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Frankreichs Familienpolitik auf dem
Prüfstand
Auch die französische Gesellschaft ist noch
weit von Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit
entfernt Sie leben wie Gott in Frankreich, die
berufstätigen Mütter - zumindest legt das die familienpolitische
Debatte nahe, die in Deutschland geführt wird. Frankreich kann sich
seit den 1990er Jahren einer im europäischen Vergleich hohen
Geburtenrate rühmen: Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau
erreichte 2008 den Wert von 2,02 (Deutschland: 1,38). Und dabei sind
französische Mütter häufiger erwerbstätig als etwa
deutsche: Die Erwerbstätigenquote von Französinnen zwischen 25
und 49 Jahren, die Kinder haben, ist mit derzeit knapp 73 Prozent
vergleichsweise hoch.
Hinzu kommt, dass die berufstätigen Mütter mehrheitlich in
Vollzeit arbeiten. Da liegt die Vermutung nahe, dass die Versorgung der
Kleinen in Frankreich besser organisiert ist als anderswo: Tatsächlich
liegt die außerhäusliche Betreuungsquote in Frankreich laut OECD
bei Kleinkindern im Alter von null bis zwei Jahren bei rund 43 Prozent, bei
drei- bis fünfjährigen Kindern sogar bei fast 100 Prozent (2006).
Zum Vergleich: Deutschland kommt auf gerade mal 14 Prozent bei den ganz
Kleinen und auf rund 89 Prozent in den Kindergärten. All das ist Grund
genug für die Annahme, dass es die Frauen in Frankreich leichter haben
als hierzulande, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen.
Wie kam es dazu, dass Frankreich familienpolitisch eine
Führungsposition erlangt hat? In dem Discussion Paper "Ungleiche
Nachbarn" hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und
Entwicklung den Hintergrund erläutert: Wegen des starken
Geburtenrückgangs, der schon nach der Französischen Revolution
einsetzte und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts andauerte, dachte
Frankreich bereits Ende des 19. Jahrhunderts über eine aktive
Familienpolitik nach. 1939 wurde der "Code de la Famille" verabschiedet,
der bis in die 1960er Jahre noch die "male breadwinner family"
unterstützte, etwa indem der Staat Beihilfen zahlte, wenn die Mutter
zu Hause blieb. Diese Politik trug dazu bei, dass viele Frauen keiner
bezahlten Arbeit nachgingen - und nahm ihre ökonomische
Abhängigkeit in Kauf. Erst - aus deutscher Perspektive: schon - in den
1970er Jahren wurde die Politik an das gesellschaftliche Modell einer
Zwei-Verdiener-Gemeinschaft angepasst. Außerdem wurde die bereits
1881 eingeführte kostenlose Vorschule ("école maternelle")
für Kinder zwischen zwei und sieben Jahren nach 1945 erheblich
ausgebaut. Nahezu alle Eltern machen inzwischen von diesem
Betreuungsangebot in irgendeiner Weise Gebrauch.
Eine Studie, von der Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik
Ende 2009 mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung
veröffentlicht, übt jedoch trotz der guten Ergebnisse der
französischen Familienpolitik Kritik und fordert Reformen. Ist die
Lage wirklich so rosig, wie es scheint? Und arbeitet die französische
Regierung tatsächlich daran, die flächendeckende Betreuung aller
Kinder einzuführen und die Frauenerwerbstätigkeit zu
fördern?
Diese beiden Maßnahmen, die Staatspräsident Nicolas Sarkozy
Anfang 2009 angekündigt hatte, sollten jedenfalls den angestrebten
familienpolitischen Zielen dienen: erstens der Vereinbarkeit von Beruf und
Familie, zweitens der Chancengleichheit von Kindern, drittens der
frühkindlichen Förderung und viertens der Gleichstellung von
Frauen und Männern. Anne Salles, Dozentin an der Pariser
Universität Sorbonne, kommt in ihrer Untersuchung "Die
französische Familienpolitik: ein Erfolgsmodell unter Reformdruck"
jedoch zu einem ernüchternden Ergebnis.
Mangel an Betreuungsplätzen behindert Berufstätigkeit
Viele Eltern hätten keine "freie Wahl" - auf dem Papier ein
staatliches Leitprinzip - zwischen Kinderbetreuung zu Hause oder in einer
Einrichtung, weil die Kindergärten oder -krippen zu weit entfernt sind
oder weil deren Öffnungszeiten nicht mit den Arbeitszeiten
zusammenpassen, heißt es in dem Bericht.
Die Vielfalt von Betreuungsangeboten ist zweifellos groß. Zwischen
acht und zwölf Prozent der Kleinkinder werden in Krippen betreut. Die
wiederum unterscheiden sich: Es gibt Ganztagskrippen sowie flexible
Einrichtungen, die Teil- oder Vollzeitbetreuung anbieten, und Mikrokrippen
für Kleingruppen. Auch die Kindergärten, die nur Zweijährige
aufnehmen und den Übergang zur Vorschule bilden, zählen zu den
Krippen. Hinzu kommen eine begrenzte Anzahl von Tagesmüttern des
familiären Betreuungsdienstes, die landesweit 62.000 Plätze
anbieten und von den Kommunen bezahlt werden, sowie Betriebs- und
Elternkrippen. Bei den Krippen tragen die Eltern je nach Einkommen einen
Teil der Kosten, im Durchschnitt zehn Prozent, den Rest übernimmt der
Staat. Krippen und familiärer Betreuungsdienst zusammen bieten
Betreuung für rund 14 Prozent der Kleinkinder an.
Nutzen die Eltern - ob freiwillig oder unfreiwillig - weder das
Krippenangebot noch den familiären Betreuungsdienst, sondern stellen
privat eine staatlich anerkannte Tagesmutter oder eine Kinderfrau ein,
beteiligt sich der Staat an den Kosten. Die Eltern tragen dann mindestens
15 Prozent. Für rund 30 Prozent der Kleinkinder gibt es einen Platz
bei einer solchen Tagesmutter, knapp zwei Prozent der Kinder betreut eine
Kinderfrau. Letzteres bleibt ein Privileg der Besserverdienenden, allen
staatlichen Familienzuschüssen und -beihilfen zum Trotz.
Ab einem Alter von zwei Jahren können französische Kinder in die
Vorschule gehen. Die meisten "écoles maternelles" bieten
ganztägig von 7.30 Uhr bis etwa 18.30 Uhr außerhäusliche
Betreuung - bis auf mittwochs, da dann die Vor- und Grundschulen
geschlossen sind. 2008/09 besuchten 7,5 Prozent aller Kinder unter drei
Jahren die Vorschule, die Mehrheit von ihnen jedoch nur am Vormittag. Viele
Mütter arbeiten auch deshalb in Teilzeit, weil sie so am Mittwoch,
wenn die Vorschulen geschlossen bleiben, ihre Kinder selbst betreuen
können.
Ab drei Jahren werden die meisten Kinder nicht mehr nur zu Hause betreut
...
Anteil außerhäuslich betreuter Kinder an allen Kindern nach
Altersgruppen in Prozent 2006 
Bei der außerhäuslichen Betreuung der Drei- bis
Fünfjährigen liegt Frankreich innerhalb der EU vorne, dicht
gefolgt von Spanien. Bei den Kleinkindern dagegen schneiden etwa
Dänemark, die Niederlande und Schweden besser ab. Im Vergleich zu
Deutschland ist die Betreuungsquote in dieser Altergruppe in Frankreich
allerdings immer noch mehr als doppelt so hoch. Die
außerhäusliche Betreuungsquote sagt aber nichts darüber
aus, wie viele Stunden am Tag die Kinder betreut werden (Datengrundlage:
OECD).
... aber meist nur ein paar Stunden am Tag
Außerhäusliche Kinderbetreuung nach durchschnittlicher
Stundenzahl in der Woche 2008 
Die Zeit, die Kinder unter drei Jahren wöchentlich in
außerhäuslicher Betreuung verbringen, liegt in Frankreich
über dem EU-Durchschnitt, aber niedriger als in Deutschland. Bei den
Kindern ab drei Jahren bis zum Einschulungsalter nutzen die Eltern in
Frankreich und in den nordischen Ländern jedoch wesentlich
stärker außerhäusliche Betreuungsangebote. Deutschland
liegt hier nahe am EU-Durchschnittswert (Datengrundlage: Eurostat
Datenbank).
Betreuen Eltern ihre Kinder selbst, erhalten sie eine staatliche Beihilfe.
Bleiben sie bis zu 80 Prozent erwerbstätig, können sie ein
gemindertes Erziehungs- mit dem Betreuungsgeld zur Teilfinanzierung der
Betreuung kombinieren. Schätzungen zufolge werden zwischen 50 und 60
Prozent der Kinder vorwiegend von ihrer Mutter betreut. Da das
Betreuungsangebot bei genauerem Hinsehen insgesamt also immer noch
ungenügend ist, bleibt es Anne Salles zufolge schwierig, Beruf und
Familie zu vereinbaren.
Familie und Job: geteilte oder doppelte Belastung?
Beschäftigungsquoten von Frauen und Männern, jeweils mit und ohne
Kinder 2008 
Überall in der EU sind kinderlose Frauen häufiger
beschäftigt als Mütter. Bei den Männern verhält es sich
umgekehrt. Vor allem in der Tschechischen Republik haben es Mütter
schwer, Familie und Beruf zu vereinbaren. In Portugal und in den
Niederlanden unterscheiden sich die Beschäftigungsquoten von Frauen
mit und ohne Kindern am wenigsten, und auch in Frankreich ist die Lage
besser als in Deutschland (Datengrundlage: Eurostat Datenbank).
Keine Chancengleichheit für Kinder
Das Einkommen bleibt ein entscheidender Faktor bei der Wahl der
Betreuungsart, bemängelt Anne Salles. Und die Betreuungsart wiederum
beeinflusse die frühkindliche Förderung, auch wenn eine
außerhäusliche Betreuung keine Garantie dafür liefere. Das
einkommensunabhängige Erziehungsgeld von 552 Euro monatlich, das
zusätzlich zu anderen Unterhaltsleistungen gezahlt wird, bietet nur
bei einem niedrigen Einkommen ein Anreiz dafür, auf die
Erwerbstätigkeit zu verzichten. Kinder aus einkommensschwachen
Familien werden deshalb eher zu Hause betreut als Kinder aus Haushalten mit
einem höheren Budget. Das führt dazu, dass die finanziell
schlechter ausgerüsteten Kinder oft weniger frühkindliche
Förderung erhalten, als die Betreuungseinrichtungen mit dem
ausgebildeten pädagogischen Personal bieten könnten.
Zudem sind auf dem Land die Betreuungsplätze knapp: Je nach
Département gibt es für 100 Kleinkinder zwei bis 30
Plätze. Oft springen deshalb Verwandte ein - oder die Mutter nimmt
eben doch den Erziehungsurlaub in Anspruch, weil sie keine andere
Möglichkeit findet. Untersuchungen zufolge ist dies bei 33 bis 40
Prozent der Familien der Fall.
Die Knappheit hat verschiedene Gründe: Zum einen steht der hohe
bürokratische Aufwand für die Anmeldung von Tagesmüttern und
Betreuungseinrichtungen neuen Angeboten im Wege. Zum anderen entscheiden
sich immer weniger Frauen für den finanziell wenig einträglichen
Beruf der Tagesmutter (Tagesväter scheint es nicht zu geben), da die
Ausbildungsmöglichkeiten heute vielfältiger sind als noch vor
Jahrzehnten. Frauen sind zudem inzwischen auch selbstverständlich in
Berufen mit einem hohen Qualifikationsniveau tätig. Einen solchen
Beruf wegen der Kindererziehung aufzugeben, fällt schwerer, als auf
einen wenig angesehen, schlecht bezahlten Job zu verzichten. Auf die
Tätigkeit einer Tagesmutter umzusteigen und neben dem eigenen
Nachwuchs weitere Kinder zu betreuen, wie es früher häufiger der
Fall war, scheidet heute als Option meist aus.
Keine Geschlechtergerechtigkeit
Wenn es um die Arbeitsteilung zwischen Müttern und Vätern geht,
zeigt sich ein weiteres Problem: Die Väter übernehmen keinesfalls
die Hälfte der Hausarbeit und der Kinderbetreuung - ein Drittel der
Französinnen und Franzosen ist der Meinung, dass es für ein Kind
am besten sei, in den ersten drei Lebensjahren von der Mutter betreut zu
werden.
Entsprechend nehmen in Frankreich nur 2,5 Prozent der Väter
Erziehungsurlaub. Zum Vergleich: In Deutschland haben immerhin rund 15
Prozent der Männer Elterngeld beantragt, nehmen also Erziehungsurlaub
- wenn auch überwiegend nur für zwei Monate. Wer aber als Frau
drei Jahre mit der Arbeit pausiert, hat es anschließend oft schwer,
ohne Karrierebruch in den Beruf zurückzukehren. Und genau dieser lange
Erziehungsurlaub wurde durch die Rentenreform 2004 noch unterstützt,
indem der dreijährige Erziehungsurlaub voll für die Rente
angerechnet wird. Diejenigen, die ihre Berufstätigkeit lediglich
einschränken, können aber nur sechs Monate pro Kind für ihre
Rentenansprüche geltend machen können. Damit wird Anne Salles
zufolge der Doppelbelastung von erwerbstätigen Müttern
keinesfalls Rechnung getragen.
Frankreich diskutiert über Reformen
Die französische Familienpolitik unterstützt bislang vor allem
kinderreiche Familien, Familien mit Kleinkindern und einkommensstarke
Familien. Anne Salles plädiert dafür, die von der Regierung
verkündeten Ziele mit mehr Anstrengung und auch finanziellem Aufwand
zu verfolgen. Nur so ließe sich die Chancengleichheit von Kindern aus
einkommensschwachen und -starken Familien erhöhen, Müttern und
Vätern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern und damit
auch die Gleichstellung der Geschlechter tatsächlich fördern.
Ein größeres Angebot an Betreuungsplätzen würde viel
dazu beitragen, diese Ziele zu erreichen. Das hat angesichts der steigenden
Geburtenrate und der zu erwartenden Knappheit an qualifiziertem Personal
auch die Regierung erkannt. Rund 790.000 Kinder kamen 2009 in Frankreich
(ohne Überseeregionen und -gebiete) zur Welt. Präsident Nicolas
Sarkozy hatte 2009 angekündigt, 200.000 neue Krippenplätze
für Zweijährige bereitzustellen - vor allem in
Unternehmenskrippen, in von den Kommunen finanzierten "jardins
d'éveil" ("Gärten der Erweckung") und bei Tagesmüttern.
Diese Pläne zeigen zwar den Willen, die außerhäusliche
Betreuung auszubauen, gehen aber klar in die Richtung einer Privatisierung
der Betreuung. Und die können sich weder alle gleichermaßen
leisten, noch fördern sie die Erwerbstätigkeit von Müttern
oder die Erziehungsarbeit von Vätern.
Andere Maßnahmen könnten hier mehr bewegen: Den Erziehungsurlaub
zu verkürzen, würde den Müttern den Wiedereinstieg in den
Beruf erleichtern. Ein höheres Erziehungsgeld nach dem schwedischen
Modell, das 80 Prozent des Nettolohns vorsieht, kann Väter zu mehr
Erziehungsleistungen motivieren. Dasselbe gilt für Prämien
für Paare, die den Erziehungsurlaub teilen. Diese Maßnahmen sind
in Frankreich jedoch umstritten - ebenso wie der Vorschlag, den
Betreuungszuschuss für einkommensschwache Familien zu erhöhen.
Die Regierung will stattdessen zusätzlich die Arbeitgeberbeiträge
für Familien begrenzen. Das wiederum berge die Gefahr, dass die
sozialen Milieus weiter auseinanderdriften, warnt Anne Salles. Sie
bezweifelt, dass die familienpolitischen Ziele auf dem geplanten Weg zu
erreichen seien. Eher drohe die Gefahr, dass die Qualität der
Betreuung abnehmen und Frankreich langfristig an Familienfreundlichkeit
einbüßen werde.
Literatur / Links
Europäische Kommission: Eurostat
Datenbank, Bevölkerung und soziale Bedingungen.
OECD
Family database.
Anne Salles (2009): Die
französische Familienpolitik: ein Erfolgsmodell unter Reformdruck.
DGAPanalyse Frankreich 6, 21. Oktober 2009.
Stephan Sievert / Reiner Klingholz (2009): Ungleiche
Nachbarn. Die demografische Entwicklung in Deutschland und Frankreich
verläuft gegensätzlich - mit enormen Langzeitfolgen.
Discussion Paper 2. Berlin.
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