
Von Margret Karsch und Rainer Münz
Wie Bevölkerungsentwicklungen das Wirtschaftswachstum beeinflussen können
Nicht nur die Größe und das Wachstum beziehungsweise das Schrumpfen einer Bevölkerung beeinflussen die Entwicklung eines Landes, sondern auch ihre Altersstruktur: Da das individuelle ökonomische Verhalten in den unterschiedlichen Altersgruppen variiert, können Veränderungen der Alterstruktur erheblichen Einfluss auf die nationale Wirtschaftsleistung ausüben.
Staaten mit einem hohen Anteil an jungen oder alten wirtschaftlich Abhängigen, etwa Kindern und Senioren, widmen diesen Gruppen in der Regel einen relativ großen Anteil ihrer Ressourcen. Das hemmt oft die Wirtschaftskraft des Landes. Staaten hingegen, in denen ein großer Anteil der Bevölkerung in einem Alter steht, in dem sie arbeitet und spart, profitieren aufgrund stärkerer Kapitalbildung und niedrigerer Kosten für wirtschaftlich abhängige Altersgruppen von einem sprunghaften Anstieg des nationalen Einkommens. Dieses Phänomen ist als "demografische Dividende" bekannt. Der kombinierte Effekt dieser "Dividende" und politischer Maßnahmen kann Wirtschaftswachstum fördern.
Arme Länder wie Bangladesch profitieren von der Familienplanung
Bangladesch, der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt, gilt als eines der ärmsten Länder der Erde. Am Golf von Bengalen leben rund 147 Millionen Menschen auf einem Gebiet, das nur halb so groß ist wie die alte Bundesrepublik. Armut und Übervölkerung bedingen sich gegenseitig, und es scheint beinahe unmöglich zu sein, aus der "Armutsschleife" (Jeffrey Sachs) auszubrechen.
Gesamtbevölkerung 2006 | 146,6 Millionen |
Natürliche Wachstumsrate | 1,9 Prozent |
Bevölkerungsprojektion 2025 | 190 Millionen |
Bevölkerungsprojektion 2050 | 231 Millionen |
Gesamtfertilitätsrate | 3 Kinder pro Frau |
Anteil der Bevölkerung |
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Anteil der Bevölkerung über 65 Jahre | 3 Prozent |
Anteil der Bevölkerung, der von weniger als 2 US-Dollar pro Tag lebt |
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Quelle: DSW-Datenreport 2006
Dennoch weist Bangladesch seit vielen Jahren ein positive ökonomische Entwicklung auf. Die Wirtschaft des Landes wächst seit fast 20 Jahren im Mittel um jährlich vier bis fünf Prozent. Gleichzeitig ging in diesem Zeitraum die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau von sechs auf drei Kinder im Jahr 2006 zurück. Zwischen diesen Entwicklungen gibt es einen Zusammenhang: Sinken die Geburtenraten in einer zuvor sehr kinderreichen Gesellschaft, so entsteht ein "demografischer Bonus": In den darauf folgenden Jahrzehnten wächst der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung. Der produktive Teil der Bevölkerung muss dann deutlich weniger wirtschaftlich Abhängige wie Kinder und alte Menschen mit versorgen. Die Bürger können mehr konsumieren, sparen und investieren. Weil Eltern mehr Geld für Ernährung und Ausbildung ihres Nachwuchses aufbringen, eröffnen sich den Kindern neue Chancen. Daraus resultiert ein sich selbst beschleunigender Prozess der wirtschaftlichen Belebung.
Wissenschaftler beschreiben diese Entwicklung als "demografische Dividende". Die asiatischen Tigerstaaten Taiwan, Südkorea, Malaysia, Thailand und Indonesien sind Beispiele für Länder, die eine solche "demografische Dividende" eingefahren haben: In diesen Ländern waren lange hohe Kinderzahlen und eine hohe Sterblichkeit in allen Altersklassen verbreitet. Sinkende Kinderzahlen führten dazu, dass mehr Mittel in die Bildung der Jugendlichen und den Aufbau von Arbeitsplätzen investiert werden konnten. Seit den 70er Jahren wächst die Bevölkerung im produktiven Alter viermal so schnell wie die der wirtschaftlich Abhängigen. Diese Nationen verzeichneten zwischen 1965 und 1990 ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von jährlich mehr als sechs Prozent. Ein Viertel bis zwei Fünftel davon gehen auf das Konto der "demografischen Dividende", wie Wissenschaftler des US-amerikanischen Forschungsinstituts "Rand" ermittelt haben. Möglich wurde dies vor allem, weil die Regierungen in Gesundheit, Bildung und Familienplanung investiert hatten. Bangladesch unterstützt seit Staatsgründung im Jahr 1972 Programme zur Geburtenkontrolle. Ebenso wie Bangladesch haben diese Länder den demografischen Bonus genutzt.
Chancen der demografischen Dividende
1. Gut ausgebildete Arbeitskräfte (wenn die Ausbildung vor der demografischen Transition abgeschlossen wird) dienen der Gesamtwirtschaft eines Landes. Sie können für den Fall, dass ihre Arbeitskraft ausfällt, vorsorgen und Ersparnisse investieren.
2. Sinkende Kinderzahlen pro Frau bedeuten für die Mütter eine geringere gesundheitliche Belastung sowie die Möglichkeit, außerhalb des Hauses einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Das fördert ihren sozialen Status und ihre Unabhängigkeit. Weniger Kinder stellen außerdem eine geringere ökonomische Belastung für die Familie dar. Für die Kinder bringt die niedrigere Geschwisterzahl den Vorteil mit sich, dass die einzelnen eine bessere Versorgung und Ausbildung erhalten und bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.
Gefährdung der demografischen Dividende
Für die demografische Dividende gibt es allerdings keine Garantie: Denn die Grundbedingung für den Aufschwung sind Arbeitsplätze. Hierfür muss der Staat die Voraussetzungen schaffen - vor allem in Form von Bildung, einem flächendeckenden Gesundheitssystemen, freiem Handel und stabile rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen. Zudem währt die Möglichkeit, die demografische Dividende einzufahren, nur für eine begrenzte Zeit - so lange, bis sich die Altersstruktur erneut verändert, und die älteren Alterskohorten gegenüber den Jüngeren an Gewicht zunehmen. Kenia etwa hatte zwar Mitte der achtziger und auch noch zu Beginn der neunziger Jahre ebenfalls einen Rückgang der Kinderzahlen zu verzeichnen, hat es jedoch versäumt, das Zeitfenster durch Investitionen zu nutzen, so dass die Bevölkerungszahlen und die Rate der Abhängigen wieder wieder stiegen.
Bangladesch steht erst am Anfang dieser Entwicklung und hat dabei mit spezifischen Problemen zu kämpfen: Zwei Drittel der Bangladeschi arbeiten nach wie vor in der Landwirtschaft, die den Zuwachs der Arbeitskräfte von jährlich 1,9 Prozent nicht aufnehmen kann. Nahezu 40 Prozent der Erwerbsbevölkerung gelten als arbeitslos oder unterbeschäftigt. Obendrein stoßen wirtschaftliche Reformen durch Korruption, Vetternwirtschaft und ineffiziente Verwaltung immer wieder an ihre Grenzen. Bangladesch steht somit an einem entscheidenden Punkt seiner Entwicklung: Die Chance für einen Aufschwung bietet sich nur einmal für einen begrenzten Zeitraum von wenigen Jahrzehnten. In dieser Phase muss der Überschuss an Arbeitskräften auch Arbeit finden. Sonst droht heute ein Heer von Arbeitslosen und in der nächsten Generation eine Schar von mittellosen Alten.
Literatur / Links
Asian Development Bank (2003): Key Indicators of Developing Asian and Pacific Countries
Bell, C. / Gersbach, H. (2006): Economic growths, education and Aids in Kenya Model: A Long-run Analysis
Bloom, David / Canning, David (2004): Population, Poverty reduction, and the Cairo Agenda
Bloom, D. / Canning, D. (2005): Global Demographic Change: Dimensions and Economic Significance
Bloom, David / Canning, David / Malaney, P. (2000): Demographic Change and Economic Growth in Asia. In: population and development report 26 (Suppl.): 257-290
Bloom, David / Canning, David / Sevilla, Jaypee : The Demographic Dividend: A New Perspective on the Economic Consequences of Population Change, RAND, Santa Monica, 2003.
Mason, A. / Lee, S. H. (2004): The Demographic Dividend and Poverty Reduction
Ross, John (2004): Understanding the Demographic Dividend
Sachs, Jeffrey (2005): The End of Poverty
http://www.adb.org/Documents/Books/Key_Indicators/2002/theme_paper.pdf
UNFPA: State of the World Population 2007
Worldbank: Countries & Regions
Stand: Oktober 2007