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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Krisenregion Mena

Krisenregion Mena

Die Region Naher Osten und Nordafrika, aus dem Englischen abgeleitet auch hierzulande meist als Mena bezeichnet, umfasst von ihrem westlichsten Punkt in Marokko bis zu ihrem nordöstlichen Ende in den Gebirgshöhen des Iran und dem östlichen Teil an der osmanischen Küste des Arabischen Meers insgesamt 19 Länder. Die Region gilt als eine der instabilsten der Welt. Seit Jahrzehnten halten inner- und zwischenstaatliche Auseinandersetzungen die Ländergruppe in Atem – etwa der dauerhaft schwelende Israel-Palästina-Konflikt, die Golf- und Irakkriege oder die Arabellionen, welche in vielen Ländern zu Umstürzen und Regierungswechseln geführt und mancherorts bis heute anhaltende Bürgerkriege nach sich gezogen haben. Die Folgen dieser Konflikte sind spätestens seit der Flüchtlingskrise im vergangenen Sommer auch hierzulande zu spüren und die jüngsten Terrorakte in Paris und Brüssel haben abermals gezeigt, wie sehr die anhaltenden Krisen in der Mena-Region auch Europa betreffen.

Viele Länder instabil

 

Unter den dreißig instabilsten Ländern der Welt befinden sich sieben in der Mena-Region. Nach Somalia, Süd-Sudan und der Zentralafrikanischen Republik gilt Syrien als das weltweit viertinstabilste Land. Mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (Platz 26) findet sich nur ein Mena-Staat im oberen Teil der Skala.

 

Doch anstatt eines Unsicherheitsfaktors könnten die Staaten des Nahen Ostens und Nordafrikas wichtige Partner für Europa sein. Nicht nur böten die Mena-Länder mit ihren derzeit rund 420 Millionen Einwohnern für die europäische Wirtschaft einen lukrativen Absatzmarkt. Auch könnte die stark wachsende Zahl junger Menschen im Erwerbsalter eine Bereicherung für die hiesigen Arbeitsmärkte sein, wenn diese mit einer geeigneten Ausbildung als qualifizierte Zuwanderer nach Europa kämen. Darüber hinaus könnten die Mena-Länder zur Energiesicherheit hierzulande beitragen – und zwar nicht wie bisher durch Öl- und Gaslieferungen, sondern vor allem durch Strom aus erneuerbaren Quellen, für dessen Herstellung sie durch anhaltende Winde und Sonne über die besten Voraussetzungen verfügen.

Um diese Potenziale nutzen und damit eine verlässliche und gegenseitig gewinnbringende Partnerschaft mit Europa eingehen zu können, müssten sich die Länder aber dringend stabilisieren. Damit dies gelingen kann, gilt es zu verstehen, warum die Mena-Region heute anstatt einer Wohlstandsregion einen Konfliktherd darstellt. In der Studie „Krisenregion Mena. Wie demografische Veränderungen die Entwicklung im Nahen Osten und Nordafrika beeinflussen und was das für Europa bedeutet“ hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung deshalb untersucht, wie sich demografische und soziale Wandlungsprozesse der vergangenen Jahre in den Mena-Ländern auf die Stabilität ausgewirkt haben und darauf basierend Handlungsoptionen abgeleitet.

 

Sonderfall der Entwicklung

Wie in anderen Schwellen- und Entwicklungsländern auch sind in der Mena-Region in den letzten Jahren die Kinderzahlen je Frau vielerorts deutlich gesunken. Dadurch ist der Anteil der Erwerbsfähigen in den Gesellschaften gestiegen. Gleichzeitig haben sich Einschulungsraten und Bildungswerte verbessert. Doch während diese gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse anderswo auf der Welt zu wirtschaftlichem Aufschwung und zu mehr politischer Stabilität geführt haben, lassen sich diese Effekte in Mena nicht beobachten. Dort steigt im Gegenteil mit dem Anteil der besser Gebildeten in der Erwerbsbevölkerung das Risiko der politischen Instabilität. Bildung, die andernorts den Einstieg in höhere Wertschöpfung bedeutet, führt in Mena eher zu Konflikten. 

Um mehr politische Stabilität zu erreichen, müsste es den Mena-Ländern gelingen, von ihrem Bevölkerungspotenzial zu profitieren. Wie schwierig das wird, zeigen folgende Zahlen: Prognosen zufolge wird die Erwerbsbevölkerung im Alter von 20 bis 64 Jahren im gesamten Mena-Raum zwischen 2015 und 2030 um 73 Millionen Personen wachsen – das bedeutet eine jährliche Zunahme von beinahe 5 Millionen Menschen. Doch bereits heute gibt es nicht genügend Arbeitsplätze. Die Länder müssen deshalb schleunig Voraussetzungen dafür schaffen, eine wachsende Zahl junger Erwerbsfähiger in Arbeit zu bringen und ihnen dadurch eine ehrliche Chance auf ein Leben in Wohlstand bieten zu können. 

 

Was zu tun wäre

Dafür wäre eine Privatwirtschaft mit einer Vielzahl von Unternehmen nötig, welche ausreichend bezahlte und sichere Arbeit schaffen. Doch erfolgreiche und wettbewerbsfähige Firmen kommen meist auf Basis von kreativen Ideen zustande. Damit diese entstehen können, ist es wichtig, junge Menschen in ihrer gesamten Bildungskarriere auf die Anforderungen der Wirtschaft vorzubereiten. Nicht nur, wie es bereits geschieht, durch längere Ausbildungszeiten, sondern vor allem über moderne Lehrpläne, -methoden und -materialien. Denn zurzeit entlassen Schulen und Universitäten Absolventen mit Kenntnissen und Fähigkeiten, die nicht den weltweiten Standards entsprechen. Dies führt dazu, dass existierende Firmen trotz eines Überangebots an Arbeitskräften kaum passendes Personal finden. Der Personalmangel wird dadurch verstärkt, dass Frauen trotz formal häufig hohen Bildungsniveaus nur selten beschäftigt sind. Bislang lassen sich viele Mena-Länder die Ausbildung ihrer Mädchen und Frauen Einiges kosten, sie bieten ihnen aber selten die Möglichkeit, diese Investitionen in Erträge umzusetzen. 

 

Humanvermögen stärken und nutzen

 

Um mehr politische Stabilität zu gewinnen, muss es den Mena-Ländern gelingen, ihr Humanvermögen besser zu nutzen. Dazu sind Veränderungen in drei Bereichen notwendig. Erstens müsste sich das Bildungswesen künftig stärker an den Bedürfnissen moderner Volkswirtschaften orientieren. Zweitens wären die Voraussetzungen für ein modernes Unternehmertum zu verbessern und drittens müsste es Frauen ermöglicht werden, ihren oft hohen Bildungsstand volkswirtschaftlich zu nutzen.

 

Durch Verbesserungen in den Bereichen Bildung und Unternehmertum sowie durch die stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen ließen sich in den Mena-Ländern wichtige Voraussetzungen für Wirtschaftswachstum und politische Stabilität schaffen. Diese Aufgaben richten sich an die Regierungen der jeweiligen Länder, an die Wirtschaft vor Ort und an ausländische Investoren, an Nichtregierungsorganisationen und die internationale Zusammenarbeit.

 

Die Studie erhalten Sie als PDF kostenlos unter:
http://www.berlin-institut.org/publikationen/studien/krisenregion-mena.html

Das Berlin-Institut dankt dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) für die Förderung aus Mitteln des Auswärtigen Amtes.

 

Für Interviewanfragen stehen Ihnen zur Verfügung:

Ruth Müller, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, r.mueller[at]berlin-institut.org, Tel. 030-31106835

Dr. Reiner Klingholz, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, klingholz[at]berlin-institut.org, Tel. 030-31 01 75 60