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Afghanistans Bevölkerung wächst sehr
schnell
Hohe Kinderzahlen verschlechtern die miserable
medizinische Versorgungssituation noch Lange Zeit
ist Afghanistan ein Land mit einer hohen und stabilen Geburtenrate gewesen:
Frauen bekamen im Laufe ihres Lebens durchschnittlich mehr als acht Kinder.
Auch die Kindersterblichkeit war hoch: Ein Viertel der Kinder verstarb vor
dem fünften Geburtstag. In den letzten Jahren hat sich das jedoch
geändert.
Der erste und einzige Zensus, den Afghanistan jemals durchgeführt hat,
stammt aus dem Jahr 1979. Nur wenig später wurde das Land von der
Sowjetunion angegriffen. Wegen dieser zeitgeschichtlichen Umstände
gibt es beträchtliche Zweifel an der damals ermittelten
Bevölkerungszahl. Die UN-Bevölkerungsbehörde schätzt,
dass Afghanistan im Jahr 1979 rund 14 Millionen Einwohner hatte. Das U.S.
Census Bureau beziffert die Zahl sogar auf über 16 Millionen. Der
Zensus Afghanistans dagegen zählte nur knapp über 13 Millionen
Menschen. Eine weitere Bevölkerungszählung war für das Jahr
2008 geplant, ist aber in Absprache mit den Vereinten Nationen auf
September 2010 verschoben worden.
Laut der US-amerikanischen Behörde liegt die Fertilitätsrate in
Afghanistan mittlerweile bei durchschnittlich 5,7 Kindern je Frau. Der
Rückgang hat erst kürzlich eingesetzt. Das U.S. Census Bureau
geht davon aus, dass die Bevölkerung von Afghanistan von 28,4
Millionen (Mitte 2009) bis 2050 auf 53,4 Millionen wächst, sich also
beinahe verdoppelt. Die Vereinten Nationen sprechen sogar von 73,9
Millionen im Jahr 2050.
Afghanistans Bevölkerung wächst schnell 
Das kontinuierliche Wachstum der afghanischen
Bevölkerung wird sich auch in Zukunft fortsetzen: Bis 2050 könnte
sich die Zahl der Einwohner verdoppelt haben. Die durchschnittliche
Kinderzahl sinkt zwar seit einigen Jahren, liegt aber immer noch sehr hoch:
Heute bekommt eine Frau im Durchschnitt 5,7 Kinder (Datengrundlage: U.S.
Census Bureau).
Fehlende Angebote an Gesundheitsfürsorge
Im Jahr 2003 brachte die afghanische Regierung das ambitionierte Programm
"Basic Package of Health Services" (BPHS) auf den Weg. Damit wollte sie den
Gesundheitssektor des Landes erneuern und insbesondere im unterversorgten
ländlichen Raum Gesundheitsdienste einführen - also dort, wo ein
Großteil der afghanischen Bevölkerung lebt. Dass Angebote zur
Verbesserung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit bereitgestellt
werden, ist für Paare, die keine weiteren Kinder bekommen wollen, von
immenser Bedeutung. Und der Erfolg ist groß, wenn man die Quote zur
Anwendung von Verhütungsmittel betrachtet.
Der "Multiple Indicator Cluster Survey" (MICS) des UN-Kinderhilfswerks
Unicef aus dem Jahr 2000, eine Untersuchung, die anhand verschiedener
Kenngrößen den medizinischen Versorgungsstand analysiert, kam zu
dem Ergebnis, dass 5,3 Prozent aller verheirateten Frauen eine Methode der
Schwangerschaftsverhütung anwandten. 3,6 Prozent nutzten eine moderne
Methode. Im Jahr 2003 erhöhte sich der Prozentsatz dem erneut
durchgeführten Survey zufolge auf 8,7 Prozent. 2006 ist die Anwendung
von Verhütungsmitteln auf 15,5 Prozent gewachsen - ein beachtlicher
Sprung innerhalb von drei Jahren. Die drei am meisten verbreiteten
Verhütungsmethoden waren die Pille (8,1 Prozent), Hormonspritzen (5,4
Prozent) sowie Kondome (2,2 Prozent).
Voraussetzung für die Anwendung aller Verhütungsmittel ist, dass
diese verfügbar sind - und das ist längst nicht immer gegeben.
Der Datenreport 2009 der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW)
spricht von 200 Millionen Frauen weltweit, die keinen Zugang zu
Kontrazeptiva haben, obwohl sie verhüten wollen. Und die
Müttersterblichkeitsrate ist seit 1994 kaum gesunken: Jedes Jahr
sterben mehr als eine halbe Million Frauen an Komplikationen während
der Schwangerschaft oder Geburt. Das Ziel, bis 2015 jedem Zugang zu
Aufklärung, Verhütungsmitteln und Gesundheitsfürsorge rund
um Schwangerschaft und Geburt zu gewährleisten, das die internationale
Staatengemeinschaft 1994 bei der UN-Weltbevölkerungskonferenz in Kairo
formuliert hat, liegt damit noch in weiter Ferne. Trotz des gewachsenen
Wissens über Verhütungsmittel gibt nur jede dritte Frau an,
moderne Verhütungsmethoden zu kennen.
Anwendung von modernen Verhütungsmethoden in ausgewählten
Ländern 2006 
Während in Industriestaaten wie Großbritannien
über 80 Prozent der verheirateten Frauen moderne
Verhütungsmethoden anwenden, liegt ihr Anteil in
Entwicklungsländern wie Mali oder Somalia unter fünf Prozent. Die
Zugangsmöglichkeiten unterscheiden sich erheblich (Datengrundlage:
Vereinte Nationen).
Die Nähe zu einer medizinischen Einrichtung ist
überlebenswichtig
Wenig überraschend ist, dass laut Afghanistan Health Survey (AHS) der
Zeitaufwand, der erforderlich ist, um zu einer Gesundheitseinrichtung zu
reisen und an ein Verhütungsmittel zu gelangen, eine wichtige Rolle
für die Anwendungshäufigkeit spielt: Rund 19,4 Prozent der
Frauen, die weniger als zwei Stunden bis zu einer solchen medizinischen
Anlaufstelle unterwegs sind (das betrifft über 60 Prozent der
befragten Frauen), nutzen die Methoden und Mittel. Müssen sie jedoch
zwei Stunden oder mehr bis zu einer solchen Anlaufstelle aufbringen,
reduziert sich die Quote derer, die Verhütungsmittel nutzen, auf 9,1
Prozent. Hinzu kommt, dass knapp drei Viertel aller Frauen den Weg zu einem
solchen Gesundheitszentrum zu Fuß bewältigen müssen, was
mit der großen Bevölkerungsanzahl im ländlichen Raum und
dem Mangel an Verkehrsmitteln zusammenhängt.
Afghanistan hat weltweit gesehen eine der höchsten Säuglings-,
Kinder und Müttersterblichkeitsquoten. Dafür sind vor allem das
Fehlen der vorgeburtlichen Vorsorge für schwangere Mütter sowie
die seltenen Impfungen von Kindern verantwortlich. Trotz der schwierigen
Versorgungslage ist laut Afghanistan Health Survey (AHS) die Anzahl der
afghanischen Frauen, die eine vorgeburtliche Vorsorge von einer
medizinischen Fachkraft (Arzt, Krankenschwester oder Geburtshelferin) in
Anspruch genommen haben, von fünf Prozent in 2003 auf 32 Prozent in
2006 gestiegen. Das neue Paket zur medizinischen Grundversorgung
verzeichnet also Erfolge.
Die Entfernung zur nächsten medizinischen Versorgungseinrichtung hat
auch hier einen entscheidenden Einfluss darauf, ob der eingerichtete
medizinische Dienst genutzt wird. Denn Frauen, die binnen zwei Stunden eine
solche Einrichtung erreichen, waren zweimal so oft vor Ort, um die
vorgeburtliche Vorsorge in Anspruch zu nehmen, wie die befragten Frauen,
die weiter weg leben. Der Anteil der Frauen, die ihr Kind in einer
medizinischen Versorgungseinrichtung entbunden haben, erreichte bis 2007
allerdings nur 13 Prozent.
Afghanistan ist - abgesehen von der sicherheitspolitischen Situation -
gegenwärtig von Armut, Analphabetismus und unzureichender
Gesundheitsversorgung geprägt. Außerdem steht es vor einem
riesigen Bevölkerungswachstum, das diese Probleme noch
verschärfen wird.
Der amerikanische Bevölkerungswissenschaftler Richard Cincotta warnte
Ende des letzten Jahres in der Zeitschrift "Foreign Policy" davor,
angesichts anderer Debatten um Afghanistan die Bevölkerungsentwicklung
aus den Augen zu verlieren. Die Ursache dafür, dass die internationale
Gemeinschaft und die Medien das Thema vernachlässigen, sei, dass dann
über den Status der Frauen in Afghanistan gesprochen werden
müsse. Nirgendwo jedoch sei deutlicher zu erkennen als in Afghanistan,
so Cincotta, wie sehr die Unterdrückung der Frauen und die staatliche
Instabilität zusammenhängen.
Literatur / Links
Afghan Ministry of Health (2006): Afghanistan Health Survey (AHS).
Kabul.
Cincotta, Richard (2009): Could
Demography Save Afghanistan? In: Foreign Policy, 16.11.2009.
Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (2009): Datenreport
2009. Soziale und demographische Daten zur Weltbevölkerung.
Hannover.
Haub, Carl (2009): Winds of
Demographic Change in Afghanistan? Population Reference Bureau.
Washington DC.
Population Reference Bureau (2009): Population Data Sheet
2009. Washington DC.
UNICEF (2000): Multiple Indicator
Cluster Survey (MICS). New York.
UNICEF (2003): Multiple Indicator
Cluster Survey (MICS). New York.
Vereinte Nationen (2009): Millennium Development Goals
Database.
U.S. Census Bureau (2010): International Data Base
2010.
Human Rights Watch (2009): We
have the Promises of the World - Women's Rights in Afghanistan. New
York. 
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"Die Lebensbedingungen sind nicht
gleichwertig"
Interview mit Prof. Dr. Klaus Brake, TU
Berlin Prof. Dr. Klaus Brake (geb. 1940) hat
Architektur und Städtebau an der Technischen Universität Berlin
studiert und an der Universität Bremen promoviert. Von 1975 bis 2000
hatte er an der Universität Oldenburg eine Professur für Stadt-
und Regionalentwicklung inne. Seit 2000 arbeitet Klaus Brake
selbstständig als Berater in Berlin. Gegenwärtig ist Klaus Brake
zudem Gastprofessor am Center for Metropolitan Studies der Technischen
Universität Berlin. Sein mittelfristiger Forschungsschwerpunkt sind
Ursachen und Herausforderungen von Reurbanisierung im Kontext der Wissens-
und Kreativökonomie. 
Deutschland dürfte bis 2050 etwa zwölf Millionen
Einwohner verlieren. Was bedeutet das für die Entwicklung der
Regionen?
Unterschiedliches. Metropolregionen werden weniger Bevölkerung
verlieren als dünn besiedelte Regionen. In letzteren werden
Infrastruktur und Versorgung möglicherweise eingeschränkt
werden.
Was heißt das konkret für das Leben vor Ort?
Denen, die in den vom Bevölkerungsrückgang betroffenen Regionen
zurückbleiben, fehlen dann wichtige Voraussetzungen, um sich
qualitativ so zu entwickeln, wie das üblicherweise in Deutschland
möglich ist: etwa durch Weiterbildung und Höherqualifizierung
interessante und auch pekuniär attraktive Berufe zu ergreifen.
Das geht dann alles nicht mehr?
Es wird schwieriger. Irgendwann wird Quantität zu Qualität, eine
Schule für 30 Prozent weniger Kinder kann ein breites Angebot kaum
aufrechterhalten. Die Folge kann sein, dass noch mehr Leute gehen - gerade,
wenn sie Kinder haben oder haben wollen.
Ist das eine gesellschaftliche Erosion?
Ja. Übrig bleiben meist die Älteren, die auch körperlich
weniger Beweglichen. Es sind die Aktiveren, die gehen, die auch im Kopf
mobiler sind. Das entzieht solchen Regionen weitere produktive
Ressourcen.
Kann die Politik hier gegensteuern?
Ja - aber noch nicht. Als Erstes müsste sie die Diskussion für
dieses Thema öffnen. Noch fehlt ein Gespräch darüber, eine
Vision, was wir in 20 Jahren für ein Land sein wollen. Die Regierung
stellt aber keine Ziele vor. Dazu müsste sie eine klare Ansage machen:
Da wollen wir hin, deswegen machen wir dieses und nicht jenes. Zu den
Zielen gehört auch die Auseinandersetzung mit schrumpfenden Regionen -
wie soll denn die Bevölkerungsstruktur in Zukunft aussehen? Als
Zweites müsste man die Rahmenbedingungen diskutieren und dann als
Drittes, und nicht vorher, konkrete Maßnahmen ergreifen.
Wäre es empfehlenswert, gar nicht erst die Lücken entstehen zu
lassen? Könnte es ein Ziel sein, den Bevölkerungsrückgang zu
verhindern und die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen zu erhalten? Und
wenn ja, wie könnte man das erreichen?
Das wäre ein wichtiger Diskussionspunkt. Wir brauchen sowohl mehr
Kinder als auch mehr Zuwanderer. Wir brauchen eine Atmosphäre, die
potenzielle Immigranten ermutigt und auch Eltern das Zutrauen gibt, dass
Kinder keine Überlastung wären, sondern zu bewältigen
wären, auch ökonomisch.
In den zwölf Millionen Bevölkerungsverlust sind ja schon -
recht optimistisch - 150.000 bis 200.000 Zuwanderer pro Jahr eingerechnet,
mehr als wir in den vergangenen Jahren hatten. Wir bräuchten noch
bedeutend mehr Zuwanderer, um die Bevölkerungszahl konstant zu halten
- denken Sie, das ist realistisch?
Leider nicht. Das Thema Zuwanderung ist ja erst seit etwa sieben Jahren
überhaupt diskussionsfähig. Das müsste "Chefsache" sein, es
braucht eine Ermunterung von oben, damit das Land diese Diskussion offen
führt und sie nicht den Stammtischen überlässt.
Die Familienpolitik braucht also noch Jahrzehnte, bis sie etwas bewirken
kann, und mit einer Zuwanderungsförderung ist vorerst nicht zu
rechnen. Was bedeutet das für den Anspruch auf die Gleichwertigkeit
der Lebensbedingungen, der im Grundgesetz verankert ist?
Sie sind nicht gleichwertig. Es ist nicht nur die
Bevölkerungsentwicklung, die hier eine Rolle spielt, sondern auch die
Veränderung der Ökonomie durch den Strukturwandel hin zu einer
Wissensgesellschaft. Dadurch gewannen große Städte lange Zeit an
Attraktion, und das nimmt offenbar noch zu.
Was sind die Gründe dafür?
Wissensintensive, kreative Tätigkeiten zielen auf immer wider ganz
neue Ideen. Dafür sind sie scheinbar besonders stark angewiesen auf
die Erfahrungen, Kenntnisse, Haltungen anderer, die man nur im
persönlichen Austausch erhält, und auf ungeplante Kontakte.
Das wäre ja eine sehr soziale Entwicklung - im Unterschied zu der
erwarteten Entwicklung hin zur stärkeren Vereinzelung der Menschen
durch die neuen Kommunikationstechnologien.
Ja, lange hieß es: "Vergesst die Städte." Eine Weile hat man
geglaubt, die Städte würden "verschwinden", indem diese
Technologien die direkten, persönlichen Begegnungen
überflüssig machen und die Menschen ein privates Heim in der
Nähe zur Natur mit besserer Luft und weniger Lärm vorziehen. Eine
Entwicklung, die die Eigenheimzulage und die Pendlerpauschale übrigens
noch gefördert haben. Aber jetzt heißt es nicht mehr nur "raus
aus der Stadt", sondern auch "rein in die Stadt", wie man beispielsweise an
Berlin sieht: die Stadt ist attraktiv.
Warum entwickelt sich die Hauptstadt dann so schlecht?
Sie entwickelt sich langsam. Bei dem Strukturzusammenbruch, den Berlin auf
allen Gebieten erlebt hat - ökonomisch, politisch, sozial - ist es
kein Wunder, dass das lange dauert. Aber vom Potenzial her ist Berlin ein
Wissenschaftsstandort, das ist inzwischen erkannt worden. Die Politik hat
die Stärken gesucht und identifiziert - das ist erst einmal gelungen.
Damit sind alte Hypotheken weg. In Berlin muss alles darum gehen, wie man
aus Wissen Arbeit macht. Ich meine nicht nur die Kreativen, sondern auch
die Ingenieure und den Bereich Forschung und Entwicklung. Die
Kreativwirtschaft ist die Hefe für eine neue Ökonomie. Auch wenn
viele prekär beschäftigt sind.
Was heißt das für die Konkurrenz der Metropolen in
Deutschland - Hamburg, Stuttgart, München, Frankfurt?
Diese Metropolregionen haben stark davon profitiert, dass Berlin
während der Teilung kaputtgemacht worden ist und viele Firmen
weggezogen sind, beispielsweise Siemens oder die Banken. Aber diese
Städte haben ein Manko: Sie sind sehr arriviert, teuer und nicht sehr
kreativ in Hinblick auf Zukunftsthemen. Was machen die, wenn ihre Branchen
die Hochblüte überschritten haben? Da sehe ich nichts. Berlin ist
dagegen aus der Not heraus unglaublich innovativ.
Wie verhält sich das in einer dicht besiedelten Problemregion wie
dem Ruhrgebiet?
Der Umbau läuft ja auch schon seit 40 Jahren, aber sie haben es dort
nicht leicht. Dem Ruhrgebiet mangelt es an Urbanität, trotz der
Städte. Berlins Grundattraktivität ist viel größer:
Berlin ist Hauptstadt und gilt als Ort, in dem die deutsche Geschichte
erlebbar wird. Es ist eine offene Stadt mit vielen Brachen und
Zwischennutzungen. Hier stellt sich die Frage, wie man die Offenheit
verstetigt - in neuen Formen, also weder die jetzigen Brachen nur
erhält, noch alles glatt und schön macht und zubaut.
In ländlichen Regionen sind es oft einzelne Bürgermeister und
Landräte, die die Motoren für den Erfolg sind. Von diesen
Personen hängt die Entwicklung ab - gilt das auch für
Städte?
Es scheint so, auch wenn mir der Gedanke widerstrebt, dass die Entwicklung
an einer Person und deren Führung hängt.
Braucht Berlin also Politiker mit einer Vision?
Ja. Natürlich nicht im Sinne von Weltfremdheit, sondern von
handlungsorientierten Zielen. Das ist ein Manko von Berlins Regierendem
Bürgermeister Klaus Wowereit, aber er hat inzwischen einiges gelernt:
Er weiß, dass er Themen, die für Berlin wichtig sind, selbst
vertreten muss - beispielsweise die Wissenschafts- und die
Integrationspolitik.
Gibt es politische Konzepte, in ländlichen Regionen solche
Vordenker und Leute, die die Entwicklung vorantreiben, zu
unterstützen?
Ja, durchaus. Die Bundesregierung tritt auf der Ebene des Bundesamts
für Bauwesen und Raumordnung einiges los, indem sie Wettbewerbe
auslobt, um die Menschen vor Ort aufzufordern, sich mit
Veränderungsvorschlägen zu beteiligen und sich zu engagieren.
Ist das wirklich schon ein politisches Konzept, Ideen anderer
zuzulassen? Oder ist dieses Programm "integrierter Regionalentwicklung" aus
der Not heraus entstanden? Aus der Erkenntnis, dass es mehr Potenziale
gibt, als man bislang geglaubt hat, und dass der Staat viele
bürokratische Hürden aufgebaut hat, die eine Entwicklung "von
unten nach oben" geradezu verhindern?
Ich würde positiv unterstellen, dass das ein Konzept ist - die
Bereitschaft, Verantwortung zu stärken. Und dass dahinter die
Erkenntnis steht, dass sich unsere Lebenswelt verändert hat. Wir haben
es systematisch mit mehr Flexibilisierung zu tun. Es gibt nicht mehr nur
die eine Ausbildung, den einen Beruf, einen Arbeitgeber, einen Partner,
einen Wohnort. Diese Ordnung ist vorbei - und das prägt das
gesellschaftliche Sein und Handeln. Wir müssen viel mehr selbst regeln
und in die Hand nehmen, kreativer sein, und dem muss sich die Politik mit
mehr Partizipation anpassen.
Zu dieser Flexibilität und Kreativität sind aber nicht alle
Menschen gleichermaßen in der Lage. Wie kann die Gesellschaft damit
umgehen?
Wir müssen noch eine Antwort auf diese Frage finden. Gleichwertige
Lebensbedingungen müssten darin bestehen, jeden überall zu
sozialer Kompetenz zu qualifizieren. Denn die Wissensgesellschaft wird die
Bevölkerung in Zukunft noch stärker spalten, in jene, die ihr
folgen können und jene, die nicht dazu in der Lage sind.
Das Interview führten Margret Karsch und Reiner Klingholz.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch und Reiner Klingholz /
Berlin-Institut) erlaubt. 
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