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Von Helden der Arbeit zur neuen Unterschicht?
Das Thema Jungen- und Männerförderung
kommt endlich auch in der Bundespolitik an "Männer führen Kriege, Männer sind schon als
Baby blau, Männer rauchen Pfeife, Männer sind furchtbar schlau
...", so dichtete Herbert Grönemeyer in den 1980er Jahren. Er
zeichnete damit ein klischeehaftes, traditionelles Männerbild, das aus
Macht und physischer Stärke - und ansonsten aus Betäubung
besteht. Doch in den vergangenen 25 Jahren hat sich im Verhältnis der
Geschlechter zueinander und in deren gesellschaftlichen Rollen eine Menge
geändert. Erstmals hat nun die neue Bundesregierung die Förderung
von Jungen und Männern in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen, und das
Familienministerium verfügt seit Neuestem über ein Referat
für Jungenförderung. Damit erkennt die Bundespolitik an, dass es
gesellschaftliche Bereiche gibt, in denen Jungen und Männer besonderen
Förderbedarf haben. Ein Thema, über das bis vor wenigen Jahren
nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde.
Gleichstellung der Geschlechter einzufordern ist ein legitimes und
gesellschaftlich notwendiges Anliegen. Doch in den vergangenen Jahrzehnten
wurde die Benachteiligung von Frauen und Mädchen so stark zu einer
nicht mehr hinterfragten Grundlage der politischen und selbst der
wissenschaftlichen Diskussion, dass Differenzierungen dieses Themas kaum
mehr möglich waren. Männer verdienen im Durchschnitt mehr, sie
besetzen die Führungspositionen der Wirtschaft, sie stellen die
überwiegende Mehrheit der Professoren. Doch Professoren machen nur 0,1
Prozent der in Deutschland Beschäftigten aus. Hingegen lebten im
Januar 2010 in Deutschland knapp 1,6 Millionen Frauen von Hartz IV, aber
mehr als zwei Millionen Männer. Dass Männer am oberen, schmalen
Ende der sozialen Pyramide überrepräsentiert sind, verdeckt den
Blick darauf, dass sie auch am breiten unteren Ende die Mehrheit stellen.
Jahrzehntelang dominierten die Männer unangefochten in
Kohleflözen, an Hochöfen, Montagebändern und in den
Chefetagen das Wirtschaftsleben. Im Westen waren sie ohnehin
Haupternährer der Familie, im Osten hätschelte sie ein staatlich
betriebener Soldaten- und Proletenkult. Doch seit den 1990er Jahren
veränderte der wirtschaftliche Strukturwandel hin zur Wissens- und
Dienstleistungsgesellschaft das wiedervereinigte Deutschland und beendete
allmählich die soziale Privilegierung der klassischen
Männerberufe. Im männerdominierten Baugewerbe der Bundesrepublik
sank die Zahl der Beschäftigten zwischen 1996 und 2007 um 30, im
produzierenden Gewerbe um neun Prozent. Im Dienstleistungssektor hingegen,
wo vorwiegend Frauen tätig sind, hat sich im selben Zeitraum die Zahl
der Beschäftigten um 23 Prozent erhöht. Auch die
gegenwärtige Wirtschaftskrise trifft vor allem Männer:
Während die Zahl der männlichen Arbeitslosen zwischen 2008 und
2009 um 200.000 Personen zunahm, ging die Zahl der arbeitslosen Frauen um
45.000 zurück. In den vergangenen Jahren wurde in immer mehr
Haushalten die Partnerin - eine Verkäuferin oder Krankenschwester,
Lehrerin oder Verwaltungsangestellte - diejenige, die ein
möglicherweise geringes, aber immerhin noch sicheres Einkommen hatte.
Jetzt, wo viele Männer mit geringen und mittleren Qualifikationen
nicht mehr von einer "patriarchalen Dividende" profitieren können, vom
hohen Ansehen, Einkommen und der Beschäftigungssicherheit ihrer
Berufe, wird deutlich, dass sie auch einen Preis dafür zahlen mussten:
Männer üben nicht nur die schmutzigsten, sondern auch die
gefährlichsten Tätigkeiten aus. Die Berufe mit dem höchsten
Risiko, erwerbsunfähig zu werden - wie Gleisbauer, Dachdecker oder
Gerüstbauer -, sind ausschließlich Männerberufe. 80 Prozent
sämtlicher und 93 Prozent der tödlichen Arbeitsunfälle sowie
98 Prozent der Todesfälle durch Berufskrankheiten entfallen auf
Männer. Männer haben eine dreimal so hohe Selbstmordrate wie
Frauen und sterben im Durchschnitt sechs Jahre früher. Daran sind sie
selbst schuld, könnte man sagen, denn viele Todesfälle bei
Männern gehen auf riskantes Verhalten und auf mangelnde
Prävention zurück. Doch obwohl dieses Thema unter Ärzten
lange bekannt ist, ließ das damalige Familienministerium noch im Jahr
2001 als "Einstieg in eine geschlechtersensible
Gesundheitsberichterstattung" einen speziellen Frauengesundheitsbericht
anfertigen - für Männer gibt es etwas Vergleichbares bis heute
nicht.
Wie Jugendstudien belegen, sind männliche Jugendliche verunsichert,
welche Erwartungen die Gesellschaft und die Frauen an sie heute eigentlich
stellen. Partnerinnen und Kinder fordern immer stärker einen flexiblen
und empathischen Partner und Vater. Im Beruf wird von Männern aber
nach wie vor Stärke, Karrierebewusstsein und zeitlich umfassende
Präsenz erwartet. Viel häufiger als früher müssen sie
sich mit dem möglichen Scheitern ihrer beruflichen Karriere
auseinandersetzen. Doch wenngleich männliches Karrierestreben als
familien- und partnerschaftsfeindlich kritisiert wird, zeigen
Untersuchungen, dass Frauen beruflich erfolglose Männer als Partner
meiden. Nach einer Studie der Bundeszentrale für Gesundheitliche
Aufklärung waren im Jahr 2004 fast 30 Prozent der über
34-jährigen Männer mit einer monatlichen Nettoeinkommen unter
1.500 Euro Singles - bei Vielverdienern mit einen Einkommen von mehr als
2.500 Euro waren es nur fünf Prozent.
Während junge Frauen ihre Bildungs- und Berufschancen mehr nutzen denn
je, bleibt ein Teil der jungen Männer alten Rollenbildern verhaftet -
vermutlich auch, weil sie diese von ihren Vätern übernehmen.
Männliche Jugendliche streben im Durchschnitt nicht nur niedrigere
Bildungsabschlüsse an, sie sind in ihrem Berufswahlverhalten auch
weiterhin zu stark auf wenig zukunftsträchtige, manuelle
Produktionsberufe orientiert. Bei Kaufleuten für
Bürokommunikation stellen Männer nur 22 Prozent der
Auszubildenden. Lediglich 13 Prozent der Kranken- und 20 Prozent der
Altenpfleger sind männlich. In Erziehung und Bildung sinkt der
Männeranteil teilweise sogar immer weiter ab - im
Grundschullehrerberuf beträgt er nur noch 14 Prozent, nachdem er (im
Westen) in den 1960er Jahren noch über der 50-Prozent-Marke lag.
Gerade in alten Industrieregionen, wo einst klassische Männerberufe
dominierten, ist der Unterschied im Bildungsniveau zwischen weiblichen und
männlichen Jugendlichen eklatant. In den neuen Bundesländern, die
in den vergangenen beiden Jahrzehnten einen radikalen Umbruch von der
klassischen Industrie- zu einer Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft
erlebten, haben in den vergangenen 14 Jahren 34 Prozent aller weiblichen
Schulabgänger eine Hochschulreife erlangt, aber nur 23 Prozent der
männlichen. 14 Prozent der männlichen Schulabgänger blieben
ohne Hauptschulabschluss - bei den Mädchen waren es nur sieben
Prozent.
Auch in Westdeutschland ist das Verhältnis unausgewogen - dort
schafften 29 Prozent der Frauen, aber nur 22 Prozent der Männer eine
Hochschulreife. Ohne Schulabschluss blieben sechs Prozent der Frauen, aber
zehn Prozent der Männer. Junge Frauen haben offenbar die Zeichen der
Zeit erkannt und investieren in höhere Bildung. Ein Teil der jungen
Männer aber resigniert oder setzt weiter auf Muskeln - mit der Folge,
dass in den vergangenen Jahren überall in Deutschland die
Jugendarbeitslosigkeit der Männer höher war als die der Frauen.
Vorherrschende Rollenbilder und die Motivation durch Mütter und
Väter spielen die wahrscheinlich wichtigste Rolle für den
unterschiedlichen Bildungserfolg von Mädchen und Jungen: Je höher
in einer Region der Anteil hoch qualifizierter Frauen an den
Beschäftigten, umso besser fallen tendenziell die Schulabschlüsse
der Mädchen gegenüber den Jungen aus. Während gut
qualifizierte Mütter ihre Töchter zum Bildungserfolg motivieren,
tun das die vielfach in klassischen Männerberufen geschulten
Väter mit ihren Söhnen offenbar weit weniger.
Doch nicht nur bei Einheimischen, auch bei Migranten erweist sich ein
überkommenes Männlichkeitsbild als hinderlich, um in der modernen
Gesellschaft anzukommen. Obwohl unter den Zugewanderten hierzulande die
Frauen deutlich häufiger ohne Schulabschluss sind als die Männer,
besuchen bei den 16- bis 20-jährigen Jugendlichen mit
Migrationshintergrund bereits mehr junge Frauen als Männer eine
gymnasiale Oberstufe. Vor allem männliche Jugendliche aus
Migrantenfamilien bleiben ohne Schulabschluss, und ein nicht geringer Teil
von ihnen endet in Perspektivlosigkeit, in Frust und Verweigerung.
Was tun? Wenn Gerechtigkeit bedeutet, dass beide Geschlechter gleich viel
Bildung, Arbeit, Anerkennung, Macht, Gesundheit und Wissen erhalten, wird
es Zeit, im Hinblick auf Jungen und Männer genau das zu tun, was seit
den 1960er Jahren Mädchen und Frauen zu mehr Chancengleichheit
verholfen hat. Defizite einer ganzen Bevölkerungsgruppe dürfen
nicht als vermeintliche individuelle Unfähigkeit abgetan, sondern
müssen als Verantwortung der ganzen Gesellschaft thematisiert werden.
Warum sind Jungen viel häufiger an Sonderschulen und viel seltener an
Gymnasien zu finden? Warum werden Jungen vielfach später eingeschult,
öfter nicht versetzt und sind häufiger von
Aufmerksamkeitsstörungen betroffen als Mädchen?
Schulleistungsuntersuchungen haben gezeigt, dass Jungen für die
gleiche Note bessere Leistungen als Mädchen erbringen müssen und
es bei gleicher Leistung seltener aufs Gymnasium schaffen. Manche
Wissenschaftler sehen in Präferenzen von Lehrerinnen und Lehrern, die
"mädchentypisches", sozial angepasstes Verhalten belohnen,
"jungentypisches", ruppiges Verhalten aber rasch als aggressiv und
störend beurteilen, eine Ursache der ungleichen Bildungsergebnisse.
Doch genau wissen wir es nicht. Eine Expertise des Bildungsministeriums
kommt zu dem Ergebnis, dass praktisch keine Studien zu speziellen
Bildungsproblemen von Jungen existieren - trotz deutschlandweit etwa 100
Professuren für Geschlechterforschung.
Der gesellschaftliche Wandel fordert eine neue Männlichkeit, die auch
vermeintlich weibliche Eigenschaften wie Kooperations- und
Teamfähigkeit, soziale Kompetenz und Fürsorge einschließt.
Überall, wo hier Defizite bei Jungen vorhanden oder im Entstehen sind,
sollten Sozialarbeiter, Sozialverbände oder Jugendgruppen an den
Schulen Programme anbieten, die das Selbstvertrauen, die Motivation und die
Verantwortungsbereitschaft von männlichen Jugendlichen
unterstützen und ihnen das Gefühl geben, ernst genommen zu
werden. Arbeitsämter und Berufspädagogen sind aufgefordert,
Jungen von Haupt- und Realschulen nicht nur auf klassische
Männerberufe wie Schlosser oder Maurer, sondern auch auf
zukunftsträchtige Dienstleistungstätigkeiten, etwa im Tourismus
oder im sozialen Bereich vorzubereiten. Vielleicht gibt es aber auch
andere, wirkungsvollere Maßnahmen - die wir mangels Forschung noch
gar nicht kennen.
Frauen und Männer haben unterschiedliche Schwierigkeiten und
unterschiedlichen Förderbedarf. Wir brauchen auch Boys'-Days,
Männergesundheitsberichte und vielleicht Jungenbeauftragte.
Gleichstellungspolitik war lange Zeit und aus guten Gründen ein
Synonym für Frauenförderung. Mittlerweile muss sie aber
geschlechtersensibles "Diversity Management" sein, und sollte somit die
Vielfalt der Gesellschaft konstruktiv nutzen. Die Sensibilisierung der
Politik für die "andere Seite" der Gleichstellung ist dazu ein
wichtiger Schritt.
Jungen bei der Bildung abgehängt
Abgänger allgemeinbildender Schulen in den neuen und alten
Bundesländern nach Schulabschluss und Geschlecht (1995 bis 2008) 
Betrachtet man sämtliche Schulabgänger der
vergangenen 14 Jahre, so erreichten in den neuen Bundesländern fast 34
Prozent der Mädchen aber nur 23 Prozent der Jungen eine
Hochschulreife. Auf der anderen Seite blieben mit 13,8 Prozent fast doppelt
so viele männliche wie weibliche Abgänger ohne
Hauptschulabschluss. Auch im Westen Deutschlands ist das
Bildungsgefälle zwischen Mädchen und Jungen deutlich, wenngleich
nicht so eklatant wie im Osten (Datengrundlage: Statistisches Bundesamt,
Datenbank Genesis Online Regional).
Literatur / Links
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von Jungen und Berufswahlverhalten bei Jungen / männlichen
Jugendlichen. Hgg. vom Bundesministerium für Bildung und
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Robert-Koch-Institut (o. J.): Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten.
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Woellert, Franziska/ Kröhnert, Steffen/ Sippel, Lilli/ Klingholz,
Reiner (2009): Ungenutzte Potenziale. Zur Lage der Integration in
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Entwicklung. Berlin.
Ein Beitrag von Steffen Kröhnert/Berlin-Institut für
Bevölkerung und Entwicklung 
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Fakten der Ungleichstellung
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bildet
eine zentrale Voraussetzung für Gleichstellung - Frauen und
Männer würden gewinnen Mädchen
schneiden in der Schule im Durchschnitt besser ab als Jungen, Frauen
erreichen bei den ersten Universitätsabschlüssen bessere Noten
als Männer. Aber spätestens im Laufe der Berufskarriere
überholen die Männer die Frauen. Wieso ist das so, wenn doch
beide Geschlechter über den gleichen Grad intellektueller
Fähigkeiten verfügen? Welche - ganz offensichtlich
geschlechtsspezifischen - Hürden stehen Frauen und Männern
jeweils im Wege? Und wie kann die Politik dazu beitragen, diese Hürden
abzubauen?
Bei Männern beziehungsweise Jungen bilden die Geschlechterrollen einen
zentralen Ansatzpunkt, um bildungsferne Milieus besser in die Gesellschaft
zu integrieren: Dass Jungen im Durchschnitt in der Schule weniger angepasst
sind als Mädchen und die Kriminalitätsraten von Männern
höher sind als von Frauen, stimmt mit den immer noch vorherrschenden
Vorstellungen von Männlichkeit überein. Dasselbe gilt für
die höhere Risikobereitschaft und die schlechtere Gesundheitsvorsorge
sowie für Ernährungsgewohnheiten. Frauen können ebenfalls
gewalttätig werden, aber offenbar nutzen sie stärker ihre
kommunikativen Fähigkeiten, um Konflikte zu lösen und Aufgaben zu
bewältigen - nicht, weil sie bessere Menschen wären, sondern weil
es zu dem vorherrschenden Bild von Weiblichkeit gehört. Und dazu passt
auch, dass Frauen im Mittel stärker auf ihre Gesundheit achten.
Männer verfügen grundsätzlich über dieselben
Möglichkeiten wie Frauen. Sie können sich kommunikative
Fähigkeiten oder Wissen über Gesundheitsthemen genauso gut
aneignen. Frauen dagegen verfügen zwar oft über das Wissen und
die geforderte Abschlüsse - sind aber dennoch darauf angewiesen, dass
sich die gesellschaftlichen Strukturen verändern: Dass etwa der Staat
die Kinderbetreuung und die Pflege älterer Menschen zuverlässig
und bedarfsgerecht übernimmt. Denn das gehört zu den
Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit Frauen auf dem
Arbeitsmarkt die gleichen Chancen haben. Hierin liegt der zentrale
Unterschied zwischen den Hürden für Männer und denen
für Frauen.
Frauen müssen für den Wandel eintreten und dafür streiten,
wenn sich etwas ändern soll. Das ist anstrengend und auch für
Männer unbequem - nicht nur, weil jede Veränderung Anstrengung
kostet, sondern auch, weil sie handfeste Privilegien verlieren. Trotzdem
gehören beide Geschlechter zu den Gewinnern der Gleichstellung. Denn
wenn die Rollenbilder weniger starr sind, nehmen die Diskriminierungen ab
und der individuelle Gestaltungsfreiraum wächst: Auch Männer
können dann in Teilzeit arbeiten, die Kinder betreuen und den Haushalt
führen, ohne dass ihre Männlichkeit in Frage gestellt wird. Dabei
ist es wichtig, dass sich auch Frauen von lange etablierten
Männlichkeitsbildern lösen, nach denen Männer etwa einen
höheren Status als sie selbst haben und mehr verdienen.
Frauen sind in den Führungsetagen kaum vertreten
Zu den Einschränkungen durch die Geschlechterrollen kommt bei Frauen
die strukturelle Benachteiligung, die sich insbesondere in den
Arbeitsmarktdaten zeigt: Einer Untersuchung des Deutschen Instituts
für Wirtschaftsforschung (DIW) mit Daten von 2009 hat ergeben, dass
nur 2,5 Prozent aller Vorstandsmitglieder der 200 größten
deutschen Unternehmen Frauen waren. Damit hat sich die Situation
gegenüber dem Vorjahr nicht verbessert, immer noch sitzen Frauen auf
nur 21 von insgesamt 833 Vorstandsposten. Es gibt nur eine einzige
Vorstandsvorsitzende, Petra Hesser, die Ikea-Chefin. In den
Aufsichtsräten, den Kontrollgremien der Unternehmen, kommen Frauen im
Schnitt auf einen Anteil von zehn Prozent - in mehr als einem Viertel der
Unternehmen, darunter etwa Bosch, Audi und Hochtief, sitzt keine einzige
Frau im Aufsichtsrat. Eine 2008 durchgeführte Befragung des Instituts
für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) von 16.000 Betrieben hat
ergeben, dass jeder zehnte beschäftigte Mann, aber nur jede 25. Frau
in der obersten Führungsebene arbeitet.
Nicht nur in der Wirtschaft, auch in den anderen gesellschaftlichen
Bereichen wie der Wissenschaft mangelt es an Frauen in Chefsesseln. Das
zeigt die aktuelle Hochschulstatistik: Frauen hatten 2008 nur 17 Prozent
der Professuren in Deutschland inne. In den Länderparlamenten lag der
Frauenanteil dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend zufolge 2008 im Durchschnitt bei 32 Prozent, in den kommunalen
Vertretungen mit 26 Prozent noch darunter, und in den Verwaltungsspitzen
von Landkreisen, kreisfreien Städten und Bezirken sogar unter elf
Prozent. Frauen sind dadurch kaum direkt an den Entscheidungsprozessen
beteiligt, in denen die Rahmenbedingungen des täglichen Lebens
verhandelt werden.
Frauen sind seltener erwerbstätig sowie häufiger in Teilzeit
und im Niedriglohnsektor beschäftigt als Männer
Frauen sind stärker im Dienstleistungssektor vertreten - und gerade
hier nehmen die prekären Beschäftigungsverhältnisse zu: Nur
53 Prozent aller Erwerbstätigen zwischen 25 und 64 Jahren arbeiten in
diesem Sektor in Vollzeit und unbefristet. Eine Studie der
Bertelsmann-Stiftung belegt, dass deutschlandweit nur noch sechs von zehn
Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen unbefristet und in Vollzeit tätig
sind. Von 28 untersuchten OECD-Staaten erreichte Deutschland mit rund 43
Prozent 2008 den niedrigsten Wert beim Frauenanteil in unbefristeten
Beschäftigungsverhältnissen. Zwei Drittel der in Teilzeit oder
Minijobs beschäftigten Arbeitnehmer sind Frauen - und das keinesfalls
immer freiwillig. Vielmehr lässt ihnen die unbezahlte Arbeit, die sie
etwa bei der Kinderbetreuung oder der Pflege Angehöriger leisten, oft
keine Wahl. Wie die Europäische Kommission in ihrem aktuellen
Gleichstellungsbericht feststellt, sind die Betreuungsaufgaben bei der
Pflege ein Grund für die niedrige Beschäftigungsquote von Frauen
im Alter zwischen 55 und 64 Jahren, die 2008 18 Prozentpunkte unter der von
Männern lag.
In einer Verbleibsanalyse hat das Institut für Arbeitsmarkt- und
Berufsforschung untersucht, was bis Juni 2005 aus knapp 30.000
vollzeitbeschäftigten und sozialversicherungspflichtigen
Geringverdienern aus den Jahren 1998 und 1999 geworden war. Gelang diesen
Personen, die damals weniger als zwei Drittel des Medianlohns verdienten,
der Aufstieg? Fast 20 Prozent der Männer, aber weniger als elf Prozent
der Frauen schafften innerhalb von sechs Jahren den Aufstieg aus dem
Niedriglohnbereich.
Frauen melden sich entsprechend auch seltener arbeitslos als Männer,
weil viele die traditionelle Rolle als "Hausfrau" übernehmen und sie
keine andere Perspektive sehen. Zudem laufen Frauen laut Europäischer
Kommission häufiger Gefahr, nach einem Arbeitsplatzverlust keine neue
Stelle zu finden. Und laut einer 2009 veröffentlichten Studie vom
Bundesministerium für Arbeit und Soziales werden Männer als
Arbeitssuchende stärker gefördert, während Frauen eher in
Minijobs gedrängt werden sowie weniger Eingliederungszuschüsse
erhalten. Die Ursachen liegen den Forscherinnen zufolge in den
Arbeitsmarktstrukturen, tradierten Rollenbildern und knappen personellen
Ausstattung der Jobcenter und Arbeitsagenturen.
Frauen sind billigere Arbeitskräfte als Männer 
Seit September 2006 ist die Zahl der geringfügig
entlohnten Beschäftigten gestiegen. Frauen stellen dabei fast doppelt
so viele Geringverdiener wie Männer (Daten von 2009, Datengrundlage:
Deutsche Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See Minijob-Zentrale).
Wer übernimmt was - zu Hause und im Job?
Die Geschlechterrollen und die darauf basierende Arbeitsteilung erweisen
sich also als Dreh- und Angelpunkt der mangelnden Gleichstellung: Frauen
übernehmen einen größeren Anteil der unbezahlten Arbeit als
Männer, etwa Kinderbetreuung und Altenpflege, für die die
Gesellschaft nur unzureichende Angebote bereitstellt. Das geht auf Kosten
ihres Zeitbudgets. Männer investieren hier weniger. Deshalb verbuchen
sie weniger Erwerbsunterbrechungen und Teilzeitbeschäftigungen und
können mehr Überstunden leisten und häufiger
Leitungsaufgaben übernehmen.
Frauen erhalten für dieselbe Arbeit weniger Geld als
Männer
Bei gleicher Ausbildung, gleichem Alter, gleichem Beruf und im gleichen
Betrieb verdienen Frauen zwölf Prozent weniger als ihre
männlichen Kollegen. Das zeigt eine Studie, die das Institut für
Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) 2009 gemeinsam mit der
Universität Konstanz durchgeführt hat. Vollzeitbeschäftigte
Frauen verdienten 2006 im Schnitt rund 24 Prozent weniger als Männer.
Innerhalb desselben Berufs betrug der Abstand rund 21 Prozent. Damit hat
die Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern in den letzten 15
Jahren kaum abgenommen. Und während alle anderen EU-Mitglieder 2005
den Lohnabstand verringern konnten, ist er in Deutschland nach der
Jahrtausendwende sogar gestiegen.
Männer haben im Schnitt mehr Geld in der Tasche als
Frauen 
Am größten sind die Lohnunterschiede zwischen
Männern und Frauen innerhalb der 27 EU-Mitgliedsstaaten in Estland:
Hier liegt der durchschnittliche Brutto-Stundenverdienst der Männer
fast ein Drittel über dem ihrer Kolleginnen. In Deutschland ist die
Lohnlücke ebenfalls weit größer als im EU-Durchschnitt -
größer als etwa in den beiden neuen Beitrittsstaaten
Rumänien und Bulgarien. In Italien ist die Lohnlücke mit unter
fünf Prozent des durchschnittlichen Brutto-Stundenverdienstes der
Männer mit Abstand am geringsten (Daten von 2008, Dänemark,
Europäische Union (EU-27), Estland, Irland, die Niederlande und die
Schweiz von 2007, Datengrundlage: Eurostat).
Zehn Maßnahmen, die Gleichstellung fördern
1. Sensibilität für Geschlechterrollen fördern und diese
erweitern
Die Europäische Kommission kam Ende 2009 zu der Einschätzung,
dass das Ziel der Gleichstellung von Frauen und Männern noch in weiter
Ferne liege, da es "Struktur- und Verhaltensänderungen und eine
Neudefinition der Rollen von Frauen und Männern" voraussetze. Niemand
muss sich in einer bestimmten Weise verhalten, weil sie oder er Frau oder
Mann ist. Die gesellschaftlichen Vorstellungen ändern sich - und das
Ziel sollte die größtmögliche Freiheit des Einzelnen sein,
ihr oder sein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Das
Bewusstsein dafür kann jede und jeder entwickeln - und es sollte etwa
im Schulunterricht gefördert und gefordert werden.
2. Ausbildung für Erziehugs- und Lehrberufe verbessern
Dazu sind qualifizierte Lehrkräfte nötig, die diese Vorgaben
durch geschlechtergerechte Schulbücher und Lehrpläne umsetzen.
Denn die Kinder brauchen pädagogische Unterstützung, um ihre
Rollenidentität auszuweiten - auch die in der Schule
zurückbleibenden Jungen: damit es nicht cool ist, laut zu sein, Schule
zu schwänzen und zu prügeln.
3. Vorbilder fördern
Frauen und Männer prägen durch ihr Verhalten, was als
"männlich" und was als "weiblich" gilt. Deshalb sind Vorbilder so
wichtig: Frauen, die als Ingenieurinnen, Bankmanagerinnen oder
Offizierinnen tätig sind, Männer, die als Erzieher,
Grundschullehrer oder Krankenpfleger arbeiten. Da diese "Frauenberufe"
schlecht bezahlt sind, entscheiden Männer sich nur äußerst
selten dafür. Deshalb fordert etwa der Aktionsrat Bildung bessere
Bezahlung und Ausbildung der Erzieher. Auch gezielte Informations- und
Anwerbungskampagnen wie der Girls' Day sowie fachliche Unterstützung
durch Frauen, die bereits positive Erfahrungen gesammelt haben, und
Netzwerke können hier Veränderungen herbeiführen. Genau
deshalb braucht es aber auch einen Boys' Day, damit die Jungen in für
sie bis dato unbekannte Rollen schlüpfen können und die
Geschlechterrollen sich öffnen.
4. Unternehmen zum Datensammeln und zu Gleichstellung
verpflichten
Die Forschung ist sich einig, dass die freiwillige Vereinbarung der
Wirtschaft 2001 fruchtlos geblieben ist. Deshalb fordert ein
Forschungsbericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
(IAB) aus dem Jahr 2009 Verpflichtungen. Dazu gehört eine Frauenquote,
wie sie etwa Norwegen, Spanien und die Niederlande für die
Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen eingeführt haben:
40 Prozent der Posten müssen dort von Frauen besetzt werden. Auch ein
Papier der Unternehmensberatung Bain & Company fordert verbindliche
Vorgaben für eine gesicherte Datenlage, Zielkennzahlen und eine
Überwachung der Erfolge sowie insbesondere transparentere Entlohnungs-
und Beförderungsverfahren. Das Computerprogramm Logib in der Schweiz
etwa prüft systematisch eben diese Kriterien bei Unternehmen, die
Aufträge aus der öffentlichen Hand erhalten.
5. Familienfreundliche Arbeitsbedingungen schaffen und nach
Erwerbsunterbrechungen Wiedereintritt in den Beruf fördern
Erwerbsunterbrechungen für die Familie behindern die berufliche
Karriere. Um die Lohnlücke zu schließen, sollten die
Erwerbsunterbrechungen, beispielsweise die Erziehungszeit, zwischen Mutter
und Vater aufgeteilt werden. Weiterbildungsangebote sollten den beruflichen
Wiedereinstieg unterstützen.
6. Führungspositionen in Teilzeit einrichten
Führungsaufgaben sind teilbar - auch hier braucht es Vorbilder in
allen gesellschaftlichen Bereichen und gesetzliche Vorgaben.
7. Betreuungsmöglichkeiten für Kinder ausbauen statt
Betreuungsgeld zahlen
Frauen übernehmen einen großen Teil der Kinderbetreuung, weil
das Angebot die Nachfrage nicht decken kann. Eine Bertelsmann Studie
belegt, dass gerade Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen vom
Besuch frühkindlicher Bildungseinrichtungen profitieren - und
internationale Erfahrungen zeigen, dass gerade diese Kinder zu Hause
bleiben, wenn die Eltern dafür Betreuungsgeld erhalten. Eine
Untersuchung, die das Zentrum für Europäische
Wirtschaftsforschung durchgeführt hat, kommt außerdem zu dem
Ergebnis, dass die Einführung eines Betreuungsgeldes für Kinder
unter 36 Monaten ab dem Jahr 2013 kaum positive Effekte hätte: Die
Forscher schätzen, dass jede zweite Mutter, die vorher in Teilzeit
tätig war, dann ihren Job aufgeben würde. Weil das Betreuungsgeld
mit 150 Euro pro Monat und Kind niedrig liegt, würden
vollzeitbeschäftigte Mütter ihre Arbeit nicht aufgeben.
Mütter von unter Dreijährigen würden also insgesamt seltener
einem Beruf nachgehen - den Staat würde das insgesamt aber rund 1,4
Milliarden Euro kosten.
8. Pflegeangebote für Ältere ausbauen
Frauen betreuen mehrheitlich kranke Angehörige und insbesondere
Ältere, weil es keine staatliche Alternative gibt. Hier muss die
Gesellschaft mehr Verantwortung übernehmen und professionelle
Hilfsmöglichkeiten anbieten, damit die Angehörigen nicht
überfordert werden.
9. Ehegatten-Splitting abschaffen, Familien-Splitting
einführen
Der Trauschein begünstigt derzeit verheiratete gegenüber nicht
verheirateten Paaren, Paaren mit einer eingetragenen Lebenspartnerschaft
und Alleinerziehenden. Das Steuersystem sollte jedoch nicht die Ehe als
Institution, sondern Familien mit Kindern fördern - zumal die Zahl
unverheirateter Paare seit Jahren steigt. Zudem zementiert das
Ehegatten-Splitting einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge die
ökonomische Abhängigkeit der Ehefrau vom Partner. Beim
Familiensplitting dagegen, das etwa in Frankreich Gesetz ist, würde
das steuerlich relevante Haushaltseinkommen durch zwei Eltern und
zusätzlich durch die Kinderzahl geteilt.
10. Mindestlohn einführen
Die Einführung eines Mindestlohns würde die Lohnlücke
zwischen Frauen und Männern verkleinern. Das fordern Studien des
Instituts Arbeit und Qualifikation sowie des Instituts für
Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, da Frauen häufig zu den
Geringverdienerinnen zählen. Sie arbeiten häufiger als
Männer im Niedriglohnbereich, etwa als Frisöse oder
Altenpflegerin.
Literatur / Links
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Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (2009): Fiskalische
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Jahren.
Studie im Auftrag des Bundesministeriums der Finanzen. Mannheim.
Ein Beitrag von Margret Karsch/Berlin-Institut für Bevölkerung
und Entwicklung
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