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Die Schweiz als Einwanderungsland
Der Alpenstaat bleibt auch in der
Wirtschaftskrise attraktiver als die meisten
EU-Mitgliedsländer Die Attraktivität
der Schweiz als Einwanderungsland hat im letzten Jahrzehnt stark
zugenommen. Der Anteil von Zuwanderern an der Gesamtbevölkerung
beläuft sich inzwischen auf rund ein Viertel. Werden die in der
Schweiz geborenen Personen mit Migrationshintergrund hinzugezählt,
wächst der Anteil sogar auf ein Drittel an. Mehr als 1,7 der 7,8
Millionen Bewohner der Schweiz besaßen am Ende des Jahres 2009 einen
ausländischen Pass. Gleichzeitig hat sich die Struktur der Zuwanderung
deutlich verändert. Während früher besonders
geringqualifizierte Migranten aus Süd- und Südosteuropa in die
Schweiz kamen, waren es in den vergangenen zehn Jahren vermehrt
Hochqualifizierte aus den unmittelbaren Nachbarländern beziehungsweise
aus den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. Der Anteil von
Arbeitsmigration an der Gesamtzuwanderung belief sich im Jahre 1994 auf
einen Tiefstwert von 17 Prozent. Im Jahr 2008 hingegen erreichte er eine
Spitze von 52 Prozent. Gleichzeitig ging der Anteil des Familiennachzugs
von etwa zwei Dritteln auf ein Drittel zurück.
Verzögerter Einfluss der Wirtschaftskrise auf die
Zuwanderungszahlen 
Nach den Erfolgsjahren 2007 und 2008 ist die Zuwanderung im
Jahr 2009 beinahe wieder auf das vorhergehende Niveau zurückgegangen.
Die Folgen der Wirtschaftskrise für die Attraktivität der Schweiz
als Einwanderungsland haben sich erst zeitlich versetzt ausgewirkt. So
konnte im Krisenjahr 2008 beim Wanderungssaldo sogar ein Rekordgewinn von
Immigranten verzeichnet werden (Datengrundlage: Eurostat 2010).
Sucht man nach den Gründen für die sprunghaft gestiegene
Zuwanderung, stechen zunächst zwei Punkte heraus: die schrittweise
Einführung der Personenfreizügigkeit mit der Europäischen
Union und die damit in Zusammenhang stehende steigende Wirtschaftskraft des
Landes. Die Schweizer Wirtschaft hat sich erfolgreich auf wissensintensive
Arbeit mit hoher Wertschöpfung konzentriert und so einen massiven
Strukturwandel vollzogen. In der Folge mangelte es an hochqualifizierten
Arbeitskräften. Die Schweiz hat auf den Mangel reagiert, indem sie
sich weitgehend für die europäische Binnenwanderung geöffnet
hat: Die Einführung der Personenfreizügigkeit erlaubt es
Zuwanderern, in dem Alpenstaat zu wohnen und zu arbeiten. Bis zur
Weltwirtschaftskrise 2008 ging eine florierende Konjunktur mit steigender
Einwanderung einher. Im Wettbewerb um die talentiertesten Köpfe in
Wirtschaft und Wissenschaft zählte die Schweiz - anders als etwa
Deutschland - zu den klaren Gewinnern.
Auch die Schweiz hat jedoch während der globalen Wirtschaftskrise an
Attraktivität als Migrationsziel verloren. So erreichten die
Zuwanderungszahlen im Jahr 2009 nicht mehr die Spitzenwerte der
vorangegangenen zwei Jahre, aber sie blieben immerhin auf einem
vergleichsweise hohen Niveau. Andere Länder wie Irland oder Spanien,
die in den letzten zehn Jahren ebenfalls hohe Einwanderungszahlen
notierten, haben einen sehr viel stärkeren Einbruch bei der
Zuwanderung erlebt. Irland verzeichnete 2009 sogar einen deutlich negativen
Wanderungssaldo.
Auch die Schweiz als junge Aufsteigerin leidet unter der
Krise 
Die Einwanderungszahlen in den Ländern der
Europäischen Union sind während der jüngsten
Weltwirtschaftskrise zurückgegangen. Vor allem in Ländern wie
Irland und Spanien, die in den letzten zehn Jahren eine starke Immigration
verzeichneten, ist die Quote seit 2007 extrem eingebrochen. Die Schweiz
hingegen konnte die Zuwanderung im ersten Krisenjahr 2008 noch einmal
deutlich steigern. Doch zeigt sich auch hier der Einfluss der Krise -
wenngleich die Einwanderungszahlen im europäischen Vergleich auf hohem
Niveau geblieben sind (Datengrundlage: Eurostat 2010).
Was macht die Schweiz für die Immigranten so anziehend? Das
Einwanderungsregime, die volkswirtschaftliche Struktur und die gute
Konjunktur bilden hier drei wichtige Aspekte: Seit 2007 ist die volle
Personenfreizügigkeit für Menschen aus den EU-15 Staaten
gültig, und sie wird in den nächsten Jahren auf die alle
Mitgliedsstaaten der EU erweitert werden. Das wird auch mehr Menschen in
die Schweiz locken.
Volkswirtschaftliche Strukturvorteile ergeben sich in der Schweiz
besonders aus der vergleichsweise niedrigen Steuer- und Abgabelast. Der
Großteil der eingewanderten Hochqualifizierten stammt aus den
Nachbarländern, die ihrerseits zu den weit entwickelten
Volkswirtschaften der Welt zählen, jedoch wesentlich höhere
Steuersätze anwenden. Darüber hinaus weisen diese Länder
eine deutlich schneller ansteigende Staatsverschuldung auf, eine
Entwicklung, die als Indiz für die zukünftige Abgabenbelastung
durch die öffentliche Hand gilt.
Auch bei der Konjunktur schneidet die Schweiz im Vergleich sehr gut ab.
Zwar schrumpfte die Wirtschaft im Jahre 2009 um 1,5 Prozent, doch ist dies
nach Polen noch der beste Wert in Europa. Der Einbruch des
Bruttoinlandsprodukts fiel daher im Gegensatz zu anderen Ländern
relativ gering aus. So nahm zum Beispiel die Wirtschaftsleitung in Italien
und Deutschland um jeweils fünf Prozent ab. Neben den wirtschaftlichen
sind auch weiche Faktoren für die Attraktivität der Schweiz
verantwortlich, so Gianni D'Amato, Professor am Swiss Forum for Migration
and Population Studies. Das Land biete unter anderem Stabilität,
Toleranz, internationale Schulen und ein vielschichtiges Kulturangebot.
Darüber hinaus bilde das gut ausgebildete und mehrsprachige Personal
in den Räumen Lausanne-Genf und Zürich ein gutes Argument
für ausländische Unternehmen, sich in Europa niederzulassen.
Wie erfolgreich die Schweiz im Vergleich zum umliegenden Ausland durch die
Krise gekommen ist, lässt sich am vergleichsweise hohen
Zuwanderungsniveau erkennen, denn die Einwanderungserlaubnis hängt im
Wesentlichen von der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit ab. Das Land
steht nun vor der Aufgabe, seine Attraktivität für Zuwanderer
langfristig zu erhalten, denn wie viele andere Länder Europas sieht
sich die Schweiz mit dem Problem einer alternden Bevölkerung
konfrontiert: Der Anteil der Erwerbstätigen an der
Gesamtbevölkerung nimmt immer weiter ab, während gleichzeitig der
Anteil der Rentner steigt. Das erschwert es zunehmend, die sozialen
Sicherheitssysteme zu finanzieren. Die bisherigen Erfolge müssen daher
erfolgreich abgesichert werden. Unter anderem müssen dazu die
vorhandenen Potenziale jener Migranten besser genutzt werden, die bisher
nur geringe Qualifikationen aufweisen. Und das geht nur über eine
bessere Ausbildung für die betreffenden Gruppen.
Zudem schläft die Konkurrenz nicht: Auch die Länder der
Europäischen Union erkennen zunehmend den Wert hochqualifizierter
Arbeitskräfte aus dem Ausland. Durch die Einführung einer
gemeinsamen, so genannten Blue-Card sollen hochqualifizierte
Drittstaatenangehörige für die EU angeworben werden um den
steigenden Bedarf gut ausgebildeter Kräfte zu decken. Zwar steckt eine
gemeinsame EU-Migrationspolitik noch in den Kinderschuhen, doch wird sich
der Wettbewerb um Hochqualifizierte weltweit weiter verschärfen.
Literatur / Links
Angenendt,
Steffen/Parkes, Roderick (2010): Blue Card - (noch) kein Erfolg? In:
SWP-Aktuell, April 2010, S. 1-4.
Berlin-Institut
für Bevölkerung und Entwicklung (2008): Hochqualifizierte
Arbeitskräfte zieht es in die Schweiz. Demos 57, 02. Oktober
2008.
Berlin-Institut
für Bevölkerung und Entwicklung (2008): "Es gibt viele Gewinner
und nur wenige Verlierer der Neuen Zuwanderung". Interview mit Dr. Daniel
Müller-Jentsch. Demos 57, 02. Oktober 2008.
Brandes,
Dennis (2010): Migration: Die Schweiz als attraktiver Nachbar. In:
bulletin, März/April 2010, S.48-51.
Duttweiler,
Andrea (2010): "Der Nutzen der Migration überwiegt die Kosten".
Interview mit Gianni D'Amato. In: der arbeitsmarkt, Januar/Februar 2010, S.
19-22.

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Prima Integrationsklima
Eine neue Studie wehrt sich gegen das
"Schreckbild einer gescheiterten Integration" Dass die Integration der nach Deutschland Zugewanderten und
ihrer Kinder besser hätte laufen können, bestreitet kaum ein
Politiker. So lag die Arbeitslosigkeit 2008 unter Migranten bei zwölf
Prozent und der Anteil der Migrantenkinder ohne jeden Bildungsabschluss
stieg zwischen 2007 und 2008 von zehn auf 13 Prozent. Bei den Einheimischen
waren es jeweils nur etwa sieben Prozent. Jugendliche mit
Migrationshintergrund warten erheblich länger auf einen
Ausbildungsplatz als einheimische Jugendliche, nämlich im Schnitt 17
Monate statt nur drei. Auch leben Migranten häufiger in Haushalten mit
geringen Einkommen und unterliegen einem doppelt so hohen Armutsrisiko wie
Einheimische. Fortschritte sind zwar in einigen Bereichen zu erkennen, etwa
in dem leichten Anstieg der höheren Bildungsabschlüsse oder in
dem deutlichen Rückgang der Kriminalitätsrate. Die Integration in
Deutschland bleibt jedoch nach wie vor eine "Großbaustelle", wie es
die Integrationsbeauftragte der deutschen Bundesregierung, Maria
Böhmer, erst dieser Tage wieder formulierte. Zu einer ähnlichen
Einschätzung war die Studie "Ungenutzte
Potenziale" des Berlin-Instituts bereits im vergangenen Jahr
gekommen.
Aber die Lage könnte auch deutlich schlechter sein, so das Fazit des
Jahresgutachtens "Einwanderungsgesellschaft 2010" des Sachverständigenrats deutscher
Stiftungen für Integration und Migration. Dieser Rat, 2008 von
acht deutschen Stiftungen gegründet, versteht sich als ein
unabhängiges, wissenschaftliches Gremium, das migrations- und
integrationspolitische Entwicklungen in Deutschland beobachtet und dazu
Stellung bezieht.
Das Jahresgutachten ist die erste umfassende Studie des
Sachverständigenrates. Sie liefert eine Fülle von Informationen
über die gegenwärtige Situation der Integration im
Einwanderungsland Deutschland. Dabei hebt sie vor allem die positiven
Entwicklungen hervor. Die Studie besteht zum einen aus dem eigentlichem
Gutachten, das die politischen, rechtlichen, ökonomischen und sozialen
Rahmenbedingungen und Entwicklungslinien der Migration nach und Integration
in Deutschland aufzeigt. Gesellschaftliche Bereiche, in denen die Teilhabe
für Menschen mit Migrationshintergrund besonders wichtig ist,
analysiert das Gutachten genauer. Außerdem zeigt es das
Entwicklungspotenzial und den Handlungsbedarf. Als empirische Grundlage
seiner Einschätzung führt der Sachverständigenrat zum
anderen das so genannte Integrationsbarometer ein, dessen Ergebnisse in
einem gesonderten Kapitel ausführlich dargestellt werden.
So informativ das eigentliche Gutachten des Sachverständigenrats auch
ist, die größte Aufmerksamkeit zieht das Integrationsbarometer
auf sich. Dieses basiert auf einer Telefonumfrage unter über 5.500
Personen aus der Mehrheitsgesellschaft und der Gruppe der Zugewanderten. Es
misst auf einer Skala von null (negativ) bis vier (positiv) die eigenen
Erfahrungen und Erwartungen beider Gruppen in Sachen Integration, und zwar
sowohl auf sich selbst bezogen als auch in Bezug auf die jeweils andere
Gruppe. Zusätzlich werden die Ergebnisse nach Bildungsstand der
Befragten, Einkommensklassen sowie Herkunftsgruppe der Zuwanderer und deren
Zugehörigkeit zur ersten oder zweiten Migrantengeneration
unterschieden. Thematisch berücksichtigt das Integrationsbarometer
neben der allgemeinen Einschätzung der Integrationssituation und
-politik die Bereiche Nachbarschaft, Arbeitsmarkt, soziale Beziehungen,
Bildung und soziale Sicherung. Außerdem misst das Barometer das
Vertrauen beziehungsweise Misstrauen zwischen Menschen mit und ohne
Migrationshintergrund sowie zwischen den verschiedenen Zuwanderungsgruppen.
Die Antworten auf die einzelnen Fragen liegen in einem
Integrationsklima-Index zusammengefasst vor, der sowohl für die
einzelnen Teilbereiche als auch auf die verschiedenen Herkunftsgruppen
ausgewiesen wird. Dabei bedeutet ein Indexwert von null das denkbar
schlechteste Ergebnis und ein Wert von vier das denkbar beste.
Wie zu erwarten war, liegt die Einschätzung zur Integration irgendwo
in der Mitte. Die Autoren der Studie berechnen einen
Integrationsklima-Indexwert von 2,77 für die Mehrheitsgesellschaft und
von 2,93 für die Zuwanderer. Sie interpretieren dieses Ergebnis als in
der Tendenz positiv. Die Einheimischen nehmen dabei das Integrationsklima
leicht pessimistischer wahr als die Migranten, wenn diese es auch je nach
Herkunft unterschiedlich bewerten. Aussiedler sowie Menschen mit einer
Herkunft aus den Mitgliedsstaaten der EU-27, sonstigen europäischen
Ländern sowie Afrika, Asien oder Lateinamerika schätzen das
Integrationsklima am besten ein, nämlich mit einem Wert zwischen 2,97
und drei. Die Einschätzung der Menschen türkischer Herkunft
dagegen liegt mit 2,75 sogar noch knapp unter dem Indexwert der
Mehrheitsgesellschaft.
Zuwanderer zufrieden mit Integration? 
Die meisten Zuwandergruppen schätzen die Lage ihrer
Integration besser ein als die Mehrheitsgesellschaft. Das gilt für
alle befragten Gruppen - mit Ausnahme der Türkischstämmigen.
Unter ihnen befinden sich besonders viele Menschen mit einem geringen
Bildungsniveau. Diese bewerten die Integrationssituation generell weniger
optimistisch. Die einheimische Bevölkerung hingegen tendiert offenbar
dazu, eher auf die Schwächen der Integration zu schauen, und
übersieht dabei die positiven Beispiele.
Die Ursachen für die Unterschiede werden in der Studie kaum
thematisiert, lassen sich jedoch aus den Ergebnissen der einzelnen Fragen
des Barometers zum Teil ablesen. So berichten Menschen türkischer
Herkunft von mehr Diskriminierungserfahrungen als Menschen anderer
Herkunftsgruppen und fühlen sich in Deutschland im Vergleich auch am
wenigsten wohl. Von der Mehrheitsgesellschaft wird ihnen dann im Gegenzug
auch zusammen mit den Afrikanern und Osteuropäern das geringste
Vertrauen entgegengebracht. Vor diesem Hintergrund erscheint es fast
verwunderlich, dass Türkischstämmige der Mehrheitsgesellschaft
fast ebenso stark wie der eigenen Herkunftsgruppe vertrauen - und damit
deutlich mehr als allen anderen Migrantengruppen.
Im Bereich Bildung fördert das Integrationsbarometer noch ein anderes
Paradox zu Tage. So schätzen sowohl die Mehrheitsgesellschaft als auch
die Zuwanderer kulturelle Vielfalt im Bildungswesen tendenziell positiv ein
und geben auch im Durchschnitt positive eigene Erfahrungen damit an. Ihre
eigene Einschätzung weicht jedoch stark von ihrem tatsächlichen
Verhalten ab. So fällt die Bereitschaft, die eigenen Kinder in
Bildungseinrichtungen mit einer hohen kulturellen Durchmischung zu geben,
bei allen Gruppen deutlich geringer aus als die Bewertung dieser Vielfalt.
Je höher dabei das Einkommen eines Haushaltes ist, desto
größer ist dieser Unterschied zwischen Einstellung und Verhalten
- ein Paradox, dass der bekannten Benachteiligung im deutschen
Bildungssystem von Kindern aus sozio-ökonomisch schwierigen
Verhältnissen entspricht.
Insgesamt zeigen die weiterführenden Analysen der
Barometerergebnisse, dass die Einschätzung zur Lage der Integration in
Deutschland weniger zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund
schwankt, als vielmehr zwischen den verschiedenen Bildungs- und
Einkommensgruppen. Daraus leiten die Autoren eine stärkere gemeinsame
Basis zwischen Mehrheitsgesellschaft und Zuwanderern ab, als gemeinhin
angenommen wird - eine Interpretation, die in die Gesamtvorstellung einer
positiven Integrationsentwicklung passt.
Bei aller Euphorie sind die Ergebnisse des Integrationsbarometers jedoch
mit Vorsicht zu genießen. So fand die Erhebung ausschließlich
in den Gebieten Rhein-Ruhr, Rhein-Main und Stuttgart statt. Die Autoren
begründen diese Entscheidung damit, dass diese Ballungsräume
stark von Zuwanderung geprägt und somit repräsentativ für
Deutschland sind. Berlin bleibt unter Hinweis auf die besonderen
Rahmenbedingungen der Zuwanderung und des Arbeitsmarkts ausgeklammert. Aber
gerade Berlin mit seinen fast 900.000 Personen mit Migrationshintergrund
und Stadtteilen, in denen Migranten nicht nur die Mehrheit bilden, sondern
in denen erhebliche Integrationsprobleme bestehen und sich zum Teil
parallelgesellschaftliche Strukturen herausbilden, prägt ganz
maßgeblich die Debatte über Zuwanderung in Deutschland.
Integrationserfolge wie -misserfolge der Hauptstadt sind somit entscheidend
für die gesamtdeutsche Entwicklung. In diesem Zusammenhang verwundert
es, dass die zur Auflockerung der Studie eingestreuten Bildergeschichten
aus dem Alltag von Migranten in Deutschland ausgerechnet aus Berlin
stammen. Unklar bleibt auch, ob Problembezirke wie Duisburg-Marxloh genauso
berücksichtigt wurden wie besser gestellte Bezirke etwa in Frankfurt
am Main. Informationen gibt es nur darüber, dass die Befragung sowohl
in innerstädtischen Räumen als auch in Stadtrandgebieten und in
ländlichen Räumen stattgefunden hat.
Darüber hinaus ist die Bewertungsskala des Integrationsbarometers von
null bis vier sehr kurz gewählt. Die Ergebnisse des Klimaindexes
schwanken daher nur um wenige Nachkommastellen und lassen eine
differenzierte Deutung kaum zu. Zusätzlich werden die Werte des
Integrationsbarometers in der Analyse zum Teil in Schulnoten
übersetzt. Wer die Studie liest, muss somit an manchen Stellen sehr
genau darauf achten, was denn nun mit welchem Wert gemeint ist.
Insgesamt muss man sich fragen, welchen Stellenwert der
Integrationsklima-Index für politische Entscheidungen haben kann. So
setzen sich die Ergebnisse des Integrationsbarometers nur aus subjektiven
Einschätzungen aus der Bevölkerung zusammen. Diese sind zwar
wichtig und fehlten bisher bei der Beurteilung der Integrationssituation in
Deutschland. Sie können aber nicht über die harten Fakten der
Integration wie die Unterschiede im Bildungsbereich und auf dem
Arbeitsmarkt hinwegtäuschen. Deshalb erlauben die Ergebnisse des
Integrationsbarometers auch keineswegs, wie die Studie behauptet,
"Maßnahmen der Integrationspolitik eindeutig zu bewerten", sondern
nur, deren Akzeptanz in der Bevölkerung zu messen.
Die harten Fakten der Integration werden in dem eigentlichen
Jahresgutachten des Sachverständigenrats umfassend dargestellt und
analysiert. Grundlage hierfür bilden Sekundäranalysen und eigene
Berechnungen aus statistischen Datenbanken. Dieser Teil der Studie benennt
dann auch deutlich die vielen Fehlentwicklungen der Vergangenheit und
Gegenwart - wie zum Beispiel die Mängel des Optionsmodells zur Annahme
der deutschen Staatsbürgerschaft - und beschreibt Ansatzpunkte
für eine erfolgreiche Politik. Letztere bleiben jedoch sehr schwammig
und werden nicht mit den Ergebnissen des Integrationsbarometers
verknüpft.
Die Studie bietet insgesamt einen guten Überblick über das weite
Feld der Migrations- und Integrationspolitik in Deutschland. Der Versuch,
die öffentliche Diskussion von den Defiziten zu den Erfolgen und
Potenzialen zu lenken, ist auf jeden Fall ehrenwert. De facto beruht
Integration - wie auch deren Einschätzung - jedoch auf konkreten
Ergebnissen. Damit sie sich verbessern kann, bedarf es einer pointierteren
Argumentation, als das Gutachten sie bietet. Auch der Handlungsbedarf bei
konkreten Problemen sollte in Zukunft deutlicher herausgearbeitet
werden.
Das Ziel, durch Leserfreundlichkeit insbesondere die Politik und die
Öffentlichkeit zu erreichen, verfehlt die Studie. Den Text
kennzeichnen in weiten Teilen lange Satzstrukturen und Fachsprache. Auch
ist das Gutachten lang und sehr kleingliedrig aufgebaut. Vor allem fehlen
knappe und informative Zusammenfassungen der Ergebnisse sowie
Übersichten. Selbst die Kernbotschaften sind wenig eingängig
formuliert und bleiben mehrheitlich abstrakt. Es bleibt den Leserinnen und
Lesern überlassen, Ergebnisse, Stellungnahmen und Empfehlungen
voneinander zu trennen und mit bereits Bekanntem zu einem Gesamtbild zur
Lage der Integration zusammenzufügen. Das war allerdings auch schon
vor dem Bericht des Sachverständigenrates der Fall.
Sachverständigenrat
deutscher Stiftungen für Migration und Integration (SVR):
Einwanderungsgesellschaft 2010. Jahresgutachten 2010 mit
Integrationsbarometer. Berlin. 256 Seiten. 

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