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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Klimaschutz auf Abwegen

Klimaschutz auf Abwegen

Die Beratungsgesellschaften Boston Consulting Group (BCG) und das Prognos-Institut haben gerechnet: Was würde es kosten, wenn Wirtschaft und Haushalte bis 2050 die von der Bundesregierung geforderte Einsparung von Treibhausgasen um 80 Prozent gegenüber dem Stichjahr 1990 umsetzen würden. Dies wäre die Untergrenze dessen, was Deutschland in seiner Nachhaltigkeitsstrategie beschlossen hat. Eigentlich hat sich die Weltgemeinschaft auf dem Pariser Klimagipfel sogar noch ambitioniertere Ziele gesetzt, damit die Temperaturen der erdnahen Luftschichten im Schnitt um nicht mehr als 1,5 Grad steigen und der Klimawandel im Bereich des Erträglichen bleibt: Dafür wäre sogar eine Reduktion der Emissionen um 95 Prozent nötig.

Bereits die 80-Prozent-Variante würde bedeuten, dass bis 2050 praktisch keine Kohle, kein Erdöl und kein Erdgas mehr verbrannt werden dürften. Denn allein die kaum zu reduzierenden Treibhausgase aus der Landwirtschaft und der Zementindustrie wären auch zur Mitte des Jahrhunderts für 15 bis 20 Prozent des Gesamtausstoßes verantwortlich. Die 95-Prozent-Variante würde deshalb sogenannte Negativemissionen erfordern, also Techniken, die bereits vorhandenes Kohlendioxid aus der Atmosphäre entziehen. Eine Möglichkeit dafür wäre die Aufforstung neuer Wälder, welche das Treibhausgas als Nahrung für die Bäume in sich aufnehmen. Oder aber die Bäume in Nutzwäldern wesentlich länger stehen zu lassen, erst zu ernten, wenn sie das Maximum an Kohlendioxid gebunden haben und das Holz dann für sehr langlebige Wirtschaftsgüter zu verwenden. Eine andere Möglichkeit wären technische Verfahren, Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu isolieren, zu verflüssigen und in tiefe Erdschichten zu verpressen. Dieses „Carbon Capture and Storage“ (CCS) ist allerdings höchst umstritten, weil es seinerseits einen hohen Energieverbrauch bedeutet und seine ökologischen Folgen ungewiss sind.

Beide Emissions-Verminderungs-Szenarien erzwingen eine Komplett-Renovierung der deutschen Wirtschaft und Infrastruktur. Die Kosten allein für die 80-Prozent-Variante beziffern die Forscher in ihrer bisher unveröffentlichten Studie auf 1,4 Billionen, also auf 1.400 Milliarden Euro (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4.8.2017: 1,4 Billionen Euro für den Klimaschutz).

Die Summe klingt allerdings dramatischer als sie ist. Denn die beiden Beratungsunternehmen gehen davon aus, dass Unternehmen und Haushalte diese Summe stemmen können. Es wären Investitionen in Infrastrukturen, die ohnehin irgendwann nötig sind, die aber gleichzeitig ein Schritt in Richtung einer wirksamen Klimapolitik wären. Die Industrie müsste in neue und effizientere Technologien investieren, die Energieversorger müssten vor allem Windparks auf See bauen und den Netzausbau zu Lande voranbringen. Am meisten Geld würde der Verkehrssektor beanspruchen, wo es darum geht, den heutigen Fuhrpark von 46 Millionen PKW und 5,5 Millionen Nutzfahrzeugen auf Elektroantrieb umzustellen, und auf „effizientere Verbrenner“, wie es in der Studie heißt. Letzteres wäre allerdings nur sinnvoll, wenn diese Motoren dann auch synthetische Treibstoffe verbrennen würden, als Kohlenwasserstoffe, die künstlich aus regenerativem Strom, Kohlendioxid und Wasser hergestellt werden. Auch auf die privaten Haushalte und die Bürogebäude kämen große Aufgaben zu: Dort gilt es, praktisch alle energiefressenden Geräte durch sparsamere zu ersetzen, die Heizkosten durch Isolierung zu senken und von Öl- und Gasbrennern auf Wärmepumpen umzusteigen.

Auf der Positivseite verbuchen die Autoren neben dem Klimaschutz, dass die Investitionen das Wirtschaftswachstum ankurbeln, denn Investitionen in Höhe von 1,4 Billionen bedeuten ein kräftiges Konjunkturprogramm. Was die Studie allerdings nicht beantwortet, ist die Frage, wie sich diese zusätzliche wirtschaftliche Tätigkeit auf die Umweltbilanz auswirkt. Denn Wirtschaftswachstum bedeutet steigende Einkommen, die ihrerseits wieder im Konsum der Bürger enden. Bisher ist es nirgendwo gelungen, Wirtschaftswachstum ohne den Verbrauch von Energie und Rohstoffen und ohne neue Abfälle und Abgase zu erzeugen.

Hinzukommt, dass auch die bei einem ökologisch geplanten Umbau der Industriegesellschaft angestrebten, sparsamen und effizienten neuen Geräte und Produktionsverfahren stets einen sogenannten Rebound verursachen, einen Rückschlag, der anfängliche Einsparerfolge rasch wieder zu Nichte machen kann: Sobald eine neue energiesparende Technik oder ein neues Produkt wie das Elektroauto die erste, teure Phase der Herstellung in kleinen Stückzahlen überwunden hat und größere Marktanteile gewinnt, sinken die Preise aufgrund einer billigeren Massenfertigung und der Absatz zieht an. Plasmabildschirme und Mobiltelefone sind typische Beispiele. Auch sie waren einmal sehr teuer, doch von Letzteren sind mittlerweile mehr in Betrieb als Menschen auf der Erde leben und nie hat die Menschheit mehr Rohstoffe für das Telefonieren eingesetzt als heute.

In den letzten sieben Jahren ist der Energieverbrauch in Deutschland kaum zurückgegangen. Nicht einmal die Hälfte des Zielwertes, den sich die Bundesregierung in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie für 2020 gesetzt hat, ist bisher erreicht. Auch bei der Endenergieproduktivität, die bis 2050 mehr als verdoppelt werden soll, geht die Entwicklung viel zu langsam voran. Der Indikator ist ein Anzeichen für die Energieeffizienz in Deutschland. Wächst er, bedeutet dies, dass pro eingesetzte Endenergieeinheit mehr Wertschöpfung erlangt wird.

 

Der Rebound erklärt auch, warum Deutschland, das sich lange als Vorreiter in Sachen Klimaschutz gefeiert hat, dabei seit einigen Jahren kaum noch Fortschritte macht: Anders als es die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung vorsieht, stagniert derzeit die Effizienzsteigerung. Der Primärenergieverbrauch und die Treibhausgas-Emissionen liegen meilenweit von dem Zwischenziel für 2020 entfernt und gerade im Verkehrssektor, wo die Verminderung des Kohlendioxid-Ausstoßes am dringendsten nötig wäre, steigen dieser sogar wieder.

 

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