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von Sabine Sütterlin

 

Ende des 19. Jahrhunderts bedeutete Nachwuchs noch billige Arbeitskraft und Altersversorgung. Das änderte sich mit der Industrialisierung und mit der Einführung staatlicher Rentensysteme. Von da an ging die Geburtenrate in Deutschland, von einigen „Ausreißern“ abgesehen, stetig zurück. Denn nun waren Kinder keine Einkommensquelle mehr, sondern verursachten im Gegenteil sogar Kosten. Auch das Nachkriegs-Wirtschaftswunder und der steigende Wohlstand konnten den allgemeinen Abwärtstrend nicht aufhalten. Mit durchschnittlich 1,4 Kindern je Frau stehen Deutschland heute tief greifende Veränderungen bevor.

Warum bekommen die Deutschen so wenig Nachwuchs?

 

Im Jahre 1871 bekam eine deutsche Frau durchschnittlich fast fünf Kinder. Damals lebte ein Großteil der Bevölkerung in Armut, vor allem auf dem Lande: Allenthalben entstanden Fabriken, die mit ihrer hohen Produktivität den Handwerkern ihre Erwerbsgrundlage nahmen. Die Bauern waren zwar seit den preußischen Reformen frei, doch hohe Ablösungssummen, teure Modernisierungsmaßnahmen, Wucherer und Missernten hatten sie um ihren Besitz gebracht und in Schulden gestürzt. Viele suchten ihr Glück in den Städten, wo die Fabriken standen.

Im Zuge der weiteren Industrialisierung und der Verstädterung ging die Kinderzahl je Frau im Reich stetig zurück. Schon 1935 lag sie nur mehr knapp über zwei. Dieser Geburtenrückgang fand mehr oder weniger ausgeprägt weltweit in allen Ländern statt, die sich von einer agrarischen zur industriellen Wirtschaftsweise entwickelten.

Bauern- und Handwerkerfamilien des ausgehenden 19. Jahrhunderts waren kinderreich, weil sie auf billige Arbeitskräfte angewiesen waren. Obendrein sicherten die Eltern so ihre Versorgung im Alter. Mit der Industrialisierung und der Einführung staatlicher Rentensysteme entfiel der ökonomische Nutzen einer großen Kinderschar. Nachwuchs zu haben war jetzt kein Produktionsfaktor mehr, sondern entwickelte sich im Gegenteil zum Kostenfaktor. Es reichte nicht mehr aus, für Essen und Kleidung zu sorgen. Familien mussten vermehrt auch in die Ausbildung und in wachsende Konsumansprüche der Sprösslinge investieren.

Bewegte Vergangenheit

Kriegsjahre und Wirtschaftskrisen haben die Kinderzahlen in Deutschland lange stark schwanken lassen. Stabil sind sie erst seit dem „Pillenknick“ in den 1970er Jahren – allerdings auf sehr niedrigem Niveau. Mit etwas weniger als 1,4 Kindern je Frau bekommen Deutschlands Eltern deutlich weniger Nachwuchs als für eine stabile Bevölkerungszahl nötig wäre. Während der deutschen Teilung lag die Kinderzahl im Osten höher als im Westen. Die Kurve zeigt den Verlauf für Gesamtdeutschland.

Der Abwärtstrend war stetig – auch wenn es einige Abweichungen gab: Nach den beiden Weltkriegen und nach der Weltwirtschaftskrise zu Beginn der 1930er Jahre sackte die durchschnittliche Kinderzahl jeweils für kurze Zeit stark nach unten. Kinderwünsche werden somit zu Krisenzeiten oft aufgeschoben, später aber häufig nachgeholt. Zwischen 1955 und 1964 schnellte die durchschnittliche Kinderzahl dagegen nach oben. Dieser „Babyboom“ fiel mit dem „Wirtschaftswunder“ zusammen. Der allgemeine Wohlstand nahm zu, die Menschen blickten nach den fatalen Kriegsjahren optimistisch in die Zukunft und konnten sich wieder mehr Kinder leisten. Der Boom erwies sich jedoch als kurzlebig. Der Abwärtstrend hielt weiterhin an. Die Bevölkerungswissenschaft spricht vom demografisch-ökonomischen Paradoxon: Trotz positiver wirtschaftlicher Entwicklung und wachsendem Wohlstand geht die Kinderzahl je Frau zurück. Dieser Zusammenhang lässt sich bis in die 1970er Jahre für alle Industrienationen und für Entwicklungsländer, die auf dem Sprung nach vorn sind, nachweisen. Er lässt sich unter anderem auf die so genannte Konkurrenz der Genüsse zurückführen. Das heißt, junge Paare sehen die Gründung einer Familie als eine von vielen Möglichkeiten zur Lebensplanung. Hinzu kam damals, dass Frauen nicht länger frühzeitig von der Schule abgingen, um sich auf ein Dasein am Herd vorzubereiten, sondern vermehrt studierten und eine Karriere im Beruf anstrebten. Der gesellschaftliche Aufbruch in den 1960er Jahren, die Befreiung von als „bürgerlich“ empfundenen Moral-vorstellungen und die veränderte Rolle der Frau in der Gesellschaft trugen zu dieser tief greifenden Umgestaltung der individuellen Lebensentwürfe bei. Die „Antibabypille“, die 1961 auf den Markt kam, hat diese Umgestaltung nicht ausgelöst. Sie passte nur perfekt dazu. Denn mit diesem relativ sicheren neuen Verhütungsmittel wurde die Verantwortung für die Familienplanung erstmals einzig und allein in der Hand der Frauen gelegt. Heute ist es für Frauen wie Männer nicht nur möglich, sondern gesellschaftlich akzeptiert, ohne Kinder durchs Leben zu kommen. Ökonomische Studien zeigen, dass Kinderlose sogar finanziell besser gestellt sind als Familien.

 

Frauen – immer besser gebildet

Die sozialen Umbrüche der 68er-Bewegung haben auch die gesellschaftliche Rolle der Frauen verändert. Seit dieser Zeit hat der Anteil von Frauen unter den Abiturienten kontinuierlich zugenommen. Und auch die Berufstätigkeit in immer besseren Positionen. Karriere und Familie lassen sich jedoch in Deutschland vergleichsweise schlecht miteinander vereinbaren.

Der Geburtenrückgang in Deutschland und anderen Ländern ist von epochalem Ausmaß. Aber was heißt das? Wäre es, wie noch Ende des 19. Jahrhunderts verbreitet, bei fünf oder mehr Kindern pro Familie geblieben, hätte dies zu einem Bevölkerungswachstum geführt, das auf Dauer nicht nachhaltig zu gestalten gewesen wäre. Gerade die armen Länder der Erde leiden noch heute unter dieser demografischen Falle. Sie erleben keinen Wirtschaftsaufschwung, bei dem die Kinderzahlen von alleine sinken. Und die hohen Kinderzahlen verhindern eine wirtschaftliche Genesung, weil zu viele junge Menschen heranwachsen, die weder Ausbildung noch Arbeit finden. Zudem überbeansprucht das Bevölkerungswachstum vielerorts die natürlichen Ressourcen. Noch schlimmer würde sich ein solches Wachstum in den Industrienationen auswirken. Denn dort verbrauchen die Menschen schon heute weit mehr nicht erneuerbare Rohstoffe, als in den natürlichen Kreisläufen des Planeten zur Verfügung stehen.

Man könnte es also für einen Vorteil halten, dass die durchschnittliche Kinderzahl je Frau sinkt: Weniger Bevölkerung bedeutet mehr Platz für alle, weniger Verkehr, bessere Luft und sauberere Umwelt. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Zahl deutlich unter das Ersatzniveau von 2,1 sinkt. Denn dann beginnt eine Bevölkerung zu schrumpfen, erst langsam, aber bald immer schneller, wenn der Schwund nicht durch Zuwanderung ausgeglichen wird, oder wenn die Lebenserwartung nicht steigt. In Deutschland sterben bereits seit 1972 mehr Menschen, als geboren werden. Dass die Bevölkerung seither dennoch um etwa 5,5 Millionen zugenommen hat, liegt erstens an der Zuwanderung: Mittlerweile leben hierzulande 15 Millionen Menschen mit „Migrationshintergrund“, also Aussiedler, Ausländer und eingebürgerte Zuwanderer sowie deren Kinder. Zweitens liegt die Zunahme daran, dass wir heute um etwa 30 Jahre länger leben als noch ein Jahr-hundert zuvor.

Doch selbst wenn künftig mehr Menschen aus aller Welt nach Deutschland kämen, könnten sie nicht verhindern, dass sich mittelfristig das Verhältnis von Jung zu Alt dramatisch verschiebt. Den immer kleiner werdenden Neugeborenen-Jahrgängen steht eine im Verhältnis immer größere Zahl alter und hochbetagter Menschen gegenüber, die von den Sozialsystemen versorgt und von den Jüngeren und wirtschaftlich Aktiven finanziell unterstützt werden müssen. In den meisten Industrieländern ist aus der ursprünglichen Bevölkerungspyramide, bei der viele Men-schen im „besten Alter“ eine schmale Spitze Betagter auf den Schultern trugen, längst ein Pilz geworden.

Deutschland erlebt diesen demografischen Wandel wie kaum ein zweites Land der Welt. Denn hierzulande begann der Rückgang der Geburten unter 2,1 Kinder je Frau nicht nur früh, sondern auch besonders heftig. Schon Mitte der 1970er Jahre brachten Frauen so-wohl in der alten Bundesrepublik als auch in der DDR im Schnitt nur noch 1,4 Kinder zur Welt. Der Wert hat sich (in Westdeutschland) über die letzten 30 Jahre praktisch nicht mehr verändert. In der DDR hingegen stieg die Kinderzahl je Frau durch die staatliche Familienpolitik vorübergehend wieder auf fast zwei an.

Bei einer Kinderzahl von 1,4 ist jede Kindergeneration um ein Drittel kleiner als die ihrer Eltern. Unter diesen Bedingungen haben 100 Mütter 66 Töchter, 44 Enkeltöchter und nur noch 30 Urenkelinnen. Binnen dreier Generationen, in weniger als hundert Jahren, würde die Bevölkerung ohne Zuwanderung auf ein Drittel schrumpfen. 

Zuwachs – nur bei den Älteren

Wegen niedriger Kinderzahlen und weil die Deutschen immer länger leben, steigt der Anteil Älterer in der Gesellschaft an. Während 2005 auf 1.000 Erwerbsfähige 316 Ruheständler im Alter von über 65 Jahren kamen, wird sich deren Zahl bis 2050 auf 644 erhöhen.

Nachwuchs – Tendenz fallend

Was im Jahr 1900 zum letzten Mal eine Bevölkerungs-„Pyramide“ war, verformt sich langsam aber sicher zu einem Pilz. Denn seit über 30 Jahren ersetzt jede Kindergeneration die ihrer Eltern nur noch zu zwei Dritteln. Die Folge: Wir werden als Gesellschaft weniger und älter.

Während auf dem Gipfel des Babybooms in den 1960ern jährlich über 1,3 Millionen Kinder das Licht der Welt erblickten, waren es 2006 weniger als 680.000 Neugeborene pro Jahr. Die Jahrgangsstärke hat sich also binnen 40 Jahren nahezu halbiert. Das führt zu einer sich selbst beschleunigenden Entwicklung, die gemeinhin unterschätzt wird.

Die Prognostiker des Statistischen Bundesamtes sagen in ihrer mittleren Variante der Bevölkerungs-Vorausberechnung bis zum Jahr 2050 einen Schwund von rund zehn Millionen Menschen voraus – und zwar unter der Annahme, dass die Lebenserwartung weiter steigt und jährlich 200.000 Personen aus dem Ausland zu uns einwandern. Kämen nur 100.000 im Jahr, wären wir 2050 schon um 16 Millionen ärmer, ganz ohne Migranten um 30 Millionen. Im Jahr 2100 würden ohne Zuwanderung dann in Deutschland nur noch etwa 25 Millionen Menschen wohnen – soviel wie Anfang des 19. Jahrhunderts.

Andere Länder haben die gesellschaftlichen Veränderungen und damit den Rückgang der Kinderzahlen später, aber heftiger erlebt. In Ländern wie Japan, Südkorea, Spanien, Griechenland, aber auch in fast allen ost-europäischen Staaten liegen die Kinderzahlen heute noch unter dem ohnehin schon niedrigen deutschen Niveau. Dort sind allerdings die Elterngenerationen noch stärker besetzt, so dass gemessen an der Gesamtbevölkerung mehr Kinder zur Welt kommen als in Deutschland.

Schlechte Zeiten für Kindergärten. Während die Schar der Kleinen wegen niedriger Kinderzahlen und schwindender Elternjahrgänge auf absehbare Zeit zurückgehen wird, verzweieinhalbfacht sich vermutlich die Zahl der „Hochaltrigen“. Im Jahr 2050 dürfte jeder achte in Deutschland lebende Mensch über 80 Jahre alt sein.

Langes Leben

Dank verbesserter medizinischer Versorgung, guter Ernährung und besserer Arbeitsbedingungen leben die Deutschen immer länger. 30 Jahre haben wir im vergangenen Jahrhundert hinzugewonnen. Ein im Jahr 2050 geborenes Mädchen kann den Prognosen zufolge 88, ein Junge 84 Jahre alt werden.

Literatur / Links


Brähler, Elmar / Stöbel-Richter, Yve: Zum Wandel im Reproduktionsverhalten in Deutschland und im europäischen vergleich. Z. ärztl. Fortbildung Qual. sich. (2002) 96; 459-467

 

Kröhnert, Steffen / Medicus, Franziska / Klingholz, Reiner: Die demografische Lage der Nation. Wie zukunftsfähig sind Deutschlands Regionen? München 2006.

 

Robert Bosch Stiftung (Hg.): Starke Familie – Bericht der Kommission „Familie und demographischer Wandel“. Stuttgart 2005.


Statistisches Bundesamt: 11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, 2006 (www.destatis.de)

 

Stand: Januar 2008

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