und so weiter. Aber
auch die nachlassende körperliche Autonomie kann als große
Belastung erlebt werden. Meist treffen bei der Entstehung der Depression
jedoch mehrere Ursachen zusammen.
In Deutschland steigen die Lebenserwartung und der Anteil der
Älteren. Im Jahr 2020 werden hierzulande voraussichtlich 14,6
Millionen Menschen leben, die 65 Jahre und älter sind. Das lässt
erwarten, dass die Zahl der Demenzerkrankungen zunehmen wird - gilt das
auch für Depression?
Es liegen unterschiedliche Einschätzungen vor. Die WHO, also die
Weltgesundheitsorganisation, hat geschätzt, welche Erkrankungen im
Jahr 2020 am häufigsten als Folge sozio-ökonomischer Belastungen
auftreten werden. Depressionen werden dann an zweiter Stelle stehen - nach
den Herz- und Kreislauf-Erkrankungen, die auch heute an erster Stelle
stehen.
Besteht unter Experten Einigkeit, ob Depressionen zunehmen?
Nein, Professor Ulrich Hegerl beispielsweise, Vorstandsvorsitzender der
Deutschen
Depressionshilfe, warnt stets vor der Aussage, dass Depressionen
zunehmen - und dafür gibt es tatsächlich momentan keinen Beweis.
Die Zunahme der Diagnosestellung lässt sich seiner Meinung nach
vielmehr auf die gute Öffentlichkeitsarbeit zurückführen.
Die Diskussion über Depression nach dem Freitod von Robert Enke
vor rund einem Jahr hat gezeigt, dass die Akzeptanz in der Bevölkerung
gegenüber früher gewachsen ist. Aber sie hat auch noch einmal den
starken Leistungsdruck nicht nur im Profifußball, sondern in vielen
gesellschaftlichen Bereichen verdeutlicht. Fördert dieser Druck
Depression?
Bestimmte Formen von Depression haben in den industrialisierten
Ländern vermutlich zugenommen: die, die etwa mit Arbeitslosigkeit,
Arbeitsverdichtung, Arbeitsunsicherheit und Stress zusammenhängen. Und
darauf bezieht sich unter anderem auch die WHO-Studie. Das betrifft
beispielsweise erwerbstätige Mütter, Pastoren, die heute mehrere
Gemeinden betreuen, nicht mehr nur eine, und Landfrauen, die den kompletten
Hof und die Familie alleine managen, weil der Mann einer weiteren
Beschäftigung nachgeht, um das Einkommen zu sichern.
Woran erkennt man, ob jemand "nur" schlecht drauf ist oder ob er
medizinische Unterstützung benötigt?
Von einer behandlungsbedürftigen Depression spricht man, wenn von
vier sogenannten Hauptsymptomen mindestens zwei und von weiteren Symptomen
mindestens drei bis vier über mindestens zwei Wochen nachweisbar sind.
Zu den Hauptsymptomen zählen niedergedrückte Stimmung,
Freudlosigkeit, Interesselosigkeit, Gefühl der Gefühllosigkeit
und zu den weiteren Symptomen gehören vielfältige Beschwerden wie
beispielsweise eine Antriebsstörung, Konzentrations- und
Gedächtnisstörungen, Schlafstörungen, Ängste, sozialer
Rückzug, negatives, pessimistisches Denken bis hin zu Suizidgedanken
oder Appetitstörungen.
Das macht eine Beteiligung am sozialen Leben nur schwer möglich.
Beeinflussen Depressionen auch die Lebenserwartung?
Die Lebenserwartung wird insbesondere durch die hohe Suizidgefahr
beeinträchtigt, etwa 15 Prozent der depressiv Erkrankten versterben
letztlich an einer Selbsttötung. Aber auch andere Begleiterkrankungen
wie Herz-Kreislauf-Störungen, erhöhte Infektanfälligkeit und
andere organische Erkrankungen, die nach depressiven Syndromen auftreten,
die im Zusammenhang mit depressiven Störungen häufiger vorkommen,
können die Lebenserwartung reduzieren.
Wie lassen sich Depressionen behandeln?
Am besten hilft bei den meisten Depressionen eine Kombination aus
medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung. Zusätzlich
eingesetzt können Körpertherapien, in einigen Fällen
Lichttherapie und Wachtherapie sowie Ergotherapie hilfreich sein. Auch die
Beratung und Einbeziehung von Angehörigen und gegebenenfalls des
Arbeitsplatzes kann für die Wiedereingliederung hilfreich sein.
Werden die vorhandenen therapeutischen Möglichkeiten gut
genutzt?
Leider noch nicht in ausreichendem Maße. Dies liegt an dem
eingeschränkten Wissen, wie man die Erkrankung rechtzeitig erkennt,
und auch an einer gewissen Scheu, sich zu offenbaren.
In strukturschwachen, von Abwanderung und Überalterung
geprägten Regionen mangelt es oft an medizinischer Versorgung - gilt
das auch für Depressionen?
Es gibt immer noch zu wenige Therapieplätze, zu wenig Ärzte und
auch zu wenig Psychologen, die sich der unterschiedlichen Störungen
annehmen könnten. Diese Situation findet sich auf dem Land in
zugespitzter Form. Hinzu kommt der internationale Markt: Da die
Arbeitsbedingungen im Ausland besser sind, verlassen viele Studierende nach
dem Abschluss Deutschland. So ist etwa das Gehalt höher, vor allem bei
den jüngeren Ärzten spielt das eine Rolle. Junge Ärzte
verdienen anderenorts das Zwei- oder Dreifache. Auch die Pharmaindustrie
zahlt besser und wirbt Mediziner ab.
Die Abwanderung verschärft den Konkurrenzkampf unter Kliniken um
Fachpersonal - wie lassen sich die vor Ort nötigen Mediziner anlocken
oder halten?
Die Kliniken können nicht einfach mehr zahlen, weil ihr Budget von
der Politik begrenzt ist - die Krankenkassen übernehmen ja nur einen
relativ festgelegten Betrag. Aber die Kliniken machen zusätzliche
finanzielle Angebote, etwa Einstiegsgelder, oder bezahlen Zusatzleistungen.
Dennoch wird die Arbeit hierzulande dadurch nicht plötzlich attraktiv.
Auch nicht für die niedergelassenen Ärzte. Wichtiger sind
vielmehr das Angebot einer guten und verlässlichen Weiterbildung, eine
freundliche und kollegiale Atmosphäre, Flexibilität bei der
Arbeitszeit- und Dienstgestaltung, Verständnis für soziale und
familiäre Belange der Beschäftigten.
Welche Lösungsansätze gibt es denn, um die Versorgung bei
Depression auch im ländlichen Raum sicherzustellen - möglichst
wohnortnah?
Wir sind für einen Bereich von 550.000 Einwohnern zuständig und
versuchen beispielsweise, Tageskliniken und Institutsambulanzen in
ländlicheren Gebieten aufzubauen. Die Lage ist zum Teil dramatisch, im
Raum Holzminden gibt es etwa im Umkreis von 50 Kilometern keinen Psychiater
mehr, seit der letzte seine Praxis geschlossen hat. Eine andere
Möglichkeit für den ländlichen Raum bilden medizinische
Versorgungszentren, in denen Ärzte aus unterschiedlichen
Fachrichtungen oder therapeutische Gruppen untergebracht sind. Die
Initiative geht hierbei aber oft nicht von der Politik aus, sondern von
einer Klinik oder anderen medizinischen Anbietern.
Gibt es beim Auftreten von Depression auffällige Unterschiede im
internationalen Vergleich?
Ja, hinsichtlich Häufigkeit und Ausprägung. Einer Studie der WHO
zufolge traten beispielsweise in der Schweiz bei 68 Prozent der
Erkrankungsfälle Schuldgefühle auf, im Iran nur bei 32 Prozent.
Auch hinsichtlich der Behandlung gibt es soziokulturelle Unterschiede,
wobei sich die Behandlungsoptionen in industrialisierten Ländern durch
den schnelleren globalen Wissenstransfer zunehmend angleichen. Insgesamt
scheinen etwa innerhalb Europas Menschen in nördlichen Ländern
häufiger eine Depression zu haben als in südlich gelegenen
Ländern.
Wie lässt sich das erklären?
Dies ist sehr wahrscheinlich zu einem gewissen Teil auf die geringere
Lichtintensität in nördlichen Ländern
zurückzuführen. Es gibt aber auch bei diesem Vergleich
Unterschiede, die gesellschaftlich und kulturell begründet sind. Die
Forschungslage dazu ist schwierig. Die Spitzenwerte liegen in
nördlichen Regionen bei einer Lebenszeitprävalenz von 20 bis 25
Prozent. In Schottland sind es beispielsweise 22 Prozent - in Saudi-Arabien
oder den Vereinigten Arabischen Emiraten dagegen nur 3,4 Prozent.
Wie kann das sein?
Die Vermutung liegt nahe, dass es keine genetischen Gründe sind, auch
nicht ausschließlich das Licht, weil auch südliche
europäische Länder deutlich höhere Werte aufweisen. Es
müssen also die Definitionen sein, das Verständnis, was als
"Depression" erfasst wird. Für diese Frage ist meine Kollegin Dr.
Meryam Schouler-Ocak Expertin, die an der Berliner Charité arbeitet.
Sie ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die südländische
Definition von Depression viel mehr auf körperliche Symptome
ausgerichtet ist, weil Depressionen kulturell unterschiedlich ausgeformt
sind. Es tauchen zwar auch die klassischen Symptome wie
Schlafstörungen, Vergesslichkeit, Interesseverlust auf,
zusätzlich aber verstärkt etwa Bauchschmerzen, Kopfdrücken,
innere Unruhe oder Gereiztheit.
Gilt das auch für Menschen, die aus südlichen Ländern
stammen und jetzt in Deutschland leben?
Ja.
Was bleibt zu tun - auch für die Politik?
Die vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten werden noch viel zu
selten genutzt. Die Tabuisierung der Erkrankung und teilweise auch
Diskriminierung der Erkrankten bilden ein Problem, das behoben werden muss.
Nur zwei Drittel der Erkrankten befinden sich in ärztlicher
Behandlung, und aufgrund der Komplexität der Symptomatik mit
häufig im Vordergrund stehenden körperlichen Beschwerden sind
auch wiederum nur etwa 50 Prozent dieser in ärztlicher Behandlung
befindlichen als depressiv diagnostiziert. Experten schätzen
darüber hinaus, dass hiervon wiederum nur etwa ein Drittel ausreichend
behandelt wird, das heißt so lange, bis eine Symptomfreiheit erreicht
ist. Letztlich werden nur zehn Prozent der depressiv Erkrankten
adäquat behandelt. Deshalb ist eine nachhaltige
Öffentlichkeitsarbeit von ganz besonderer Bedeutung. Außerdem
braucht es eine ausreichende finanzielle Unterstützung bei der
Ausbildung des therapeutischen Nachwuchses und zur Etablierung
zusätzlicher Behandlungsmöglichkeiten.
Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut)
erlaubt.
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