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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Mädchenbildung macht den Unterschied

Mädchenbildung macht den Unterschied

In der Publikationsreihe „Materialien zur Entwicklungsfinanzierung“ der KfW Entwicklungsbank zeigt das Berlin-Institut, warum Investitionen in Mädchenbildung ein zentraler Hebel für sozio-ökonomische Entwicklung in den armen Ländern der Welt sind, insbesondere in Afrika.

 

Ungleiche Bildungschancen

In Subsahara-Afrika leben heute rund 200 Millionen Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Etwa drei Fünftel von ihnen sind Frauen. Zwar ist der Bildungszugang für Mädchen heute weltweit besser als noch vor einigen Jahrzehnten, trotzdem haben nach wie vor viel zu wenige von ihnen die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Südlich der Sahara leben weiterhin rund neun Millionen Mädchen im Grundschulalter, die nie die Möglichkeit bekommen werden, zur Schule zu gehen. In Südasien sind es knapp fünf Millionen. Dabei ist Mädchenbildung eine wesentliche Voraussetzung für sozio-ökonomischen Fortschritt.

 

Bildung gibt Frauen eine Wahl

Wenn Frauen eine Schulbildung erhalten, verbessert das ihre Chance auf eine spätere Beschäftigung und ein Einkommen und damit auf ein selbstbestimmtes Leben. Das wirkt sich auch positiv auf ihre Gesundheit und die ihrer Kinder aus, denn mit einem Einkommen können Frauen mehr Geld für Nahrungsmittel, Arztbesuche und Medizin ausgeben. Gleichzeitig fördert Bildung das Verständnis der Frauen für medizinische Zusammenhänge und trägt so ebenfalls zu einer besseren Gesundheit bei. Mit dem Bildungsgrad der Mütter steigt deshalb auch die Überlebenswahrscheinlichkeit der Kinder. Bildung wirkt sich damit indirekt auf die Familiengröße aus. Wenn weniger Kinder sterben, entscheiden sich Paare häufiger für weniger Nachwuchs.

 

Zwischen Bildung und Kinderzahl besteht aber auch ein ganz unmittelbarer Zusammenhang. Denn gebildete Frauen heiraten meist später und sind eher mit Methoden der Familienplanung vertraut als Frauen mit geringer oder keiner Bildung. Sie bekommen deshalb im Schnitt weniger Kinder.

 

Mehr Entscheidungsfreiheit

In Entwicklungsländern bekommen gebildete Frauen weniger Kinder als ungebildete. Das gilt vor allem dann, wenn sie nach der Grundschule auch die Sekundarstufe besuchen.


Wichtige Weichenstellung

Bildungsinvestitionen wirken sich damit enorm auf die demografische Entwicklung eines Landes aus. Bei Bevölkerungsvorausschätzungen nehmen einige Demografen Veränderungen des Bildungsstands deshalb als einen der zentralen Einflussfaktoren an.

 

Laut dem Wiener Wittgenstein Centre würde die Weltbevölkerung in nicht einmal 35 Jahren die 10-Milliarden-Grenze erreichen, wenn nicht mehr Jungen und Mädchen Zugang zu Bildung erhalten. Gelingt es dagegen durch umfangreiche Investitionen den Bildungsgrad in den weniger entwickelten Ländern der Welt schneller anzuheben als bislang geschehen, dürfte die Weltbevölkerung im gleichen Zeitraum nur auf rund 8,5 Milliarden anwachsen.

 

Ein Blick in die Zukunft


Wie sich die Weltbevölkerung bis zum Ende dieses Jahrhunderts entwickelt, hängt maßgeblich von den zukünftigen Erfolgen im Bildungssektor ab. Investieren die Staaten umfassend und schnell (Szenario 3), dann dürfte die Weltbevölkerung bereits Mitte des Jahrhunderts ihr Maximum erreicht haben und dabei die 9-Milliarden-Marke nicht überschreiten. Gelingen dagegen keine Fortschritte (Szenario 1), zeichnet sich bis zum Jahr 2100 eine weltweite Einwohnerzahl von knapp 13 Milliarden ab.

 

Den Bonus nutzen

Ein gedrosseltes Wachstum der Weltbevölkerung wäre aber nicht die einzige demografische Folge von Bildungsinvestitionen. Bildung, vor allem für Frauen, und bessere Lebensperspektiven lösen auch Veränderungen in der Altersstruktur aus.

 

Weil im sogenannten demografischen Übergang, den alle Länder im Rahmen ihrer Entwicklung durchlaufen, zuerst die Sterblichkeit zurückgeht, die Kinderzahlen je Frau jedoch erst mit einem gewissen Zeitverzug sinken, wachsen vorübergehend besonders kopfstarke Kohorten heran, denen dann schwächere Jahrgänge folgen. Wenn dann die letzten geburtenstarken Jahrgänge ins Erwerbsalter hineinwachsen, steht der Gesellschaft eine überproportional große Zahl von Produktivkräften zur Verfügung. Sie stellen einen demografischen Bonus dar und können unter geeigneten Bedingungen einen massiven Wirtschaftsaufschwung auslösen: Aus dem demografischen Bonus wird eine demografische Dividende. In den asiatischen Tigerstaaten lässt sich rund ein Drittel des Wirtschaftswachstums der damaligen Zeit auf die Nutzung der demografischen Dividende zurückführen.

 

Um eine demografische Dividende zu realisieren, muss die große Zahl an jungen arbeitsfähigen Menschen aber erst einmal eine Beschäftigung finden. Dafür sind erfolgreiche Unternehmen notwendig – und Arbeitskräfte, die nach dem Bedarf des Arbeitsmarktes ausgebildet sind. Letzteres gelingt vielen Entwicklungsländern nur unzureichend. Weil eine berufliche Ausbildung in vielen Ländern ein geringes Ansehen genießt, drängen Sekundarschulabsolventen tendenziell an die Universitäten und dort in Fächer der Sozial- und Geisteswissenschaften. Mit einem solchen Abschluss versprechen sich die jungen Menschen meist eine Anstellung im Staatsapparat. Diese Posten gibt es aber längst nicht für alle Absolventen und die Privatwirtschaft hat für derart Qualifizierte kaum eine Verwendung. Hinzu kommt, dass die Qualität der Hochschulausbildung vielerorts unzureichend ist. Eine Folge dieser Fehlentwicklung ist, dass in vielen Entwicklungsländern zwar die formellen Bildungswerte steigen, die erworbenen Qualifikationen aber nicht ausreichen, um eine demografische Dividende einzufahren.

 

Was zu tun wäre

Der gesellschaftliche Nutzen von Bildungsanstrengungen wirkt erst zeitverzögert. Bildungspolitik braucht daher einen langen Atem. Im Entscheidungsprozess über Investitionen sind dabei folgende Punkte zu berücksichtigen:

  • Allen Kindern muss eine gute Schulbildung ermöglicht werden, die ihnen zumindest einen unteren Sekundarabschluss ermöglicht. Anreize für Eltern, ihre Kinder zur Schule anstatt zur Arbeit zu schicken, können durch zweckgebundene Bargeldzuwendungen geschaffen werden.
  • Mädchen müssen den gleichen Zugang zu Bildung erhalten wie Jungen. Das gilt für alle Schulformen. Im Sekundarschulbereich lassen sich die Chancen von Mädchen unter anderem durch Stipendienprogramme maßgeblich verbessern.
  • Mädchen sind von politischen und wirtschaftlichen Krisen sowie von Konflikten in besonderem Maße betroffen und sollten daher in solchen Situationen gezielt mit Bildungsangeboten gefördert werden.
  • Entscheidend für Bildungserfolge sind nicht die abgesessenen Schuljahre, sondern tatsächliche Lernfortschritte. Dafür sind moderne Curricula, qualifizierte Lehrer und eine gute Schulinfrastruktur notwendig. Mehr Frauen in Lehrerpositionen können Vorbildrollen für Mädchen einnehmen und deren Teilnahme am Unterricht verbessern.
  • Vor allem die berufliche und tertiäre Bildung muss sich stärker an den Angeboten des Arbeitsmarktes orientieren. Hierzu können entsprechende Anreize und gezielte Förderung beitragen.
  • Bildung ist noch immer weltweit unterfinanziert. Anzustreben ist das von der Unesco empfohlene Ziel, die Staatsausgaben für Bildung auf 15 bis 20 Prozent der nationalen Haushalte oder 4 bis 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben.

 

Das vollständige Policy Paper erreichen Sie unter folgendem Link: http://www.berlin-institut.org/publikationen/gutachten/hoeheres-wirtschaftswachstum-und-geringeres-bevoelkerungswachstum.html

 

Quellen

Unesco (2016): Global Education Monitoring Report – Gender Review. Creating Sustainable Futures for All. UNESCO Publishing, Paris.

Wittgenstein Centre for Demography and Human Capital (2015): Wittgenstein Centre Data Explorer. Version 1.2 2015. Wien.