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Von Ylva Köhncke

 

Wir essen zu fett, zu süß und vor allem zu viel. In den USA leben schon heute ungefähr zwei Drittel der Bevölkerung mit Übergewicht. In Deutschland waren 2009 laut dem Statistischen Bundesamt sechzig Prozent der Frauen und vierzig Prozent der Männer übergewichtig. Eine krankhafte, starke Form von Übergewicht bezeichnet man als Adipositas beziehungsweise Fettleibigkeit oder Fettsucht. Im vergangenen Jahr litten hierzulande 16 Prozent der Männer und 14 Prozent der Frauen an dieser Erkrankung.Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht von einer weltweiten Fettsuchtepidemie: Angaben der WHO zufolge waren 2005 mehr als eine Milliarde aller Erwachsenen übergewichtig und über 300 Millionen Menschen fettsüchtig. Und der Trend zum Übergewicht steigt weiter an. Im Jahr 2015 werden nach Prognosen 2,3 Milliarden Menschen übergewichtig und rund 700 Millionen Menschen fettsüchtig sein.

Fettleibigkeit: eine Welt im Ungleichgewicht

Ab einem Body Mass Index von 30 spricht man von krankhafter Fettsucht. Hier sind jene Länder dargestellt, in denen bereits über 20 Prozent der Menschen an dieser Form von massivem Übergewicht leiden. Auffällig ist die Ausbreitung in Nord- und Südamerika. Aber auch einige Länder Europas, Asiens und Afrikas sowie Australien sind von der Epidemie betroffen. Ganz besonders drastisch sind die Werte auf den südlichen und westlichen Pazifikinseln. In Mikronesien, Tonga oder auf den Cookinseln sind rund 70 Prozent der Bevölkerung fettsüchtig, auf Samoa und Palau 48 respektive 43 Prozent (Quelle: Weltgesundheitsorganisation 2005).

Mittlerweile gibt es Anzeichen dafür, dass es auf Grund der Völlerei bald schon vorbei sein könnte mit der ständig steigenden Lebenserwartung. So hat eine Studie unter der Leitung des amerikanischen Demografen Jay S. Olshansky an der Universität von Illinois in Chicago die Auswirkung von Übergewicht und krankhafter Fettsucht auf die demografische Entwicklung der Vereinigten Staaten berechnet.

Die Forschergruppe kommt zu dem Schluss, dass die Lebenserwartung in den USA entgegen aller Prognosen nicht weiterhin ansteigt, sondern zurückgehen wird. Vor allem durch den hohen Anteil übergewichtiger Kinder erhöht sich bereits in jungen Jahren das Risiko von Diabetes, Herzkrankheiten und anderen Begleit- und Folgekrankheiten so stark, dass die Lebensspanne in den nächsten 50 Jahren um zwei bis fünf Jahre sinken könnte. Damit würde die Fettleibigkeit die Auswirkungen aller Krebsarten übertreffen. Die jüngeren Generationen würden nach diesen Ergebnissen erstmals in der modernen Geschichte ein kürzeres und weniger gesundes Leben als ihre Eltern führen.

Obwohl sich einige Forscher Olshanskys Aussagen anschließen, weisen andere seine Forschungsergebnisse als unrealistisch, einseitig und zu pessimistisch zurück. So müsse nicht jeder Übergewichtige zwangsläufig an einer Begleitkrankheit leiden.

Immerhin ist in den USA die Anzahl massiv fetter Menschen in den letzten 30 Jahren rasant angestiegen. Fast Zwei Drittel der Amerikaner sind übergewichtig, ungefähr 30 Prozent fettsüchtig. Auf eindrucksvolle Weise belegen dies die Studien des National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES 2008).

Zeitverzögert zeigt sich in Deutschland eine ähnliche Entwicklung. Dies belegen der Bundesgesundheitssurvey des Robert-Koch-Instituts, der seit 1998 Daten liefert und seitdem durch telefonische Gesundheitsbefragungen aktualisiert wird sowie der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes.  Beide zeichnen ein Bild der Essgewohnheiten und ermitteln das Gewicht der Deutschen. Die Lage ist erschreckend: Dem Statistischen Bundesamt zufolge war 2009 jeder zweite Deutsche übergewichtig, jeder sechste sogar fettsüchtig. 15 Prozent der drei- bis 17-Jährigen litten bereits unter Übergewicht, sechs Prozent unter Adipositas. Bei den 70- bis 74-Jährigen erreichten die Fälle von Übergewicht jeweils ihre Spitzenwerte (Männer: 74 Prozent, Frauen: 63 Prozent). Da der erste gesamtdeutsche Bundesgesundheitssurvey allerdings erst 1998 durchgeführt wurde und die Daten des Mikrozensus zum Übergewicht erst seit 1999 erhoben werden, lässt sich hier schwerer ein Trend nachvollziehen.


Body Mass Index (BMI) in Deutschland und den USA


In den USA ist Übergewicht zu einer Epidemie geworden. Aber auch die Deutschen werden immer fetter. Auffallend ist, dass Deutschland im Vergleich zu den USA einen höheren Anteil übergewichtiger – ausgenommen fettsüchtiger –, aber einen geringeren Anteil fettsüchtiger Menschen aufweist (Datengrundlagen:Weltgesundheitsorganisation, National Center for Health Statistics, Statistisches Bundesamt).

Um Übergewicht und Fettsucht zu definieren, wird der Body Mass Index (BMI) herangezogen. Dieser berechnet sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm dividiert durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. BMI= Gewicht (kg) Größe (m)2 Laut WHO gilt für Erwachsene ein BMI zwischen 18,5 und 24,9 als optimal. Von Untergewicht spricht man bei Personen, deren BMI einen Wert von 18,5 unterschreitet. Übergewicht hingegen haben Menschen mit einem BMI zwischen 25 und 29,9. Adipositas beginnt ab einem BMI von 30, ab 40 geht man von schwerer Adipositas aus. Bei Kindern und Jugendlichen fällt es schwerer, eine einheitliche Bestimmung für Übergewicht und Adipositas auszumachen. So nutzen die meisten Studien auch hier den BMI zur Erklärung, berücksichtigen aber stärker Alter und Geschlecht. Als übergewichtig gelten Kinder, deren BMI höher liegt als der BMI von 90 Prozent aller Kinder der entsprechenden Alters- und Geschlechtsgruppe. Als adipös werden jene Kinder und Jugendlichen bezeichnet, deren BMI höher als bei 97 Prozent des Referenzkollektivs ausfällt.

Wie kommt es zu solch einem Anstieg des Übergewichtes in allen Altersklassen? Weniger körperliche Arbeit sowie eine hochwertige Ernährung führen einerseits zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen. Diese Faktoren sind unter anderem der Grund dafür, dass wir immer älter werden. Aber zugleich die Vorraussetzungen für Übergewicht und Adipositas. Wachsende Motorisierung des Alltags und damit einhergehender Bewegungsmangel besorgen den Rest. Die Folge: Der Körper, der sich immer weniger bewegt, kann nicht alles verbrauchen, was der Mensch an Nahrung zu sich nimmt. Zu den ersten Beschwerden zählen Kurzatmigkeit, Schwitzen sowie Kreuz- und Gelenkschmerzen. Als gefährlicher erweisen sich aber die Folge- und Begleitkrankheiten: Bluthochdruck, koronare Herzkrankheiten und Diabetes Typ 2. Auch psychosoziale Beschwerden wie Angststörungen, vermindertes Selbstbewusstsein, soziale Isolation, Partner- und Berufsprobleme treten auf. All diese Krankheiten führen dazu, dass Übergewichtige ein deutlich höheres Sterberisiko als normalgewichtige Personen aufweisen.


Risiko für Begleit- und Folgeerkrankungen nach der Welt- Gesundheitsorganisation (WHO 2008)

Die Frage, ob sich die durchschnittliche Lebenserwartung auf Grund der ständig wachsenden Zahl von Übergewichtigen tatsächlich verringert, ist noch nicht ausreichend geklärt, denn gleichzeitig wirken Faktoren wie die verbesserte Medizin, die für ein längeres Leben sorgen. Klar ist aber, dass Fettleibigkeit eines der größten Gesundheitsprobleme unserer Gesellschaft darstellt. Vor allem angesichts der hohen Zahlen im Kindes- und Jugendalter ist mit einem Anstieg der Folgekrankheiten zu rechnen. Nach Ansicht von Medizinern haben die Jugendlichen, die im Extremfall schon als Teenager unter Alterserkrankungen wie Gelenkproblemen oder Herz-Kreislauf-Störungen leiden, kaum eine Chance, älter als 50 Jahre zu werden.

Um das Schlimmste zu verhindern und um die Ausgaben auf Grund von Übergewicht, die in den USA schon heute mehr als sechs Prozent und in den europäischen Ländern zwischen ein und fünf Prozent der gesamten Gesundheitskosten betragen, nicht noch weiter zu erhöhen, bedarf es umfassender Prävention. Zum einen sind Eltern und Familien gefordert, ihrem Erzie-hungsanspruch auch in Sachen Ernährung nachzukommen. Zum anderen liegt es in der Hand von Schulen und anderen Sozialeinrichtungen, für Aufklärung zu sorgen, also umfangreiche Kenntnisse über unsere Gesundheit und über Lebensmittel und deren Zubereitung zu vermitteln. Außerdem sollten sich Schulen und Eltern um ausreichende Bewegung der Kinder kümmern. Des Weiteren sind auch Wirtschaft und Medien gefordert, energiereiche Lebensmittel nicht noch zu bewerben und zu Tiefstpreisen zu verkaufen.

Literatur / Links:


Benecke, Andrea / Vogel, Heiner (2003): Übergewicht und Adipositas. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 16. Herausgegeben vom Robert-Koch-Institut in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt. Berlin.

International Association for the Study of Obesity, http://www.iaso.org/.

National Center for Health Statistics, http://www.cdc.gov/nchs.

Olshansky, S. Jay et al. (2005): A Potential Decline in Life Expectancy in the United States in the 21st Century. In: The New England Journal of Medicine 352/11. S. 1138-45.

Robert-Koch-Institut, http://www.rki.de.

Statistisches Bundesamt (2009), http://www.destatis.de.

World Health Organisation (WHO), http://www.who.int.

World Health Organisation Regional Office for Europe, http://www.euro.who.int.

 

 

Stand: Oktober 2010

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