| 8. Ausgabe, 17. Mai 2004
Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft. Der Abdruck von Artikeln und Grafiken ist honorarfrei. Um die Übersendung eines Belegexemplars wird gebeten. Wenn Sie den Newsletter DEMOS nicht mehr erhalten wollen, können Sie sich hier abmelden. |
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| 1. Frauenmangel im Osten Weil vor allem junge Frauen aus den neuen Bundesländern abgewandert sind, beschleunigt sich dort der Bevölkerungsschwund 2. Chinesen auf dem Weg nach Sibirien 3. Tschechien wird zum Land der Alten
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1. Frauenmangel im Osten
Seit der Wende im Jahr 1989 sind rund 1,5 Millionen Menschen aus dem Osten Deutschlands in den Westen abgewandert. Darunter überdurchschnittlich viele 18- bis 29-jährige Frauen, jene Alterklasse, die für eine Familiengründung besonders wichtig ist. In den neuen Bundesländern "fehlen" in dieser Kohorte mittlerweile 156.000 Frauen. "Je 100 Männer gibt es zwischen Rügen und dem Erzgebirge durchschnittlich nur 89 Frauen," sagt Steffen Kröhnert, Sozialwissenschaftler am Berlin-Institut und Koautor der Studie: "Die Frauen verlassen den Osten auf der Suche nach Arbeit. Und sie streben bei der Partnersuche tendenziell nach höherem gesellschaftlichem und ökonomischem Status. Die zurückbleibenden Männer sind daher häufig gering qualifiziert und arbeitslos. Dieser Umstand beschleunigt den Bevölkerungsschwund noch. Denn Männer an sozial unteren Ende des Heiratsmarktes finden statistisch gesehen selten eine Partnerin zur Familiengründung." Profitieren können von der Frauenwanderung die wirtschaftlich prosperierenden Ballungsräume im Westen der Republik, die fast ausnahmslos einen Frauenüberschuss verbuchen. Vor allem Universitätsstädte wie Heidelberg, Bonn oder Freiburg weisen einen überproportional hohen Anteil junger Frauen auf. In Heidelberg leben 122 Frauen je 100 Männer in der Altersgruppe zwischen 18 und 29 Jahren. Besonders groß ist das Ungleichgewicht in den ländlichen Regionen der neuen Bundesländer. So leben im mecklenburg-vorpommerschen Landkreis Uecker-Randow gerade noch 76 Frauen je 100 Männer zwischen 18 und 29 Jahren. Auch im mecklenburgischen Parchim, im thüringischen Unstrut-Hainich-Kreis und in den sächsischen Landkreisen Döbeln und Löbau-Zittau gibt es weniger als 80 junge Frauen je 100 Männer. Lediglich in Universitätsstädten wie Jena oder Dresden findet sich gegenwärtig ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. Unklar ist, welche Auswirkungen diese Schieflage auf das Sozialgefüge hat. Denn in Deutschland ist großflächiger Frauenmangel ein ungewohntes Phänomen: Durch die kriegsbedingten Verluste gab es im vergangenen Jahrhundert meist zu wenig Männer im heiratsfähigen Alter.
Für Interviews steht Steffen Kröhnert und 030-22324844
zur Verfügung. Ganze Studie "Deutschland 2020 - die demografische Zukunft der Nation" lesen (PDF, 9,65 MB)
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| 2. Chinesen auf dem Weg nach Sibirien Russlands Probleme mit der Einwanderung Die Diskussion um die Zuwanderung bleibt nicht auf Deutschland beschränkt. Auch in anderen Ländern altert und schrumpft die Bevölkerung und die Verluste können nur durch Zuzüge aus anderen Ländern ausgeglichen werden. Deshalb schwelt zwischen China und Russland ein Konflikt um die Einwanderungspolitik. Schon grassieren auf russischer Seite Ängste vor einem Verlust der Kontrolle über das eigene Land. Entlang der 3.000 Kilometer langen Grenze zwischen Russland und China stoßen enorme demografische Gegensätze aufeinander: Während im extrem dünn besiedelten russischen fernen Osten die Bevölkerung durch Auswanderung, Nachwuchsmangel und eine sinkende Lebenserwartung schrumpft, herrscht im vergleichsweise dicht besiedelten Norden Chinas ein Überschuss an Arbeitskräften. In den drei an Russland grenzenden Nordost-Provinzen Chinas Jilin, Liaoning und Heilongjiang leben mehr als 100 Millionen Menschen. Im Osten Sibiriens, einem Gebiet, das fast zehnmal so groß ist wie die chinesische Grenzregion, siedeln hingegen gerade mal sieben Millionen. Und deren Zahl sinkt: Zwischen 1989 und 2001 hat die Region 11,5 Prozent ihrer Einwohner verloren. Dem ohnehin nahezu menschenleeren Sibirien droht langsam aber sicher der Verlust der alteingesessenen Bevölkerung. Demgegenüber ist die Zahl der chinesischen Einwanderer stetig gewachsen, seit Anfang der 1990er Jahre die Grenze zwischen den einst verfeindeten Nationen wieder durchlässig geworden ist. Die meisten Migranten kommen, um Handel zu treiben und sie nutzen dabei die schlechte Versorgungslage im russischen Hinterland aus. Die einheimische Bevölkerung allerdings verfolgt die chinesische Marktmacht mit Argwohn. Einer Umfrage in der Küstenregion Primorje am Japanischen Meer zufolge sehen 98 Prozent der Befragten eine Gefahr in der chinesischen Einwanderung. Lokale Politiker schüren diese Ängste weiter. So sind Wahlen in Primorje seit den frühen 1990er Jahren von anti-chinesischen Parolen geprägt. Dahinter steckt die Angst vor einem angeblichen chinesischen Plan, die kaum bevölkerten, aber rohstoffreichen Gebiete im Osten Russlands zu besiedeln und letztlich die Souveränität des Landes zu gefährden. Zwar gibt es keine offiziellen Zahlen zu der chinesischen Einwanderung, doch die häufig zitierten Migrantenziffern in Millionenhöhe gehören in das Reich der Propaganda. Seriöse Schätzungen und die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen gehen von einigen Hunderttausend aus. Ungeklärt ist dabei, wie viele Chinesen tatsächlich dauerhaft in Russland bleiben wollen. Die chinesischen Regierung fördert allerdings die Auswanderung der Arbeitskräfte. Im Rahmen der Verhandlungen über den Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisationen (WTO) fordert Peking beispielsweise die vollständige Öffnung der Grenzen für chinesische Arbeitsmigranten. Doch Moskau misstraut den Absichten des aufstrebenden Nachbarn. Auf seinen Besuchen in den fernöstlichen Regionen hat Präsident Wladimir Putin mehrmals deutlich gemacht, dass er die Einwanderung restriktiv begrenzen will. Dabei braucht Russland - genau wie die EU-Staaten - Zuwanderung, um die eigenen demografischen Probleme abzufedern: Zwischen 1989 und 2003 ist die Bevölkerungszahl bereits von 147 auf 143 Millionen zurückgegangen und dieser Schwund wird sich in Zukunft beschleunigen. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau liegt in Russland derzeit bei 1,2 und damit niedriger als in der Europäischen Union, wo die Bevölkerung ohne Zuwanderung längst schrumpfen würde. Anders als in Europa ist in Russland zudem die Lebenserwartung durch Armut, AIDS und Alkoholismus in der jüngeren Vergangenheit gesunken - von 68,8 Jahren im Jahr 1992 auf 65,9 im Jahr 2001. Um dem Bevölkerungsschwund entgegenzuwirken, setzt die Regierung bisher auf die Rückwanderung von Russen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Doch nach einer Migrationswelle in den frühen 1990er Jahren ist dieses Potential weitgehend ausgeschöpft. Teilweise verlassen die Menschen Russland sogar wieder Richtung Ukraine und Kasachstan, wo die Bevölkerung ebenfalls schwindet. Um eine Einwanderung aus anderen Gebieten wird Russland daher mittelfristig nicht herumkommen. Das Carnegie Moskau Centre empfiehlt deshalb eine Integrationsoffensive gegenüber den chinesischen Migranten. Von diesem Politik- und Mentalitätswechsel hängt nicht nur die Beziehung zu China ab sondern auch die zukünftige Position Russlands in Asien. Quellen |
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| 3. Tschechien wird zum Land der Alten Das Rentensystem der Tschechischen Republik ist schlecht auf den demografischen Wandel vorbereitet Am 1. Mai 2004 hat sich die Zahl der EU-Mitgliedsländer um zwei Drittel, die Einwohnerzahl der Europäischen Union um knapp 20 Prozent erhöht. Angesichts einer immer älter werdenden Bevölkerung in den einstigen 15 EU-Staaten hofft die Wirtschaft deshalb auf die Produktions- und Kaufkraft von 74 Millionen zusätzlichen Menschen in den neuen Beitrittsländern. Allerdings kommen auf diese die gleichen demografische Problem zu, die auch hierzulande immer deutlicher werden. Denn der starke Rückgang der Kinderzahlen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hat den relativ jungen Völkern der Beitrittsländer in kurzer Zeit schnell alternde Bevölkerungen beschert. Noch ist die Altersstruktur der EU-Neulinge günstiger als die der meisten ursprünglichen EU-Staaten. Im Jahr 2001 waren nur 12,3 Prozent der Polen und 13,9 Prozent der Tschechen älter als 65 Jahre - in Deutschland liegt diese Ziffer bei 17 Prozent. Doch durch den massiven Einbruch der Geburtenzahlen nach 1989 fehlt vielen Beitrittsländern bereits die Hälfte der nachfolgenden Generation. Besonders dramatisch verläuft die Entwicklung in der Tschechischen Republik. Dort wurden zum Zeitpunkt der Wende noch etwa 1,9 Kinder je Frau geboren, deutlich mehr als in der alten Bundesrepublik oder selbst im als besonders kinderfreundlich geltenden Frankreich. Bis 2001 ist dieser Wert in Tschechien auf 1,14 Kinder je Frau zurückgegangen - und damit auf die niedrigste Ziffer Europas. Doch anders als im Osten Deutschlands, wo die Fertilitätsrate nach dem Wendetief seit Mitte der 1990er Jahre wieder ansteigt, verharren die Kinderzahlen der Tschechen auf unverändert niedrigem Niveau. Seither verliert Tschechien Jahr für Jahr etwa 20.000 Menschen durch Sterbefallüberschüsse. Zwischen 1990 und heute ist der Prozentsatz der Altersgruppe der unter 15-Jährigen von 21,5 auf etwa 16 Prozent zurückgegangen. Tschechien wird bald zu einem der "ältesten" Länder Europas: Im Jahr 2050 werden 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter voraussichtlich für 90 über 60-Jährige aufkommen müssen - zwanzig Rentenempfänger mehr als in Ungarn oder Polen. Doch während diese beiden Länder mittlerweile ihr Altersvorsorge-System vorbildlich reformiert und die Staatsversorgung der Rentner durch moderne Mehr-Säulen-Modelle ersetzt haben, hinkt die Modernisierung des Rentensystems in Tschechien hinterher. Noch immer bleiben Bürger, die viel und lange Beiträge in die Rentenkasse gezahlt haben, relativ schlechter gestellt als solche mit geringen Einzahlungen. Um die staatliche Rentenkasse unter den gegebenen Bedingungen stabil zu halten, müssten die Beitragssätze von derzeit 26 Prozent bereits bis 2030 auf 44 Prozent steigen. Zwar hat der tschechische Staat in den letzten Jahren die individuelle Altersvorsorge gefördert, dennoch verfügt nur etwa die Hälfte der tschechischen Erwerbstätigen über einen individuellen Rentenplan. Weil aber das Ansparen von Vorsorgekapital viel Zeit benötigt, sollte eine kapitalgedeckter Teil der Altersvorsorge schnellstmöglich obligatorisch werden.
Für Interviews steht Steffen Kröhnert unter 030-22324844 zur Verfügung
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