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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Start-ups im Iran: Starre Rahmenbedingungen, wenige Fördermöglichkeiten und großes Potenzial

Start-ups im Iran: Starre Rahmenbedingungen, wenige Fördermöglichkeiten und großes Potenzial

In einer Interviewreihe hat das Berlin-Institut Menschen aufgesucht, die mit der Beschäftigungskrise in Afrika und dem Nahen Osten unmittelbar in Berührung kommen. Das dritte Interview in der Reihe haben wir mit einer iranischen Wissenschaftlerin geführt, die zum Thema Unternehmertum beziehungsweise Entrepreneurship in ihrem Heimatland forscht. Um ihre Arbeit nicht zu gefährden, möchte sie anonym bleiben.

 

Ist Entrepreneurship in der iranischen Jugend ein Thema?

 

Es ist ein wenig bekannter geworden – vor allem, weil es inzwischen einige Erfolgsbeispiele gibt – zum Beispiel einen großen Onlineversand für Elektroartikel oder auch eine iranische Version von Groupon, einem Online-Portal, auf dem zum Beispiel Restaurants oder Konzertveranstalter Gutscheine verkaufen. Diese Vorbilder ermutigen junge Leute dazu, selbst unternehmerisch tätig zu werden. Ich glaube aber, dass man insgesamt mehr tun könnte, um die Bekanntheit von Entrepreneurship zu steigern.

 

Wie könnte man das Unternehmertum im Iran stärken?

 

Wir müssen dringend die iranische Diaspora einbinden. Viele Auslandsiraner in Kanada und den USA sind selbst Unternehmer. Sie verfügen über großes Potenzial und sind hochmotiviert, junge Unternehmer im Iran zu unterstützen. Sie können nicht nur Geld investieren, sondern auch Wissen und Erfahrung ins Land bringen. Das ist sehr wichtig, denn den jungen Leuten, die im Iran Unternehmen gründen möchten, fehlt es aber am notwendigen Wissen. Was sie benötigen, sind gute Mentoren.

Der Einbindung der Diaspora stehen momentan aber im Wesentlichen zwei Faktoren im Wege: Erstens wissen diejenigen, die sich gerne engagieren würden, oft nicht voneinander. Als Einzelperson ist es aber deutlich schwieriger und riskanter, Initiativen im Iran auf den Weg zu bringen, weshalb sich viele dagegen entscheiden. Zweitens ist der iranische Staat ein schwieriger Partner. Viele Mitglieder der Diaspora haben Angst davor, politischer Willkür ausgeliefert zu sein, die sie bis ins Gefängnis bringen könnte. Sobald Geld und hohe Profite im Spiel sind, wollen die staatlichen Akteure eingebunden werden und die Regeln, die sie aufsetzen, können sich über Nacht ändern. Vor allem die Armee kontrolliert viele Wirtschaftsbereiche.

 

Wie versucht der Staat, Entrepreneurship zu unterstützen? Schließlich gibt es derzeit eine große junge Bevölkerung.

 

Jede große Universität im Land verfügt über einen Incubator und einen Wissenschafts- und Technologiepark. Dort erhalten Studierende oder Absolventen einen Arbeitsraum und können an Mentorenprogrammen teilnehmen. Auch wenn ich es nicht mit Zahlen belegen kann, glaube ich, dass die bestehenden privaten Gründungszentren deutlich erfolgreicher arbeiten. Sie können bessere inhaltliche Unterstützung liefern und haben besser ausgefeilte Bewertungs- und Begleitmodelle. Außerdem wählen sie ihre Teilnehmer gezielt aus und spezialisieren sich auf bestimmte Themengebiete.

 

Glauben Sie, dass mit dem Ende der Sanktionen zu neue Ideen ins Land gelangen werden, die zu einer Stärkung des Entrepreneurships führen?

 

Ja, das glaube ich und ich glaube auch, dass mit dem Ende der Sanktionen eine große Menge Geld ins Land geraten wird. Wenn dieses für den Ausbau der Infrastruktur genutzt wird, kann es das Land weiterbringen. Wenn das Ende der Sanktionen stattdessen aber allein dazu führt, dass der Iran zu einem Absatzmarkt für westliche Produkte wird, wäre das nicht gut für das Unternehmertum. Stattdessen brauchen wir lokale iranische Marken, die von der Gemeinschaft angenommen werden. Nur so kann das Ende der Sanktionen eine Chance für das Entrepreneurship bedeuten.

 

Das Interview führte Ruth Müller am 24.11.2015. Nachdruck unter Quellenangabe (Müller, Berlin-Institut) erlaubt.