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| 10. Ausgabe, 8. September 2004
Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft. Der Abdruck von Artikeln und Grafiken ist honorarfrei. Um die Übersendung eines Belegexemplars wird gebeten. Wenn Sie den Newsletter DEMOS nicht mehr erhalten wollen, können Sie sich hier abmelden. |
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| 1. Das Ende der Aufklärung
- der internationale Widerstand gegen das Recht auf Familienplanung Neue Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung 2. Keuschheit statt Kondome 3. Amerikanische Regierung blockiert
weiterhin sämtliche US-Gelder für den Bevölkerungsfonds
der Vereinten Nationen 4. Demografische Schieflage 5. In eigener Sache |
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1. Das Ende der Aufklärung - der internationale
Widerstand gegen das Recht auf Familienplanung Was den meisten Menschen in den Industrienationen in den letzten Jahren selbstverständlich geworden ist, bleibt für viele Frauen und Männer in Entwicklungsländern unerreichbar: Frei und verantwortlich über die Zahl und den Altersabstand der eigenen Kinder entscheiden zu können. Nach Angaben der Vereinten Nationen haben rund 350 Millionen Paare auf der Welt so gut wie keinen Zugang zu Verhütungsmitteln. Weltweit ist jede vierte Schwangerschaft unerwünscht. Dennoch regt sich genereller Widerstand gegen Verhütung. Die katholische Kirche hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie den offenen Umgang mit Verhütungsmitteln für verwerflich hält. Aber auch andere christliche Gruppen, insbesondere aus den Vereinigten Staaten, setzen sich seit einiger Zeit massiv gegen Aufklärungsunterricht für Jugendliche, gegen Pille und Kondom und für sexuelle Abstinenz ein. Diese Opposition gegen Familienplanung, die sich vorwiegend aus dem Lager der fundamentalistischen Christlichen Rechten rekrutiert, hat in Amerika großen Einfluss erlangt: Für ein Drittel aller amerikanischen Schüler gibt es mittlerweile statt Sexualaufklärung nur noch die staatlich geförderte, reine Lehre der Keuschheit. George W. Bush hat angekündigt, die Mittel für die sogenannten Abstinence-only-Programme im Falle einer Wiederwahl zu verdoppeln. Auch auf internationaler Bühne sind die Gegner der Familienplanung aktiv. Nach einer Petition von über 100 vorwiegend religiösen Gruppen entzog US-Präsident George W. Bush dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) sämtliche US-Mittel, die zuvor vom US-Kongress genehmigt waren. UNFPA unterstützt in 141 Ländern Familienplanungsprogramme. Außerdem trägt UNFPA mit umfangreichen medizinischen Projekten zur Verringerung der Kinder- und Müttersterblichkeit in den armen Ländern bei. Das Argument der Petition, UNFPA finanziere mit den Geldern Zwangsabtreibungen in China, wurde zwar von vier Untersuchungskommissionen vor Ort eindeutig widerlegt, unter anderem vom US-Außenministerium. Dennoch blieb der Präsident auf der Linie der UNFPA-Gegner. Mittlerweile setzt sich die US-Regierung selbst im Kampf gegen Aids auf internationalen Konferenzen gegen die Werbung für Kondome und für Abstinenz als alleiniges Mittel der Prävention ein. Verstärkt wird dieser Ansatz durch die 2001 erlassene,
sogenannte "Mexiko-City-Politik" - von Kritikern als "globales
Knebelungsgesetz" (Global Gag Rule) bezeichnet. Es untersagt die
Unterstützung von Hilfsorganisationen mit US-Geldern, wenn sie auch
nur im entferntesten mit Schwangerschaftsabbrüchen zu tun haben -
etwa wenn sie Frauen zum Thema Abtreibung beraten. In Ghana hat deshalb
beispielsweise die international tätige "Planned Parenthood
Federation" die Unterstützung der Entwicklungshilfeorganisation
USAID verloren. Rund 700.000 Menschen fehlt seither der Zugang zu Kondomen
für die Aids Prävention.
Für Interviews steht Dr. Reiner Klingholz unter 030-31017560 oder 0171-5078390 zur Verfügung. |
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| 2. Keuschheit
statt Kondome Rigide Moralvorstellungen behindern den Kampf gegen Aids "Mach´s mit", unter diesem Motto wird in Deutschland besonders bei Jugendlichen für die Verwendung von Kondomen geworben - im Auftrag der Bundesregierung. Ganz anders in den Vereinigten Staaten. Dort setzen immer mehr öffentlich geförderte Programme auf eine andere Strategie: Junge Menschen sollen sich durch Keuschheit bis zur Ehe und Treue danach vor einer Infektion mit HIV schützen. Der neue Report "Das Ende der Aufklärung" des "Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung" analysiert die Folgen dieser Programme. Auch Präsident George W. Bush hat mehrfach betont, dass Enthaltsamkeit der einzig sichere Weg sei, sexuell übertragbaren Krankheiten vorzubeugen. Als Außenminister Colin Powell in dem Musiksender MTV Jugendlichen die Verwendung von Kondomen an Herz legte, löste dies einen Sturm der Entrüstung unter christlich-rechten Lobby-Gruppen aus. Diese besitzen in den USA großen politischen Einfluss auf die republikanische Regierung - und auf die öffentliche Meinung: Mittlerweile weigern sich drei der sechs größten landesweiten TV-Kanäle, Werbespots für Kondome zu verbreiten. Die drei anderen strahlen sie erst nach 22 Uhr aus. Für ein Drittel der amerikanischen Schüler ist der zuvor übliche Sexualkunde-Unterricht zugunsten einer sogenannten Abstinence-only-Lehre gestrichen. Viele Schulen verbieten es sogar, das Wort "Kondom" im Unterricht zu erwähnen. Informationen über Verhütungsmittel dürfen diese Programme nicht enthalten - es sei denn es geht dabei um deren Versagerquoten. Der Aufruf zu sexueller Abstinenz zeigt allerdings keine wissenschaftlich nachweisbare Wirkung. Gesundheitsexperten befürchten sogar, dass sich Jugendliche unnötigen Gefahren aussetzen, wenn sie unzureichend aufgeklärt sind, aber dennoch sexuelle Erfahrungen machen. So kommt es in den USA deutlich häufiger zu ungewollten Schwangerschaften und zu HIV-Infektionen unter Teenagern, als in Industrienationen wie Deutschland, in denen Aufklärungsunterricht obligatorisch ist. 15- bis 19-jährige Amerikanerinnen werden fast zehn mal so häufig schwanger wie Gleichaltrige in der Schweiz oder in den Niederlanden. Verschiedene Reports des US-Gesundheitsamtes und eines Expertenteams des "US-Institute of Medicine" sprechen sich deshalb ausdrücklich für die Wiedereinführung eines umfassenden Sexualkunde-Unterrichts aus. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärt, dass Kondome in der Aids-Prävention "zwingend" die Hauptrolle spielen müssten. Doch obwohl sich Kondome im Kampf gegen die Übertragung von HIV weltweit bewährt haben, setzt die amerikanische Regierung jetzt auch in der Entwicklungshilfe verstärkt auf reine Enthaltsamkeitsprojekte - selbst in Ländern, die besonders stark von der Aids-Epidemie betroffen sind. In dem 2003 von Präsident George W. Bush angekündigten "Notplan für Aids-Hilfe" sollen ein Drittel der Gelder für Präventionsmaßnahmen ausschließlich in Keuschheitsprogramme fließen. Religiöse Organisationen, die in der HIV-Prävention tätig sind, erhalten die ausdrückliche Erlaubnis, Informationen über Kondome zurückzuhalten. Einige dieser Organisationen verbreiten darüber hinaus die Falschmeldung, Kondome seien generell durchlässig für HI-Viren. Epidemiologen halten sogenannte ABC-Programme für die beste Strategie, um die Aids-Infektionsrate zu senken. A steht dabei für Abstinenz, B für "Be Faithful", also für Treue, und C für "Condoms". Das afrikanische Uganda, eines der am stärksten von Aids betroffenen Länder, hat mit diesem Konzept große Erfolge erzielt. Stichproben zufolge konnte der Anteil von HIV-Infizierten an der sexuell aktiven Bevölkerung im letzten Jahrzehnt von 30 auf rund zehn Prozent gesenkt werden. Enthaltsamkeitsprogramme alleine hätten diese Wirkung nicht erzielen können, wie Experten bestätigen. Auch das Beispiel Thailand zeigt, dass Kondome eine unverzichtbare Komponente in der Aids-Prävention darstellen. Das südostasiatische Land, in dem sich Aids vor allem durch Prostitution ausbreitet, konnte mit seiner "100-Prozent-Kondom"-Strategie die Zahl der jährlichen Neuinfektionen von 143.000 auf unter 20.000 reduzieren.
Für Interviews steht Dr. Reiner Klingholz unter 030-31017560 oder 0171-5078390 zur Verfügung
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| 3. Amerikanische Regierung blockiert
weiterhin sämtliche US-Gelder für den Bevölkerungsfonds der
Vereinten Nationen Dramatische Folgen für die Entwicklungsländer Zum dritten Mal in Folge hat die US-Regierung die vom Kongress bewilligten Gelder für den Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) gesperrt. Mit den Mitteln in Höhe von insgesamt 93 Millionen Dollar sollten Familienplanungsprogramme in Entwicklungsländern finanziert und die gesundheitliche Situation von Müttern und Kindern verbessert werden. Hintergrund für die Blockade ist der wachsende Einfluss fundamentalistisch-christlicher Lobbygruppen auf die Entwicklungspolitik der Regierung George W. Bush. Der neue Report "Das Ende der Aufklärung" des "Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung" analysiert die Folgen dieses organisierten Widerstandes gegen Familienplanung. Die Argumente der christlich-rechten Gruppen sind vielfältig: Sie reichen vom Verfall der Sitten, dem durch Mittel zur Familienplanung Vorschub geleistet werde, bis zu der Befürchtung, die Menschheit würde aussterben, wenn alle Menschen freien Zugang zu Verhütungsmitteln hätten. Erklärte Gegner von Familienplanung und umfassender Sexualaufklärung an Schulen halten mittlerweile wichtige Schlüsselpositionen in der amerikanischen Regierung und der Gesundheitsverwaltung. Diese Politik steht im Widerspruch zu den 1994 auf der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo verabschiedeten Zielen, die auch von den USA unterstützt wurden. In Kairo hatte sich die Staatengemeinschaft einstimmig unter anderem darauf geeinigt, allen Frauen und Männern Zugang zu sicheren, wirksamen und erschwinglichen Familienplanungsmethoden zu gewähren. Die von den USA gesperrten Mittel machen nach Angaben der UNFPA-Direktorin Thoraya Obaid ein Achtel des Kernbudgets der Organisation aus. Mit dem Geld hätten demnach weltweit jährlich zwei Millionen ungewollte Schwangerschaften verhindert werden können. 800.000 Abtreibungen wären zu vermeiden gewesen. 77.000 Säuglinge und Kinder, sowie 4.700 Mütter, die zu schwach sind, um Schwangerschaft, Geburt beziehungsweise die ersten Lebensjahre zu überstehen, hätten vor dem Tod bewahrt werden können. Pro Jahr sterben nach Mitteilung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa 530.000 Frauen an Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt - zu 99 Prozent in den Entwicklungsländern. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass obendrein weltweit jährlich 19 Millionen Abtreibungen unter unzureichenden hygienischen und medizinischen Bedingungen durchgeführt werden. Ein Großteil dieser riskanten Eingriffe ließe sich durch Aufklärung und sichere Verhütungsmittel vermeiden.
Für Interviews steht Dr. Reiner Klingholz unter 030-31017560
oder 0171-5078390 zur Verfügung. |
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4. Demografische Schieflage In fast allen Ländern der Welt sind in den vergangenen Jahrzehnten die Geburtenraten gesunken. Dennoch steht der Erde ein mehrfaches Milliardenwachstum noch bevor. Denn es leben heute mehr Menschen im Alter zwischen null und 15 Jahren als je zuvor in der Geschichte. Rund die Hälfte der Weltbevölkerung ist heute unter 25 Jahre alt. Diese Mütter und Väter von morgen werden für fortgesetztes Bevölkerungswachstum sorgen, selbst wenn sie weniger Kinder bekommen als ihre Eltern. In den Ländern mit dem schlechtesten Entwicklungsstand sinken die Kinderzahlen obendrein überhaupt nicht. Vor dem größten Bevölkerungsschub stehen deshalb ausgerechnet jene Staaten, die es sich wirtschaftlich am wenigsten erlauben können, wo das politische System und die natürlichen Ressourcen schon heute überfordert sind. Im Tschad, im Niger, in Angola oder im Jemen wird sich die Bevölkerungszahl bis 2050 den Projektionen der Vereinten Nationen zufolge verzwei- bis verdreifachen. Afghanistan hat demnach im Jahr 2050 mehr Einwohner als Deutschland, das sich mit einer Kinderzahl je Frau von 1,3 bereits in einem langfristigen Schrumpfungsprozess befindet. Bangladesch, das nur 40 Prozent der deutschen Landesfläche besitzt, wäre dann mit 280 Millionen neunmal so dicht besiedelt wie Deutschland und das Land mit der siebtgrößten Bevölkerung der Welt. Es gilt als unwahrscheinlich, dass all diese Menschen dort ein Auskommen finden werden. Staaten wie Afghanistan und Somalia, aber auch die palästinensischen Autonomiegebiete besitzen nicht zuletzt des hohen Bevölkerungswachstums wegen ein großes Chaospotential - mit Auswirkungen auf die Migrationsströme und die internationale Sicherheit. Aufgrund der zunehmenden demografischen Verwerfungen, aber auch wegen der Nähe zum afrikanischen Kontinent sind Spanien und Italien zum Ziel der meisten legalen und illegalen Zuwanderer in Europa geworden. Dies sind gleichzeitig die Länder mit den niedrigsten Kinderzahlen Europas. Nach Angaben der europäischen Statistikkammer Eurostat sind 2003 rund 600.000 Immigranten nach Spanien gekommen, 594.000 nach Italien. Diese Zahlen übersteigen mittlerweile deutlich die Geburtenzahlen der jeweiligen Länder. Im Jahr 2003 kamen in Spanien 405.000 und in Italien 532.000 Kinder zur Welt.
Für Interviews steht Dr. Reiner Klingholz unter 030-31017560 oder 0171-5068390 zur Verfügung. |
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| 5. In eigener Sache Berlin-Institut verschlankt seinen Namen Das "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung", bekannt geworden vor allem durch die im April 2004 erschiene Studie "Deutschland 2020 - die demografische Zukunft der Nation" hat ab sofort einen neuen (kürzeren) Namen. Es heißt nunmehr "Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung". Das spart Platz und ist klarer: Denn die Phänomene Bevölkerung und Entwicklung lassen sich ohnehin nur im globalen Maßstab betrachten. |
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