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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Digitalisierung als Wunderwaffe gegen den Welthunger

Digitalisierung als Wunderwaffe gegen den Welthunger

Zum jährlichen Förderkreistreffen erschienen auch am 20. Juni wieder zahlreiche Unterstützer des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Anlass des Treffens war nicht nur, einen Rückblick auf die Aktivitäten und Projekte des vergangenen Jahres zu werfen, sondern auch gemeinsam wichtige Zukunftsthemen für das Institut zu identifizieren. Denkanstöße lieferte hierfür nicht zuletzt Gastredner Bernd Naaf aus dem Vorstand von Bayer CropScience. In seinem Impulsvortrag schilderte er eine unternehmerische Sicht auf das Thema Ernährungssicherung angesichts des anhaltenden Bevölkerungswachstums – insbesondere in jenen Ländern, die schon heute ihre Bewohner kaum ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgen können. Er reihte sich in die Liste renommierter Rednerinnen und Redner der vergangenen Jahre ein. So standen den Förderkreismitgliedern schon Ministerin Ursula von der Leyen, Altkanzler Helmut Schmidt, Max-Planck-Biologe Stefan Kaufmann oder Wirtschaftswissenschaftler Hans-Werner Sinn Rede und Antwort.

Naaf eröffnete seinen Vortrag mit der Mahnung, dass jeder der knapp 9,8 Milliarden Menschen, die im Jahr 2050 auf unserer Erde leben dürften, ein Recht auf ausreichende und gesunde Ernährung habe. Dieses Recht sei jedoch schon heute nicht für alle 7,6 Milliarden Einwohnern sichergestellt: Weltweit litten über 800 Millionen Menschen Hunger. Die große Herausforderung sei es, so Naaf, die landwirtschaftliche Produktivität bis 2050 um 60 Prozent zu steigern, um die zusätzlichen rund 2,2 Milliarden Menschen zu ernähren, die zudem wachsende Ansprüche an ihre Ernährung stellen würden.

Hunger und Mangelernährung zu begegnen, werde jedoch durch eine Reihe von Entwicklungen erschwert. Fünf davon stellte Naaf in seinem Vortrag heraus: Erstens zitierte er das Bevölkerungswachstum, das besonders in Afrika stattfindet, wo sich die Bevölkerung bis 2050 auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln dürfte. Zweitens die sich ändernden Ernährungsgewohnheiten, die eine Folge der Verstädterung und des steigenden Wohlstands in Schwellenländern seien. So stelle beispielsweise der wachsende Fleischkonsum in China wegen der flächen- und wasserintensiven Tierzucht eine neue Herausforderung dar. Drittens der Klimawandel, der zur Desertifikation wichtiger landwirtschaftlicher Flächen führe. Viertens die Wasserknappheit, wobei schon heute 28 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen in Gebieten lägen, in denen die Bodenfeuchtigkeit immer kritischer werde. Ohnehin ist die Landwirtschaft – insbesondere aufgrund von Baumwollkulturen sowie Fleisch- und Futtermittelproduktion – der mit Abstand größte Wasserkonsument weltweit. Als fünftes Problem führte Naaf an, dass die Agrarökonomie ein massives Nachwuchsproblem habe. In den Industriestaaten wie auch in Entwicklungsländern würden immer weniger junge Menschen den Beruf des Landwirts ergreifen.

Doch was ist angesichts dieser immensen Herausforderung zu tun? Komplexe Probleme haben keine einfachen Lösungen, betonte Naaf. Um die Herausforderung anzugehen, müssten Regierungen, internationale Organisationen, Wissenschaft und Unternehmen zusammenarbeiten. Als wichtigsten Schritt, um Hunger zu bekämpfen, gelte es, die Kleinbauern, die 80 Prozent der Agrarproduktion in Entwicklungsländern erwirtschaften, zu befähigen, ihre Produktivität zu steigern und ihre Waren auf die (lokalen) Märkte zu bringen. Denn Nahrungsmittel sollten schon allein aus Nachhaltigkeitsgründen dort angebaut werden, wo sie gebraucht werden.

Unternehmen könnten zusammen mit der Wissenschaft Innovationen hervorbringen, die Landwirten helfen, produktiv und nachhaltig zu wirtschaften. Naaf schilderte vier Technologien, die das Potenzial hätten, die Produktivität der 500 Millionen Kleinbauern anzukurbeln. So sei eine verbesserte und gesicherte Versorgung mit Energie, insbesondere mit Elektrizität unverzichtbar, um Transport, Lagerung und Verarbeitung von Lebensmitteln sicherzustellen. Die zweite vielversprechende Technologie sei das Internet. Einen schnellen und zuverlässigen Internetzugang habe aber nicht einmal die Hälfte der Weltbevölkerung, so Naaf. Durch das Internet gelangten Bauern an Wetter- oder Marktdaten und könnten sich etwa in Online-Kursen wichtiges Knowhow aneignen. In diesem Zusammenhang sei auch die dritte Technologie, der Mobilfunk, von Bedeutung. Neben dem mobilen Internet sei hier vor allem an mobile Zahlungs- und Kreditsysteme, aber auch an Vermietungsdienste – eine Art UBER für Landmaschinen – zu denken. Als viertes technologisches Zukunftsfeld nannte er die Präzisionslandwirtschaft, die vor allem in den Industrienationen im Zuge der Digitalisierung auf dem Vormarsch sei. Dabei würden agronomische Daten genutzt, um – maßgeschneidert für die jeweilige Fläche – Empfehlungen zu Saatgut, Düngemittel oder Pflanzenschutz zu geben. Gemäß dem Grundsatz „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“ diene die Präzisionslandwirtschaft letztlich auch der Umwelt- und Ressourcenschonung.

Bernd Naaf bot in seinem Vortrag einen guten Überblick dazu, was neben Produktionssteigerungen nötig ist, um das zweite der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele vollständig zu erfüllen. Es lautet „Ernährung sichern – den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern“.

Im Anschluss an den Vortrag folgte eine angeregte Diskussion mit den Förderkreismitgliedern, etwa dazu, wie sich in den Entwicklungsländern Europas Fehler in der Agrarpolitik vermeiden ließen oder wie Frauen in der afrikanischen Landwirtschaft gestärkt werden könnten. Auch die Fragen, welche Effekte eine afrikanische Agrarrevolution auf die dortigen Arbeitsmärkte hätte und wie viele neue Jobs in der verbesserten Nahrungsmittelproduktion entstehen könnten, wurden erörtert. Mit dem letztgenannten Punkt nahm der Förderkreis ein Thema auf, dem sich das Berlin-Institut bereits in seinem Discussion Paper „Jobs für Afrika. Wie Nahrungsmittelproduktion und erneuerbare Energien Entwicklung beschleunigen können“ gewidmet hat.

Das Berlin-Institut dankt dem Verband der Chemischen Industrie e.V. für die großzügige Unterstützung des Jahrestreffens.

Informationen zum Förderkreis des Berlin-Instituts finden Sie unter: http://www.berlin-institut.org/foerderkreis-des-berlin-instituts.html.