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Der Übergang von archaischen zu modernen demografischen Verhältnissen verläuft der Theorie nach von einem stabilen Zustand mit hohen Geburten- und Sterberaten über eine Zwischenphase des Bevölkerungswachstums, in der die Lebenserwartung steigt und die Kinderzahlen zunächst hoch bleiben, zu einer neuen Stabilität, die sich durch niedrige Geburten- und Sterberaten auszeichnen.

Bevölkerungswissenschaftler nennen die Entwicklung von hohen zu niedrigen Todes- und Geburtenraten den demografischen Übergang. In dessen Verlauf geht zuerst die Sterblichkeit zurück und später die Geburtenzahl. In der Zwischenphase kommt es zu einem raschen Anwachsen der Bevölkerung. Ruanda befindet sich ganz am Anfang des Übergangs. Thailand hat die kritische Phase fast hinter sich. In Deutschland hat nach einer kurzen Phase des Nullwachstums das Schrumpfen der einheimischen Bevölkerung begonnen.

Historischer Rückblick


In der frühen Phase der Menschheit bis etwa zur Zeitenwende um das Jahr Null waren Geburten und Sterbefälle – zumindest über längere Zeiträume gerechnet – ungefähr im Gleichgewicht. Wäre das nicht der Fall gewesen, wäre die Menschheit entweder ausgestorben oder stärker gewachsen. In dieser Epoche gab es Phasen eines größeren Geburtenüberschusses wie auch solche einer großen Sterblichkeit, etwa auf Grund von Seuchen.

In traditionellen bäuerlichen Gesellschaften bekamen und bekommen Frauen in der Regel im Laufe ihres Lebens fünf bis acht Kinder. Selbst im vormodernen Europa überlebte die Hälfte der Geborenen ihre Kindheit und Jugend nicht. In den heutigen Entwicklungsländern war dies sogar bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts der Fall. Hoch waren in traditionellen Gesellschaften daher nicht nur die Geburtenraten, sondern auch die Sterberaten. Entsprechend klein blieb – wenn überhaupt – das jährliche Wachstum: Zwischen 10.000 vor Christus und 1750 betrug es rund 0,2 Prozent pro Jahr. Dann setzte in Europa der Übergang von vormodernen zu modernen demografischen Verhältnissen ein.

Heute hat das globale Ungleichgewicht zwischen Fruchtbarkeit und Sterblichkeit beträchtliche Dimensionen erreicht. Am Ende des 20. Jahrhunderts starben Tag für Tag rund 150.000 Menschen, aber zugleich kamen täglich rund 365.000 Kinder zur Welt. Pro Jahr waren dies 134 Millionen Neugeborene und 54 Millionen Verstorbene. Im Jahr 2000 ergab dies einen globalen Bevölkerungszuwachs von rund 80 Millionen Menschen.

 

Das Konzept des demografischen Übergangs

 

Veränderungen von Sterblichkeit und Fruchtbarkeit verlaufen in verschiedenen Regionen der Welt, ja sogar innerhalb einzelner Länder nicht zeitgleich. Die Suche nach Gemeinsamkeiten und Trends in der demografischen Vielfalt führte Frank Notestein vom Office for Population Research der Universität Princeton 1945 zur Formulierung der "demografischen Transition". Dieses Konzept beschreibt Gemeinsamkeiten in der Reihenfolge demografischer Veränderungen, die sich in fast allen Ländern der Welt, sowohl im Europa der 18. und 19. Jahrhunderts wie auch in den Kolonien und Entwicklungsländern des 20. Jahrhunderts, beobachten ließen und zum Teil noch beobachten lassen.

Der Übergang zu modernen demografischen Verhältnissen begann jeweils mit einem deutlichen Rückgang der Sterblichkeit. Davor gab es allenfalls starke Schwankungen durch Seuchen, Kriege und Naturkatastrophen. Doch von einem bestimmten Zeitpunkt an sank die jährliche Zahl der Verstorbenen pro 1.000 Einwohner (= rohe Sterberate). Später folgte ein Rückgang der Fruchtbarkeit. Damit reduzierte sich die jährliche Zahl der Geburten pro 1.000 Einwohner (= rohe Geburtenrate). Solange die Sterblichkeit bereits sinkt, die Geburtenraten aber noch hoch sind, wächst die Bevölkerung.

  • Phase 1: In vorindustriellen Gesellschaften lagen Geburten- und Sterberaten hoch. Die Sterblichkeit schwankte stark, mitunter von einem Jahr zum nächsten. Die durchschnittliche Lebenserwartung war gering. Die Bevölkerung wuchs – wenn überhaupt – nur sehr langsam.

  • Phase 2: Mit Einsetzen der gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse sank zuerst die Sterblichkeit. Die Lebenserwartung begann zu steigen. Da die durchschnittlichen Kinderzahlen anfänglich hoch blieben, begann die Bevölkerung beträchtlich zu wachsen.

  • Phase 3: Mit der Zeit reagierten die Familien auf die veränderten Lebensbedingungen und eine  niedrigere Säuglings- und Kindersterblichkeit mit einer Beschränkung ihrer Kinderzahl. Die Geburtenrate begann zu sinken. Das Bevölkerungswachstum verlangsamte sich.

  • Phase 4: Geburten- und Sterberate pendelten sich in etlichen Ländern auf niedrigem Niveau ein. Notestein und andere hatten bei der Formulierung und Weiterentwicklung des Konzepts des demografischen Übergangs am Ende dieses Prozesses wieder ein demografisches Gleichgewicht zwischen Fruchtbarkeit und Sterblichkeit vor Augen. Dieses hätte in der vierten Phase wieder erreicht werden sollen.

  • Phase 5: Die Erfahrungen der letzten 30 Jahre in Europa und in anderen Industriestaaten zeigen jedoch, dass der demografische Übergang jedoch nicht notwendigerweise auf ein Gleichgewicht zwischen Geburten und Sterbefällen zusteuert. In einer Reihe von Ländern (darunter Deutschland) sank die rohe Geburtenrate bereits deutlich unter das Niveau der rohen Sterberate. In anderen Industrieländern steht diese Entwicklung noch bevor. Ursache ist die anhaltend niedrige Fertilität. Für eine Trendwende gibt es keine Anhaltspunkte. Tatsächlich sind die durchschnittlichen Kinderzahlen pro Familie in den meisten Industriestaaten und in einigen Entwicklungsländern inzwischen so niedrig, dass dort die einheimischen Bevölkerungen längerfristig schrumpfen werden. Bislang wurde die demografische Schrumpfung in etlichen Ländern – auch in Deutschland - durch stärkere Zuwanderungen ausgeglichen. Einige Autoren sprechen in diesem Zusammenhang von einer fünften Phase des demografischen Übergangs.

Unterschiede in Theorie und Praxis

 

Der demografische Übergang generalisiert die historisch belegten Übergänge von hoher zu niedriger Sterblichkeit und Fertilität zu einem Modell. Der reale Verlauf in einzelnen Ländern weicht von diesem Modell zum Teil erheblich ab. Entscheidend ist ein wesentlicher Unterschied: In Europa und Nordamerika kam der Übergang zu niedriger Sterblichkeit und weniger Geburten durch die Entstehung moderner, städtischer Industriegesellschaften quasi "von selbst" in Gang. In vielen Entwicklungsländern war und ist dies nicht der Fall. Die Sterblichkeit sank dort durch den massiven Einsatz wirksamer Arzneimittel aus den Industriestaaten sowie chemischer Schädlingsbekämpfungsmittel etwa in der Malariaprophylaxe. Auch ein Großteil der in Entwicklungsländern verwendeten Verhütungsmittel stammt aus Westeuropa und Nordamerika. Sie werden zum Teil aus Mitteln der Entwicklungshilfe finanziert. Durch diesen "importierten" Fortschritt vollzieht sich der demografische Übergang heute in vielen Entwicklungsländern erheblich rascher, als dies seinerzeit in Europa der Fall war.

Die genannten Einflüsse und Eingriffe von außen sind im Modell des demografischen Übergangs nicht berücksichtigt. Aber sie haben deutlich erkennbare Folgen: Die Einwohnerzahlen der europäischen Länder erhöhten sich im Verlauf des demografischen Übergangs zwischen 1800 und heute auf das Doppelte bis Vierfache. In den meisten Entwicklungsländern rechnet man hingegen mit einem Anstieg auf das Sieben- bis Zehnfache, bis es zu einer Stabilisierung der Bevölkerungszahl kommt. Die Bevölkerung wächst dort in den meisten Fällen um 1,5 bis drei Prozent pro Jahr, also in einem Tempo, das Europa und Nordamerika auch im 19. und frühen 20. Jahrhundert nie erreichten.

Verlauf des demografischen Übergangs in den Industriestaaten

 

Bis ins 18. Jahrhundert befanden sich alle Länder und Gesellschaften der Welt in der Phase vor Beginn des demografischen Übergangs (erste Phase). In den meisten europäischen Ländern begann im 18. oder im Laufe des 19. Jahrhunderts mit dem Rückgang der Sterblichkeit die zweite Phase dieses Transitionsprozesses. Die Fertilität blieb zunächst hoch. Sie begann im 19. Jahrhundert zuerst in Frankreich, später in Großbritannien, Deutschland und Österreich-Ungarn, im frühen 20. Jahrhundert schließlich auch in Süd- und Osteuropa zu sinken. Mit dem Rückgang der Kinderzahlen kamen die Industrieländer in die dritte Phase des demografischen Übergangs.

Zwischen 1750 und 1950 wuchs die Einwohnerzahl in den heutigen Industriestaaten – also in Europa, Nordamerika, UdSSR/Russland, Japan und Australien – deutlich rascher als jene der weniger entwickelten Regionen der Erde. Die jährlichen Wachstumsraten lagen in den heutigen Industriestaaten jedoch meistens unter einem Prozent. Nur in einigen europäischen Ländern wuchs die Bevölkerung für wenige Jahre schneller. In diesem Zeitraum vergrößerte sich die Bevölkerung der Industrieländer um das Vierfache, die Bevölkerung der übrigen Weltregionen aber nur fast um das Dreifache. 1950 hatten alle Industriestaaten zusammen 813 Millionen Einwohner: Das war damals fast ein Drittel der Weltbevölkerung.

Seitdem fällt der Bevölkerungszuwachs in den Industrieländern nur noch bescheiden aus. Geburtenbeschränkung und Familienplanung sind seit den 1920er und 1930er Jahren in Europa und Nordamerika die Regel. Immer mehr Menschen bleiben ehe- und kinderlos. Zugleich bremst die Altersstruktur jeden weiteren Geburtenzuwachs. Zwar wuchs die Einwohnerzahl der Industrieländer bis 2000 auf 1,2 Milliarden. Ein Teil dieses Zuwachses geht auf das Konto von Zuwanderung. In Zukunft werden die einheimischen Bevölkerungen etlicher Industriestaaten trotz Zuwanderung schrumpfen. In Teilen Ostmittel- und Osteuropas hat dieser Prozess bereits eingesetzt, in Deutschland etwa im Jahr 2004.

Demografischer Übergang in den Entwicklungsländern

 
In den heutigen Entwicklungsländern begann der demografische Übergang erst im 20. Jahrhundert. Nur in wenigen Ländern setzte der Rückgang der Sterblichkeit bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein, in den meisten jedoch erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einem Schub in der Verringerung der Sterblichkeit. In den meisten Entwicklungsländern brachten Frauen damals im Laufe ihres Lebens zwischen sechs und zehn Kinder zur Welt. Damit öffnete sich die "Schere" zwischen Geburten und Sterbefällen stärker als jemals zuvor in diesen oder in anderen Weltregionen, was in weiten Teilen der Dritten Welt zu einem erheblichen Bevölkerungswachstum führte. In diesem Kontext wurden Begriffe wie „Bevölkerungsexplosion“ oder "Bevölkerungsbombe" geprägt.

Lateinamerika

 

In den Ländern Lateinamerikas setzte bereits Ende der 1960er Jahren die dritte Phase des demografischen Übergangs ein. Die Fertilität sank und das Bevölkerungswachstum verringerte sich. Heute liegt die Wachstumsrate bei 1,4 Prozent pro Jahr. Es gibt aber auch in dieser Weltregion Länder mit höherem Wachstumstempo. So nahm die Bevölkerung in Nicaragua und Honduras Ende der 1990er Jahre um 2,7 Prozent pro Jahr zu. Auch andere lateinamerikanische Länder hatten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch erhebliche Zuwächse.

Asien

 

Asien ist heute der bevölkerungsreichste Kontinent. Hier lebten im Jahr 2011 rund 4,2 Milliarden Menschen. Das sind 60 Prozent der Weltbevölkerung. Bis zum Jahr 2050 rechnet die mittlere Variante der UNO-Projektion mit 5,1 Milliarden Einwohnern in dieser Region. In Asien erfolgte der Trend zu kleineren Wachstumsraten in der ersten Hälfte der 1970er Jahre. Wesentlichen Anteil an der Wende hatte das Umschwenken Chinas von einer pronatalisti-schen auf eine stark antinatalistische Bevölkerungs- und Familienpolitik. Ende des 20. Jahr-hunderts lebte immer noch mehr als ein Drittel der Bevölkerung Asiens in China (1999: 1,27 Milliarden). Doch nach dem Jahr 2020 wird Indien, dessen Bevölkerung im Sommer 1999 die Ein-Milliarden-Grenze überschritten hat, China als bevölkerungsreichstes Land Asiens und der Erde ablösen. In Indien waren und sind die Bemühungen um eine Verringerung der Kinderzahlen weniger erfolgreich als in China, obwohl Indien 19 Jahre früher mit entsprechenden Programmen begann. Die indische Bevölkerung wuchs Ende der 1990er um 16 Millionen Menschen beziehungsweise um 1,9 Prozent pro Jahr. In beiden Ländern zusammen lebt mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung.

Einige asiatische Länder, vor allem Thailand, Singapur, Taiwan und Südkorea, hatten einen ähnlich raschen Rückgang des Bevölkerungswachstums wie China. Sie nähern sich jedoch bereits der vierten Phase des demografischen Übergangs. In anderen Teilen Asiens ist das Bevölkerungswachstum nach wie vor hoch. In Afghanistan dem Irak, Pakistan, Laos, dem Jemen, Jordanien und Syrien lag es noch im Jahr 2011 über zwei Prozent pro Jahr, in den palästinensischen Autonomiegebieten sogar bei nahezu drei Prozent.

Afrika

 

Afrika ist die Region mit dem höchsten Bevölkerungswachstum, welches jemals in der Ge-schichte der Menschheit erreicht wurde. Derzeit nimmt die Zahl der Afrikaner jährlich um 2,4 Prozent zu. Aktuelle Daten zeigen, dass sich das Wachstumstempo erst seit Ende der 1980er Jahre etwas verringert. In vielen afrikanischen Ländern begann die dritte Phase des demogra-fischen Übergangs erst in den 1990er Jahren. Einige befinden sich sogar noch in der zweiten Phase.

 

Bevölkerungsrückgang

 

In den meisten Ländern West- und Mitteleuropas endete die dritte Phase des demografischen Übergangs bereits in den 1920er und 1930er Jahren. Mortalität und Fertilität erreichten damals historische Tiefststände. Danach gab es erneut Perioden des Baby-Booms (späte 1930er Jahre, späte 1950er und frühe 1960er Jahre), aber auch Geburtenrückgänge. Erst seit den 1970er Jahren liegt die Fertilität in einer wachsenden Zahl von Industriestaaten unter dem Niveau von zwei Kindern pro Frau.

Längerfristig bedeutet dies überall in Europa, aber auch in Japan oder Australien, ein Schrumpfen der einheimischen Bevölkerungen. Dies nennen manche Bevölkerungswissenschaftler die fünfte Phase des demografischen Übergangs. Einziges Industrieland mit einem nennenswerten natürlichen Wachstum der Bevölkerung sind die USA. In Europa verzeichnen allein die kleinen Nationen Irland und Island Kinderzahlen von bis zu 2,1 je Frau – und damit ein leichtes natürliches Wachstum. Es wachsen allerdings auch andere europäische Staaten, die Kinderzahlen von weniger als 2,1 vorweisen (etwa Großbritannien, Frankreich oder die Niederlande), derzeit noch auf natürliche Weise. Dies ist dann der Fall, wenn die Bevölkerung vergleichsweise jung ist, also viele Menschen im potenziellen Elternalter so viele Kinder bekommen, dass die Nachwuchszahlen die Zahl der Verstorbenen übersteigen.

 

Literatur / Links

 

Bähr, Jürgen (1997): Bevölkerungsgeographie. Stuttgart.


Dinkel, Reiner (1989): Demographie, Band 1: Bevölkerungsdynamik. München.


Hummel, Diana (2000): Der Bevölkerungsdiskurs, Demographisches Wissen und politische Macht. Opladen.


Notestein, Frank W. (1945): "Population — The Long View," in Theodore W. Schultz, Ed., Food for the World. Chicago.


Population Reference Bureau (2011): 2011 World Population Data Sheet – The World at 7 Billion.


Thompson, Warren S. (1929): "Population". American Sociological Review 34(6): 959-975

 

Artikel von Oktober 2006, aktualisiert durch Mitarbeiter des Berlin-Instituts im Oktober 2012

 

Nachdruck und Weiterverwendung des Artikels unter Angabe der Quelle erlaubt. Um Zusendung eines Belegexemplars wird gebeten.

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Krisenregion Mena

Studie erklärt die demografische Entwicklung im Nahen Osten und Nordafrika sowie Folgen für Europa

Pressekonferenz und Studienpräsentation am 24.05.

Neue Studie "Krisenregion Mena" über die demografischen Veränderungen im Nahen Osten und Nordafrika

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    Den USA gehen die qualifizierten Arbeitsplätze aus [...]
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