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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Wandel in den Schweizer Bergen

Wandel in den Schweizer Bergen

Weltweit zieht es die Menschen vermehrt in die Städte und Ballungsräume, während dörfliche und abseits gelegene Regionen an Einwohnern verlieren. Auch in der Schweiz ist das so. Hier sind vor allem die dünn besiedelten Bergregionen das Sorgenkind. Während das gesamte Land Jahr für Jahr an Einwohnern hinzugewinnt und die Metropolregionen um die Großstädte Zürich, Basel, Bern und Genf langsam aus allen Nähten platzen, drohen die höhere gelegenen Landesteile von Alpen und Jura in eine Abwärtsspirale aus sinkender Bevölkerung, schwieriger Wirtschaftslage und schwindender Versorgung zu geraten.

 

Das zweigeteilte Land

Das Landesgebiet der Schweiz teilt sich auf in das sogenannte Mittelland, wo die Wirtschaftszentren Basel, Zürich und Genf liegen, und die Bergregionen bestehend aus dem Jura und den Alpen. Auf der Karte dargestellt sind alle Gebiete oberhalb 1.060 Meter über dem Meeresspiegel, die ungefähr die Hälfte der Landesfläche ausmachen. Von den derzeit reichlich acht Millionen Bewohnern der Schweiz leben zwei Drittel in den niedrig gelegenen weißen Regionen. Der Rest verteilt sich auf die höher gelegenen Bergtäler und -dörfer. (Datengrundlage: Müller-Jentsch)

 

Die Wirtschaftsgrundlage in den Bergen ist geschwächt

Eine neue Veröffentlichung des Schweizer Think Tank Avenir Suisse befasst sich mit Strategien und Ansätzen, dem anhaltenden Strukturwandel in den Bergregionen zu begegnen. Speziell in der Schweiz verschärfen aktuelle Phänomene die allgemeinen Schrumpfungsprobleme:

 

1) Der Bergtourismus, vielerorts der wichtigste Wirtschaftszweig, ist geschwächt. Der starke Schweizer Franken macht einen Urlaub für ausländische Touristen teuer. Sie suchen sich günstigere Alternativen in benachbarten Alpenländern. Milde Winter und der Wandel im Freizeitverhalten bereiten dem Skigeschäft zusätzliche Probleme.

 

2) Viele Jahrzehnte entstanden im Schweizer Alpenraum immer neue Ferienwohnungen. In manchen Bergdörfern sind mittlerweile mehr als die Hälfte aller Immobilien Zweitwohnungen, die von ihren Eigentümern nur wenige Wochen im Jahr zu Urlaubszwecken genutzt werden und kaum zum dörflichen Leben beitragen. Das Baugewerbe profitierte viele Jahre vom ungezügelten Neubau. Mit der Zweitwohnungsinitiative, die seit 2013 den Neubau von Ferienunterkünften eindämmt, ist jedoch auch dieser Wirtschaftszweig eingebrochen.

 

Zusammenschlüsse und Vernetzung als zentrale Erfolgsstrategie

Der Autor Daniel Müller-Jentsch stellt anhand vieler regionaler Beispiele Strategien vor, wie einzelne Bergregionen auf die Herausforderungen des Strukturwandels bereits reagieren und was davon auch auf andere Gebiete in den Schweizer Bergen übertragen werden könnte. Zu Beginn betont er, dass er die Zukunft weniger in breit gestreuten, wie aus einer Gießkanne ausgeschütteten, staatlichen Subventionen sieht, sondern vielmehr in einer gezielten Förderung bestimmter Bereiche, die neue lokale Wertschöpfung ankurbeln können.

 

Doch wo genau liegen aktuell die Potenziale in den Bergen? Was sind seiner Meinung nach Bereiche, die entwickelt werden können? Und wer sollte dabei sein, wenn sich die Gemeinden für ihre Zukunft an einen Tisch setzen? Müller-Jentsch vertritt die Idee, Kräfte durch Vernetzung zu bündeln und die traditionell und topografisch kleinteiligen Strukturen, wie Dörfer mit wenigen Einwohnern oder Skigebiete mit nur einzelnen Liftanlagen, aufzubrechen. Denn für Wettbewerb und Wandel ist diese Kleinteiligkeit nach Ansicht des Autors eher hinderlich.

 

Talschaftsfusionen, der Zusammenschluss mehrerer Gemeinden innerhalb eines Tales, sollen den beteiligten Gemeinden zum Beispiel eine bessere Auslastung von Infrastrukturen bringen, die Verwaltungsstrukturen verschlanken und die regionale Zusammenarbeit bündeln. Auch in den Bergen existieren trotz aller Probleme weiterhin wirtschaftliche Potenziale, die laut Autor besonders in der Vernetzung erfolgreich sein können. Als positives Beispiel beschreibt er die Uhrenindustrie, einen der wichtigsten Exportzweige der Schweiz, die sich in den Bergen des Jurabogens konzentriert.

 

Und auch beim Bergtourismus sieht Müller-Jentsch ein zentrales Problem in seiner gerade in den Schweizer Bergen noch existierenden Kleinteiligkeit. Kleine Hotels, kleinräumige Skigebiete sowie Bergtäler und -dörfer, die sich ganz allein vermarkten, sind immer weniger erfolgreich. Der Wandel zu anderen Strukturen hat bereits eingesetzt. Die Zahl der größeren Hotels nimmt zu und die der Häuser mit nur wenigen Betten ist rückläufig. In der Bündelung von Angeboten, der Vermarktung größerer Regionen sowie Spezialisierung auf bestimmte und neue Zielgruppen sieht Müller-Jentsch eine Chance für die Zukunft des Bergtourismus. Für ihn ist das Skigebiet Flims-Laax ein Pionier des Strukturwandels. Das Gebiet im Kanton Graubünden hat sich erfolgreich als ein beliebtes Ziel für Snowboarder vermarktet. Ein Teil des Erfolgsrezeptes: Die benötigte Infrastruktur, Hotels, Bergbahnen, Gasthöfen, Skischulen kommen aus einer Hand.

 

Letztendlich sind ein großes Potenzial der Schweizer Bergdörfer die zahlreichen Besitzer von Ferienimmobilien. Sie bewohnen ihre Zweitwohnungen zwar nur temporär, sind aber häufig einkommensstark, bringen neue Ideen und haben Interesse an einer guten Entwicklung ihres Urlaubsumfeldes. Sie sollten nach Vorstellung des Autors stärker eingebunden werden in die Zukunftsstrategien der Dörfer und Regionen. Bereits heute gibt es Beispiele, wo Zweitwohnungsbesitzer als Gemeindepräsidenten die Geschicke des Ortes mitgestalten. Unter den Einheimischen hatte sich keiner mehr für dieses Amt gefunden.

 

Auch Schrumpfen zulassen

Doch jenseits von neuen Wirtschaftsquellen plädiert Daniel Müller-Jentsch auch dafür, das Schrumpfen einiger abgelegener Regionen zuzulassen und nicht zu tabuisieren. Ungezielte Subventionen helfen diesen Gebieten wenig und kosten im Zweifelsfall nur viel Geld. Vielleicht müsse man akzeptieren, dass in einigen Tälern und fern abgelegenen Bergdörfern der „geordnete Rückzug“ oder die nur temporäre Nutzung in wenigen Monaten im Jahr der beste Umgang mit dem Strukturwandel sind. Das Konzept der saisonalen und extensiven Nutzung ist für die Bergbewohner nicht neu. Dass Almen nur in den Sommermonaten bewohnt und bewirtschaftet werden, hat in den Schweizer Bergen Tradition.

 

Daniel Müller-Jentsch (2017): Strukturwandel im Schweizer Berggebiet. Strategien zur Erschließung neuer Wertschöpfungsquellen. avenir debatte. Online verfügbar unter: www.avenir-suisse.ch/62941/strukturwandel-im-berggebiet/