Lebenswelten in Europa
Eine neue Studie des Berlin-Instituts untersucht, wie sich die Struktur der Konsumentenschaft in den Regionen von acht europäischen Ländern verändert
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Leise Hoffnung für Niger
Die Kindersterblichkeit in Niger hat sich in den letzten 20 Jahre mehr als halbiert – das hat Folgen für die Entwicklung von Fertilität und Bevölkerungszahl
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In eigener Sache
Zweite BI-Lecture mit dem Koordinator der Pisa-Studien Prof. Andreas Schleicher
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Lebenswelten in Europa
Eine neue Studie des Berlin-Instituts untersucht, wie sich die Struktur der Konsumentenschaft in den Regionen von acht europäischen Ländern verändert

Das Konsumverhalten der Bevölkerung hängt von einer Reihe von Faktoren ab: Je nach Alter, Lebensphase und Lebensstil kaufen Menschen unterschiedliche Produkte, achten dabei mehr oder weniger stark auf den Preis, bevorzugen verschiedene Fernsehsendungen nutzen das Internet auf diese oder jene Weise. Unternehmen, die entscheiden müssen, welche Produkte sie entwickeln und in welchen Regionen sie investieren, benötigen dafür Informationen über die Struktur der Konsumentenschaft und über deren künftige Entwicklung.

Um die umfangreichen, komplexen Daten über die Bevölkerung zu strukturieren, teilen Marktforscher Menschen nach bestimmten Kriterien in verschiedene Konsumentengruppen ein. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) mit Sitz in Nürnberg, eines der größten Marktforschungsinstitute weltweit, hat dafür ein Verfahren entwickelt, das zwei Dimensionen berücksichtigt: Die Konsumenten ab 14 Jahren werden nach Lebensphase und nach finanzieller Lebenslage einer von 15 biografischen Lebenswelten (nach Gerhard Kleining) zugeordnet. Die Lebensphase – von der Schul- und Ausbildungsphase über die Erwerbs- und Familienphase bis hin zum Ruhestand – bestimmt den Erkenntnissen der GfK zufolge in hohem Maße das Kauf-, Konsum- und Medienverhalten. Die finanzielle Lage entscheidet darüber, wie viel Geld für den Konsum zur Verfügung steht.

Nicht nur innerhalb einzelner Länder zeigen die Angehörigen der jeweiligen Lebenswelten ein vergleichbares Konsumverhalten. Auch über die Ländergrenzen hinweg ähneln sich die Europäer mit ähnlicher Kaufkraft und in der gleichen Lebensphase stärker, als es nationale Unterschiede bisweilen vermuten ließen – zumindest was Produktvorlieben und Kaufverhalten angeht. Die GfK analysiert in regelmäßigen repräsentativen Bevölkerungsumfragen, wie sich die Bevölkerung auf die Lebenswelten verteilt. Auf Grundlage dieser Daten hat das Berlin-Institut im Auftrag des GfK Vereins untersucht, wie sich die Lebenswelten heute in 49 Regionen in acht europäischen Ländern verteilen und wie sich ihre Struktur bis 2025 voraussichtlich entwickeln wird. Dabei handelt es sich um die sieben EU-Länder Großbritannien, Frankreich, Spanien, die Niederlande, Österreich, Italien und Polen sowie um Russland. Die regionale Verteilung der Lebenswelten in Deutschland und ihre künftigen Entwicklungstrends hat das Berlin-Institut bereits in der 2011 veröffentlichten Studie "Lebenswelten 2025" analysiert.

Die demografische und wirtschaftliche Lage in Europas Regionen

Der erste Teil der Studie stellt dar, wie die europäischen Länder und die einzelnen Regionen in den acht näher untersuchten Staaten sowie in Deutschland hinsichtlich einer Reihe grundlegender Indikatoren dastehen: Wie hoch ist die Kaufkraft der Bevölkerung? Wie viele Kinder werden je Frau geboren, wie stark ist die Bevölkerung gealtert? Wie gut sind die Menschen im Erwerbsalter gebildet? Wie viele von ihnen sind arbeitslos? Dieser wirtschaftliche und demografische Ist-Zustand gilt als Basis für die künftige Struktur der Lebenswelten, denn wer beispielsweise heute gut qualifiziert ist und ein gutes Einkommen bezieht, dürfte auch als Ruheständler gut versorgt sein.

Wirtschaftlich stehen die Länder in Europas Norden und in seinem Zentrum besonders gut da: Die Menschen haben dort im Schnitt deutlich höhere Einkommen zur Verfügung als im Süden oder Osten Europas und sind seltener arbeitslos. Die Länder im Osten der EU und weiter östlich, wie Polen und Russland, haben wirtschaftlich noch nicht zu den "alten" EU-Staaten aufgeholt, auch wenn sich Lebensstandard und Wohlstand in den vergangenen Jahrzehnten stark verbessert haben. Umgekehrt hat sich in jenen Ländern der EU, die von der Wirtschafts- und Finanzkrise besonders stark betroffen sind – allen voran Spanien und Griechenland – die Lage verschlechtert und sie haben eine schwierige Zukunft vor sich.

Mindestens ebenso stark wie die ökonomische Entwicklung beeinflussen demografische Veränderungen die Struktur der Lebenswelten. Länder, in denen die Kinderzahl bereits seit Jahrzehnten niedrig ist, stehen künftig gleich vor zwei demografischen Problemen: Die Zahl der Älteren steigt, während die mittleren und jüngeren Altersgruppen – und damit auch die Zahl der Erwerbsfähigen – kleiner werden. Auch die Zuwanderung aus anderen Ländern kann diese Entwicklung nur abmildern, nicht jedoch aufhalten. Vorreiter dieses Wandels ist Deutschland. Aber auch Italien, Russland oder Polen müssen sich auf eine sinkende Zahl an Erwerbsfähigen einstellen. Andere Länder haben keinen so starken Rückgang der Kinderzahlen erlebt und dürften, insbesondere wenn man die Zuwanderung mit einrechnet, längerfristig weiterwachsen, beispielsweise Frankreich oder Großbritannien. Doch auch dort altern die Bevölkerungen, wenngleich die Zahl der Erwerbsfähigen gleichzeitig weitgehend stabil bleibt.

Für die Struktur der Konsumentenschaft bedeutet dies: Die Lebenswelten der Ruhestandsphase wachsen in allen europäischen Ländern, während jene der Ausbildungsphase und der Erwerbs- und Familienphase in einigen Ländern schrumpfen, in anderen hingegen stabil bleiben oder sogar noch leicht zulegen.

Die Struktur der Lebenswelten in Europas Regionen heute

Die allgemeine demografische und wirtschaftliche Lage in den Regionen spiegelt sich in der Verteilung der Verbraucher auf die Lebenswelten. So sind die Lebenswelten der Ruhestandsphase in jenen Ländern überdurchschnittlich stark vertreten, wo die Bevölkerung bereits deutlich gealtert ist, wie in Deutschland oder Italien. In der mittleren Lebensphase, die von Erwerbstätigkeit und Familie geprägt ist, zählen in den weniger wohlhabenden Ländern wie Polen, Russland oder Spanien vergleichsweise viele zu den Lebenswelten der einfachen Lage, während etwa in den Niederlanden oder Frankreich die Mittelschicht einen hohen Anteil ausmacht.

Zu den Lebenswelten der mittleren sozialen Schichten in der Erwerbs- und Familienphase zählt in den meisten Ländern insgesamt rund ein Fünftel bis ein Viertel der Bevölkerung ab 14 Jahren. In den Niederlanden und in Italien stellen sie sogar die größte Gruppe innerhalb der mittleren Lebensphase. Die Angehörigen der Lebenswelt Junge Mitte sind junge Erwerbstätige, meist im Alter von etwa 20 bis 40 Jahren, mit mittlerem bis höherem Einkommen. Ihr Anteil ist in jenen Ländern und Regionen vergleichsweise hoch, wo die wirtschaftliche Lage insgesamt zwar nicht schlecht ist, sich aber bislang noch keine große Schicht mit hoher Kaufkraft gebildet hat – etwa in Spanien. Auch in Polen ist der Anteil der kaufkräftigen Top-Lebenswelten noch niedrig, aber insbesondere um die Hauptstadt Warschau herum hat sich bereits eine aufstrebende junge Mittelschicht etabliert.

In Russland zählen größere Teile der Konsumenten zur Lebenswelt Junge Mitte, als es die niedrige durchschnittliche Kaufkraft vermuten ließe. Dies liegt vor allem an der Altersstruktur der Bevölkerung: Wegen der geringen Lebenserwartung erreichen viele Menschen in Russland gar nicht erst das Rentenalter, daher befindet sich insgesamt ein recht großer Anteil der Bevölkerung im Erwerbs- und Familienalter. In Großbritannien, Frankreich und Deutschland sind die Anteile der Lebenswelt Junge Mitte vergleichsweise niedrig – dort ist der materielle Wohlstand insgesamt hoch, und viele junge Menschen zählen nicht zu den mittleren, sondern zu den kaufkräftigen Top-Lebenswelten. Künftig bleiben die jungen Lebenswelten dort zahlenmäßig stabil oder wachsen, wo die Kinderzahl je Frau vergleichsweise hoch ist und die Bevölkerung insgesamt wächst: in den meisten französischen Regionen, in Großbritannien und in den Niederlanden.

Die Region Mittelengland in Großbritannien

Die Midlands im Zentrum der britischen Insel sind als traditionelle englische Industrieregion bekannt - hier befand sich einst ein Zentrum der britischen Kohleförderung und der Industriellen Revolution. Wie viele andere ehemalige Schwerindustrieregionen in ganz Europa - etwa Asturien im spanischen Norden, Saarland und Ruhrgebiet in Deutschland oder Schlesien in Polen - tut sich die Region schwer, sich zur modernen Industrie- und Dienstleistungsökonomie zu entwickeln. Die entlassenen Industriearbeiter finden häufig keinen Job in anderen Branchen und haben auch als Rentner nur geringe Einkommen. Immerhin profitieren die westlichen Midlands heute von ihrer zentralen Lage und entwickeln sich wegen ihrer leichten Erreichbarkeit aus allen Landesteilen zu einem Zentrum für Transport, Handel, Veranstaltungen und Konferenzen.

Der nur teilweise bewältigte Strukturwandel und die vergleichsweise schlechte wirtschaftliche Lage vieler Menschen spiegelt sich in der Verteilung der Lebenswelten: In den alten Industrierevieren der Midlands finden sich vergleichsweise hohe Bevölkerungsanteile von Frauen und Männern der einfachen Lage sowie von älteren Männern und Frauen der Arbeiterschicht. Die Anteile der wohlhabenden Berufstätigen der Lebenswelten Junge Top und Mittleres Alter Top sind allerdings höher als in den englischen Regionen nördlich der Midlands. Ein Zeichen dafür, dass der Strukturwandel zumindest in Teilen gelingt. Wie in ganz Großbritannien wächst die Bevölkerung. Am stärksten legen die älteren Lebenswelten zu, aber auch die Zahl der jungen Erwerbstätigen dürfte noch wachsen. Dank der vergleichsweise hohen Kinderzahlen und kontinuierlichen Zuwanderung wird auch für die unter 20-Jährigen ein Zuwachs prognostiziert. Allerdings dürften viele derjenigen Menschen, die in den kommenden Jahren ins Rentenalter hineinwachsen, eher geringe Einkommen zu erwarten haben, und die hohe Jugendarbeitslosigkeit lässt befürchten, dass auch ein Teil der jungen Menschen eine schwierige Zukunft vor sich hat.

"Lebenswelten in Europa" ist im Auftrag des GfK Vereins entstanden und nur für dessen Mitglieder erhältlich. Der GfK Verein ist eine Non-Profit-Organisation zur Förderung der Marketingforschung.

Weitere Informationen erhalten Sie unter www.berlin-institut.org

 

Leise Hoffnung für Niger
Die Kindersterblichkeit in Niger hat sich in den letzten 20 Jahre mehr als halbiert – das hat Folgen für die Entwicklung von Fertilität und Bevölkerungszahl

Eines der von den Vereinten Nationen verabschiedeten Millennium-Entwicklungsziele besteht darin, die weltweite Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren zwischen 1990 und 2015 um zwei Drittel zu reduzieren. Nach Angaben der Unicef lag die Rate 1990 weltweit bei etwa 87 von 1.000 lebendgeborenen Kindern – im Jahr 2011 waren es 51 und damit 41 Prozent weniger. Das Ziel ist also noch nicht erreicht. Zudem bestehen zwischen den Kontinenten weiterhin große Unterschiede. So haben der ostasiatische und pazifische Raum sowie Lateinamerika und die Karibik die UN-Vorgabe bereits heute nahezu erreicht, während die Kindersterblichkeit in Ländern südlich der Sahara lediglich um 39 Prozent gesunken ist. Dies hat dazu geführt, dass die Region heute mit 109 Todesfällen je 1.000 Lebendgeburten die weltweit höchste Sterblichkeit von unter Fünfjährigen aufweist.

Große Unterschiede in Subsahara-Afrika
Kindersterblichkeit in einzelnen Ländern Subsahara-Afrikas im Vergleich von 1990 zu 2011

Insgesamt sank die Kindersterblichkeit in Subsahara-Afrika zwischen 1990 und 2011 von 178 auf 109 Todesfälle pro 1.000 Lebendgeburten. Zwischen den Ländern gibt es allerdings beträchtliche Unterschiede, sowohl was das Niveau der Kindersterblichkeit als auch deren Rückgang betrifft. Die Sterberate ging umso stärker zurück, je höher sie zu Beginn des Zeitraums lag. In Niger etwa reduzierte sich die Kindersterblichkeitsrate um mehr als 50 Prozent – allerdings war hier der Wert 1990 auch am höchsten, und selbst heute sterben trotz aller Erfolge immer noch überdurchschnittlich viele Kinder. Südafrika hingegen verzeichnete bereits 1990 eine der niedrigsten Kindersterblichkeitsraten und konnte sich bis 2010 nur um fünf Prozent verbessern. Dafür ist nicht zuletzt die Ausbreitung von HIV/Aids verantwortlich. (Datengrundlage: Vereinte Nationen, Statistikkommission)

Überdurchschnittlich große Fortschritte hat in den vergangenen 20 Jahren jedoch Niger gemacht. Nach Angaben der Vereinten Nationen waren hier im Jahr 1990 314 von 1.000 lebend geborenen Kindern gestorben – 2011 waren es nur noch 125. Die Kindersterblichkeit hat sich also mehr als halbiert.

Der deutliche Rückgang lässt sich zu einem großen Teil damit erklären, dass Niger in den letzten Jahren viele Anstrengungen unternommen hat, um das Gesundheitssystem zu erweitern und zu verbessern. Möglich gemacht haben dies vor allem eine relativ stabile Regierung und die beachtliche Unterstützung von internationalen Hilfsorganisationen sowie ausländischen Partnern. Sie förderten sowohl präventive als auch behandelnde Maßnahmen. Zu ersteren zählten vor allem die verstärkte kostenlose Betreuung von schwangeren Frauen und Kindern. Auch verbesserte Nutzungsmöglichkeiten von Moskitonetzen, Impfungen und Vitaminen stellten effektive Maßnahmen dar. Unter den Behandlungsmaßnahmen stach die häufigere Versorgung von an Lungenentzündung Erkrankten heraus.

Häufigste Todesursache: Lungenentzündung
Ursachen der Kindersterblichkeit in Niger im Jahr 2010 (Angaben in Prozent)

Die häufigsten Ursachen für den Tod von Kindern in Niger sind Lungenentzündung, Malaria, Durchfallerkrankungen und andere Infektionskrankheiten. Damit könnten die meisten Todesfälle mithilfe von Impfungen und Medikamenten, sauberem Trinkwasser und Moskitonetzen vermieden werden. Vergleichsweise wenige Kinder unter fünf Jahren sterben aufgrund von HIV/Aids, wobei hierzu auch fehlende Untersuchungen zu HIV/Aids in Niger beitragen. Die übrigen Faktoren zusammengenommen zeigen, dass Kindersterblichkeit insbesondere auch auf geburtliche und nachgeburtliche Probleme innerhalb des ersten Lebensmonats zurückzuführen ist. (Datengrundlage: WHO)

Trotz aller Erfolge liegt die Kindersterblichkeit in Niger weiter auf vergleichsweise hohem Niveau. Viele Kinder sterben, weil extreme Armut und schlechte Infrastruktur die Gesundheitsversorgung behindern. Zu den größten Problemen zählen weiterhin Nahrungsmittelknappheit und Hungersnöte. Lange Dürreperioden, Überflutungen und andere erntezerstörende Faktoren, gegen die das Land regelmäßig kämpfen muss, erschweren die Lebensmittelversorgung erheblich. Durch die Mangelernährung haben Infektionskrankheiten leichtes Spiel. Auch der fehlende Zugang zu sauberem Trinkwasser sowie zu verbesserten sanitären Einrichtungen erhöht die Gefahr von Durchfall- und anderen Infektionskrankheiten.

Ernährungssituation und hygienische Bedingungen verbessern sich kaum

Veränderung des Ernährungszustands von Kindern unter fünf Jahren sowie des Anteils der Bevölkerung, der Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen hat, 1990/1992 bis 2010

Hungersnöte sind ein zentrales Problem in Niger. Im Jahr 2010 waren etwa 40 Prozent der Kinder unter fünf Jahren untergewichtig, knapp 47 Prozent unterentwickelt. Im Vergleich zu 1992 hat sich die Lage damit kaum verbessert. Zudem mangelt es an ausreichender Versorgung mit sauberem Trinkwasser. 2010 hatte nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung Zugang dazu. Noch weniger Menschen haben die Möglichkeit, sanitäre Einrichtungen zu nutzen – im Jahr 2010 lag ihr Anteil bei nur neun Prozent. Allerdings bestehen erhebliche Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen Regionen. (Datengrundlage: WHO)

Die Entwicklung der Kindersterblichkeit ist auch deshalb so wichtig, da sie wesentlichen Einfluss auf eine andere demografische Größe nimmt, die Fertilität. In einer Untersuchung von 118 Ländern zwischen 1960 und 2000 zeigte sich, dass die Geburtenzahlen zurückgingen, nachdem die Kindersterblichkeit gesunken war. Denn wenn das Überleben der Kinder ungewiss ist, bekommen Eltern in Entwicklungsländern viele Kinder, um sicher zu gehen, dass zumindest einige von ihnen das Erwachsenenalter erreichen – um dann als Arbeitskraft beziehungsweise zur Altersversorgung der Eltern zur Verfügung zu stehen. Je mehr aber die Überlebenschancen der Kinder steigen, desto eher sind Eltern bereit, weniger Nachwuchs zu bekommen. Dieser Effekt tritt allerdings erst mit einer deutlichen zeitlichen Verzögerung von bis zu zehn Jahren ein. Das bedeutet, dass eine sinkende Kindersterblichkeit kurzfristig sogar zu einer steigenden Kinderzahl führt, wodurch die Bevölkerung stark wächst.

Niger steht bereits heute vor enormen demografischen und sozioökonomischen Herausforderungen, die sich in Zukunft noch verschärfen werden. Es zählt zu den ärmsten Ländern der Welt und in der Rangliste des Human Development Index 2011 findet es sich an vorletzter Stelle. Zugleich verzeichnet Niger die weltweit höchste Fertilitätsrate. Im Jahr 1990 bekam eine Frau durchschnittlich 7,8 Kinder, und auch heute liegt der Wert nur wenig niedriger bei 7,1 Kindern pro Frau. Nigers Bevölkerungszahl hat sich seit 1990 mehr als verdoppelt, und in Zukunft wird die Bevölkerung selbst dann stark wachsen, wenn die Fertilitätsrate dem Rückgang der Kindersterblichkeit folgend zurückgeht. Denn die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre und hat damit die Elternschaft noch vor sich. Die Vereinten Nationen prognostizieren einen Anstieg von heute 13 Millionen auf etwa 50 bis 76 Millionen Einwohner bis 2050.

Das starke Bevölkerungswachstum wiederum erschwert es, Ernährung, Gesundheitsversorgung, Bildung und Infrastruktur in ausreichendem Maß bereitzustellen. Niger läuft Gefahr, sich in einem Kreislauf von Armut, Unterentwicklung und hohen Kinderzahlen zu verfangen. Eine Entwicklungschance wird es nur haben, wenn das Bevölkerungswachstum sich verlangsamt, also die Fertilität zurückgeht. Die sinkende Kindersterblichkeit ist eine notwendige Bedingung dafür. Aber aufgrund der zeitlichen Verzögerung des Effekts und des hohen Bevölkerungsanteils junger Menschen ist es wichtig, dass auch andere Maßnahmen ergriffen werden, die sich auf die Fertilität auswirken. Hierbei sind Investitionen in Bildung, insbesondere in die von Frauen, sowie die Stärkung der Stellung der Frauen in der Gesellschaft von zentraler Bedeutung. Auch der Zugang zu Familienplanung muss verbessert werden.

Links/Literatur

Amouzou, A., Habi, O. & Bensaïd, K. (2012). Reduction in child mortality in Niger: a Countdown to 2015 country case study. The Lancet, Volume 380, Pages 1169-1178.

Angeles, L. (2008). Demographic Transitions: analyzing the effects of mortality on fertility. Journal of Population Economics, 23, 99-120.

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2011). Afrikas demografische Herausforderung – Wie eine junge Bevölkerung Entwicklung ermöglichen kann. Berlin.

Bevölkerungsfond der Vereinte Nationen (2011). The State of the World’s Midwifery – Niger. New York.

Rutstein, S.O. (2000). Factors associated with trends in infant and child mortality in developing countries during the 1990s. Bulletin of the World Health Organization, 78, 1256-1270.

Vereinte Nationen, Statistikkommission (2012). Online Datenbank: Millennium Development Goals Database.

WHO (2012). Country Profile Niger: Maternal, Newborn & Child Survival. Genf.

WHO (2012). Online Datenbank: Global Health Observatory Data Repository. Genf.

WHO (2006). Country Cooperation Strategy – Niger at a glance. Genf.

 

In eigener Sache
Zweite BI-Lecture mit dem Koordinator der Pisa-Studien Prof. Andreas Schleicher

Am 25. September fand im Gebäude der Robert Bosch GmbH in Berlin-Charlottenburg die zweite BI-Lecture statt. Der Koordinator der Pisa-Studien der OECD, Prof. Andreas Schleicher, befasste sich in seinem Vortrag mit der Bedeutung von lebenslangem Lernen in einer Wissensgesellschaft. Er warb für ein neues Bildungsverständnis, nach dem sich Menschen selbstverantwortlich jene Kompetenzen aneignen, die sie später gewinnbringend einsetzen können. Dies müsse die noch immer verbreitete Auffassung ersetzen, dass formale Bildungseinrichtungen dafür verantwortlich seien, wer was lernt. Vor allem müssten Kompetenzen im Lebensverlauf konsequent aufgefrischt werden, da sie sonst langsam aber stetig zurückgingen. Vor dem Hintergrund alternder Belegschaften sei dies von besonderer Dringlichkeit.

Gleichzeitig warnte Schleicher davor, Bildung mit Erfolg auf dem Arbeitsmarkt gleichzusetzen. Gerade beim Einstieg in den Arbeitsmarkt gäbe es Verbesserungsbedarf, da sich die am Anfang der Berufslaufbahn entstehenden Ungleichheiten später verfestigen würden. Um diese Abwärtsspirale zu durchbrechen, sei es wichtig, im Laufe des Lebens mehr in allgemeine Fähigkeiten zu investieren, nicht ausschließlich in jobspezifische, wie es in Deutschland noch zu häufig der Fall sei. Dies unterstrich Schleicher mit dem Satz „Die Deutschen lernen für den Job, die Schweden oder Dänen fürs Leben“. Um allgemeine Fähigkeiten dann auch gewinnbringend einzusetzen, müsste allerdings auch bei den Arbeitgebern angesetzt werden. Diese sollten Bewerber mehr nach Kompetenzen anstatt von formalen Qualifikationen einstellen. Denn wo in der Vergangenheit Unternehmensgewinne häufig auf angelernten Fähigkeiten und Kenntnissen der Arbeitnehmer beruhten, verlange die heutige Arbeitswelt vermehrt Kreativität, Teamfähigkeit und zwischenmenschliche Kompetenzen.

Laut Schleicher schafft Deutschland es aktuell nicht, seine vorhandenen Kompetenzen effektiv zu nutzen. So gaben in einer Befragung der OECD 30 Prozent der deutschen Arbeitnehmer an, sich fühlten sich im Job unterfordert – hauptsächlich Angestellte im gering qualifizierten Bereich. Vor diesem Hintergrund hielt Schleicher fest, dass es auch möglich sei, die Nachfrage nach Kompetenzen zu verändern, indem man gering qualifizierte Jobs ins Ausland exportiere. Die vorhandenen Fähigkeiten der unterforderten Arbeitnehmer könnten dann effizienter genutzt werden. Am anderen Ende der Qualifikationsskala gaben in der gleichen Befragung allerdings auch zehn Prozent an, sie fühlten sich von den Anforderungen des Jobs überfordert. Sie bräuchten daher adäquate Weiterbildungsmaßnahmen.

Einen Video-Mitschnitt der gesamten Rede finden Sie hier.

Ausgabe 142, 22.10.2012

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