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"Die Bevölkerungsentwicklung ist der
zentrale Faktor des Biodiversitätsverlustes"
Interview mit Günter Mitlacher,
WWF Günter Mitlacher (geboren 1953) hat in
Tübingen und Bonn Geographie studiert. Seit 2009 ist er beim WWF
Deutschland im Bereich internationaler Politik zur Erhaltung der
biologischen Vielfalt beschäftigt. Vorher arbeitete er im Bundesamt
für Naturschutz, im Bundesumweltministerium und im Naturschutzbund
Deutschland sowie als freiberuflicher Consultant für Bund,
Länder, wissenschaftliche Institute und Verbände. 
Noch wächst die Bevölkerung
der EU, aber nach 2030 dürfte sie wieder schrumpfen. Erhöht diese
Entwicklung die Chancen, die Artenvielfalt zu erhalten?
In der EU liegen die Ursachen für die Gefährdung von Arten vor
allem in der Lebensraumzerstörung, der Zersiedelung der Landschaft,
dem zu hohen Flächenverbrauch, der Zerschneidung der Landschaft mit
Verkehrswegen, der zu intensiven Landwirtschaft. Wenn die Bevölkerung
in der EU schrumpfen würde, könnte es einerseits in abgelegenen
Gebieten, beispielsweise in den Mittelgebirgen, wieder mehr Flächen
für Natur oder sogar Wildnis geben. Andererseits wird die
Verstädterung weiter zunehmen. In den großen Ballungsregionen
muss es deshalb Grüngürtel und naturbelassene Korridore geben, um
sowohl den häufigeren Arten wie Amsel, Drossel, Fink und Star als auch
selteneren Tieren und Pflanzen überhaupt
Überlebensmöglichkeiten zu lassen.
Im Tiergarten in Berlin leben angeblich neben Kaninchen und
Füchsen auch schon Wildschweine. Siedeln dort oder in anderen
Stadtparks auch seltenere Arten? Wie könnte man hier Lebensraum
für bedrohte Arten schützen oder schaffen?
Berlin ist ein gutes Beispiel, wie sich in ausgedehnten Grünanlagen,
Parks oder großen Brachflächen Natur auch im
innerstädtischen Bereich frei entwickeln kann. Wichtig ist aber,
sowohl die natürlichen Landschaftselemente zu erhalten, etwa das
Tegeler Fliess, als auch Platz für "wilde Natur" und freie Entwicklung
zu belassen wie etwa am Gleisdreieck. Das sind Möglichkeiten, den
Lebensraum bedrohter Arten in Großstädten zu erhalten und Raum
für Evolution und Anpassung zu lassen. Aufgrund der Strukturvielfalt
in Städten ist die biologische Vielfalt oft größer als in
den umliegenden ausgeräumten Agrarlandschaften.
Mancherorts erobert sich die Natur ja auch bereits Raum zurück.
Die Menschen verlassen die peripheren Regionen Europas, die kaum
Arbeitsplätze bieten - das ist in Deutschland etwa in Prignitz oder in
der Lausitz zu sehen. Gibt es Überlegungen oder gar laufende
Programme, an solchen Orten die Natur arbeiten zu lassen oder die
Rückkehr von Wildnis zu fördern?
Die peripheren strukturschwachen Regionen werden für den Naturschutz
in Europa zukünftig eine wichtige Rolle spielen, weil sie sich von
Menschen entleeren und dort großflächiger Wildnis wieder
gefördert werden kann. Die ehemaligen großen
Truppenübungsplätze sind ebenfalls gute Naturentwicklungsgebiete.
Bislang wurden solche Bereiche vereinzelt als Nationalparke oder
Biosphärenreservate eingerichtet. Auch Naturparke sollten einen
größeren Anteil an Wildnisflächen haben, weil somit ein
neues Naturerlebnis möglich wird. Damit würde der Naturschutz
neue Flächen bekommen, die auch einem ökologischen Tourismus
dienen können.
Wer treibt die Einrichtung dieser Schutzräume voran? Initiieren
das vor allem Naturschutzverbände, die Landes- oder Bundesregierung
oder die Kommunen? Welche Rolle spielt hierbei bürgerschaftliches
Engagement?
Die großen Antreiber für die Einrichtung solcher
Naturräume in den Städten sind die Naturschutzverbände, aber
auch viel Bürger engagieren sich für ihre Stadtteile und deren
ökologische Aufwertung. Großstädte wie Berlin oder Regionen
wie Frankfurt integrieren die stadtökologischen Anforderungen in ihre
Stadt- und Regionalplanung. In der freien Landschaft betreuen viele
Naturschutzgruppen kleinere oder größere Schutzgebiete. Das
bürgerschaftliche Engagement spielt eine ganz entscheidende Rolle,
sowohl um die Gebiete zu schützen, als auch um sie später zu
betreuen, die Naturentwicklung zu beobachten oder sie für die
Umweltbildung zu nutzen.
Werden die Bürgerinnen und Bürger systematisch darin
unterstützt oder dazu angeregt?
Das ehrenamtliche Engagement genießt in den letzten Jahren
zunehmende Akzeptanz in der Gesellschaft und bei Politikern. Die
örtlichen Naturschutzverwaltungen sind oft auf die Bürger und
Vereine angewiesen. Von einer systematischen Unterstützung wie etwa im
sozial-karitativen Bereich kann aber nicht gesprochen werden, wohl weil die
Umweltschützer zu unbequem und kritisch sind.
Die Vereinten Nationen hatten es sich zum Ziel gesetzt, den
Artenverlust bis 2010 weltweit deutlich zu reduzieren. Sie sind gescheitert
- gibt es einen neuen internationalen Plan?
Sowohl im globalen Maßstab als auch in Europa konnte das Ziel nicht
erreicht werden, den Artenverlust signifikant zu verringern oder sogar zu
stoppen, wie die EU es wollte. Dies ist ein deutliches Eingeständnis
von Politikversagen. Deshalb müssen die Anstrengungen auf allen Ebenen
verstärkt werden. Gefragt ist vor allem die EU, die in den
nächsten zehn Jahren eine Trendwende herbeiführen muss. Auch auf
UN-Ebene wird momentan ein neuer strategischer Plan für die Jahre 2010
bis 2020 vorbereitet. Zu den wichtigen Zielen in globalem Maßstab
gehört es beispielsweise, die Entwaldung zu stoppen und
umweltschädliche Subventionen wie etwa in der intensiven
Landwirtschaft oder industriellen Fischerei zu beenden. Betrachtet man
einzelne Naturräume oder Regionen, gibt es durchaus Gewinner und
Verlierer an Artenvielfalt.
Berücksichtigen diese Ziele auch die jeweilige
Bevölkerungsentwicklung in den verschiedenen Staaten oder
Weltregionen?
Das ist eine sehr schwierige Thematik: Die Ziele zur Erhaltung der
biologischen Vielfalt enthalten keinen Bezug zur
Bevölkerungsentwicklung in bestimmten Regionen der Erde, wenngleich
allen klar ist, dass die Bevölkerungsentwicklung ein wichtiger Treiber
des Ressourcen- und Landschaftsverbrauchs sowie des
Biodiversitätsverlustes ist. Schließlich konkurrieren wir
Menschen mit den anderen Lebewesen um die gleichen Flächen,
beispielsweise für Urwald oder Sojaanbau. Ob eine intelligente,
energieeffiziente und nachhaltige Ressourcennutzung letztendlich eine
Lösung bietet, ist nicht abzusehen.
Was meinen denn Sie persönlich dazu?
Die Diskussion um Bevölkerungsentwicklung wird ja nicht von
biologischen Argumenten der Grenzen des Wachstums beeinflusst, sondern sehr
entscheidend von religiösen, ethischen und wirtschaftlichen Werten.
Die Übertragung des Nachhaltigkeitsprinzips auf alle unsere Lebens-
und Wirtschaftsbereiche ist ohne Alternative, weil wir unsere Existenz
nicht von den ökologischen Systemen abkoppeln können.
Übernutzen oder schädigen wir die ökologischen Systeme zu
stark, werden wir für die Konsequenzen büßen müssen.
Bestes Beispiel ist der Klimawandel. Das wird uns nicht nur viel Geld
kosten, vielleicht ist auch eine andere Bevölkerungspolitik
nötig.
Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut)
erlaubt.

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Ein Atlas für Deutschland
Auf jeder Seite ein Schatz: Die thematischen
Karten machen Zahlen aus allen Lebensbereichen greifbar Ob Spielorte der "Tatort"-Serien, Sitz der Fanclubs der
Fußballvereine FC Bayern München und Schalke 04,
Brauereistandorte oder Verteilung von ökologischen
Landwirtschaftsbetrieben - im "Deutschlandatlas" dürfte für alle
Leserinnen und Leser etwas Interessantes dabei sein. Das Leibniz-Institut
für Länderkunde hat ihnen mit dem Buch einen großen Dienst
erwiesen. Denn der Band enthält neben unterhaltsamen Schmankerln eine
Fülle von grundlegenden Informationen zu Bevölkerung,
Erwerbstätigkeit, Naturraum, Bildung und anderen Themen.
Während der zwölfbändige Nationalatlas des Leipziger
Instituts zwar schon lange für seine Qualität bekannt ist, machen
ihn Preis und Umfang für private Haushalte zu einem Luxusprodukt, auf
den die meisten dann doch verzichten. Das gute Stück im
Zwölferpack kostet immerhin 940 Euro. Der 240-seitige Deutschlandatlas
bietet nun zwar nicht genau denselben Inhalt, stellt aber, wie der
Untertitel ankündigt, in komprimierter Form "Unser Land in 200
thematischen Karten" dar. Am Ende jedes Kapitels steht eine Erklärung
der Fachbegriffe. Die leicht lesbaren Texte erläutern
Zusammenhänge und Entwicklungen, so dass das Buch sowohl als
Nachschlagewerk als auch zur Bettlektüre geeignet ist.
Viele Karten lassen auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung noch eine
Ost-West-Spaltung erkennen. Das ist etwa bei der Zahl der nicht ehelichen
Geburten der Fall: Während auf dem Gebiet der ehemaligen DDR der
Anteil im Jahr 2007 in nahezu allen Kreisen über 50 Prozent lag,
pendelt der Wert in der ehemaligen Bundesrepublik je nach Region zwischen
15 und - in Ausnahmefällen - 50 Prozent, vielerorts liegt er hier
unter 30 Prozent. Das deutet auf einen unterschiedlichen Stellenwert der
Institution Ehe hin. Ins Auge sticht darüber hinaus, dass mit Ausnahme
der Zentren Berlin, Dresden und Leipzig der Anteil der ausländischen
Bevölkerung im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung im Osten
viel geringer ist als im Westen. Die absoluten Zahlen sind ebenfalls
niedriger - der Hauptgrund dafür dürfte gegenwärtig in der
wirtschaftlichen Situation liegen, während zu DDR-Zeiten die
politischen Verhältnisse den Zuzug erschwerten. Eine Ausnahme von
dieser Regel bildet die Gruppe vietnamesischer Bürger, die damals als
Vertragsarbeiter in den sogenannten sozialistischen Brüderstaat kamen.
Und betrachtet man als weiteres Beispiel etwa das zahlenmäßige
Geschlechterverhältnis der 18- bis 24-Jährigen in Ost und West,
zeigt sich im Osten ein deutlicher Männerüberschuss. Die Ursache:
Viele gut qualifizierte junge Frauen haben die strukturschwachen Regionen
verlassen (vergleiche dazu die Studie "Not am
Mann").
Denn wirtschaftlich ist ebenfalls keine Angleichung erreicht: Das
verfügbare Einkommen privater Haushalte je Einwohner im Osten liegt
deutlich unter dem im Westen. Aber das Einkommen ist nur ein Indikator
für Wohlstand beziehungsweise Armut, die Grenze ökonomischer
Unterschiede lässt sich nicht einfach zwischen Ost und West ziehen.
Verschiedene Karten zeigen, wie viele Frauen und Männer im Alter von
15 bis 64 Jahren - in absoluten Zahlen und anteilig an allen
Erwerbstätigen - sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind:
Bei den Männern ist der Wert im Osten sowie an den Rändern der
Republik niedriger als anderenorts, bei den Frauen ist dies ganz im Westen
sowie an der nördlichen Grenze des Landes der Fall. Insbesondere junge
sozialversicherungspflichtig beschäftigte Frauen und Männer
zwischen 15 und 24 Jahren sammeln sich vor allem im Süden
Deutschlands, vorrangig in Bayern.
Bei der durchschnittlichen Kinderzahl je Frau hat mittlerweile eine
Angleichung von Ost und West stattgefunden: Nachdem die Kinderzahlen je
Frau im Osten Mitte der 1990er Jahre auf die Hälfte des Vorwendewertes
und damit auf ein historisches Tief abgesunken waren, sind sie in den
ostdeutschen Kreisen wieder gestiegen. In vielen westdeutschen Kreisen sind
sie dagegen gesunken (vergleiche dazu das Diskussionspapier "Kleine
Erfolge" des Berlin-Instituts). Die durchschnittliche Kinderzahl je
Frau lag 2007 in beiden Landesteilen bei 1,37. Die jahrzehntelange Teilung
Deutschlands hat sich keinesfalls in allen Lebensbereichen niedergeschlagen
- das belegt etwa der hausärztliche Versorgungsgrad: Hier spielen die
Unterschiede zwischen Stadt und Land eine weit größere Rolle als
zwischen West und Ost.
Naturraum und Klima bestehen zwar nicht unabhängig vom Menschen, aber
die Erdgeschichte hat sich zunächst unbeeinflusst von der Besiedlung
und ihren Folgen entwickelt. Der Atlas informiert auch über
Bodenbeschaffenheit, Sonnenstunden, Regentage und Schneedecke sowie
über Wasserqualität, Renaturierung und Artenschutz. Das Kapitel
"Deutschland und die Welt" enthält zu guter Letzt Wissenswertes
über die internationalen Beziehungen, vom Kaffeehandel bis zu den
Standorten der deutschen Auslandsinstitute.
Das Wort "Atlas" mag manchen unangenehm an einen schweren Schulranzen
erinnern, aber das Blättern bereitet großen Spaß. Wer den
Atlas gelesen hat, ist für fachliche Diskussionen wie für
Partygespräche gut gerüstet.
Hänsgen,
Dirk / Lenz, Sebastian & Tzschaschel, Sabine (2010): Deutschlandatlas -
Unser Land in 200 thematischen Karten. Leibniz-Institut für
Länderkunde, Darmstadt, Primus Verlag, ISBN 9783896786821, 240 Seiten,
39,90 Euro. 
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Immer mehr Menschen leben in Städten -
Arm und Reich nebeneinander
Ein großes Wohlstandsgefälle
führt zu gespaltenen Wohnformen Seit 2008
lebt den Vereinten Nationen zufolge die Mehrheit der Weltbevölkerung
in Städten. Gegenwärtig sind es etwa 3,5 Milliarden Menschen.
Dabei unterscheiden sich die verschiedenen Weltregionen stark: Nordamerika,
Lateinamerika und die Karibik, Europa und Ozeanien weisen einen hohen Grad
von Verstädterung auf, der bis 2050 sogar noch zunehmen wird. Im
März 2010 reichte er von 70 Prozent in Ozeanien, wozu Australien,
Neuseeland und verschiedene Südseestaaten zählen, bis zu 82
Prozent in Nordamerika. In Afrika dagegen lag der Grad der
Verstädterung bei 40 Prozent, in Asien bei 42 Prozent. Die Vereinten
Nationen erwarten bis 2050 ein Wachstum auf 62 beziehungsweise 65
Prozent.
Die meisten Menschen leben in Asien - dort finden sich auch die meisten
Megacities
Vergleicht man die Bevölkerungsgrößen der Weltregionen und
betrachtet die Einwohnerzahl der Städte, liegt Asien vorne: In Asien
leben mehr als 4,1 Milliarden der insgesamt fast 6,9 Milliarden Menschen
auf der Erde. Von den weltweit beinahe 1.000 Städten und ihrem
Großraum, sogenannten Agglomerationen, mit mindestens einer halben
Million Einwohnern, befindet sich heute den Vereinten Nationen zufolge mehr
als die Hälfte in Asien - und ein Viertel allein in China. 14 Prozent
der Städte dieser Größenordnung liegen in Europa, jeweils
zwölf Prozent in Afrika sowie Lateinamerika und der Karibik, neun
Prozent in Nordamerika und ein Prozent in Ozeanien.
Die Stadt, in deren Großraum gegenwärtig weltweit die meisten
Menschen wohnen, ist Tokio mit mehr als 37 Millionen Einwohnern. Auf der
Rangliste folgen der Großraum Delhi mit 22 Millionen sowie São
Paulo und Mumbai mit je etwas über 20 Millionen Einwohnern. Insgesamt
leben bereits 324 Millionen Menschen, rund neun Prozent der
Weltbevölkerung, in sogenannten Megacities, also städtischen
Agglomerationen mit mehr als zehn Millionen Einwohnern. Von den
europäischen Städten zählen nur Paris und Moskau zu den
Megacities.
Die Verstädterung und die Zahl der Megacities nehmen zu 
Die Weltregionen Asien und Afrika weisen insgesamt jeweils
einen wesentlich geringeren Urbanisierungsgrad auf als Europa,
Lateinamerika und die Karibik, Ozeanien und Nordamerika. Lediglich in
Westasien finden sich überwiegend Urbanisierungsgrade von über 60
Prozent. Die bevölkerungsreichsten Länder der Welt, Indien und
China, sind noch wenig verstädtert. Hier finden sich jedoch die
meisten Megacities sowie Städte mit mehr als einer Millionen
Einwohnern, die darüber hinaus in den letzten 15 Jahren ein starkes
Wachstum aufweisen. Aufgrund des immer noch großen Anteils an
Landbevölkerung wird dieser Trend mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter
anhalten (Quelle: Kraas 2003, Datengrundlage: UN 2000).
Es ist nicht mehr in erster Linie die Zuwanderung aus den ländlichen
Regionen, die in Entwicklungsländern die Städte wachsen
lässt. Die Vereinten Nationen schätzen, dass zu etwa 60 Prozent
des Zuwachses das natürliche Bevölkerungswachstum beiträgt,
also die Tatsache, dass die Zahl der Geburten die Zahl der Todesfälle
übersteigt. Aber immer noch bieten in weniger entwickelten
Ländern Städte oft eine höhere Lebensqualität als der
ländliche Raum - selbst die Slums erscheinen attraktiv, deshalb
hält die Zuwanderung an.
Die Bevölkerungsentwicklung ist allerdings auch von der
Altersstruktur der Bevölkerung abhängig und je nach Land sehr
verschieden: In China etwa ist wegen der Ein-Kind-Politik die
durchschnittliche Kinderzahl je Frau mit 1,6 laut World Population Data Sheet
2009 sehr niedrig. Nur zwei Fünftel der chinesischen
Bevölkerung leben in Städten, hier spielt die Zuwanderung aus den
ländlichen Regionen eine größere Rolle als beispielsweise
in Lateinamerika und der Karibik.
Große Einkommensunterschiede
In vielen Städten leben Reich und Arm auf engem Raum nebeneinander.
Große gesellschaftliche Ungleichheiten behindern jedoch die
ökonomische Entwicklung und können zu sozialen Unruhen
führen. Die Ressourcen, welche die Stadtverwaltungen aufzubringen
haben, um die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten, fehlen
dann etwa beim Ausbau der Infrastruktur, der Gesundheitsdienste oder der
Bildungseinrichtungen. Die sozialen Unterschiede haben in den letzten
Jahren zugenommen. So fiel zwischen 1990 und 2004 in den sich entwickelnden
Regionen der Welt der Anteil des ärmsten Viertels der Bevölkerung
am nationalen Konsum von 4,6 auf 3,9 Prozent.
Die hohen Einkommensunterschiede, die in Ländern wie Südafrika,
Indien oder den USA zu finden sind, zeigen sich auch in den Wohnformen -
die Extreme bilden hierbei Slums auf der einen Seite und Villenviertel auf
der anderen Seite. Große soziale Ungleichheit, insbesondere ein
großes Wohlstandsgefälle, kann dazu beitragen, dass die
Kriminalität um sich greift. Wer es sich leisten kann, sorgt mit
privaten Mitteln dafür, die eigene Sicherheit zu erhöhen.
Das hat zur Entstehung sogenannter Gated Communities beigetragen. Gated
Communities sind bewachte Wohnanlagen, die meist durch einen Zaun oder eine
Mauer vom angrenzenden Gelände abgeschottet werden. Die
Größe der Anlagen variiert von einigen separierten Wohneinheiten
bis hin zu komplexen Siedlungen, die zum Teil sogar über eine eigene
Infrastruktur mit Einkaufsmöglichkeiten, Schulen und
Krankenhäusern verfügen.
In allen Ländern der Welt gibt es Gated Communites, auch in
Deutschland. Die Siedlung Arcadia Potsdam brauchte allerdings über
zehn Jahre, bis sich 30 wohlhabende Käufer für die 45 Wohnungen
und sieben Villen auf einem parkähnlichen Grundstück in bester
Lage gefunden hatten. Das Leben in Deutschland macht Mauern nicht unbedingt
erforderlich. Seit Mai 2008 sind die Immobilien alle verkauft, letztlich
dürfte weniger das Sicherheitsbedürfnis als der gebotene Service
ausschlaggebend gewesen sein.
Literatur/Links
Kraas, Frauke (2003): Megacities as Global Risk Areas. In: Petermanns
Geographische Mitteilungen 147, 2003/4, S. 6-15.
Population Reference
Bureau (2009): World Population Data Sheet 2009. Washington.
United Nations (2010):
World Urbanization Prospects. The 2009 Revision. New York.
United
Nations Humans Settlement Programme (2008): State of the World´s
Cities 2008/2009. Harmonious Cities. London/Sterling.
United
Nations Humans Settlement Programme (2010): State of the World's Cities
2010/2011. Cities for All: Bridging the Urban Divide.
London/Sterling.
Wehrheim, Jan
(1999): Gated Communities. Sicherheit und Separation in den USA. In:
RaumPlanung 87. S.248-253. 

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Ab 29. April in den Kinos: Schöner Wohnen
hinter Stacheldraht
Der Dokumentarfilm "Auf der sicheren Seite"
stellt das Leben in drei bewachten Wohnanlagen in Johannisburg, Bangalore
und Las Vegas vor Die Filmemacher Corinna
Wichmann und Lukas Schmid stellen drei geschlossene und bewachte
Wohnanlagen vor: "Dainfern" in Johannesburg, Südafrika, "Palm Meadows"
in Bangalore, Indien, und "Spanish Trail" in Las Vegas, USA. Die Kamera
begleitet jeweils eine Bewohnerin oder einen Bewohner und gewährt so
Einblicke in die Lebensgestaltung und den Tagesablauf innerhalb und
außerhalb der Mauern. Auch die jeweilige Haltung zu der jeweiligen
Gated Community wird deutlich. Außerdem kommen in dem Film
Bedienstete und verschiedene Fachleute zu Wort, die über die
verschiedenen Wohnformen und die sich dadurch verändernden oder auch
verfestigenden gesellschaftlichen Verhältnisse nachdenken.
"Entdecken Sie den Ort, der Sie glücklich macht", wirbt Dainfern in
Johannisburg. Die Gated Community verspricht Sicherheit und einen
bestimmten Lebensstil, eine Nachbarschaft gut verdienender
Hauseigentümer, die sich auf dem dazugehörigen Golfplatz trifft,
sowie ein gepflegtes Gelände und Servicepersonal. Ein anderer Slogan
Dainferns klingt fast wie eine Drohung: "Denken Sie nie, es könnte
Ihnen nicht passieren". Johannesburg ist bekannt für seine im
weltweiten Vergleich sehr hohen Kriminalitätsraten und
Gewaltverbrechen. Fast jeder hat hier von eigenen Erfahrungen zu berichten.
Das Gefühl der Unsicherheit ist in allen sozialen Milieus verbreitet.
Die Immobilienmaklerin, die einer Kundin das Gelände und ein Haus
zeigt, betont entsprechend stark die Effizienz des Sicherheitssystems: ein
doppelter Zaun, der elektrisch geladen ist und pausenlos von Videokameras
überwacht wird, eine doppelte Einlasskontrolle mit
Führerschein-Scan und Code. Sicherheit ist das beste Verkaufs- und
Kaufargument.
Die Maklerin, die selbst Golf spielt, hält Dainfern mit den rund
5.000 Bewohnern für den idealen Ort zum Leben. Als Angehörige
einer vermögenden Schicht nimmt sie die Angestellten ganz
selbstverständlich zum Putzen und zur Kinderbetreuung in Anspruch.
Zwar ist die Apartheid in Südafrika abgeschafft, aber der Wohlstand
ist immer noch sehr ungleich verteilt. Auch wenn eine Angestellte sagt, sie
fühle sich wie die Schwester ihrer Arbeitgeberin, widerlegen die
Bilder der Verhältnisse dies eindeutig - hier die Wellblechhütte,
dort die Villa. In Dainfern haben die meisten Häuser vier
Schlafzimmer, drei Bäder, Wohnzimmer, Küche, Esszimmer, eine
Terrasse, und ein Zimmer für Bedienstete. In den Slums gibt es
höchstens eine Miniatur davon: "Hier schlafe ich", sagt die
Angestellte, und deutet auf ihr Bett, "hier koche ich", sie zeigt eine
Kochnische, "hier wasche ich mich", sie hebt einen Waschbottich an.
Ein weiterer Angestellter lobt seine Arbeitsstelle ebenfalls: Er
fühle sich in der Anlage sicher und wohl, sagt er - und das glaubt man
ihm sofort, denn die Kamera, die ihn bei der Rückfahrt nach Hause
begleitet, zeigt das Leben außerhalb der Zäune: enge
Straßen voller Menschen in der Innenstadt, hohe Häuser mit
kleinen Wohnungen, staubige Straßen, Slums. Der Kontrast ist riesig:
Innen waren alle Menschen weiß, außen sind alle farbig, so
scheint es. Sein Häuschen von einem Gartenzaun umgeben, mit zwei
Türen gesichert - "hier gibt es keine Sicherheit, du musst dich und
deine Familie selbst beschützen", sagt er. Er träumt davon, eines
Tages auch in Dainfern zu leben - "in der Zukunft", sagt er, lacht und
schaut nachdenklich in die Luft.
Gated Communities unterscheiden sich stark - wie auch die Mentalität
ihrer Bewohner. Im indischen Bangalore folgt die Kamera einem
charismatischen, erfolgreichen Unternehmer, der wegen der Ruhe und
Sauberkeit mit seiner Familie in Palm Meadows lebt. Der Boom der
IT-Industrie hat vielen Wohlstand gebracht und auch westliche Vorstellungen
von Organisation. Der Privatmann kämpft - auch durch finanzielles
Engagement - für intakte, saubere Verkehrswege und versucht, der
Stadtverwaltung die Bedeutung für ein angenehmeres Leben und die
Wirtschaft deutlich zu machen, da der Stau ihn täglich behindert.
Straßenszenen zeigen die Schwierigkeiten, die das Land dabei hat, der
wachsenden Bevölkerung eine funktionierende Infrastruktur zur
Verfügung zu stellen. Seine Vision: Ganz Indien soll so aussehen wie
Palm Meadows, dann wären Gated Communities überflüssig.
Als drittes Beispiel einer Gated Community zeigt der Film Spanish Trail in
Las Vegas, USA. Die Straßen der Siedlung sind wie leergefegt, die
identisch aussehenden Häuser wirken unbewohnt, die Garagentore sind
geschlossen. Nur bei wenigen der Häuser steht ein Auto auf der
Einfahrt. Ein Pensionär, der dort lebt, erzählt, wie unwohl und
einsam er sich dort fühle, dass er fast keine sozialen Kontakte zur
Nachbarschaft habe, obwohl er sie suche. Er und seine Frau leben nur noch
wegen des kranken Hundes dort - sobald er tot ist, wollen sie wegziehen.
Die Verwaltung der 1.200 Häuser schreibt den Eigentümern
akribisch vor, wie die Straßenfront und Vorgärten auszusehen
haben, ein sogenannter Sicherheitsschutz kontrolliert 24 Stunden am Tag. Er
meldet der Zentrale offene Garagentore, die den Blick auf darin stehende
Dinge freigeben könnten, auf der Einfahrt parkende Autos, zu früh
oder zu lange vor dem Haus stehende Mülltonnen. Wieso die Bewohner
sich freiwillig diesen Regeln unterwerfen, bleibt offen. Der lokale
Frisör liefert einen Erklärungsansatz: Er schätzt den Ort,
weil er sich hier unter Gleichgesinnten fühlt.
Es ist ein sehenswerter und unterhaltsamer Film, der zum Nachdenken
anregt. Er macht das Konfliktpotenzial deutlich, das das
Wohlstandsgefälle innerhalb der Länder birgt, und nimmt das
Sicherheitsbedürfnis der Reicheren sowie den Wunsch nach einer
gleichförmigen Umgebung ernst, ohne die Ambivalenz dieses
Rückzugs aus der Gesellschaft zu verschleiern: Verschiedene
gesellschaftliche Gruppen grenzen sich voneinander räumlich ab, teilen
immer weniger Erfahrungen und Begegnungen und verlieren so immer mehr das
Verständnis füreinander. Das ist nicht ohne Risiko für den
gesellschaftlichen Zusammenhalt, den eine Demokratie braucht - und
fördert möglicherweise das Risiko von Zusammenstößen
noch. Zwar zeigt der 80-minütige Film nicht, wie der Untertitel nahe
legt, "die Zukunft der Städte", aber er leuchtet zumindest eine
Facette der gesellschaftlichen und städtebaulichen Entwickungen aus:
die Gated Communities. "Auf der sicheren Seite" läuft ab dem 29. April
2010 bundesweit in den Kinos.
Literatur /Links
Wichmann, Corinna/Schmid, Lukas (2010): Auf der sicheren Seite. www.realfictionfilme.de 

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