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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Was tun für eine zukunftsfähige Engagementlandschaft?

Was tun für eine zukunftsfähige Engagementlandschaft?

Das Emsland, hoch oben im Nordwesten Deutschlands, unterscheidet sich von der Mehrheit der entlegenen, dünn besiedelten, ländlichen Regionen. Es ist wirtschaftlich erfolgreich und demografisch stabil. Hier findet sich ein noch weitgehend intaktes Dorfleben mit einer aktiven Bürgergesellschaft.

 

Doch der gesellschaftliche Wandel macht auch vor dem Emsland nicht halt. Es wachsen weniger Kinder in die dörflichen Strukturen hinein und der Nachwuchs dürfte künftig nicht mehr ausreichen, um die vielen heute noch zivilgesellschaftlich aktiven Älteren zu ersetzen. Gleichzeitig wächst der Anteil der Älteren, die auf Unterstützung angewiesen sind. Zudem wird die einst homogene Bevölkerung durch Zuzug vielfältiger. Neue Formen des Engagements, die weniger verbindlich, häufig zeitlich begrenzt und auf eine spezielle Aufgabe beschränkt sind, gewinnen an Boden, und fordern damit die traditionellen Strukturen heraus. Schlussendlich verliert die Kirche als bislang treibende Kraft in der emsländischen Engagementlandschaft an aktiven Mitgliedern und damit auch an gesellschaftlichem Rückhalt. Angesichts dieser gesellschaftlichen Veränderungen müssen die Emsländer ihre gewachsenen Strukturen modernisieren und zukunftsfähig machen.

 

Kirche als starker Akteur in der Engagementlandschaft

Im Emsland sind viele soziale Projekte aus den Kirchen heraus entstanden. Durch den Mitgliederschwund und die vielen passiven Mitglieder verliert die Kirche jedoch an Bedeutung und könnte auch als Treiber des sozialen Engagements in Bedrängnis geraten. Diese Entwicklungen rütteln an alten Strukturen und bergen gleichzeitig die Chance auf Erneuerung. Denn mit ihren guten organisatorischen Strukturen ist die Kirche nach wie vor eine Anlaufstelle für Engagierte und deren Ideen. Damit sie diese wichtige Rolle auch künftig wahrnehmen kann, muss sie mit ihren sozialen und ehrenamtlichen Einrichtungen auch jene Menschen erreichen, die nicht zum engsten Kreis der Kirchengemeinde zählen, und noch stärker mit anderen, weltlichen Akteuren zusammenarbeiten.

 

Gemeinsame Sache für lebendige Dörfer

Weniger Nachwuchs, mehr Ältere, von außerhalb Zugezogene oder vielbeschäftigte Berufstätige – all das kann dazu führen, dass Vereine, Kirche und Initiativen Schwierigkeiten bekommen, Menschen zu finden, die sich im Rahmen ihrer Programme engagieren oder die ihre Angebote nutzen. Dies kann den Zusammenhalt und das soziale Gerüst im Dorf gefährden und die Konkurrenz zwischen den Vereinen verstärken. Runde Tische, gemeinsame Sitzungen oder Vereinsstammtische können dem entgegenwirken und ein Ort sein, an denen sich Engagierte aus den verschiedenen Bereichen des Ehrenamts über Herausforderungen und Probleme austauschen, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

 

Irgendwann erreichen langjährig Engagierte ein Alter, in dem sie sich – meist gesundheitsbedingt – aus der aktiven Vereinsarbeit zurückziehen. Mit ihrem Ausscheiden entsteht eine Lücke, welche die jüngeren Generationen allein zahlenmäßig nicht füllen können. Damit sich auch künftig genug Freiwillige finden, müssen sich möglichst alle Bevölkerungsgruppen – junge Menschen, Berufstätige, Ältere sowie Zugezogene – in den verschiedenen Angeboten wiederfinden und motiviert werden, daran mitzuwirken. Hierzu sollten sowohl die Angebote und Aktivitäten als auch die Mitgliedergewinnung zielgruppengerecht gestaltet werden.

 

Auch der Generationenwechsel in verantwortlichen Positionen kann langfristig geplant werden und bietet eine gute Gelegenheit, Vereins- und Vorstandsstrukturen zu modernisieren. So lassen sich Pflichten des Vorstands auf mehrere Schultern verteilen, indem Mitglieder Teams bilden und zeitlich wie thematisch definierte Aufgaben übernehmen. Ein guter Mix aus neuen und erfahrenen Kräften hilft überdies vorhandenes Wissen zu erhalten.

 

Sinkende Bereitschaft, sich einzubringen oder sich langfristig zu verpflichten

Eine große Herausforderung für Vereine und Initiativen besteht darin, Freiwillige zu finden, die dauerhaft Verantwortung übernehmen wollen. Veränderte Lebenswelten in Familie und Beruf, aber auch die zahlreichen, konkurrierenden Freizeitangebote tragen dazu bei, dass langfristige Verpflichtungen bei den Aktiven weniger hoch im Kurs stehen. Wer etwa in der Woche weit pendelt, hat höchstens am Wochenende Zeit sich am Gemeindeleben zu beteiligen. Das hat zur Folge, dass einige Bewohner den Umfang ihrer Aktivitäten vor Ort reduzieren und sich eher sporadisch beteiligen – etwa in der Flüchtlingshilfe oder bei Aktionen zur Dorferneuerung.

 

Moderne Strukturen für die Gesellschaft im Wandel

Neues und altes Ehrenamt können voneinander profitieren. Ersteres belebt mit neuen Ideen und Arbeitsweisen die Engagementlandschaft und kann Menschen erreichen, die bislang wenig in den etablierten Strukturen organisiert waren. Letzteres kann verlässliche Strukturen und den nötigen organisatorischen Rahmen bieten und so zu einem Rückgrat von größeren Projekten wie auch von kurzfristigen Initiativen werden.

 

Doch diese „Win-win-Situation“ stellt sich nicht von allein ein. Der Landkreis hat in den letzten Jahren mit dem Ehrenamtsservice, dessen Netzwerken und Weiterbildungsangeboten oder den Freiwilligenzentren bereits zahlreiche Strukturen geschaffen, um den Engagementsektor zu modernisieren und zukunftsfähig zu machen. Um interessierten Bürgern den Einstieg ins Engagement zu erleichtern, hat der Caritasverband im Bistum Osnabrück die „Anpacker-App“ entwickelt. Über Tablet oder Smartphone können sich Interessierte einen schnellen Überblick verschaffen, welche Initiativen oder Verbände in Ihrer Umgebung noch Ehrenamtliche für bestimmte Aufgaben suchen.

 

Mit modernen Strukturen für das sogenannte neue Engagement, so eine Hoffnung, lassen sich Personen aktivieren, die sich bisher nicht am Vereinsleben beteiligen. Gerade für jene, die sich nicht in die traditionellen Engagementstrukturen von Vereinen oder Kirchengruppen einbringen wollen, kann das „neue Engagement“ ein alternativer Weg ins Ehrenamt sein. Um dafür Interessenten zu gewinnen, ist etwa das landesweite Programm der Engagementlotsen entstanden. Diese stehen in engem Kontakt zu hauptamtlichen und mancherorts auch ehrenamtlich organisierten Freiwilligenzentren.

 

Die Studie erreichen Sie unter:

http://www.berlin-institut.org/publikationen/studien/von-kirchtuermen-und-netzwerken.html

 

Für Interviewanfragen stehen Ihnen zur Verfügung:

Theresa Damm, damm[at]berlin-institut.org, Tel. 0 30-31 01 74 50

Manuel Slupina, slupina[at]berlin-institut.org, Tel. 030-31 10 26 98

Dr. Reiner Klingholz, klingholz[at]berlin-institut.org, Tel. 030-31 01 75 60