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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Besser Gebildete leben länger – und bleiben länger klar im Kopf

Besser Gebildete leben länger – und bleiben länger klar im Kopf

Die durchschnittliche Lebenserwartung hängt in hohem Maße vom sozioökonomischen Status einer Bevölkerungsgruppe ab. Das zeigen Ergebnisse, die das Berlin-Institut in der kürzlich veröffentlichten Studie „Hohes Alter, aber nicht für alle“ zusammengetragen hat. Der sozioökonomische Status schließt neben den Einkommens- und Wohnverhältnissen auch Merkmale wie Bildungsstand und Beruf sowie Möglichkeiten der sozialen und kulturellen Teilhabe ein. 

Die Bildung spielt dabei eine zentrale Rolle: Hochschulabsolventen bewegen sich in puncto Lebenserwartung so weit von den weniger Gebildeten weg, dass sich eine Kluft von bis zu zwölf Jahren zwischen den Gruppen auftut. Beispielsweise ist in den USA die Lebenserwartung von
College-Absolventen in den letzten zwanzig Jahren stetig gestiegen, während sie bei all jenen stagniert, die nicht mehr als einen High-School-Abschluss, also eine sekundäre Schulbildung oder weniger erreicht haben. Das liegt zu einem guten Teil daran, dass höher Gebildete im Allgemeinen einen gesünderen Lebensstil und weniger riskante Verhaltensweisen wie etwa das Rauchen pflegen als weniger Privilegierte. 

 

Je höher die Bildung, desto größer die geistigen Reserven

Wissenschaftler, die Demenzrisiken erforschen, stellen ähnliche Zusammenhänge fest. Ein internationales Forscherteam hat kürzlich im Fachmagazin The Lancet eine Studie vorgestellt, nach der rund ein Drittel aller Demenzerkrankungen verhindert werden könnte, wenn alle Menschen einen Lebensstil pflegen würden, der bestimmte Risikofaktoren vermeidet. Dazu zählen unter anderem Übergewicht, Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes, Rauchen, Bewegungsmangel und ein niedriger Bildungsstand. 

2015 lebten nach Schätzungen der Alzheimer’s Association rund 47 Millionen Menschen weltweit mit einer Form von Demenz. In Deutschland sind rund 1,6 Millionen Menschen betroffen. Wie die Deutsche Alzheimer Gesellschaft schreibt, dürfte sich diese Zahl bis 2050 verdoppeln, sofern kein Durchbruch in der Prävention oder Therapie erreicht wird. Eine Folge des demografischen Wandels: Die Wahrscheinlichkeit, an Demenz erkranken, steigt ab einem Alter von 65 deutlich, wächst über die folgenden 25 Lebensjahre exponentiell an und flacht erst ab dem 90. Lebensjahr etwas ab. Wo immer mehr Menschen immer älter werden, steigt daher zwangsläufig auch die Zahl der Menschen mit Demenz. 

Wie das internationale Forscherteam anmerkt, gehen 65 Prozent aller Demenzerkrankungen auf biologische Ursachen zurück, die nicht beeinflussbar sind. Umso mehr gibt die Berechnung der Wissenschaftler Anlass zu Hoffnung, dass sich durch einen Lebensstil nach dem Motto „Was gut ist fürs Herz, ist auch gut fürs Hirn“ ein großer Teil der Neuerkrankungen verhindern ließe.

Diese individuell beeinflussbaren Faktoren senken nicht nur das Erkrankungsrisiko, sondern fließen auch in die sogenannte kognitive Reserve mit ein, mit der wir Funktionsverluste des Gehirns auch dann noch teilweise ausgleichen können, wenn bereits Schaden eingetreten ist. 

 

Ausfälle im Gehirn lassen sich kompensieren


Jeder Mensch hat eine kognitive Reservekapazität (KR), mit deren Hilfe er bis zu einem individuellen Grad eine krankhaft bedingte Hirnveränderung tolerieren und kompensieren kann. Diese Reserve lässt sich durch Lebensstilfaktoren, zum Beispiel durch eine gesunde Ernährung, beeinflussen. Unterscheiden sich drei Menschen, wie in dem Beispiel, in ihrer kognitiven Reserve (niedrig, durchschnittlich, hoch), haben sie es mit drei unterschiedlich starken Beschwerdebilder (Pathologie) zu tun. Eine hohe kognitiver Reserve ermöglicht es, die Krankheitsmerkmale am besten zu unterdrücken. 

 

Was Akademiker vor dem geistigen Zerfall schützt

Nicht nur bei der Lebenserwartung, auch beim Aufbau einer kognitiven Reserve sind besser Gebildete im Vorteil. Besonders Hochschulabsolventen haben lange Jahre mit Lernen verbracht, bilden sich weiter und arbeiten in geistig fordernden Berufen. Das stetige Training des Gehirns bewirkt, dass sich die Neuronen besser miteinander vernetzen. Ist ein Gehirnareal durch eine demenzielle Erkrankung unwiderruflich beschädigt, können dank dieser Vernetzungen andere, noch nicht betroffene Regionen die gespeicherten Informationen übernehmen und erhalten. 

Besser Gebildete achten aber auch eher auf ihre Gesundheit, verzichten vermehrt auf Zigaretten, essen gesündere Lebensmittel und treiben mehr Sport als der Durchschnitt. Ein solcher Lebenswandel ermöglicht es ihnen eher, Blutdruck und Körpergewicht auf Normalmaß zu halten, und senkt die Gefahr, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. 

Umgekehrt schwächt nicht nur ein weniger trainiertes Gehirn die Verteidigungslinie gegen eine aufkommende Demenz. In gesellschaftlichen Gruppen mit vergleichsweise kurzen Schulkarrieren und geistig wenig anregenden Berufen treten auch jene beeinflussbaren Risikofaktoren für Demenz 
häufiger auf, vor denen die Forscher kürzlich in ihrem Fachartikel warnten: eine zu salz-, zucker- und fetthaltige Ernährung, Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, Bewegungsmangel und Übergewicht machen anfälliger für körperliche und mentale Erkrankungen. So steigert Bluthochdruck sowohl das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zum Herzinfarkt oder Schlaganfall, als auch jenes für eine Form von Demenz: Die gefäßbedingte oder vaskuläre Demenz entsteht als Folge einer Durchblutungsstörung der Gefäße im Gehirn oder mehrere kleine Hirnschläge.

 

Am Ende trifft es die besser Gebildeten stärker


Im Verlauf einer demenziellen Erkrankung treten bei den Betroffenen strukturelle Veränderungen im Gehirn auf. Diese führen nach und nach zu der typischen Demenz-Symptomatik. Jedoch ermöglicht eine hohe kognitive Reserve die Krankheitssymptome länger zu unterdrücken und die Funktionen des Gehirns länger aufrechtzuerhalten. Wenn jedoch das Niveau überschritten ist, bei der die Kompensationsfähigkeit an ihre Grenzen stößt, setzt bei Personen mit hoher Reserve ein rascherer Krankheitsverlauf ein. Ihren Gehirnen steht nun kein Spielraum mehr zur Verfügung, weitere Areale zu aktivieren, welche die Funktionen der beschädigten Teile übernehmen könnten.

 

Bildung und Prävention – eine Strategie aus der Krise?

Um ein langes Leben in geistiger Fitness für möglichst viele Menschen zu ermöglichen, muss effektiver in Bildung und Prävention investiert werden. Bildung trägt wesentlich dazu bei, dass wir im Verlauf unseres Lebens weniger gesundheitliche Risiken eingehen und einen Lebensstil wählen, der uns bis ins hohe Alter führt.

Vermehrte Anstrengungen bei der Prävention können sich positiv auf die individuelle Entscheidung gegen ungesunde Verhaltensweisen auswirken. So hat die Regulierung der Tabakwerbung und die Einführung von Schockfotos auf Zigarettenverpackungen erreicht, dass immer weniger Menschen mit dem Rauchen anfangen. Womöglich könnte diese Strategie als Vorbild dienen, um die Lebensmittelindustrie und andere Branchen, die zu ungesundem und übermäßigem Konsum verführen, in die Verantwortung zu nehmen, etwa mit einer "Ampel", die Auskunft über Inhaltsstoffe und Energiegehalt der Produkte gibt, oder mit überarbeiteten Rezepturen. Dies könnte jedenfalls ein Schritt auf dem Weg dahin sein, den Großteil der Bevölkerung gesund und geistig fit ins vierte Lebensalter zu führen.

 

Quellen

Baker, D. P. et al. (2011). The education effect on population health. A reassessment. Population and Development Review, 37(2), S. 307-332.

Bruttel, O. (2008). Rauchen im Wandel der Zeit: Die Oberschicht hat sich abgewandt. Deutsches Ärzteblatt, 108(8), S.1001.

Livingston, G. et al. (2017). Dementia, intervention and care. The Lancet.com. http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(17)31363-6/fulltext (08.08.2017).

Mera, E. et al. (2008). The gap gets bigger: changes in mortality and life expectancy, by eduaction, 1981-2000. Health affairs, 27(2), 2008, S. 350-360.

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2017). Hohes Alter, aber nicht für alle. Wie sich die soziale Spaltung auf die Lebenserwartung auswirkt. Berlin.

Perneczky, R. et al. (2011). Kognitive Reservekapazitäten und ihre Bedeutung für Auftreten und Verlauf von der Demenz. Der Nervenarzt, 82(3), S.325-335.